57. Max-Peter Rümelin, 8. September 2016

Dietrich Bonhoeffer und seine Schwäbisch Haller Wurzeln

  • In der Schwäbisch Haller Kirche St. Michael weisen über ein Dutzend Epitaphe den Namen Bonhoeffer aus. In dieser Kirche findet der Besucher auch Hinweise auf den bekannten Widerstandskämpfer und namhaften evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kam ein Caspar van Bonhoffen, Goldschmied von den Niederlanden nach Schwäbisch Hall. Im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte gab es in Schwäbisch Hall eine ganze Reihe von Goldschmieden mit Namen Bonhoeffer, die teilweise auch Ratsherren wurden und zu hohem Ansehen in der Freien Reichstadt Hall kamen. Der erste Theologe in der langen Reihe der Schwäbischen Bonhoeffers war Georg Philipp Bonhöfer von 1614 – 1676, Dekan an St. Michael. Er heiratete 1613 in 1. Ehe Anna Maria geb. Müller und 1650 in 2. Ehe Euphrosina Katharina geb. Gräter (1631-1703). Auf diesen Georg Philipp Bonhöfer geht die direkte Verwandtschaft Dietrich Bonhoeffers zurück.

    Neben dieser direkten Linie, gibt es aber noch verwandtschaftliche Bezüge zum Schwäbisch Haller Reformator Johannes Brenz und Jakob Andreä und anderen namhaften Schwäbischen Linien.
     
