52. Professor Dr. Albrecht Schau, 12. November 2015

Vom Vergnügen des Witzerzählens

  • Das Wort „Witz“ ist etymologisch verwandt mit dem englischen „wit“ – Gewitztheit, Esprit, leitet sich jedoch vom althochdeutschen „wizzi“ – Wissen, scharfe Beobachtung ab. Bis in die Zeit um 1800 meinte „Witz“ ein menschliches Vermögen, mit Vernunft begabt, dann auch die Fähigkeit, verblüffende und aufschlussreiche Vergleiche herzustellen sowie Metaphern zu erfinden. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich neben den bereits bestehenden Bedeutungen von Witz das Literaturformat Witz.
    1. Definition

    a. Der Witz ist ein Erzählformat der mündlichen Erzählkultur. Er ist mündlich überliefert und wird auch in aller Regel von Mund zu Mund oder von Mund zu Ohr weitergegeben. Die bevorzugte Sprache des Witzes nicht nur im deutschsprachigen Raum ist die Alttagssprache, der Dialekt (Gorge Witze oder Tünnes und Schäl-Witze), ein Jargon (Schülerwitze) oder eine Gruppensprache (Jüdische Witze, Soldatenwitze). Wenn er jedoch eine fachsprachliche Färbung annimmt oder wenn Dichter sich über ihn hermachen, das geschieht seit dem 18. Jahrhundert, kommt der Witz in poetisch gehobener Standardsprache und in schriftlicher Form daher.
    Der Witz als eine Gattung ist Kosmopolit. Er kommt in allen Kulturkreisen vor, er tauscht sich über alle Grenzen hinweg gern und vor allem friedlich mit anderen Ländern aus.
    b. In der geläufigsten Definition wird unter dem Format Witz der dialogisierte Witze verstanden, dem manche auch noch Wortspiele zurechnen. In einer umfassenderen, weiter ausholenden Definition werden unter Witz alle Formate verstanden, die witzig sind und das Lachen über eine Pointe auslösen.
    Der Witz hat ein großes Herz und einen weiten Horizont. Enge Grenzen sind ihm zuwider. Er ist sehr kontaktfreudig und gibt sich nach allen Seiten hin aufgeschlossen. Er bandelt mit dem Reim an, poussiert abwechselnd mit dem Rätsel.
    Beispiele:
    Was ist eine seltene Flüssigkeit mit 14 Buchstaben? Beamtenschweiß!
    Was ist gesund und läuft über den Tisch? Ein Fluchtsalat!
    Der Witz geht schließlich auch Verbindungen ein mit der Anekdote, der Legende, dem Schwank oder dem Aphorismus. Er liebt vor allem das Illegale, das Tendenziöse, Makabre und das Obszöne. Und seit dem 19. Jahrhundert geht er auch Verhältnisse mit der Graphik, dem Comic, der Karikatur ein. Der Musik hat er bis jetzt die kalte Schulter gezeigt. Aber das kann ja noch werden. Wenn er im Theater eine Rolle spielt, dann sind es nur winzige Nebenrollen.
    c. Der Witz zählt zu der Familie der epischen Kleinformate, was Konsequenzen für seine Struktur hat. Das dominierende, profilgebende Erscheinungsbild des Witzes ist die Kürze und Verdichtung. Das heißt zunächst Reduzierung auf das Wesentliche. Es werden keine Worte vergeudet, die Dialoge sind knapp, ja dürftig. Es gibt in ihnen kein großes Hin und Her, keine Differenzierungen. Zwei, maximal drei Dialogimpulse müssen reichen, manchmal kommt der Witz sogar mit einem Satz aus: „Tünnes, din Fru betrücht uns!“
    Das Witzpersonal beschränkt sich im Allgemeinen auf zwei bis drei Figuren. Für die Kennzeichnung des Schauplatzes genügt meistens ein Satz, ein Stichwort. Jeden weiteren Kontext muss sich der Zuhörer selbst erschließen.
    Natürlich wirkt sich die Verdichtung auch positiv auf Erzähler und Publikum aus. Ein kurzer Text lässt sich leicht einprägen und auch leicht behalten. Dem zuhörenden Publikum kommt die Verknappung zugute, da es keine längere geistige Anspannung und Ausdauer aufbringen muss wie etwa beim Lesen eines Romans.
    Am geringsten ist der Aufwand an Konzentration bei Wortwitzen, die aus einem einzigen Wort, einer Wörtervermischung oder einer Wortneuschöpfung bestehen können. Diese kommen wie Freud gezeigt hat, durch so genannte „Ersatzbildungen“ zustande. Ein klassisches Beispiel für eine Ersatzbildung in einem Wortspiel, das in der gesamten Witzliteratur weitergereicht wird, ist die Wortschöpfung „famillionär“, ein Zitat aus Heines Reiseerzählung „Die Bäder von Lucca“ (1826). Dort erzählt der Protagonist, ein gewisser Hirsch-Hyazinth, ein Parvenu aus niederem Stand, ganz freudig, er habe neben dem berühmten Millionär Baron Rothschild gesessen, und dieser habe ihn wie seinesgleichen, nämlich „ganz famillionär“ behandelt. Diese Ersatzbildung kommt durch den Zusammenschluss aus „familiär“ und „Millionär“ zustande.
    Ein anderes Beispiel für Verdichtung im Wortspiel:
    Zwei Freunde treffen sich nach langer Zeit wieder. Fragt der eine den anderen mit Blick auf dessen Ehering: „Was, du bist verheiratet?“ „Ja“, antwortet dieser: „Trauring, aber wahr.“
    d. Der Witz als Spaßmacher und Philosoph. Neben Mündlichkeit, Verdichtung und Dialogfreudigkeit zeichnet den Witz sein komisches Talent aus. Der Witz hat viel von einem Spaßmacher. Es bereitet ihm Vergnügen, Menschen zum Schmunzeln zu bringen, oder sie zu verführen, sich vor Lachen die Schenkel zu klopfen. Er bereitet ihnen Lustgewinn. Er sorgt aber auch schon einmal dafür, dass das Lachen blockiert wird. Dann sorgen Hemmungen dafür, dass es im Halse stecken bleibt.
    Doch der Witz ist nicht nur ein Spaßmacher, er ist auch ein Philosoph. Es gelingt ihm immer wieder, die Menschen stutzig, nachdenklich zu machen.
    Man sagt den Amerikanern und Kanadiern nach, sie würden englisch Witze nicht verstehen. Jiddische Witze lassen sich nicht nur der Sprachbesonderheit wegen schwer verstehen, sondern der jüdischen Tradition wegen, in die sie eingebunden sind. Schwäbische Witze werden auch nicht von jedem verstanden.
    Beispiele:
    1. Der kürzeste schwäbische Witz: VfB.
    2. Warum tragen schwäbische Frauen keinen String-Tanga: Weil sie daraus keinen Putzlumpen machen können.
    Orgasmus auf schwäbisch: Jetzetle!
    Sächsisch „fertig“: Fetsch.
    2. Entstehung des Witzes