    Dietrich Bonhoeffer war das sechste von acht Kindern. Er hatte vier Schwestern und drei Brüder und wurde mit seiner Zwillingsschwester am 4. Februar 1906 in Breslau geboren. Von seinem sechsten Lebensjahr an wuchs er in Berlin auf, wo dem Vater Karl Bonhoeffer der Lehrstuhl für Neurologie und Psychiatrie und die Leitung der Universitäts-Nervenklinik übertragen worden war. Die Mutter, Paula Bonhoeffer, geb. von Hase, war eine überzeugte Christin, aufgewachsen als Tochter und Enkelin von Theologen, lebhaft, kontaktfreudig und fantasievoll. Über kleine Streiche ihrer Kinder konnte sie hinwegsehen, aber Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit gegenüber anderen duldete sie nicht. Sie unterrichtete in den ersten Jahren ihre Kinder selbst, jeweils mit ein paar gleichaltrigen Freunden. Als ihr das bei acht Kindern zu viel wurde und sie eine Hauslehrerin zu Hilfe nehmen musste, behielt sie sich doch den Religionsunterricht selber vor.
    Bonhoeffers Vater war zurückhaltend im Auftreten und sehr kritisch gegenüber jeder Art von Überheblichkeit. Einfachheit und Klarheit waren ihm oberstes Gebot. Dietrich Bonhoeffer hat später öfter betont, welch positive Wirkungen diese Eigenschaften der Eltern auf seine Erziehung und seinen Lebensweg hatten.
    Die Geschwister Bonhoeffer erlebten eine harmonische und erfüllte Kindheit. Die Eltern verlangten zwar Rücksichtnahme von ihren Kindern, gleichzeitig gaben sie ihnen jedoch viel Freiheit. Sie bemühten sich, jedes Kind nach seinen eigenen Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Unter anderem erhielten alle Kinder Musikunterricht – Dietrich Bonhoeffer spielte ausgezeichnet Klavier.
    1923 bestand Dietrich Bonhoeffer mit 17 Jahren das Abitur und begann sein Theologiestudium in Tübingen, wo er zeitweise bei seiner Großmutter wohnte.
    Im Sommer 1924 reiste Dietrich mit seinem Bruder Klaus nach Rom. Beide Brüder waren durch Lektüre, Schule und Elternhaus mit dieser Stadt und ihrer Geschichte schon vertraut. Dietrich beeindruckte in Rom vor allem die Begegnung mit der katholischen Kirche, die im damaligen Berlin ja nur eine geringe Rolle spielte.
    Zurück in Berlin setzte er sein Studium fort. Er war aber nicht nur mit den Aufgaben an der Universität beschäftigt, sondern nahm teil an allem, was Berlin zu bieten hatte: Konzerte, Theater, Museen. Daneben gab es zu Hause ein reges Leben mit den vielen Geschwistern und deren Freundinnen und Freunden. Ausflüge wurden unternommen, Feste veranstaltet, oft auch Tanzfeste.
    Im Winter 1927/28 legte Dietrich sein Erstes Theologisches Examen ab und reichte seine Doktorarbeit ein: „Sanctorum Communio“, die 1930 dann veröffentlicht wurde.
    Nach Abschluss seines Studiums ging Dietrich für ein Jahr als Vikar in die deutsche Gemeinde nach Barcelona – für den dortigen Pfarrer wohl eine etwas schwierige Situation, da der gemütliche Betrieb in der Gemeinde plötzlich aus der Ruhe gebracht wurde. Bonhoeffer regte neue Arbeitsformen an und belebte die alten. Wenn er Gottesdienst oder Kindergottesdienst hielt, war die Kirche voll. Er lebte ganz mit der Gemeinde, wurde Mitglied des Deutschen Clubs, des deutschen Tennis- und Gesangvereins. Seine Fähigkeiten in der Musik, im Schachspiel und seine Sportlichkeit waren ihm dabei von Nutzen.
    Dennoch bewahrte er sich seinen kritischen Blick, der Ansatz für seine Theologie veränderte sich im Umgang mit den Menschen seiner Gemeinde. Am Ende seiner Spanien-Zeit schrieb er in sein Spanien-Tagebuch: „Meine Theologie beginnt humanistisch zu werden“
    Wieder zurück in Berlin widmete sich Bonhoeffer erneut der wissenschaftlichen Arbeit, bestand 1930 sein zweites Theologisches Examen und habilitierte sich. Weil er noch zu jung war, um selbstständig eine Pfarrstelle zu übernehmen, belegte er ein Studienjahr in New York am Union Theological Seminary. Hier schloss er Freundschaften und machte wichtige Erfahrungen in der theologischen und kirchlichen Arbeit, nicht zuletzt durch sein Engagement in der schwarzen Abyssinian-Kirche in Harlem und den Erfahrungen mit der Bewegung des social gospel. Nach Bonhoeffers Amerika-Aufenthalt war ihm eine reine Schreibtischexistenz fragwürdig geworden. Bisher unbezweifelte Denk- und Gefühlswelten erschienen ihm plötzlich einseitig. Sie waren zu überprüfen.
    1931 kehrte er nach Deutschland zurück in ein Land, das vor einem politischen Umsturz stand. Neben seiner Tätigkeit als Privatdozent an der Universität übernahm er das Studentenpfarramt an der Technischen Hochschule. In dieser Zeit begann auch seine ökumenische Arbeit. Er wurde zum Jugendsekretär des „Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen“ gewählt.
    1933, mit dem Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers, gab es einschneidende Veränderungen in Bonhoeffers Leben. Er stand sofort in der kirchlichen Opposition. Schon in den ersten Tagen nach dem 31. Januar 1933 wurde ein Radiovortrag ausgeblendet, in dem Bonhoeffer davon sprach, dass ein Führer, der sich zum Idol seiner Anhänger mache, zum Verführer werde.
    Im Oktober 1933 übernahm Bonhoeffer ein deutsches Auslandspfarramt in London. Der Entschluss dazu war ihm nicht leicht gefallen, wie er acht Tage nach seinem Amtsantritt in einem ausführlichen Brief an Karl Barth – einem noch heute berühmten und von Bonhoeffer sehr geschätzten Theologie-Professor – schrieb:
    „Wenn man überhaupt in solchen Entscheidungen nachher ganz bestimmte Gründe ausfindig machen will, so war, glaub ich, einer der stärksten, daß ich mich den Fragen und Ansprüchen, die an mich herantraten, einfach äußerlich nicht mehr gewachsen fühlte. Ich fühlte, daß ich mich unbegreiflicherweise gegen alle meine Freunde in einer radikalen Opposition befände, ich geriet mit meinen Ansichten über die Sache immer mehr in die Isolierung, obwohl ich persönlich in nächster Beziehung mit diesen Menschen stand und blieb – und das alles machte mir Angst, machte mich unsicher, ich fürchtete, daß ich mich aus Rechthaberei verrennen würde – und dabei sah ich gar keinen Grund dafür, daß ich jetzt gerade diese Dinge richtiger und besser sehen sollte, als so manche ganz tüchtige und gute Pfarrer …“
    In London suchte Bonhoeffer Verbindung zur Ökumene. Er fand ein offenes Ohr für die kirchenpolitischen Probleme in Deutschland bei George Bell, dem Bischof von Chichester. Bell, ein überzeugter Pazifist, ließ sich von Bonhoeffer regelmäßig über die Lage der deutschen Kirche informieren. Und Bonhoeffer lag sehr viel an Bells Interesse, denn er hoffte und kämpfte darum, dass Bell die Anti-Nazi-Bewegung in der deutschen Kirche unterstützen würde.
    Neben der Sorge für seine Gemeinde und um die Ökumene lagen Bonhoeffer besonders die Flüchtlinge aus Deutschland am Herzen, jüdische und solche, die aus politischen Gründen von den Nazis vertrieben worden waren. Er bat auch Bell um Hilfe für diese Menschen. Bell setzte sich sehr für sie ein, wie auch so manche von Bonhoeffers Gemeindegliedern. Im August 1934, noch in Bonhoeffers Londoner Zeit, fand eine große Ökumenische Konferenz in Fanö (Dänemark) statt.
    Im April 1935 bat die Bekennende Kirche Dietrich Bonhoeffer, nach Deutschland zurückzukehren, um ein von ihr gegründetes illegales Predigerseminar zu übernehmen und zu leiten. Bonhoeffer stellte seinen brennenden Wunsch, in Indien etwas über gewaltlosen Widerstand zu lernen zurück und folgte dem Ruf nach Pommern.
    Nun sollte er also ein Predigerseminar leiten. Dabei hatte er selbst die Pflicht, ein solches zu besuchen, umgangen.
    Die Vikare, die in das Finkenwalder Predigerseminar kamen, hatten sich bereits für die Bekennende Kirche und gegen die Reichskirche entschieden. Es wurde streng theologisch gearbeitet, Politik und Kirchenpolitik jedoch sorgfältig beobachtet und diskutiert. Der Druck von außen und damit die Versuchung, sich doch der Reichskirche zu unterwerfen, war für manche Vikare zu stark. Vor allem diejenigen, die das Seminar beendet hatten und nun allein in ihrer Gemeindearbeit standen, brauchten Unterstützung.
    1937 wurde das Seminar polizeilich geschlossen, die Arbeit aber im Untergrund fortgesetzt. 1940 kam dann das endgültige Verbot. Inzwischen waren die Vikare weitgehend zur Wehrmacht eingezogen worden; sehr viele von ihnen sind zwischen 1939 und 1945 gefallen.
    Bedrohlicher wurde auch die Gefahr einer Einberufung Bonhoeffers zum Kriegsdienst. Als der Musterungsbefehl schließlich kam, erreichte der Vater noch eine Zurückstellung, weil Dietrich eine Einladung zu Vorträgen in Amerika hatte. Dietrich hatte bei seinem ersten Amerika-Aufenthalt viele Menschen kennen gelernt und Freunde gewonnen, die sich nun um ihn bemühten. So reiste er also im Juni über London, wo er Schwester und Schwager besuchte, wieder nach New York. Man wusste, dass der Krieg bevorstand und damit Bonhoeffers Situation immer schwieriger werden würde. Amerika schien eine gute Lösung zu sein um den zunehmenden Gefahren zu entgehen.
    Doch der Gedanke, Familie und Freunde in den Schwierigkeiten zurückgelassen zu haben und selbst abseits in Sicherheit zu sitzen, wurde Bonhoeffer immer unerträglicher. So kehrte er nach sechs Wochen nach Deutschland zurück, obwohl amerikanische Freunde ihn in den USA zurückzuhalten versuchten.
    Bonhoeffer wusste, dass diese Rückkehr gefährlich werden würde. Die Bekennende Kirche war durch ständige Repressalien immer schwächer geworden und nicht mehr zu öffentlich wirksamen Handlungen fähig. Aus diesem Grund beschloss Bonhoeffer, sich politisch zu engagieren. Aus dem nur kirchlichen Widerstand wurde politischer Widerstand.
    Hans von Dohnanyi, Ehemann von Bonhoeffers zweitältester Schwester Christine, arbeitete unter Admiral Canaris im Amt für Spionageabwehr. Beide gehörten führend zu einer Oppositionsgruppe, die sich um Hilfe für bedrängte Juden und um die Dokumentation der Verbrechen des Nationalsozialismus bemühte und später aktiv auf die Tötung Hitlers hinarbeitete. Bonhoeffers Geschwister, Klaus Bonhoeffer und Christine von Dohnanyi, engagieren sich ebenfalls im Widerstand.
    In dieser Gruppe liefen viele Fäden des Widerstandes zusammen. Bonhoeffer wurde um 1940 als sogenannter V-Mann (zur besonderen Verwendung) eingestellt und entging dadurch der Gefahr, zum Militärdienst eingezogen zu werden. Offiziell sollte er seine Auslandsbeziehungen für die Spionageabwehr zur Verfügung stellen, in Wirklichkeit aber setzte er sie für den Widerstand ein.
    Bonhoeffer reiste für die Abwehr in die Schweiz, nach Norwegen, Schweden und Italien (Rom). Er hatte den Auftrag, zu erkunden, wie die Amerikaner und Engländer im Falle eines Putsches reagieren würden. Würden die Kriegshandlungen eingestellt werden? Noch einmal traf er in dieser Mission seinen englischen Freund Bischof Bell in Stockholm, der daraufhin in London alles versuchte, um den deutschen Widerstand zu unterstützen. Bei seiner Regierung fand er aber kein Gehör und keinen Glauben. Eine positive Antwort hätte bei den deutschen Generälen den Entschluss zum Putsch sehr fördern können.
    Neben allen politischen und kirchlichen Aufgaben und Aktivitäten im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime blieb es für Bonhoeffer wichtig, theologisch zu arbeiten. Er begann seine „Ethik“, in der er sich mit Fragen der Verantwortung im politischen und privaten Bereich auseinander setzte. Das begonnene Buch konnte er jedoch nicht mehr abschließen. Nach Ende des Krieges gab Eberhard Bethge das Werk, so wie er glaubte, dass Bonhoeffer es zusammengestellt hätte, auf Bitten der Eltern Bonhoeffers heraus.
    Bonhoeffer schrieb an der „Ethik“ zumeist zu Hause in Berlin, obwohl ihm 1938 ein Aufenthaltsverbot für die Stadt erteilt worden war. Sein Vater hatte jedoch erreicht, dass er seine Eltern in Berlin besuchen durfte, wo er, einzig Unverheirateter unter seinen Geschwistern, sein Zimmer im Elternhaus behalten hatte.
    Durch die Nachbarschaft des Ehepaares Schleicher und ihrer vier Kinder gab es immer reges Leben in den beiden Häusern, auch Klaus Bonhoeffer und seine Familie wohnten in der Nähe und kamen oft zu Besuch, wie auch die Familie von Dohnanyi. Das Familienleben in den beiden Häusern, das gemeinsame Musizieren, die Gespräche, der intensive Gedankenaustausch, besonders über die politischen Ereignisse und Entwicklungen – all dies war für alle wichtig in dieser schwierigen und sorgenvollen Zeit.
    Schließlich wurde die konspirative Arbeit Bonhoeffers entdeckt. Am 5. April 1943 verhaftete ihn die Gestapo, und mit ihm Hans von Dohnanyi und dessen Frau. Christine von Dohnanyi konnte nach fünf Wochen das Gefängnis wieder verlassen.
    Obwohl Bonhoeffer immer mit einer Verhaftung gerechnet hatte, war für ihn die erste Zeit im Gefängnis sehr hart. Er wurde in einer verschmutzten Zelle isoliert, niemand sprach ein Wort mit ihm. Von den Eltern erhielt er alle zehn Tage Post, die er auch beantworten durfte. Erlaubt war jede Woche ein Wäschepaket, das zusätzlich Nahrungsmittel und Bücher enthalten durfte. Da die Verlobung vom 7. Februar 1943 mit Maria von Wedemeyer zunächst nicht öffentlich war, dauerte es lange, bis ihm erlaubt wurde, ihr zu schreiben und Briefe von ihr zu erhalten.
    Dohnanyi und Bonhoeffer waren in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert. Bonhoeffer fand im Gefängnis Tegel nach einer Weile freundliche Wärter, die versuchten, ihm das Leben erträglicher zu machen. Der Kommandant des Gefängnisses rief sogar nach schweren Luftangriffen bei den Eltern an, um ihnen zu sagen, dass ihrem Sohn nichts geschehen sei. Auf diese Weise erhielt Bonhoeffer auch oft nach Fliegeralarmen Nachricht von seinen Eltern.
    Bonhoeffer hatte im Gefängnis unter dem Wachpersonal allerhand Freunde und dadurch auch diese und jene Vergünstigung. Er wusste manches, was draußen noch nicht bekannt war, zum Teil über Mitgefangene, die gut unterrichteten Besuch hatten oder sich durch Codes mit Angehörigen verständigen konnten. Außerdem konnte er möglicherweise den englischen Sender hören. So war er im Frühsommer 1944 recht hoffnungsvoll, weil er wusste, dass das Attentat auf Hitler demnächst erfolgen musste.
    Umso schlimmer traf ihn dann die Nachricht von dem misslungenen Putsch am 20. Juli 1944. Bonhoeffer war nun deutlich bewusst, dass seine Chancen zu überleben sanken.
    Mit dem freundlichen Wärter Knobloch plante Bonhöffer dann die Flucht. Dafür besorgte die Familie Schleicher einen Monteuranzug, in dem Knobloch ihn aus dem Gefängnis herausschmuggeln wollte, aber es kam nicht mehr dazu, denn Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher (Schwager von Bonhöffer) wurden verhaftet. Kurz darauf wurde Bonhöffer in das üble Hauptgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße verlegt, wohin auch Hans von Dohnanyi für eine Weile gekommen war, ehe er ins KZ Sachsenhausen gebracht wurde.
    Am 2. Februar 1945 wurden Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher zum Tode verurteilt. Sie wurden am 23. April von der Gestapo erschossen.
    Am 28. Februar versuchten die Eltern noch einmal, Dietrich Bonhöffer in der Prinz-Albrecht-Straße mit einem Brief zu erreichen. Aber schon am 7. Februar war er über Buchenwald und andere Stationen nach Flossenbürg gebracht worden. Die Familie erfuhr nichts. Maria von Wedemeyer suchte ihren Verloben in verschiedenen Lagern, auch in Flossenbürg, vergeblich.
    In der Morgendämmerung des 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer im Lager Flossenbürg erhängt.
    Erst im Juli erfuhr die Familie davon. Die Eltern hatten, wie so oft, den englischen Sender BBC eingestellt. Dort lief eine Trauerfeier für Dietrich Bonhoeffer. Dietrichs alte Freunde, der Bischof George Bell von Chichester und Franz Hildebrandt sprachen. Damit war der letzte Hoffnungsschimmer, dass Dietrich Bonhoeffer doch noch zurückkehren könnte, begraben.
    Am 6. August 1996 hob das Landgericht Berlin das Todesurteil vom 8. April 1945 auf und rehabilitiert Bonhoeffer.
     
    Info:
    Max-Peter Rümelin ist Mitarbeiter und Sprecher von „gastgeber kirche“, einem Projekt der Evangelischen Kirchengemeinde St. Michael und St. Katharina in Schwäbisch Hall, es besteht seit 2003.
    Eine Gruppe von ca 80 Ehrenamtlichen aus Schwäbisch Hall und umliegenden Gemeinden hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Innenstadtkirchen St. Michael, St. Katharina und die Urbanskirche auch außerhalb der Gottesdienstzeiten offen zu halten.

56. Eberhard Kögel, 14. Juli 2016

Wohin bringt ihr uns? – Die Behindertenmorde in Stetten/Remstal

  • Ein Blick auf die Geschichte der Anstalt
    Wir müssen uns die gesellschaftliche Situation vor 200 Jahren vergegenwärtigen: Das alte feudalistische System und die strenge Zunftordnung lösen sich auf, bäuerliche Massen strömen zu Hunderttausenden in die Städte. Der sich stürmisch entwickelnde Kapitalismus bringt zwar gesellschaftlichen Fortschritt, dieser wird aber mit einem riesigen Massenelend und einem allgemeinen Verfall der Sitten und Werte erkauft.
    In dieser Situation entsteht ein christliches Vereinswesen, das sich zur Aufgabe setzt, die „verrohten“ Massen zu rechristianisieren, den neuen Gott Materialismus zu bekämpfen und die Proletarier vom Kommunismus wegzubringen. Deshalb der Ausdruck „Innere Mission“, der ab 1845 verwendet wird. Ideologische/religiöse Grundlage ist die evangelische Liebestätigkeit, der traditionelle Dienst der Gemeinde an dem hilfsbedürftigen Nächsten, die Diakonie.
    Nach dem 2. Weltkrieg wird der Name „Diakonisches Werk“ gebräuchlich, der schließlich 1996 auch zur Umbenennung der Heil- und Pflegeanstalt Stetten in Diakonie Stetten führt. Im 19. Jahrhundert werden Behinderte vorwiegend „Schwachsinnige“ und „Blöde“ genannt. 1849 gründet Dr. Georg Friedrich Müller eine Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder. Ab 1866, dann schon in Stetten, kommt die Bezeichnung und für Epileptische hinzu. 1863 kauft sein Schwager, der Lehrer Landenberger, das leerstehende Schloss vom König Wilhelm.
    Müller und Landenberger entwickeln einen modernen ganzheitlichen Ansatz in der Behindertenarbeit, mit medizinischer und schulischer Betreuung sowie der Erziehung zur Arbeit in eigenen Werkstätten. Finanziert wird das Unternehmen zuerst ausschließlich über Spenden, später kommen Kostgelder, staatliche Zuschüsse und die anstaltseigenen Werkstätten hinzu. Die Anstalt prosperiert, kann 1899 eine Turnhalle bauen, 1930 ein Krankenhaus und 1932 sogar zwei Freibäder.

    Die Anstalt in der NS-Zeit
    Die Anstalt ist nicht nur Opfer der NS-Behindertenpolitik, sondern auch Täterin, und zwar vor allem von der Leitung her. Ab 1930 treten alle Führungskräfte mit Ausnahme des Inspektors Ludwig Schlaich, der 1930 in Stetten anfängt, in die NSDAP ein. Aber auch die Mitarbeiter/Innen treten massenweise in NS-Organisationen ein.
    Zur Verdeutlichung ein Zitat aus dem 85. Jahresbericht von 1934: „Zur Feier des 1. Mai versammeln sich sämtliche Angestellte und Kranken im Hofe und hören die Rede des NSBO (Nationalsozialistische Betriebsorganisation) Obmannes Kühnle. Danach versammeln sich sämtliche abkömmlichen Angestellten im geschlossenen Zug, angeführt von der stattlichen Anzahl unserer SA Männer, um dann im Demonstrationszug des ganzen Dorfes zum Hitler-Waldheim zu ziehen und dort in ungetrübter, volkstümlicher Weise gemeinsam des Fest der nationalen Arbeit zu feiern.“
    Ein spannungsloses Miteinander von christlichem Glauben und NS-Weltanschauung, beruflicher Existenz in der Inneren Mission und vielfältigem Engagement in der NSDAP wird immer selbstverständlicher. Das Treuegelöbnis zum Führer wird 1937 ohne zu zögern geleistet.
    Der vorgeschriebene Hitler-Gruß kann sich allerdings nicht überall durchsetzen, nach wie vor wird mit dem traditionellen „Grüß Gott“ gegrüßt.
    Warum wird die Anstalt braun?
    Letztlich wird es nicht möglich sein, herauszufinden, was in den Köpfen und Herzen der Menschen damals vorging. Aber man kann mögliche Ursachen anführen:
    Sehnsucht nach Unterwerfung unter eine rettende Autorität, ein Bedürfnis nach einer umfassenden nationalen Erneuerung, auch im Christentum.
    Das Erlebnis von Volksgemeinschaft ist intensiv und beglückend. Ihr gewalttätiger Charakter wird hingenommen, das Bedrohungspotential für Behinderte wird verdrängt.
    Der „Euthanasie-Schatten“.
    Dieser Begriff wird von dem Psychiater Carl Gustav Jung erfunden. Er besagt, dass bei den Pflegenden gegenüber den Behinderten immer ein Aggressionsrest bzw. eine unterschwellige Aggressionsbereitschaft bleibt, die sie anfällig macht für Euthanasiegedanken. Insbesondere wenn kein räumlicher und mentaler Abstand geschaffen werden kann, was ja bei dem christlichen Familienideal der Anstalt der Fall war. Die Mitarbeiter/Innen wohnten fast alle auf dem Gelände in unmittelbarer Nähe zu den betreuten Menschen. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass das Elend der Behinderten vor dem Einsatz moderner Epilepsiemittel sehr viel größer war als heute.
    Die Anstalt ist anfällig für Selektionsmaßnahmen, da sie in ihrem Innern selbst selektiert, also auswählt, durch die Unterscheidung in Bildungsfähige und Nicht-Bildungsfähige, Konfirmierte und Nichtkonfirmierte. Ausschlaggebend ist vor allem der Grad an „Brauchbarkeit“, das heißt das Maß an Leistungsfähigkeit und sozialer Anpassung. Das ist das Einfallstor für den Euthanasiegedanken.
    Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter/Innen.
    In der NS-Zeit verbessern sich die Arbeitsbedingungen der Angestellten durch die zwangsweise Einführung eines Betriebsrates und die Einführung der 60-Stunden-Woche mit freiem Sonntag.
    Sterilisierung
    Der erste Angriff des NS-Staates gegen die Behinderten ist die Zwangssterilisierung. Ideologisch geht diese Politik zurück auf Darwins Selektionstheorie, dem Überleben des Stärksten, und die darauf aufbauende Wissenschaft, die Eugenik, auch als Rassenhygiene bezeichnet. Die NS Erb- und Rassenpflege knüpft an diese Wissenschaft an.
    Grundlage der NS-Politik wird das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933, bereits ein halbes Jahr nach der Machtübernahme. Es tritt am 1. Januar 1934 in Kraft. Erfasst werden Menschen mit angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, Fallsucht, erblicher Blindheit und schwerem Alkoholismus.
    In Stetten werden 184 Erbgesundheitsverfahren eingeleitet, 17 Anträge abgelehnt, bei 37 ist der Ausgang fraglich.
    Pfarrer Ludwig Schlaich, einer der drei Leiter der Heil- und Pflegeanstalt für Schwachsinnige und Epileptische Stetten, war ein Befürworter der Sterilisationen. Er fand sie wichtig aus Liebe zu den Behinderten selbst, zu ihren Familien und zum deutschen Volk. Er forderte viele der Bewohner dazu auf, den Antrag zur Sterilisation selber zu stellen. Die nationalsozialistische Sterilisationspolitik wurde begrüßt in der Hoffnung, der Degeneration des deutschen Volkes entgegenzuwirken.
    In einem Vortrag der Mitgliederversammlung des Württ. Landesverbandes der Inneren Mission am 27. November 1934 berichtete Schlaich dennoch empathisch über die traumatischen Folgen bei den Behinderten: „Die einen reagieren mit schweren seelischen Depressionen. Eine unserer Patientinnen brach zuerst in heftiges Schreien und Heulen aus und hat dann hemmungslos Tage und Nächte lang geweint und nicht mehr gegessen. Andere geraten in schwere Aufregungszustände, in denen sie sich durch Entweichung vor der Durchführung retten wollen. Wieder einer meinte: da wäre es das Beste, man würde sich gleich einen Strick um den Hals legen und sich aufhängen.“
    Nach Ende des Krieges verurteilte Ludwig Schlaich zwar deutlich die Zwangssterilisation als Maßnahme – das Grundanliegen der Eugenik hielt er dennoch für angebracht, wenn er formuliert: „Dass die Verbreitung des erblichen Schwachsinns, wie der erblichen Geisteskrankheiten eine ernste Gefahr besonders für die Kulturnationen mit ihrer ausgedehnten Fürsorge für alle Kranken und nicht leistungsfähigen Menschen bedeutet, kann nicht bestritten werden. Darin ist das Recht aller eugenischen Maßnahmen begründet.“
    Als in den 1990er Jahren Einmalzahlungen als Entschädigung möglich wurden, stellte die Diakonie Stetten für ihre noch lebenden Betroffenen Anträge. Ob und wie viel Entschädigung gezahlt wurde, ist nicht bekannt. Die Amerikaner haben Sterilisierung nicht als NS-Gesetz angesehen, deshalb gab es für die Zwangssterilisierten in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg keine Entschädigung.
    Später wurden sie ja mehr oder weniger entschädigt, aber halt erst in jüngster Zeit als die meisten schon tot waren.