    Über der Herkunft des Witzes herrscht tiefes Dunkel. Der Witzerfinder, sofern es um mündliche Witze geht, bleibt anonym. Anders verhält es sich beim literarischen Witz, hier erfolgt eine Offenlegung der Quelle, der Autorschaft. Etwas mehr lässt sich über die Produktionsbedingungen des Witzes sagen. Es mag für viele zynisch klingen, wenn man darauf hinweist, dass die politische Repression, dass Diktaturen für die Witzproduktion ein guter Nährboden sind.
    Als Beispiel ein Flüsterwitz aus dem 3. Reich:
    Spazieren zwei Stecknadeln. Neigt sich die eine zur anderen und flüstert ihr zu: „Nicht so laut. Wir werden von zwei Sicherheitsnadeln verfolgt.“
    Das Herkunftsdunkel hat zu wilden Spekulationen geführt. Einige Forscher glauben, der Witz entsteht im Volk oder in Volksgruppen. Oder noch mystischer – der Witz produziere sich selbst. Ähnliche Überlegungen sind auch bei anderen Formaten der mündlichen Erzähltradition aufgetaucht, etwa beim Märchen.
    Natürlich sind Witze auf einen Autor zurückzuführen, auch wenn er anonym bleibt. Witze entstehen meistens ganz spontan. Sie müssten also sofort aufgezeichnet werden, was früher kaum möglich war, heute aber geht. Im Zeitalter der Medien, das massenhaft Witze verbraucht, ist dies anders. Da gibt es für die gängigen Lachformate des Fernsehens Kollektive (Gagschreiber), die den Fernsehkomikern zuarbeiten, deren Gags produzieren. Woody Allen ist ein solches Beispiel. Anders liegt der Fall, wenn der mündlich überlieferte Witz literarisiert oder von einem Schriftsteller erfunden wird.
    Als eine sehr unspezifische, kaum zufriedenstellende, aber sehr sympathische Erklärung für die Existenz des Witzes muss der Spieltrieb angesehen werden, worauf mehrere Wissenschaftler verwiesen haben. Der Mensch sei ein Homo ludens, ein Spieler und das Spiel mit der Sprache gehöre nun einmal zu seiner Spielleidenschaft.
    Was spricht eigentlich dagegen, die Entstehung des Witzes ein Geheimnis sein zu lassen?
    3. Orte des Witzerzählens
    Typische Männertreffpunkte wie Stammtische aller Art, Vereinsheime, Veranstaltungsorte, Festzelte, beim Militär, im Krieg, in der Gefangenschaft. Im kriegerischen Umfeld hat sich der so genannte Latrinenwitz etabliert, weil er auf der Latrine erfunden und erzählt wurde. Nimmt man die Kirche aus, gibt es eigentlich keinen Ort, an dem Witze nicht erzählt werden können.
    4. Der Witzerzähler
    Der Witzerzähler hat einiges vom traditionellen Spaßmacher an sich. Den rhetorisch geschulten Witzerzähler gibt es kaum. Die meisten, denen wir im Alltag begegnen, sind Dilettanten, selten Erzähltalente, haben sicher aber auch einfach selber Spaß am Erzählen. Daneben spielt sicher ein anderes Motiv eine Rolle, ein soziales, psychologisches Moment. Sie wollen als Unterhalter eine Rolle spielen, sich durch das Witzerzählen bei Gruppen unentbehrlich machen, sich dadurch aufwerten, erhöhen. Es geht um Prestigegewinn. Witzerzähler werden gern eingeladen, weil sie für Unterhaltung sorgen. Und das Lachen und der Beifall bestätigt und belohnt sie.
    Nicht immer wählt der Witzerzähler seine Witze adressatenbezogen, im Blick auf sein spezifisches Publikum aus. Er ist aber freier in der Wahl seiner Witze, wenn er unter seinsgleichen ist, bei seinen Kegelbrüdern oder am Skatstammtisch. Etwas zurückhaltender ist er, wenn Kinder oder Frauen im Publikum sind, obwohl der Witzerzähler in einem bestimmten Rahmen Narrenfreiheit genießt und über das Ziel hinausschießen darf.
    Auch heute ist das Witzerzählen immer noch eine Männerdomäne. Nach den vorliegenden Erkenntnissen erzählen Frauen sich eher selten Witze, weshalb es auch keine spezifischen Frauenwitze gibt, die in Inhalt und Form oder der Art des Erzählens frauenspezifisch wären.
    Eine andere interessante Frage ist, ob und inwieweit sich das Erzählen von Witzen ändert, je nachdem ob ein Täter oder ein Opfer denselben Witze erzählt.
    Beispiel:
    Ein Jude erzählt einen KZ-Witz, ein nichtjüdischer Deutscher erzählt denselben Witz.
    „Was passierte, als Gott das KZ Auschwitz besuchte? Er kam nicht durch die Selektion.“
    Kann es sein, dass ein Opfer sich durch das Erzählen dieses Witzes entlastet, indem er die KZ-Morde von der menschlichen auf die göttliche Ebene verschiebt, Gott ebenfalls ein Opfer sein lässt und dergestalt eine Schuldzuweisung vornimmt? Und könnte es auch sein, dass ein deutscher Erzähler sich gleich zweimal gehemmt fühlt, diesen Witz zu erzählen, einmal wegen der Massenvernichtung im 3. Reich, an welcher er sich schuldig fühlt, zum anderen, weil in dem Witz Gott beleidigt wird?
    5. Der Vorgang des Witzerzählens
    Der Erzählkanal für den Witz ist die direkte, natürliche Kommunikation, auch face-to-face Kommunikation genannt. Ob gewollt oder nicht, der Witzerzähler nimmt eine Rolle ein, die Rolle des Erzählers. Und das heißt, alles, was zum Erzählen gehört, steht unter seiner Regie. Der Erzähler diktiert das Geschehen. Es wird von ihm in Gang gebracht und in Gang gehalten.
    Die Kontaktaufnahme mit seinem Publikum beginnt beim Erzähler durch den Blickkontakt, der fürs professionelle Erzählen wichtig ist und den der Erzähler während des gesamten Erzählvorgangs beibehalten sollte. Zunächst aber stellt der Erzähler Ruhe her, sorgt dafür, dass alle störenden Faktoren ausgeschaltet werden. Er erzwingt vom Publikum das Zuhören, so wie er insgesamt mit dem Erzählen sein Publikum wie ein Zauberer in seinen Bann zieht. Die gängige Einleitungsformel lautet: „Kennen Sie, kennt ihr den schon!“
    Nur scheinbar ist das Witzerzählen eindimensional. Die natürliche Erzählsituation verbietet das Ablesen von Witzen. Das Erzählen richtet sich nach dem Witzaufbau aus, der sich, bezogen auf den klassischen Dialog-Witz, an die klassische Rhetorik anlehnt.
    6. Vermeidung von Störfaktoren
    Für jedes Erzählen gilt, alles auszuschalten, was den Erzählfluss stört.