    Euthanasie
    Die Euthanasie (griechisch = leichter Tod), die organisierte Sterbehilfe, ist die konsequente Fortsetzung der Vernichtung des Lebensunwerten.
    Es sind die besonderen Bedingungen des Weltkrieges, unter denen die Herrschenden die Vernichtung lebensunwerten Lebens radikal in Angriff nehmen. Im Frühjahr 1939 konstituiert sich mit dem Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden eine erste Organisation, deren Ziel die Erfassung, Ausbeutung und schließliche Vernichtung behinderter Menschen ist, in diesem Falle Neugeborene und Kinder im Alter von bis zu drei Jahren.
    Mit dem Überfall auf Polen beginnt der Vernichtungsfeldzug auch gegen die Erwachsenen. Um die Ermordung im großen Stil durchführen zu können, vor allem aber auch aus Gründen der Tarnung, beauftragt Hitler die Kanzlei des Führers und das Reichsinnenministerium, gemeinsam eine Tarn-Organisation ins Leben zu rufen.
    Diese Organisation verfügt über eigenes Personal und gliedert sich:
    1. in die sogenannte Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten, deren Aufgabe darin besteht, die Kranken durch Versand und Bearbeitung von Fragebögen zu ermitteln. Vor der Ermordung kommt immer die Erfassung.
    2. in die Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege, die mit Personal- und Finanzfragen beauftragt wird. Das bedeutete, wie bei Verfolgung und Vernichtung der Juden, immer auch, einen wirtschaftlichen Gewinn aus der Vernichtung von Menschenleben zu erzielen.
    3. in die Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH (Gekrat), der die Aufgabe zufällt, die Opfer mit ihren später so berüchtigten grauen Bussen aus den Stammanstalten abzuholen und in die Zwischen- und Tötungsanstalten zu überführen.

    Der zentrale Sitz dieser Organisation befindet sich aus Tarnungsgründen in einer Villa in Berlin-Charlottenburg. Tiergartenstraße 4 – diese Adresse wird bald mit dem Kürzel „T 4“ für das gesamte Projekt der industriellen Tötung von Menschen stehen.
    Ende Oktober 1939 unterzeichnet Hitler eine auf den 1. September 1939 – Überfall auf Polen – rückdatierte Ermächtigung.
    Im Reich werden sechs Vernichtungsanstalten eingerichtet: Bernburg an der Saale, in Brandenburg, in Grafeneck, in Hadamar, im österreichischen Hartheim und auf dem Sonnenstein bei Pirna. In Grafeneck werden über 10.000 Menschen ermordet. In allen sechs sind es über 70.000 Menschen.
    Erprobt wurden: die systematische Erfassung zum Zwecke der Ermordung, die Vergasungstechniken und die Verwertung der Leichen, schon den Opfern in Grafeneck wurden die Goldzähne ausgebrochen und die Habseligkeiten geraubt.
    In der Anstalt Stetten lebten zum Stichtag 1. Januar 1940 insgesamt 765 Menschen mit einer geistigen oder seelischen und häufig auch körperlichen Behinderung, 433 Männer und 332 Frauen.
    Aus Stetten wurden 43% aller Bewohner/Innen deportiert, in der Zweigstelle Rommelshausen, wo die Schwerbehinderten lebten, über 60%. Insgesamt waren es über 334, hinzu kamen noch 70 Frauen aus der Behinderteneinrichtung Kork, die mit Beginn des Frankreichfeldzuges nach Stetten verlegt worden waren und schon im Mai 1940 abgeholt wurden.
    Die Aktion wurde geduldet und zum großen Teil auch unterstützt von der Bevölkerung in Stetten und anderswo. Man war gerne bereit war, die Mär von der notwendigen Vernichtung von Ballastexistenzen zu glauben.
    Landesbischof Theophil Wurm schrieb 1940 in einem Schreiben an Reichsminister Frick: „Selbstverständlich tritt jedem, der solche bedauernswerten Menschen vor sich hat, immer wieder der Gedanke nahe: Wäre es nicht besser, einem solchen Dasein ein Ende zu machen?“
    Ende 1940 wurde die Anstalt aufgelöst, die verbliebenen Behinderten auf andere Einrichtungen verteilt. Wie viele danach noch ermordet wurden, durch die sog. wilde Euthanasie, ist nicht bekannt.
    Während die Zwangssterilisierung mit tatkräftiger Unterstützung durch die Leitung vollzogen wurde, traf die Vernichtung lebensunwerten Lebens teilweise auf Widerstand.
    Im August 1941 wird die Aktion offiziell gestoppt. In der darauf folgenden dezentralen Phase der Euthanasie werden weitere 50 000 bis 100 000 Menschen ermordet. Die genauen Zahlen sind bis heute nicht bekannt.
    Die Aufarbeitung
    Die Anstalt und die bürgerliche Gemeinde begannen erst spät mit der Aufarbeitung.
    1980 schrieb Eberhard Kögel aus Israel – damals arbeitete er in Yad Vashem für die Aktion Sühnezeichen – einen ersten Brief an die Gemeinde Kernen, die Ev. Kirchengemeinde und die Anstaltsleitung mit dem Antrag, im Dorfzentrum eine Gedenktafel mit den Namen aller aus der Anstalt ermordeten Behinderten zu errichten. In den Jahren darauf folgten weitere Anträge. Es wurde vertröstet, taktiert, der Schutz der Persönlichkeit bemüht, alles auf die Anstalt geschoben – und es passierte nichts.
    Erst 1990 kam dann das Gedenkbuch mit den Namen der Toten, ein verdienstvolles Werk von Theodor Dierlamm.
    1997 erschien die Doktorarbeit von Martin Kalusche: Das Schloss an der Grenze.
    Am 21. November 1999 wurde der Stein des Gedenkens enthüllt, geschaffen von dem Bildhauer Markus Wolf aus Plieningen.
    Im Oktober 2009 gab es die Spur der Erinnerung, eine Farbspur von Grafeneck bis ins Stuttgarter Innenministerium.
    Im Herbst 2010 gab es die Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Morde von Grafeneck, ein Höhepunkt in der Dorfgeschichte der letzten Jahrzehnte.
    Der Stein des Gedenkens
    2 Behinderte aus Stetten sind mit auf dem Stein: Marta Schmid, Jahrgang 1919, und Ernst Beurer, ein Verwandter von Kögel, Jahrgang 1900.
    Ernst Friedrich Beurer stammte aus einer alten Wengerterfamilie, die seit Jahrhunderten in Stetten ansässig ist. Er wurde am 15. November 1900 geboren. Bei einem Arbeitsaufenthalt in der Schweiz kamen seine Eltern mit dem Adventismus in Berührung und traten beide den Siebenten-Tags-Adventisten (STA) bei, einer Freikirche, die 1863 in den U.S.A. gegründet wurde. Der Vater wechselte den Beruf, um am Samstag (Sabbat) nicht mehr arbeiten zu müssen, da die STA gemäß den Vorschriften des Alten Testaments den Samstag als wöchentlichen christlichen Feiertag feiern. In Stetten wurde er „Ohnemooschd“ oder „Sabbat-Beurer“ genannt.
    In dem bekannten Stetten-Gedicht von Marie Bäder aus den 1930er Jahren heißt es dazu:
    „Sabbatist ist der Herr Beirer, hält am Samstag Sonntagsfeier“
    Ernst Friedrich wurde als nichtbehindertes Kind geboren und bekam noch im Kindesalter eine Krankheit, die seine Behinderung verursachte. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt.
    Er wurde zuerst zuhause betreut, vor allem von seiner Schwester Luise, nachdem die Mutter im April 1928 verstarb. Am 2. November 1931 wurde er in die Anstalt Stetten aufgenommen, 1934 kam er in die Zweigeinrichtung Rommelshausen, nachdem sich sein Zustand immer mehr verschlechterte.
    Mit dem ersten Stettener Transport am 10. September 1940 kam Ernst Friedrich nach Grafeneck und wurde dort an demselben Tag vergast. Der Vater erhielt eine Mitteilung, er sei an einer Lungenentzündung gestorben und auf dem Stuttgarter Pragfriedhof beerdigt.
    Für Ernst Friedrich wurde am 7.10.2010 einen Stolperstein in Stetten verlegt.
    Schlusssatz:
    „Gegen die Verbrechen der Zwangssterilisierung und Ermordung geistig behinderter Menschen während der national-sozialistischen Zeit ist in unserer Einrichtung nicht genügend Widerstand geleistet worden.
    Diese Schuld ist unvergessen, sie ist bleibende Mahnung und Verpflichtung.“
    Aus dem Leitbild der Diakonie Stetten

    Copyright: Eberhard Kögel

55. Dr. Bernd Liebig, 12. Mai 2016

Zu Gast bei Justinus Kerner im Kernerhaus Weinsberg

  • Das Kernerhaus in Weinsberg war die Lebensstätte des schwäbischen Dichters und Arztes Justinus Kerner (1786–1862). Aufgrund seiner zahlreichen authentischen Zeugnisse und Dokumente ist es eine der bedeutendsten Gedenkstätten der schwäbischen Romantik und gehört neben dem Marbacher Schiller-Nationalmuseum zu den wichtigsten Literaturmuseen in Baden-Württemberg. Die Kerner-Gedenkstätte umfasst neben dem eigentlichen Kernerhaus auch den benachbarten Geisterturm sowie das nahe Alexanderhäuschen.
    Dr. Bernd Liebig, Leiter der Gedenkstätte, berichtete aus dem Leben von Justinus Kerner, führte durch das Museum und die Wohnräume des Dichters. Sie sind teilweise mit Originalmöbeln eingerichtet.
    1822 wandte sich der damalige Oberamtsarzt Kerner an die Stadt Weinsberg und bat um die unentgeltliche Überlassung eines Baugrundstücks, auf dem er sich ein Haus erbauen lassen wollte, um seine bisherigen unangenehmen Wohnverhältnisse aufzubessern. Die Stadt stimmte dem Anliegen zu und überließ Kerner ein Grundstück mit einer Fläche von etwa einem Viertel Morgen im Grasigen Hag, einer durch Verfüllung der Stadtgräben entstandenen Grünfläche außerhalb der Stadtmauer, zu Füßen des Weinsberger Burgberges. Dort ließ sich Kerner von seinem Freund, dem Werkmeister und Architekten Johann Georg Hildt, ein Haus erbauen.
    Das einstöckige Haus ruhte auf einem Gewölbekeller. Im Erdgeschoss befanden sich ein Gästezimmer, eine Remise und ein Stall. Vor dem Eingang zum Stall war wohl auch der Abtritt gelegen. Im Obergeschoss war Kerners eigentliche Wohnung, die Wohnzimmer, Schlafzimmer, Studierzimmer, Küche und Vorraum umfasste. Im Dachgeschoss gab es zwei Kammern, von denen eine als Wohnung für die Magd diente.
    1824 erwarb Kerner den innerhalb der Stadtmauer an sein Grundstück angrenzenden früheren Gefängnisturm (Diebsturm) der Stadt, machte ihn durch einen Mauerdurchbruch von seinem Garten aus zugänglich und richtete dort eine Waschküche sowie ein Turmzimmer ein. Der Turm ist von zahlreichen Legenden umrankt und wird daher auch als Geisterturm bezeichnet.
    1828 erwarb Kerner ein großes, aus zwei Parzellen bestehendes Gartengrundstück unweit seines Hauses, auf dem sich ein altes Totenhaus befand, das er zum Gästehaus umgestaltete und das heute als Alexanderhäuschen bekannt ist.
    Durch die Anziehungskraft seiner vielseitigen Persönlichkeit sowie die Gastfreundschaft seiner Frau Friederike, genannt Rickele, wurde das Haus zum zentralen Treffpunkt der schwäbischen Romantiker und zu einer Begegnungsstätte bedeutender Persönlichkeiten aus aller Welt. Es wurde so zu einer Art Pilgerstätte der schwäbischen Romantik.
    Nach Kerners Tod wurde das Haus von dessen Sohn, dem Arzt und Schriftsteller Theobald Kerner, übernommen, der die Praxis seines Vaters fortführte.
    1907 wurde das Kernerhaus vom Justinus-Kerner-Verein aus dem Nachlass des Sohnes Theobald gekauft und 1908 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit der Renovierung des Hauses 1985/86 beherbergt es im Erdgeschoss eine Dokumentation über Kerners Leben, seinen Freundeskreis sowie Kerner als Arzt und Dichter. Im Obergeschoss befinden sich die original ausgestatteten Wohnräume der Familie Kerner, die die Wohnatmosphäre des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Im Dachgeschoss befindet sich das sogenannte „Sargzimmer“ das seinen Namen nach der gewölbten Holzdecke erhalten hatte und als Gästezimmer genutzt wurde.

54. Dieter Breithaupt, Herrenberg, 10. März 2016

Warum Familienforschung bei familysearch.org

  • Familysearch.org ist ein Online-Projekt der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. Im Glauben der Mormonen sind die Familien auch im Tode vereint, sie betreiben aufgrund ihres Glaubens Familienforschung.
    Sitz der Kirche ist Salt Lake City im State Utah, das Family History Center (FHC) befindet sich dort und steht jedermann kostenlos zur Verfügung. Dort lagern ca. 2 Millionen Filme und genealogische Dokumente. In den weltweiten örtlichen Kirchen der Mormonen kann Familienforschung betrieben werden, es können Filme bestellt werden dort angeschaut werden.
    Leider stammen die Daten in Familysearch nicht immer aus „Primär Quellen“, es muss mit Transkriptionsfehlern gerechnet werden. Die Datenbank ändert sich fortlaufend, jeder Nutzer kann sich an der Erweiterung und Verbesserung beteiligen, kann seine Genealogie-Daten, Bilder und Dokumente in die Datenbank laden.

    Was bietet Familysearch?
    Suche nach Familien (Namen), Vorfahren finden, Suche nach Genealogien, Aufzeichnungen, Batch-Nummer und Film-Nummer
    Eigene Daten, Fotos, Dokumente hoch laden
    Im Projekt mitarbeiten (Indexieren)
    Filme bestellen und vieles andere mehr.

    Hinweise
    Datenbank nur als Findbuch nutzen.
    Fehler im indexierten Bestand können zurzeit vom Nutzer noch nicht selbst korrigiert werden.
    Es können jederzeit Änderungen in der Datenbank erfolgen (Funktion, Inhalt, Optik etc.).
    Ideen und Meinungen zur Verbesserung der Datenbank können über „Feedback“ an Familysearch gemeldet werden: support@familysearch.org

    Genealogien
    Ancestral File (AFN):
    Ausschließlich von Mitgliedern der Kirche eingereichte Ahnenreihen. Verschmelzung doppelter Einträge wurden vorgenommen. (Empfehlung: Daten prüfen)
    Pedigree Resource File (PRF):
    Enthält Ahnenreihen, die von FamilySearch-Nutzern eingereicht wurden.
    (Empfehlung: Daten prüfen)
    IGI – alte Datenbank
    Community Trees:
    z.B. Daten enthalten aus: United States Social Security Index (Sterbeindex der Sozialversicherung),
    US Adress-/Telefonbüchern etc.

    Anmeldung:
    Eine Anmeldung für die normale Suche in den indexierten Beständen ist nicht erforderlich.
    Sie ist jedoch erforderlich für Fächer, Fotos, Familienstammbaum, Indexierung und Filmbestellungen.
    Die Erstanmeldung erfolgt über die Einrichtung eines kostenlosen Benutzerkontos.
    Es stehen 10 Sprachen zur Auswahl, jedoch werden zurzeit noch nicht alle übersetzt angezeigt.
    Alle Arten von Dokumenten z.B. Fotos, Dokumente, Audiodateien, Personen, Alben etc. können nach Familysearch.org hochgeladen werden. Dokumente können anhand von Suchkriterien gesucht werden.
    Indexierte Datenbestände werden über die normale Suche in den Aufzeichnungen gefunden.
    Die Bestände, die noch nicht oder noch nicht vollständig indexiert wurden, können über „Alle veröffentlichen Sammlungen…“ durchgesehen werden.

53. Hermann Kratochvil, 11. Februar 2016

Es sind Menschen und keine Engel ausgezogen.

  • Ankunft der Salzburger Emigranten 1732 in Schwäbisch Hall

     Um das Jahr 1500 umfasste die Kirchenprovinz Salzburg außer dem Land Salzburg auch Teile des heutigen Tirol mit dem Zillertal, den bayerischen Chiemgau, das heutige Osttirol, Kärnten und die Steiermark bis an die Drau und das Pittener Gebiet in Niederösterreich bis Wiener Neustadt und war bedeutend größer als das heutige Land Salzburg.

    Die Salzburger Erzbischöfe gehörten zu den mächtigsten geistlichen Fürsten des Römisch Deutschen Reiches. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 erlaubte dem Landesherrn die Entscheidung über das Bekenntnis seiner Untertanen. Die wachsenden Abgaben an die kath. Geistlichkeit, auch die Frondienste und Gesindedienste an die Grundherrschaften führten zur totalen Verarmung des Bauernstandes und trugen zu einem Gesinnungswandel bei.
    Das begünstigte die rasche Ausbreitung der Reformation im Salzburger Erzbistum  u. a. durch aus Wittenberg zurückkehrende Studenten und Wanderarbeiter, z. B. sächsische Bergknappen. Mitte des 16. Jh. ist die ländliche Bevölkerung großteils lutherisch. Vor dem Zugriff von ablehnenden Landesfürsten schützte man sich durch private Hausandachten und heimlich abgehaltene Versammlungen  in den Wäldern. Für die Gemeinschaft war es wichtig, eine Bibel und ein Liederbuch zu besitzen, Psalme zu lernen und zusammen zu singen.
    Dass sie das gut konnten stellten sie auf ihrer Reise beim singenden Einzug in die Städte, die ihnen Aufnahme gewährten immer wieder unter Beweis.

    Neben einzelnen Ausweisungen von Evangelischen Predigern oder Kleingruppen kam es zu nachstehenden größeren Austreibungen:

    1. Auswanderungswelle. Erzbischof Wolf  Dietrich von Raitenau (1559 – 1617)  stellt in der Stadt Salzburg die evangelischen Mitbürger vor die Wahl, entweder auszuwandern oder katholisch zu werden. Als Folge konnte die Stadt Salzburg um 1600 als rein katholisch gelten. In den Gebirgsauen wurde der evangelische Glaube jedoch weiterhin geduldet.
    2. Auswanderungswelle: Besonders hart hat 1684-85 Erzbischof Max Gandolf von Kuenburg im Defreggental (heutiges Osttirol) durchgegriffen. Für Ledige und Unbemittelte galt eine Ausreisefrist von einer Woche, für Verheiratete und Vermögende von 4 Wochen. Alle Kinder unter 15 Jahren mussten zurückbleiben und sollten katholischen Leuten zur Erziehung übergeben werden.
      Mitten im Winter mussten mehrere Trupps von insgesamt 621 Personen auswandern, sie kamen nach Ulm, Augsburg, Nürnberg, Frankfurt und in die schwäbischen und fränkischen Kreise. 289 Kinder hatte man zurückbehalten.
    3. Auswanderungswelle: Einen neuen Höhepunkt erreichten die Repressalien 1727 unter Erzbischof Leopold Anton Freiherr von Firmian, der die Ketzerei in seinem Lande radikal ausrotten wollte.
      Um einem befürchteten Aufstand der evangelischen Bauern zu begegnen, bat Firmian um kaiserliche Truppen, die Mitte September mit rund 3600 Mann ins Erzstift Salzburg einrückten und über das ganze Gebirge verteilt wurden. Verhaftungen und Verhöre im Kerker auf der Festung Hohensalzburg folgten

    Durch die Vorgabe einer Rebellion konnte der Erzbischof die gemäß dem Westfälischen Frieden vorgegebene 3-Jahresfrist versagen und mit sofortiger Austreibung beginnen.

    Am 11. November 1731 wurde im ganzen Pongau (Städte Bischofshofen, Radstadt und St. Johann) das Emigrationspatent vom 31. Oktober 1731 von den Kanzeln verlesen und am selben Tag öffentlich angeschlagen. Darin hat Erzbischof Firmian vor, „diese aufrührerischen und widersässigen Leut … nunmehr gänzlich und von der Wurzel aus zu vertilgen“
    Die Forderung des katholischen Kaiserhofes in Wien und des Corpus Evangelicorum in Regensburg zu einer Rücknahme des Patentes ignorierte der Erzbischof.