    a. Zu hohes Tempo: Der Erzähler erzählt zu schnell, so dass das Publikum Probleme mit dem Verstehensprozess bekommt und die Pointe verschenkt wird.
    b. Vergessen: Der Erzähler vergisst einen Baustein des Erzählens und unterbricht so unfreiwillig den Erzählfluss. Es sei denn er inszeniert diese Unterbrechung.
    b. Lachen: der Erzähler stört den Erzählfluss durch eigenes Lachen.
    7. Der Adressat des Witzes
    Die Rolle des Publikums beschränkt sich scheinbar nur darauf, passiv und still zuzuhören, nichts zu tun und zu lachen. Tatsächlich nimmt es aber aktiv am Witzerzählen teil.
    Das beginnt bereits mit der Vorlust, sobald das Startzeichen zum Witzerzählen gegeben wird. Es löst bei ihm einen Vorgeschmack auf Unterhaltung, auf Lustgewinn aus. Er hat ein Dejà-Vu-Erlebnis.
    Während des Erzählvorgangs beginnt der Zuhörer Vermutungen anzustellen.
    Erinnerungsvermögen, Erfahrungswissen, Kreativität und Denken werden angeregt. So überlegt er, wie sich die Handlung wohl fortsetzen könnte, wie die handelnden Personen sich wohl verhalten.
    8. Aufnahme des Witzes
    Wie ein Witz vom Zuhörer aufgenommen, verstanden wird, hängt von vielen Faktoren ab: Seiner sozialen Herkunft, seiner Bildung, seinen Interessen, seinem Bewusstsein, seinen Einstellungen: traditionsgeleitet, autoritär, vorurteilsbelastet, liberal-offen.
    9. Funktionen und Wirkungen des Witzes
    Allgemein wird die entspannende Funktion des Witzes hervorgehoben. Das Lachen, das er auslöst, sorgt für ein Gefühl der Befreiung. Nach Freud besorgt der Witz einen Abbau von Spannungen oder Hemmungen, indem er gegen geltende Normen, Zensuren und Tabus verstößt. Er kehrt hierarchisch geregelte Machtverhältnisse um, stellt das Herr-Knecht- oder Täter-Opfer-Verhältnis auf den Kopf, indem er den Knecht dem Herren überlegen sein und das Opfer einen Täter sein lässt. Er ist für unterjochte Völker und in Diktaturen eine moralische Waffe.
    Durch den Tabubruch wird positive Energie, wird Lebenslust freigesetzt. Gleichzeitig können natürlich auch Aggressionen und Vorurteile aufgebaut werden bei stark vorurteilsgeprägten, autoritär strukturierten Menschen.
    Rätselwitze, aber auch andere Witze, die Probleme angehen, lassen den Zuhörer an Problemlösungen teilhaben. Er kann in die Rolle des Detektivs, des Philosophen oder des Forschers schlüpfen, der einen schwierigen Fall beziehungsweise ein schwieriges Problem gelöst hat.
    Sehr bedingt kann der Witz also einen Erkenntnisgewinn bringen, zur Nachdenklichkeit, zu kritischem Bewusstsein anregen. Schließlich regt er auch die Kreativität an, indem der Zuhörer zu freien Assoziationen eingeladen wird, den Witz weiter zu denken. Oder wie erwähnt an der Lösung von Konflikten beteiligt wird.
    Der Witz hat auch eine soziale Funktion. Er führt Menschen zusammen, fördert das Gemeinschaftsgefühl, wie es im gemeinsamen Lachen zum Ausdruck kommt.
    10. Komikformate
    a. Die Situationskomik, in der unangemessene Momente in der Situation aufeinanderprallen. Diese Unangemessenheit gilt vor allem für jene Witze, die man als tendenziöse, absurde, vor allem aber makabre Witze bezeichnet (schwarzer Humor), die gegen die gängigen Normen oder Moralvorschriften verstoßen.
    Beispiel 1:
    „Hör endlich mit deinen theatralischen Selbstmordversuchen auf“, sagte er zu ihr. „Sieh dir mal unsere Gasabrechnungen an!“
    Beispiel 2:
    „Mama, ich hab Papa gefunden.“ – „Kind, du sollst nicht dauernd im Garten graben!“
    Beispiel 3:
    Mutter zu ihrem Sohn: „Die Oma ist todkrank, wie du weißt. geh zu ihr und sag ihr etwas Freundliches.“ – „Oma, soll ich bei deiner Beerdigung auf der Flöte spielen?“
    Beispiel 4:
    Es ist Winter. Auf dem Rückweg von der Trauerfeier im Krematorium gerät die schwäbische Trauergesellschaft in ihren Autos auf schlimmes Glatteis. Sagt der Ehemann der Verstorbenen. „Streut d’ Kathrin!“
    Beispiel 5:
    Als der Serienmörder vor seiner Hinrichtung vom Gefängnispfarrer besucht wird, sagt der Todeskandidat. „Herr Pfarrer geben Sie sich keine Mühe. Morgen sprech’ ich mit ihrem Chef höchst persönlich.“
    Beispiel 6:
    Bei einer Hinrichtung. Der Scharfrichter lässt sein Schwert auf den Mörder niedersausen. Der Gerichtete steht weiterhin aufrecht und sagt zu dem Scharfrichter: „Was soll der Pfusch, Sie haben mich ja gar nicht getroffen!“ Antwortet dieser: „Von wegen. Nicken Sie doch mal mit dem Kopf!“
    Beispiel 7:
    Ein Ehepaar schläft im Bett. Da schreckt die Ehefrau plötzlich aus einem Traum auf: „Mein Mann kommt!“ Darauf springt ihr Mann aus dem Bett und versteckt sich im Schrank.
    b. Figurenkomik
    Hier genügt der Verweis auf die bekannten und beliebten Ostfriesen-, Klein-Erna- (Hamburg), Gôge- (Tübingen), ethnischen und Städtewitze und so weiter. Hier können Vorurteile spielerisch ausgelebt und abgebaut werden. Sich selbst auf die Schippe nehmen. Eine Form von Selbstkritik und Selbstreinigung, die entlastend wirkt.
    Schwäbischer Witz:
    Endet der Brief des schwäbischen Vaters: “Wollte Dir noch etwas Geld mitschicken, der Brief war aber schon zugeklebt.”
    Schottenwitze:
    Warum heiraten die Schotten am liebsten am 29. Februar? Der Termin spart Geld, sie müssen nur alle vier Jahre Hochzeitstag feiern.
    Ein Schotte fragt den Taxifahrer: „Wie viel kostet die Strecke zum Flughafen?“
    „20 Pfund, Sir.“ „Und mein Gepäck?“ „Das fährt kostenlos.“ „Super“, freut sich der Schotte, „nehmen Sie mein Gepäck schon mal mit, ich laufe.“
    c. Sprachkomik
    Das sind die sprachlichen Inszenierungen vor allem im Wortspiel, das Spiel mit der Doppeldeutigkeit, der Mehrdeutigkeit.
    Die Bedeutung wird umgebogen, auf eine andere Ebene verschoben. Nicht die übertragene, sondern die wörtliche Bedeutung ist gemeint.
    Beispiel: Wer lebt von der Hand in den Mund? Der Zahnarzt.
    11. Witztechniken
    a. Verschiebungstechnik