    Am 24.11.1731 begannen die Soldaten mit der Austreibung der Unangesessenen: Taglöhner, Arbeiter, Knechte und Dienstboten. Davon waren über 4.000 Menschen betroffen.

    Für die über 14.000 Angesessenen galt eine Frist bis Georgi, 24.04.1732, sie wurden in 16 Züge eingeteilt. Als letzter Termin wurde der 06.08.1732 festgesetzt.

    Die Emigranten mussten sich vor der Ausreise bei den zuständigen Stellen registrieren lassen. Für die Leute aus Oberfriz und Filzmoos war hier das Pfleggericht Radstadt zuständig. Insgesamt mussten mehr als 20.000 Salzburger Emigranten ihrer Heimat den Rücken zukehren.

    Mit seinem Einladungspatent vom 02.02.1732 hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. verkündet, die evangelischen Salzburger in das 1709-1711 von der Pest stark entvölkerte Ostpreußen aufnehmen zu wollen. Von diesem Angebot machte der größte Teil mit rund 15.500 Emigranten Gebrauch. Die Beschwerlichkeit der Reise und die unterschiedlichen gesundheitlichen und altersmäßigen Umstände forderten ihre Tribute. So starben unterwegs und in den ersten zwei Jahren 23 % der Emigranten..

    Salzburger in Hall
    Ein großer Teil der in Hall verbliebenen Emigranten stammte aus Filzmoos und Umgebung.  Zwischen dem 25.11.1731 und 26.06.1732 wurden von Filzmoos und der Oberfritzer Zeche insgesamt 527 Emigranten abgeschoben. Davon waren 183 Männer, 165 Frauen, 94 Buben und 85 Mädchen betroffen.

    Im Sommer 1732 stehen im Erzbistum Salzburg 1.776 Bauernhöfe leer, davon 33 in Filzmoos. In den Gemeinden Hüttau, Eben, St. Martin und Filzmoos dauerte es fast 100 Jahre, bis die Einwohnerzahl in etwa wieder egalisiert war.

     

    Der Haller Rat beschließt auf Anfrage aus Ludwigsburg am 15. Februar 1732, dass man in Hall 200 Mann in den Kasernen, den Wirtshäusern in Unterlimburg und in den der  Stadt am nächsten gelegenen Ortschaften bei den Untertanen selbst unterbringen könne. (Hall hat 1800 ca. 5.000 Einwohner). Zur Finanzierung sollte man u. a. am besten gleich bei der Ankunft der Exulanten eine Kollekte starten, da zu diesem Zeitpunkt  „die Gemüter zur Mildtätigkeit am besten disponiert seien.“  Heilbronn antwortet auf dieselbe Anfrage ohne Zahlenangabe, die Stadt würde das Mögliche tun.                                                                                                                                                                    

    Am 04. März 1732 geht in Crailsheim die Nachricht ein, dass über Öttingen und Dinkelsbühl 683 Salzburger Emigranten auf dem Weg seien, die anschließend weiter nach Schwäbisch Hall und Heilbronn ziehen wollten.
    Die Unterbringung erfolgt in Crailsheim bei Wirten und freiwilligen Privatpersonen, die bis zu 25 Mann pro Haus aufnehmen. Übrig bleiben immer noch 53 Reservequartiere. (Crailsheim hat 1737 ca. 2.400 Einwohner).
    Aufgrund der großen Anzahl ist man in Crailsheim übereingekommen, sie vor dem Weiterzug in vier Kolonnen zu verteilen. Sie sollten so zusammengestellt werden, dass Familien, Freundschaften oder auch Ortschaften zusammenbleiben. Nach 4 Tagen in Crailsheim machen sie sich – wegen anhaltendem Regenwetter  – erst am Dienstag, den 11. März nach Kirchberg, Rothenburg, Sontheim und Schwäbisch Hall auf.
    Obwohl fast alle Wanderrouten an Hall vorbeiführten, erreichen am Mittwoch 12. März 1732 eine Gruppe von 180 Salzburger Emigranten die Stadt Hall. Am 13. März will Hall weitere 77 Emigranten von Crailsheim übernehmen.

    In Hall hat man sich auf die Ankömmlinge vorbereitet. Dazu wird zunächst Dinkel und Korn zum Brotbacken in die Mühlen gegeben. Der Herr Spitalverwalter erklärt sich bereit, „daß der Spital einen Ochsen zum Schlachten in Bereitschaft habe und zum Kochen eine Köchin hergeben wolle, deren aber durch mehr Personen an die Hand gegangen werden müsse.“

    Am Mittwoch, den12. März 1732 kommen zwischen 11 und 12 Uhr um die 180 singende Salzburger Emigranten beim Klötzles-Tor an, das damals 175 m oberhalb des äußeren Langenfelder Tors lag. Begleitet von  Forstmeister Hartmann und Grabenreiter Freymüller werden sie dort von Pfarrer Messerer und Pfarrer Bölz in Empfang genommen und willkommen geheißen. Pfarrer Messerer sieht in ihnen die Hoffnung, „dass sie die laulechte Christen in hiesiger Stadt zu besserm Christentum aufmuntern werden.“ Unter Glockengeläut ziehen sie in die St. Michaelskirche ein.
    Nach einem langen und sehr schönen Sermon von Dekan Seyboth und der Segenspende durch Diakon Romig werden die Emigranten in der Kaserne mit Speis und Trank versorgt. Sie bekommen 1 Suppe 1Schoppen Wein und  2 Pfd. Brot.
    Am folgenden Tag mittags gab man Ihnen wieder 1 Suppe u. jedem ½ Pfd Fleisch nebst 1Schoppen Wein, nachts 1 Suppe mit 1/8 Wein.

     Nach 9 Tagen hat man nur noch 2 Pfd Brot und 6 Kr pro Erwachsenen ausgegeben.

    Donnerstags darauf, den 13. März galt es im Schulhaus in Unterlimburg die sechs Standardfragen des Verhörprotokolls zu beantworten:

    1. Wie er heiße! Wie alt! Woher u. warum er herkomme?

        Ob ein Paß vorhanden.

    Einen guten Pass können die Emigranten i. d. R. vorzeigen.

    Aus den Protokollen:

    Thomas Pechrainer, mit dem 1. Schub aus Filzmoos am 11. Febr. 1732 ausgetrieben gibt zu Protokoll: „er habe seinen Hausrat  zurücklassen müssen, weil er am 3. Tag nach der Ankündigung des Auszugs fortgemüßt …auch die Obrigkeit ( in Salzburg) sei sehr erbittert über ihn gewesen und hätte ihm Ketten um Händen angeboten, weil er die Kinder nicht zurücklassen wolle…“
    Balthaß Sinegger
    , sagt aus, „er habe 10 Wochen und 3 Tag lang zu Radstatt in Ketten und Banden in einem wüsten Loch gelegen … , Bischöfliche Soldaten hätten ihn bewacht.“

    1. Wes Stands, ledig oder verheiratet? Oder ein Wittibstand?

    Von 190 Personen sind 18 Ehepaare mit 43 Kindern – 42 %,
    75 ledige Personen – 39 %, 13 Witwen/Wittwer mit 23 Kindern – 19 %

     

    1. Wo der Mann, Weib, Kinder, Eltern und Geschwisterig

        seyen? Ob sie bei ihnen oder wie und wo sie solche

        verlassen?

    Bei der kurzfristig anberaumten Austreibung werden die Familien oft auseinandergerissen, sei es dass
    – ein Teil der Familie als katholisch zurückbleibt oder
    – die Familienmitglieder unterschiedliche Reiseziele ansteuern oder
    – einzelne Familienmitglieder unterwegs auf der Reise bei einem Arbeitgeber unterkommen oder
    – einzelne Familienmitglieder (Kinder) unterwegs von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen werden

    Aus den Protokollen:

    Hannß Schober sagt aus: „der Vater Michel Schober zu Radtstatt seye zurück und catholischen Glaubens verblieben, die Mutter Elisabetha Greülin nebst 2 Schwestern werden noch nachfolgen.“
    Mattheus Lackner kommt mit seinem Weib namens Margaretha Schochin und 3 Kindern „Die Mutter, nebst 2 Brüdern und 1 Schwester habe er zurück in Gastein gelassen.“
    Barbara Freybergerin, ledigen Stands, 22 Jahr alt, aus Gastein gebürtig
    Ihre Eltern wären noch drinnen im Salzburgischen und werden schwerlich herauskommen
    Rupertus Lindner, ledigen Stands, 50 Jahr alt „…hier habe er 1 Geschwistrig, so eine Wittib mit 3 Kindern, die andere Schwester seye zu Creylsheim mit 5 Kindern geblieben, so viel ihme wißend bey einem Bürgermeister.“
    Anna Fleißin „die Eltern seyen noch zu Gastein, der Vatter catholisch, die Mutter aber evangelisch, wiße aber nicht, ob sie nachkommen werde.“
    Maria Windterin, sagt: „der Vater seie tot, die Mutter lebe im Wittwenstand mit 2 Kindern, so noch catholisch seyen, habe aber solche nicht mehr zu sprechen bekommen.“
    Rupertus Dächser, 60 Jahr alt, bringt sein Weib und zwei Kinder mit sich „anhero, das 3. aber in Crailsheim in Diensten gelassen.“
    Simon Lindner, 18 Jahr alt ist „noch ledig, habe noch Vatter und Mutter nebst 2 Geschwistrigen, so allesambt catholisch im Filzmus zurück, welche ihme zwar beym Abschied zugeredet, sollte catholisch werden, so er aber nicht thun wollen.“
    Balthaß Sinegger „habe noch 3 Schwestern u. 2 Brüder so sämbtl. evangelisch zurück, davon 1 Bruder u. 1 Schwester verheiratet u. auf dem Gut sitzen, aber sämbtl. nachkommen werden, habe zwar Abschied nur mit einem Wort von Ihnen genommen, weil er mehrers nicht reden können, maßen Bischöfliche Soldaten  daneben gewesen, die Ihne bewacht.“

     

    1. Was vor Handthierung oder Geschäft man könne und treibe, und wie, auch wo man sich zu nähren gedenke?

    Berufe sind u. a.:

    22 Holzhacker, 3 Zimmerleute, 4 Bergknappen, 1 Kübler, 4 Schneider, 1 Weber, 1 Korbmacher. 89 kennen sich im Baurenwerk und im Umgang mit dem Vieh aus (Mann und Frau), 50 im Haushalt, Spinnen usw.

    Aus den Protokollen:

    Thomas Pechrainer sagt, „er sei ein Schneider, wiße aber nicht, wie er sich, weil er nach hiesiger Mode nicht arbeiten könne, auch zu hartem Geschäft zu alt sei, künftig nähren solle…Seine Frau Martha, ein Weib und Salzburger Emigrantin ist geboren 1687. Ihr Vater war Georg Kantzleutner, Müller zu Vilsmuß. Sie wurde wegen damals schon gewesenem Religionsstreits in keine Schul geschickt.“
    Im April 1738 ernährt sich Pechreiner von Kleinigkeiten „mit Hosen schwärzen, auf seinem Handwerk als ein Schneider habe er wenig Verdienst und flicke zuweilen nur ein wenig.“

    1. Was man bey sich habe, oder sonst noch habe zu fordern und was zurückgelassen und wo?

    Die Ausstände sind in aller Regel an Privatpersonen verliehen. Aufgrund der kurzfristigen Austreibung können diese oft nicht mehr rechtzeitig zurückgefordert werden. Bei der Abmeldung im Pflegegericht Radstadt wird dies mit Betrag und Schuldner angegeben. Auch in Nördlingen werden z. T. Urkunden über die Ausstände ausgestellt.
    Das Eintreiben der Ausstände zieht sich bis April 1738 hin und ist fast immer mit Verlusten behaftet.
    Insgesamt haben die Haller Emigranten 1.984 fl zu fordern, aus Salzburg kommen dazu nur 960 fl 7 ½ Kr., d. h. sie erleiden einen Verlust von rund 50 %.
    Aus den Protokollen:

    Thomas Pechrainer sagt, „er habe 50 fl mit sich genommen, davon aber 5 fl Nachsteuer gezahlt, item zu Salzburg 3 fl 45 Kr. bezahlen müssen. Sein Vermögen und das seiner Frau bestehe nach dem Eingang von Salzburg in 38 fl 10. Von seiner Fahrnis habe er mehr nicht, als einen Branten Wein Kessel und eine kupferne Pfannen verkauft, das übrige aber in seinem bestandenen Haus bey St. Peter in Filzmoß hinterlassen“

    Das von Salzburg eingegangene Geld lassen die Emigranten
    i. d. R. bei der Obrigkeit bzw. dem Spital (z. B. Anlage einer Pfründ) stehen.

     

    1. Ob er oder sie nicht bey jemandem schon unterkommen und bey wem, auch ob es lesen und schreiben könne?

    Außer den 76 Salzburger Emigranten sind in der Kaserne noch 12 Kavalleristen und 75 Fußsoldaten untergebracht. Von 128 Befragten können 43 lesen, 85 Personen nicht.
    3 Personen können schreiben und 125 sind im Schreiben nicht erfahren. 

    Zwischen April und Juni 1732 kommen weitere 38 Personen von Obersontheim, Rothenburg, Winnenden und aus Schwaben an.

    Am 25.03.1732 fragt Hall in Heilbronn an, wie viel Emigranten von 50-60 man dort aufnehmen könne. Heilbronn antwortet, diese Zahl müsste unterwegs unterzubringen sein, so dass sie niemand aufnehmen brauchten. (1769 hat Heilbronn 6077 Einwohner).

    Jurist Nikolaus David Müller (1692 – 1741) war eine führende Persönlichkeit der Haller Pietisten. Er entstammte einer wohlhabenden seit mehreren Generationen in Hall ansässigen Ratsherrenfamilie. Er schreibt am 18. April 1732 hierzu: „Ungemeine Vorfälle erfordern ungemeine Entschließungen… unsern Taglöhnern in der Stadt gehet auch nichts ab, weil der Salzburger meiste Arbeit nicht die ihre gewesen… Arbeitskonkurrenten sind sie nur, weil bei ihnen  einer soviel schafft als zwei nach hiesiger bekannter Weiße.“
    In der Stadt sind die Emigranten willkommene Arbeitskräfte bei der Umbettung der Totengebeine des St. Jakob Friedhofes wo heute das Rathaus steht.
    Auch nach dem Stadtbrand und auf dem Land gab es noch lange Jahre Arbeit.

     

    Allzu lange müssen die Haller ihre christliche Nächstenliebe jedoch nicht unter Beweis stellen: 53 Personen ziehen im März 1732 nach Neuenstein weiter,  154 Personen reisen zwischen Juni und August 1732 nach Preußen ab. Als Zehrgeld erhält jeder Erwachsene
    1 fl , pro Kind werden 30 kr ausgegeben.

    Amtmann Romig aus Michelbach reitet am 25.03.1732 nach Hall, um die Salzburger Emigranten am übernächsten Tag auf der Landstraße nach Neuenstein zu begleiten.

    Am 3. September 1737 noch in Hall verbliebene Emigranten

    In Stadt und Land                                                   = 10 Personen
    in den Kasernen                                                     = 23 Personen
    insgesamt:                                                             = 33 Personen

     

    Emigranten aus dem Radstatter Gericht:
    Thomas Pechreiner, nebst seinem Weib, 2 Söhnen und 2 Töchter,  welche 2 in der Statt = 6 Personen
    Hannß Münzler (Munzler), nebst seinem Weib sambt 3 Kindern, wovon 1 in der Statt

    = 5 Personen
    Christian Schrempf, nebst seinem Weib und 5 Kindern, wovon 2 in der Statt

    = 7 Personen
    Jerg Löckenwalter, nebst seinem Weib und 3 Kindern,  wovon 1 zu Bibersfeld u. 1 in der Statt = 5 Personen
    Michel Daumlöchner nebst seinem Weib  = 2 Personen
    Catharina, Bürklens (Burglechners?) seelig Wittib nebst 1 Kind, welches in der Statt

    = 2 Personen
    Thomas Mayerhöfer , ledig  = 1 Person
    Leonhardt Schober, ledig  = 1 Person
    Matthes Lachner (Lackner?), auch ledig = 1 Person
    Catharina und Maria Fischbacherin, Geschwistrig, noch ledig, wovon die erstere in der Statt, die Maria aber im Hospital = 2 Personen
    Emigranten aus dem Werfener Gericht:
    Sebastian Oberbühler, ledig = 1 Person

    Einzelbiografien:

    Thomas Pechreiner, Schneidermeister (auch Bechreiner, Pöchrainer) verlässt am 11. Februar 1732 mit seiner Frau Marthae Kannßleitnerin und 4 Kindern zusammen mit 129 weiteren Personen seinen Heimatort Filzmoos. 1738 ernährt er sich „von Kleinigkeiten mit Hosen schwärzen, auf seinem Handwerk als ein Schneider habe er wenig Verdienst und flicke zuweilen nur ein wenig.“ Im Totenbuch lobt ihn der Pfarrer „er sei von hiesigen Salzburgern der gottseligste und beste gewesen.“
    Die Kinder der Pechreiners heiraten in Haller Familien ein.
    Tochter Sabine heiratet 1752 Johann Marquard, Bürger und Schneider in Hall,
    nach dem Tod ihres Mannes hinterlässt sie 1773 ihrem Sohn Georg Balthas u. a. zwei Drittel eines Hauses in der Langen Gasse, ihr Sohn Georg Balthas wird ebenfalls Schneidermeister in Hall und Wasserabgeber in der Saline, er heiratet 1778 Christina Elisabetha Schörg.
    Der Sohn Johann Georg Pechreiner, Maurer und Steinhauergeselle beim Bauamt kauft im Jahr seiner Heirat 1753 mit Maria Magdalena, geb. Gschwandnerin, verw. Steiner, Salzburger Emigrantin, das Haus Lange Straße 16 für 205 Gulden.

    Christian Schrempf, seine Frau Maria Schweicherin (Schweigerin) samt 4 Kindern verlassen mit dem 1. Schub vom 11. Februar 1732 die Oberfritzer Zeche (Ortschaft) im
    Salzburger Land zusammen mit 135 weiteren Emigranten. Er findet Arbeit im Bauamt.
    Tochter Maria Margaretha Schrempf, zu Besitz gekommen, verkauft 1769 ein Hausteil in der Langen Straße Nr. 21 an Johann Friedrich Schwend

    Matheß Lachner heiratet am12.08.1738 Anna Rosina Rößin, eine Hallerin. Er arbeitet als Maurer und stirbt 1750 nach einem Unfall.

    Die Kinder heiraten in Haller Handwerkerfamilien ein: Schreiner, Schumacher, Siedersfamilie Horn,
    Sohn Georg Michael Lachner heiratet eine Siederstochter, ein Sohn wird Sieder, ein weiterer Sohn Salinenzimmermann.

    Mathäus und Barbara Gschwandner sind nur über das Totenbuch St. Urban Band 2/87 verzeichnet und entsprechend der dortigen Beschreibung zunächst vom Salzburger Land nach (poln. Littau) Preußen ausgewandert. Weil dort kein Auskommen war, zogen sie nach 5 beschwerlichen Jahren 1739 zu ihren Bekannten nach Schwäbisch Hall, wo sie in den Kasernen untergekommen sind.

     

    Catharina Stallmayerin gibt am 13. März 1732 zu Protokoll: sie sei „aus Murrstatt an der Bayerischen u. Tyroler Gränz gebürtig, eine Wittib von 48 Jahren laut Passes. Beruflich habe sie bei Bauren und Wirten gedient, lesen und schreiben könne sie nicht.
    An Barschaft habe sie nicht mehr denn 5 fl gehabt, auch nichts zurückgelassen. Sie ist samt ihrem Kind noch unversorgt.“
    Laut Gaildorfer Protokoll hat sie sich unterwegs zu den Emigranten geschlagen.