    Die Haupttechnik der Witzbildung ist die von Freud beschriebene „Verschiebung mit Ersatzbildung“. Verschiebung heißt eine Akzentverschiebung, oder ein Wechsel der Bedeutungsebenen wird vorgenommen, wobei der Doppelsinn eines Wortes ausgenutzt wird: Birne, Hahn, Flügel, Steuer. Darauf beruht das bekannte Teekesselchenspiel, das wir in der Kindheit in der Schule und zu Hause mit großer Begeisterung gespielt haben.
    Diese Verschiebungstechnik gibt es auch im Bereich der Logik. Das ist der Fall, wenn etwa der Witz mit (scheinbaren) Denkfehlern arbeitet.
    Beispiel 1:
    Ein jüdischer Badewitz. Treffen sich zwei Juden zufällig in der Nähe eines Bades. Fragt der eine: „Hast du genommen ein Bad?“ Antwortet der andere: „Nein, warum? Fehlt eins?“
    Beispiel 2:
    Ein in Not geratener Mann leiht sich bei einem wohlhabenden Bekannten etwas Geld. Der Geldspender trifft kurz darauf den Geldnehmer in einem Sternelokal, wo er eine 5-Gänge-Menu verspeist. Der Gönner betritt das Lokal und stellt den Beliehenen wütend zur Rede: „Ich leihe Ihnen Geld, damit Sie ihre Not lindern, und sie haben nichts Eiligeres zu tun, als es sofort zu verprassen.“ Antwortet der Betroffene: „Ich verstehe Sie nicht, dass Sie mir Vorwürfe machen. Habe ich kein Geld, kann ich nicht essen. Habe ich Geld, darf ich nicht essen. Wann soll ich dann eigentlich essen?“
    b. Unsinns-, absurde Witze
    Gerade auch in den Unsinnswitzen oder den absurden Witzen lässt sich die Verschiebung als Außerkraftsetzung der Logik, der geltenden Normen nachweisen. Sie arbeiten mit dem Widersinn, der Unlogik, die für eine Entlastung von der strengen Konsequenz der Normalität oder Logik sorgt, was zur Entspannung, zu einem Lustgewinn führt.
    Beispiel:
    Ein Mann tritt eine Geschäftsreise an und bittet seinen Freund, auf seine junge Tochter aufzupassen. Als er nach einigen Wochen zurückkommt, findet er seine Tochter schwanger vor. Er stellt den Freund zur Rede, der sich den Unglücksfall auch nicht erklären kann. „Wo hast du denn meine Tochter schlafen lassen?“ „Im Zimmer mit meinem Sohne.“ „Wie kannst du so leichtsinnig sein, wo ich dich doch gebeten habe, meine Tochter zu behüten?“ „Aber es war doch eine spanische Wand zwischen den Betten.“ „So, eine spanische Wand. Und wenn dein Sohn um die Wand herum zu meiner Tochter gegangen ist?“ Der Freund wird nachdenklich: „Ja, stimmt, das wäre möglich.“
    c. Rätselwitze
    Auch beim Rätselwitz, der Rätselfrage, funktioniert die Verschiebungstechnik. Auch er spielt mit dem Doppelsinn der Wörter oder der Wortverbindungen. Er enthält eine echte oder fingierte Problemstellung, für deren Problemlösung Denkstrategien verlangt werden, also eine Art Denktraining. Die Lösung des Problems führt zur Entspannung des angespannten Geistes, zu einer Entlastung, die mit Lustgewinn verbunden ist. Wobei auch die Logik umgebogen, in die Irre führen kann.
    Beispiel 1:
    Ein klassisches Rätsel: Erst kriecht es auf allen Vieren, dann geht es auf zwei Beinen, zum Schluss auf drei Beinen. Was ist es? – Der Mensch.
    Beispiel 2:
    Was ist der Unterschied zwischen einem Beinbruch und einem Einbruch? –
    Nach einem Beinbruch muss man liegen, nach einem Einbruch muss man sitzen.
    Beispiel 3:
    Was passiert mit einem Engel, der in einen Misthaufen fällt? –
    Er bekommt Kotflügel.
    In allen diesen Fällen funktioniert die Verschiebungstechnik Sigmund Freuds ausgezeichnet.
    d. Dreitaktigkeit
    Viele Witze funktionieren über die Dreitaktigkeit mit Achtergewicht (Gewicht auf dem letzten Glied), meist in der grammatischen Gestalt der Steigerung, die über die Stufen Simplex, Komparativ und Superlativ läuft. Dies sorgt für einen Spannungsbogen, der erst beim Superlativ zu einer Lösung führt, meistens die Pointe bildet.
    Beispiel 1:
    Was sind die Unterschiede zwischen Philosophie, Metaphysik und Theologie?
    Von Philosophie spricht man, wenn einer in einem dunklen Zimmer mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht.
    Von Metaphysik spricht man, wenn einer in einem dunklen Zimmer mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist.
    Von Theologie spricht man, wenn einer in einem dunklen Raum mit verbundenen Augen eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist und plötzlich ruft: Ich hab’ sie!
    Beispiel 2:
    Ein Priester, ein Pastor und ein Rabbi kommen zusammen, um darüber zu diskutieren, wann das Leben beginnt. „Das Leben beginnt in dem Augenblick“, sagt der Priester, „wenn das Ei befruchtet wird.“ Der Pastor ist unzufrieden. Er denkt nach und meint ausweichend: „Das verhält sich nicht in jedem Fall so.“ Wie er gerade zu einer längeren Erklärung mit Beispielen ausholen will, fährt ihm der Rabbi in die Parade: „Was redet ihr. Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus und Ehefrau und der Hund gestorben sind.“
    Beispiel 3:
    Drei Blondinen feiern gemeinsam ihren 30. Geburtstag. Dazu laden sie sich eine Zauberin ein, die ihnen einen Wunsch erfüllen soll.
    Bittet die erste, sie möchte noch blonder werden.
    Bittet die zweite, sie möchte noch schöner werden.
    Bittet die dritte, sie möchte noch dümmer werden.
    Beim 3. Wunsch stutzt die Zauberin und es dauert ein bisschen länger als sonst, bis der Wunsch umgesetzt wird. Herauskommt – ein Mann.
    e. Prinzip Ähnlichkeit – Kontextgebundenheit
    In vielen Witzen wird vom Zuhörer verlangt, das er in der Lage ist, eine Ähnlichkeit zwischen dem im Witz Erzählten und einem ähnlichen, nicht erwähnten bekannten Phänomen zu erkennen.
    Beispiel 1:
    Zwei Ganoven kommen durch illegale Geschäfte zu ungeheurem Reichtum. Um in die höhere Gesellschaftsschicht aufgenommen zu werden, lassen sie sich von dem berühmtesten Maler porträtieren. Ihre Porträts hängen sie in einer Ausstellung aus und sie bitten einen bekannten Kunstkritiker, sie angemessen zu würdigen. Die Ausstellung findet statt, der Kunstkritiker kommt und betrachtet lange die Bilder. Dann schüttelt er den Kopf und weist auf den freien Raum, der sich zwischen den beiden aufgehängten Porträts befindet, hin und merkt an: „Ich vermisse den Heiland“.