     

    Michel Daumlechner und seine Frau Barbara Schülin lassen ihren 12jährigen Sohn in Nördlingen zurück, er ertrinkt dort 1732 in einem Stadtbrunnen. Er kommt mit seiner Frau in der Kaserne unter und „arbeitet in allhiesiger Herrnarbeit. Im April 1738 schafft er bey löblichem Bauambt, ist noch guter Kräften, aber hinkenden Gangs …“

    Im Jahr 1760 heiratet er die Salzburger Emigrantin Magdalena Lackner
    Sein gesamtes Vermögen von rund 183 fl vermacht er mit einem Testament vom 28.06.1769 mangels Erben dem Zimmermann Nicolaus Peter Waldvogel und seiner Frau Magdalena, geb. Gschwandnerin, einer Salzburger Nachfahrin  „bei denen mich schon über 5 Jahr aufhalte und die mir in meinem Alter viele Liebe und Guttaten erwiesen und mir noch ferner in meiner Baufälligkeit mit allem an Hand zu gehen versprochen.“

     

    Maria und Catharina Fischbacher . Die beiden Schwestern  geben am 13. März 1732 zu Protokoll, dass sie noch ledig und die Eltern schon gestorben seien. Ihr verheirateter Bruder sei noch zurückgeblieben, wolle aber auch nachkommen.
    Maria hat 13 fl bar und „beim Radstätter Pfleegamt 496 fl 28 x zu suchen.“
    1734 erfährt sie, dass der Bruder nach Preußen emigriert ist und es schwierig sein wird, an das geliehene Geld zu kommen. 1738 hält sich Maria im löblichen Spital auf und will ihr eingegangenes Geld von 151 fl 52 x beim Spital stehen lassen.
    Sie stirbt am 22.04.1742 ledig.

    Catharina hat nur 6 fl mitgenommen und laut Nördlinger Schein 464 fl bei ihrem Bruder Veit Fischbacher sowie bei einem Bauern in der Oberfritz zurückgelassen, auch viele Kleider musste sie dort lassen.
    1738 ist Catharina bei Ezechiel Freimüller Becken in Diensten,“ aber auch ziemlich kränklichen Leibes und seit einiger Zeit im Seel Haus“. Die eingegangenen 248 fl 25x will sie beim Hospital zu einer Pfründ anlegen lassen. Sie stirbt am 12.05.1758 ledig.

     

    Magdalena Lacknerin, 38 Jahr alt aus dem Radstatter Gericht vom Hache (Hachau?) im Filzmuß gibt zu Protokoll „sie sei ledigen Stands, habe sich anfänglich zu Kempten aufgehalten und seit Michaelis (29.09.) ein Jahr hier bey H. Oberlandumgelder Seufferheld in Diensten“. Sie heiratet 1738 den Wittwer Johann Münzler, in zweiter Ehe Witwer Michael Daumlechner, beide Salzburger Emigranten. Beide Ehen bleiben kinderlos.

    Mattheus Lackner, ein 33jähriger „gewester Bergknapp und des Bergwerks Obmann“ kommt mit seiner Frau Margaretha Schochin und den Kindern, Mathias, Balthas und Anna.
    „Er habe 12 Jahre als Bergknapp im Salzburgischen Gold- u. Silberbergwerk gearbeitet und hofft hier im Steinbruch sich zu ernähren.“
    Sie ziehen noch 1732 nach dem Tod von Sohn Balthas mit den andern beiden Kindern nach Preußen weiter.

    Georg Leckenwald, Holzhauer (auch Jerg Löckenwalter) verlässt mit seiner Frau Maria und 4 Kindern im 1. Schub vom 11. Februar 1732 die Oberfritzer Zeche (Ortschaft) im Salzburger Land zusammen mit 129 weiteren Emigranten und kommt mit vielen anderen am 12. März 1732 in Hall an.
    „Seine Frau und zwei Kinder seien mit ihm hier, zwei weitere Kinder aber noch in Harburg im Öttingischen bei einem Zeugmacher namens Johann Georg Sigmund, das andere zu Nördlingen bei H. Pfarrer Mr. Wilhelm Liber unterwegs.

    Die Fahrnis (bewegliche Sachen), so in 2 Scheffel Korn, 1 Scheffel Kernen Mehl, 1 Vrtl. Weizen, Bethgewand, 2 Kessel, 6 Pfannen, 3 eiserne Häfen, 10 Beilen, 1 sauberen Teppich, 12  Ellen Leinwand, 1 neuen Schrein bestanden, habe er in seiner Wohnung hinterlassen, bey Peter Reutter in Saghäußl.
    Er habe an baarem Geld nichts, aber an Georg Kihlgaßen, einem Bauren in Radstatter Gericht 4 fl vor Holzmacherlohn zu fordern, der es ihme nicht geben wollen, weil er so schnell fortwandern müßen.“

    1738 kann er sich über die von Salzburg eingegangenen 3 fl 24 x freuen.
    Von seinen 2 Töchtern ist 1738 die eine bei H. Stättmeister Hartmann, die andere bei H. Pfarrer zu Bibersfeld, auch 2 Söhne und 1 Tochter in Preußen
    Er und seine Frau erhalten eine Hospitalische Pfründ, nebenbei ernährt er sich noch durch Holz hacken.

    Thomas Mayerhöfer, ledig, erhält 1736 im Spital wöchentlich 6 Pfd Brot, 1/4 Pfd  Schmalz und 1 1/8 Schatz Mehl. Seine Schwester sei „catholisch und drinnen geblieben. Er hätte das Küblerhandwerk gelernt, doch könne er nicht viel schaffen, weil er das Gicht in den Füßen hätte.“
    Zu seinem ausstehenden Kapital heißt es: „…sind alle drei Gutsbesitzer emigriert und ist wegen vill zurückgelassenen Creditorn bei dermalig ohnedem großen Güetter Fahl wenig zu hoffen.“ Im April 1738 werden ihm von den ausstehenden 330 fl aus Salzburg 130 fl   zugesprochen.  Er stirbt jedoch schon am 11. November 1737 ledig und hat keine Erben benannt.

    Johann Münzler. Er sei „40 Jahr alt, mit seinem Eheweib Christina Schoberin in gleichem Alter nebst 3 Kindern, nämlich Mathias von 6, Christina von 3 und Magdalena von 17 Jahren. Diese letzte sei gestern schon notiert und von H. Pfarrer Romig aufgenommen worden. Er habe sich vom Holzhauen in die Salzpfannen genährt, möchte gern darin continuiren.“

    „… die Oberlechnerin im Eichenberg habe die 100 fl mit barem Geld in Gegenwart Michel Schobers und Georg Salcheggers empfangen und er weilen es in Gegenwart dieser beeden ehrbaren Männer geschehen, sich auf gut Treu und Glauben nicht schriftliches darüber geben lassen, weil sie aber jetzt solche wider Wißen und Gewißen es abläugnen, so müsse ers geschen lassen.“
    Er kommt mit seiner Frau und den beiden jüngeren Kindern in den Kasernen unter.

    Sebastian Oberbüchner ging 34jährig ohne Wissen seiner katholischen Eltern mit seinen Landsleute aus seinem Vaterland, landet zuerst in Nürnberg bei einem Bierbrauer und kommt 1734 nach Hall, tut seinen Dienst als Herrenarbeiter. Er stirbt 1761 ledig.

    Leonhard Schober  gibt am 13. März 1732 zu Protokoll: Er „sei 42 Jahr alt, um der evangelische Religion willen anhero gekommen, mit einem Paß versehen und noch ledigen Stands. Eine Schwester hätte er hier und zwei werden noch nachkommen. Sein Bruder aber wäre katholisch geworden…Er habe sich mit Holzmachen und dem Bauren Geschäft ernährt, er hoffe allhier seinen Unterhalt zu finden.“
    „… Die Eltern seien bereits gestorben.… An Barem hätte er 15 fl desweiteren sei eine Obligation im Nördlinger Pflegamt deponiert, wonach  425 fl und 66 fl Steuer zu fordern sind… in der Vermögensbeschreibung der Schuldner sind die Gelder jedoch nit findtig oder nit angeben …1738 erhält er aus Salzburg 162 fl 20 x, die er stehen lassen will“ Er kommt in den Kasernen unter und stirbt  acht Jahre später ledig. 

    Maria Schwagerin, weil. Thomas Schwagers Holzmachers und Salzb. Emigrantens Eheweib kommt im März 1732 mit ihrer Tochter Catharina, verw. Burglechner, nebst zwei Enkelkindern in Schwäbisch Hall an. Die beiden Witwen, Mutter und ihre jüngste Tochter, kommen in den Kasernen unter. Die  10jährige Maria wird von Schneider Franz aufgenommen, sie stirbt schon 1735, die  7jährige Sophia kommt bei Herrn Ehren Reich Otto unter.
    „Eine Tochter und ein Sohn seien noch in Kaiserlichen Landen, und  werden wohl noch nachkommen, wie sie bei ihrem Abschied miteinander abgeredt.“

     

    Maria Windterin, geb. ca 1691. Von ihren Eltern wurde sie in der papistischen Religion erzogen und bei Zeiten in Dienste getan. Sie kommt 1732 in Hall in verschiedene Dienste unter und wird bei angehendem Alter des Dienens müde in den Kasernen mit Hospitalischen Pfründen bis an ihr seliges Ende am 12. Mai 1757 versorgt.

    „… hat sich wegen ihres treuen Fleißes und christllich stillen Wandel überall beliebt gemacht.“

     

    Copyright: Hermann Kratochvil


    Info: Die Geschichtswerkstatt Schwäbisch Hall erstellt z. Z. eine Internet-Migrationsdatenbank, die voraussichtlich im Frühjahr 2016 zur Verfügung stehen wird.
    Zugang über die Homepage der Stadt Schwäbisch Hall. Dort werden u. a, auch die Salzburger Emigranten Eingang finden.

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