    Beispiel 2:
    Der Umfang eines dicken Mannes wird wie folgt beschrieben: Reise um die Welt in 80 Tagen.
    12. Das Lachen
    a. Tierpsychologen haben über Ultraschall-Untersuchungen herausgefunden, dass das Lachen sich aus einer Beschwichtigungsgeste heraus entwickelt hat. Lachen als Signal der Unterwerfung wurde bei Ratten festgestellt, die im Spiel hierarchische Machtverhältnisse ausprobieren. Die Unterwerfung wird durch ein quiekendes Lachen zum Ausdruck gebracht. Übertragung auf Menschen: Wer uns zum Lachen bringt, wie der Chef, der Witze erzählt, dem unterwerfen wir uns. Wir mögen ihn. Wir wollen von ihm gemocht werden. Vom Chef wird nicht verlangt, dass er über einen Witz lacht (Einhaltung der Hierarchie).
    Und der Witzerzähler wird attraktiv für die Zuhörenden. Man könnte sagen: Der Witzerzähler baut eine neue Hierarchie auf. Er besitzt die Hoheit über das Sprachhandeln, das sprachliche Machthandeln, dem das Publikum sich durch Zuhören und Lachen unterwirft. Er wird als intelligent angesehen, da er uns über den Witz neue Wege zeigt, die Dinge zu sehen.
    Der amerikanische Psychologe David Busse hat jahrelang Heiratsannoncen untersucht. Am Besten schnitten die Männer ab, die den Wünschen der Frauen nach „Good Sense of Humor“ am ehesten entsprachen. Wer Humor besitzt, so argumentiert der Psychologe, gebe zu erkennen, dass er auch über viele andere positive Eigenschaften verfüge, etwa mit Babys umgehen zu können oder Kinder großzuziehen.
    b. Kognitionspsychologe Matthew Hurley von der Indiana University bringt das Witzerzählen und -verstehen mit einem „Belohnungssystem“ in Beziehung. Als Kognitionspsychologe interessiert ihn natürlich die Gehirntätigkeit. Und da speziell die Tatsache, dass das Gehirn fortlaufend Vorhersagen produziert, die sich aber, wenn sie unter Zeitdruck erfolgen, was häufig der Fall ist, als falsch herausstellen. Sie müssen, damit der Mensch handlungsfähig bleibt, daher schnellstmöglich korrigiert werden. Diesen Erfolg der Fehlerkorrektur genießen wir. Wir freuen uns, sind stolz auf uns. Und belohnen uns dafür mit Heiterkeit oder einem Lachen. Der Witz, so Hurley, stelle Denkfehler heraus, die zu erkennen und zu korrigieren die Hörenden sich bemühen. Heiterkeit oder Lachen sind die Belohnungen dafür, dass wir einen Witz verstanden haben. Die Intensität der Heiterkeit oder des Lachens hänge von der Stärke der Erregung, der Emotionen ab, die der jeweilige Witz erzeugt. Und hier sind es bekanntlich die Witze, die von Sex, Gewalt, Tod, Rassismus handeln. Die Stärke der Emotionen im Witz übertrage sich auf die Intensität der Heiterkeit, des Lachens. Zwar sei bislang noch kein Gen für Witze entdeckt worden. Es gebe einen „Wettbewerbsvorteil“ für Humor und insofern auch eine „biologische Grundlage“, die den kognitiven und emotionalen Charakter des Humors begründet. Hurley gibt allerdings zu, dass Umwelteinflüsse wie die jeweilige Kultur die Ausprägung von Humor beeinflussten.
    13. Witztheorien
    a. Lipps (Philosoph und Psychologe 19. Jh.)
    Nach ihm ist der Witz bewusste und geschickte Hervorhebung der Komik (sehr allgemein). Ein Vorstellungsspiel: Spiel mit der Wahrheit. Scheinbar enthält die Witzaussage einen Sinn, eine Wahrheit, die sofort wieder zurückgenommen wird.
    b. E. Kraepelin (Psychologe)
    Der Witz kommt durch Verdichtung, die Erzeugung zweier miteinander konkurrierender Vorstellungen, meistens per Assoziation, zustande, die aber missglückt.
    c. H. Bergson (franz. Philosoph)
    Witz als Nachahmung: Er erinnert an einen „starren Mechanismus oder Automatismus“, einen „seelenlosen Rhythmus“, er ahmt diesen nach (Komik der Nachahmung). Der Witz erinnert an den bloßen „Mechanismus“. Das Leben aber sieht anders aus. Aus diesem Gegensatz geht die Komik hervor.
    d. O. Weininger (Kulturkritiker)
    Humor zeigt alles, was möglich ist. Der Witz sucht den Widerspruch in den Erscheinungen, kompromittiert damit die Erfahrungswelt.
    e. H. Plessner
    Die Komik des Witzes ergibt sich aus dem Mittel der Sinnüberschneidung. Witz setzt mehrere Bedeutungen in eins, so dass sie sich überlagern, aber nicht verdrängen. Zentrales Mittel: die Anspielung durch Doppelsinn. Im Witz offenbare sich das doppelte Verhältnis des Menschen zur Sprache: in ihr zu reden und gegen sie.
    f. S. Freud
    Abbau von Verdrängungsaufwand zielt auf Lustgewinn. Witz bedeutet die unerwartete Erfüllung eines bislang gehemmten Triebes und damit die Ersparnis von Unterdrückungsaufwand.
    g. Th. Reik (Psychoanalytiker
    Verstärkt Freuds Theorie von der Aufhebung von Hemmungsaufwand. Macht daraus doppelten Schock.
    Erster Schock: die „Wahrnehmung der unbewussten Triebregung“, die im Witz zum Ausdruck gebracht wird.
    Zweiter Schock: das „Auftauchen der alten Gewissensangst“ durch den „Gedankenschreck“ im Witz. Die Witzlust ergibt sich dadurch, dass das Ich jetzt unbelastet auf alte Lustquellen zurückgreifen könne, die jetzt „unzulänglich“ geworden sind.
    h. A. Jolles (Einfache Formen)
    Der Witz führe zu einer Lockerung des Geistes indem er die Sprache, die Logik, die sozialen Normen usw. entbindet, außer Kraft setzt. So löse das Absurde im Witz das „philosophisch Logische“ sowie das Unanständige, die so genannten guten, moralischen Sitten. Insgesamt löse der Witz die „Spannung in Leben und Denken“.
    i.
    Kontextwechsel = das Umkippen von einem Kontext in den anderen. Das Wesentliche bestehe im Unwesentlichen fort. Das Lachen mache aus dem Ernst etwas Unernstes.
    j. A. Welek (1970)
    Witz = vergeistigte Komik. Eine unvermittelte Erkenntnis werde aufgedeckt, die von Zusammenhang von Unvermutetheit. Der Witz mache den Gegensatz von Festgefügtem und dem Unvermuteten ähnlich.
    Copyright: Professor Dr. Albrecht Schau

51. Peter Bach jr., 8. Oktober 2015

Die Familie Bach

  • Peter Bach jr und seine Frau Renate sind ein Team „unterwegs in Sachen Bach“. Während sich Peter Bach jr. um alle Texte kümmert, fotografiert und eine Homepage nach der anderen ins Leben ruft, gründete seine Frau Renate den Renate Bach Verlag.
    Bach jr. empfindet sich eigentlich überhaupt nicht als Genealoge, wenngleich seine Forschungen zu speziell einer Generation, nämlich der vor der bekannten ältesten, ausgesprochen intensiv und umfangreich ausfallen.

    Die Genealogie der Musikerfamilie Bach ist weitgehend bekannt, wenn man von der Zuordnung von etwa 5 – 10 Zweigen, die aus einer Zeit vor dem bekannten Stammvater der Bache abgehen, einmal absieht. Einfache Herausforderungen und auch anspruchsvolle sind genealogisch gelöst und wo es so schwierig wird, dass selbst die berühmtesten der 7.000 Bach-Biografen – Könner wie Spitta, Forkel, Schweitzer und Terry – im Nebel herumstocherten, da blieb bis heute für nachfolgende Bach-Genealogen „wenig übrig“. Bach-Genealogen, denen die Erforschung rund um den Stammvater Veit Bach in der heutigen Form nicht ausreicht, haben einen schweren Stand. Bach jr. und Ehefrau Renate kämpfen seit über vier Jahren, um in genau diesen Teil der Bach-Genealogie mehr Licht zu bekommen.

    Begonnen hat das Interesse der beiden Bachs vor runden 40 Jahren. In der Familie war damals die Rede von einem Schuhkarton voller Recherchen und Bilder, der im zweiten Weltkrieg und den Wirren danach verloren gegangen war. Er enthielt die Ergebnisse und die Recherche des Großvaters, seine Genealogie-Anstrengungen die in der Aussage gipfelten: „Wir sollen ja mit Johann Sebastian Bach verwandt sein!“,
    Aber erst das Jahr 2010 war dann das entscheidende mit ersten tatsächlichen Schritten in Sachen eigener Bach-Genealogie. Peter Bach berichtete von seiner Recherche unter 100 Bachs in München. Er untermauerte seine These mit drei weiteren Erlebnissen, bei denen er überprüfte, ob genau dieser Wortlaut und Hinweis auch bei anderen Suchenden in Sachen Bach existierte.

    Bach führte sein Publikum über den gefundenen „Schuhkarton“, der niemals verloren war, sondern aus einem Familienbuch bestand mit etwa 15 Eintragungen, hin zu einem Pfarrer Bach in Marbach. Über die Enttäuschung, dann überhaupt keine Bachs im berühmten Marbach am Neckar in Stuttgart gefunden zu haben, führte der Weg über eine noch intensivere Suche im Internet zum absolut unbekannten Vorort Marbach in Erfurt, ins Herz der Musikerfamilie. Bach erzählte zunächst von der Begeisterung und der nachfolgenden Enttäuschung mit dem vorläufigen Ende ihrer Recherche mit Zacharias Bach.

    Nach 9 Stunden Forschung im Internet wurde er tatsächlich fündig und fand zunächst die Autorin Helga Brück, die in Erfurt ein Buch über einen ausgewanderten Zweig der Familie Bach schrieb. Peter und Renate Bach vereinbarten einen Termin mit der Bach-Forscherin und Bach-Autorin und erhielten als Willkommensgeschenk bei einem Treffen in Erfurt die Genealogie der Binderslebener Linie der Bach-Familie. Die Überraschung und der besondere Fund auf diesem 4 x 1 Meter langen Stammbaum ist der Vorfahre Zacharias. Bis zum vollkommen überraschenden Tod von Frau Brück im Jahre 2013 entwickelte sich eine herzliche Freundschaft.

    Beide, Peter Bach jr. und Ehefrau Renate forschen inzwischen nach Verbindungen zu sechs sehr wahrscheinlichen Bach-Linien, darunter zwei weiterer US-Zweige, zum so genannten Rhöner Stamm und zu einer Linie in den Niederlanden, die beide Bachs mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 % zuordnen. Ein erst seit sehr kurzer Zeit möglicher DNA-Vergleich soll hier mit einem der spezialisiertesten Experten der Welt schon bald nähere Information ermöglichen.

    Bachs besonderes Interesse gilt dem Stammvater der Musikerfamilie, Veit Bach. Dessen Existenz zu beleuchten und die Eckwerte von Eltern und Großeltern zu erforschen, ist Bachs Hobby im Hobby. Der Weg führt ihn dabei zum einzigen Menschen, der den Nachweis erbrachte, dass Veit Bach eben nicht in Pressburg in Ungarn geboren ist, sondern in Böhmen geboren wurde. Und ein Hans Veit Bach zuvor von Gräfenroda, Thüringen ausgewandert ist. Die Genealogie beginnt also nicht 1690 mit Veit, sondern zunächst – wie aus einem anderen Dokument bestätigt, der so genannten Kirchenbuße – im Jahr 1504. Die Bach-Genealogie beginnt auch nicht in Wechmar, sondern eben im wenig entfernt benachbarten Gräfenroda. Vier Dokumente liegen als glaubhafte rund 50 Jahre alte Schreiben vor. Im ersten ist deutlich aufgeführt, dass Johann Sebastian Bach Gräfenroda besuchte, im zweiten ist klar, dass ein Veit Hans Bach Gräfenroda Richtung Böhmen verließ, in einem dritten ersieht man eindeutig, dass beide Auswanderer – Bach reiste nicht alleine – in Böhmen auch ankamen und ein viertes stellt sogar eine Beugung der Geschichte ganz offensichtlich dar. Seit den 60iger-Jahren des letzten Jahrhunderts sind mit dieser Beugung 3 oder sogar 4 Kirchenbücher spurlos „verschollen“.
    Noch einmal zum Ursprung dieser Hinweise zum Start der Genealogie der Musikerfamilie Bach zu kommen, das ist, was Peter Bach jr. im Moment „umtreibt“ und ihn eine Korrespondenz mit 42 Bürgermeistern und Oberbürgermeistern sowie 25 Kloster beginnen ließ.

    Im Internet-Portal „BachUeberBach.de“ und dort unter „Genealogie“ kann jeder auf umgerechnet runden 90 Buchseiten ganz genau nachlesen, wie ganz speziell der Stand in der Bach-Forschung rund um Veit Bach im Moment ist und vor allem, wie sich der Stand beinahe monatlich weiterentwickelt, und zwar durch Anfragen von Hobby-Genealogen aus der ganzen Welt. Durch Anfragen, natürlich zur Genealogie von Bach und speziell zur Johann-Sebastian-Bach-Genealogie.
    Im englischen Schwesterportal „BachOnBach.com“, wird ein bedeutender Abschnitt der Genealogie der Musikerfamilie Bach beschrieben, die Erforschung der frühesten drei Bach-Generationen spielt eine besondere Rolle.
    Bach und seine Frau bieten auch an, Genealogen in Sachen Musikerfamilie bei deren Recherche behilflich zu sein wenn Hobbyforscher prüfen wollen, ob sie zur Familie oder einem der verschiedenen Zweige gehören. Peter Bach jr. ist auch der Autor einer Bach-Biografie für Kinder sowie von einem Malbuch über Bachs Leben.

    Internet-Portale:
    www.bach4you.de
    www.bachueberbach.de
    www.bachonbach.com
    www.bach-in-wechmar.de

    Homepage für Kinder:
    www.johann-sebastian-bach-fuer-kinder.de


    Renate Bach Verlag:
    „www.Bach 4 You.de“,

50. Christa Enchelmaier, 12. März 2015

Unterwegs geboren – eine heimatlose Kindheit, Autorenlesung

  • Es gab Zeiten, da wollte Ch. Enchelmaier nichts wissen von ihrer bessarabischen Herkunft, sie schämte sich dafür. Inzwischen hat sie  ihre Meinung geändert und wollte ihre Geschichte aufschreiben und Kriegstraumatas aufarbeiten. Sie fing an zu forschen, las und sammelte viele Fakten und Geschichten – über  ihre Geburt in einem Lager, die Umsiedlung der Familie aus Bessarabien nach Polen, die Vertreibung von dort, über die Zeit, die sie als kleines Kind im Arbeitslager und im Gefängnis verbringen musste.

    Bei ihren Recherchen stieß sie auf die Geschichte ihres Urururgroßvaters Johann Daniel Hermann, ein Wengerter aus Kleinheppach. Er verließ wie viele andere Remstäler im 19. Jahrhundert mit seiner Familie seinen Heimatort und machte sich auf gen Osten auf der Suche nach einer besseren Zukunft.
    Das neue Leben von Johann Daniel Hermann und seiner Frau Wilhelmine geb. Gall sowie ihren vier Kindern hat am 24. September 1833 begonnen.  Sie hatten eine Wegstrecke von 2000 km vor sich und 600 Gulden in der Tasche. In Kleinheppach war man nicht begeistert gewesen, dass der langjährige Gemeinderat, der schon 56 Jahre alt war, auswandern wollte. Die Familie war sehr beliebt und er wurde immer wieder vor einer Auswanderung nach Rußland gewarnt. Was Enchelmaiers Vorfahren dazu bewogen haben könnte, hat sie in mühevoller Arbeit zusammengesucht. Kirchenbücher waren eine Quelle, und fündig geworden ist sie im Staatsarchiv Ludwigsburg.
    Kleinheppach – ihre Heimat –  haben die Hermanns vermutlich aus mehreren  Gründen verlassen, Armut war sicher einer davon. Schlimme Hungersnöte und Missernten  verursachte der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1816, der rund um den Erdball die Sonne verfinsterte. Noch in den Jahren 1829 – 1830  folgten drei Missernten aufeinander.
    Ein weiterer Ansporn für die Auswanderung war die Religion. Die Mitglieder der Familie Hermann waren Pietisten. Die Kirchenzucht, die nirgends so intensiv war wie in Württemberg, hatte dazu geführt, dass jeder streng bestraft wurde, der im Gottesdienst fehlte. Das hat den separistischen Bewegungen sehr viel Zulauf beschert. Außerdem durften die jungen Leute nicht heiraten, wenn sie keine Arbeit und kein Geld hatten.
    Ein Separatist war der katholische Priester Ignatz Lindl, der 1818 seine Pfarrei verlor und einige Zeit später vom russischen Zaren Alexander I. ein großes Grundstück in Bessarabien geschenkt bekam. Dort gründete er mit seinen Anhängern die Ortschaft Sarata, die heute zur Ukraine gehört.
    Dorthin wollte auch das Ehepaar Hermann mit seinen 29 und 26 Jahre alten Töchtern sowie den 18- und 14-jährigen Söhnen. Außerdem waren der ledige Bruder des Familienoberhauptes und eine Magd mit von der Partie. Vor der Auswanderung mussten sie  ihre Bürgerrechte abtreten und nachweisen, dass sie schuldenfrei waren, erst dann erhielten sie den nötigen Reisepass für alle. Hätte J. D. Hermann damals gewusst,  dass er schon  zwei Jahre später sterben würde, er wäre vermutlich in Kleinheppach geblieben.     
    Im Frühjahr 1834 kamen sie nach einer langen Reise in Sarata an. Weil dort kein Land mehr zu vergeben war, wurde  die Familie  in der erst 1833 gegründeten Ortschaft Gnadental angesiedelt, wo sie 66 Hektar Land übernahm. Von einem Deutschen, der weiterziehen wollte, kaufte das Familienoberhaupt  für 200 Rubel eine „Pude“. Das war eine 2-Zimmer-  Erdwohnung. Vorne war die Küche und hinten ein Schlafzimmer für alle. Das Dach war mit Schilf gedeckt. Die Siedler haben fast wie die Tiere gehaust.  Die Ankunft in der neuen Heimat war eine Enttäuschung. Zu den primitiven Wohnverhältnissen kam noch hinzu, dass rundum schwer zu bewirtschaftende Steppe war,  mit dem Holzpflug scheiterten die Siedler. Das  ganze Dorf beschloss einstimmig, wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Doch Seuchen, Tod und Geldmangel machten eine Rückreise unmöglich. Der Spruch „Den ersten trifft der Tod, den Zweiten die Not und erst den Dritten das Brot“ bewahrheitete sich. Bereits 1836 wurde Johann Daniel Hermann beerdigt, seine Frau starb zwei Jahre später. Erst ihre Kinder und Kindeskinder konnten sich eine bessere Existenz aufbauen.
    Nach nur 5 Generationen mussten sie jedoch alles, was sie in der Zwischenzeit erarbeitet hatten zurücklassen. Sie wurden von Hitler wieder nach Deutschland geholt. In einem Umsiedlungslager wurde die Autorin 1940 geboren. Ihre Familie wurde dann im Warthegau angesiedelt. Von dort mussten sie im Januar 1945 fliehen. Sie schafften es nicht, in den Westen zu gelangen, weil die Oderbrücke in Frankfurt gesprengt wurde und ein Weiterkommen unmöglich war. Zehn Jahre war die Familie auf verschiedenen Stationen unterwegs bis sie in Niedersachsen eine Bleibe fanden. 
    Christa Enchelmaier zog 1961 von Niedersachsen nach Heilbronn und wohnt seit 1970 in Brackenheim. 
    Im Jahre 2000  reiste sie nach Gnadental. Das Haus ihres Großvaters mütterlicherseits  steht nicht mehr, es gibt keine Spuren mehr der Familie.

    Buch-Tipp

    Christa Enchelmaier
    Unterwegs geboren – Eine heimatlose Kindheit
    Autobiografische Erzählung

    Taschenbuch 13,20 €

    Klecks Verlag
    ISBN 978-3-95638-166-9

49. Holde und Dietrich Gaa, 12. Februar 2015

Talheim und der Türkenlouis

  • Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden wurde im Jahr 1655 in Paris geboren, er starb 1707 in Rastatt. Wegen seiner Erfolge in den Türkenkriegen von 1682-1692 wurde er „Türkenlouis“ genannt.
    Er wurde im Wesentlichen von seinem Großvater Markgraf Wilhelm von Baden (*1593, +1679) erzogen da sein Vater Ferdinand Maximilian bereits 1769 bei einem Jagdunfall starb. Seine Mutter hatte er nie kennen gelernt, sie hatte sich geweigert Paris zu verlassen und nach Baden-Baden zu kommen. Daraufhin entführte der Vater seinen 3 Monate alten Sohn, ließ ihn in Baden-Baden taufen und am Hofe des Großvaters aufwachsen.
    Nach Kavaliersreisen in Frankreich, Italien, aber auch den Niederlanden und Deutschland nahm Ludwig Wilhelm im Jahr 1676 an einem Feldzug zur Befreiung von Philippsburg teil und durfte Kaiser Leopold I. die Siegesbotschaft überbringen. Daraufhin ernannte der Kaiser den 21jährigen zum Oberst.
    1683 ist er bei der Befreiung Wiens mit dabei und kämpft von nun an in den Türkenkriegen, unter seiner Führung gelingt die Rückeroberung Ungarns und die Befreiung Siebenbürgens. Die militärischen Erfolge bringen ihm höchste Ehren und den Beinamen „Türkenlouis“ ein, 1686 wird er vom Kaiser mit 31 Jahren zum Feldmarschall ernannt.
    Wegen seiner Verdienste vermittelte Kaiser Leopold I. ihm eine sehr lukrative Ehe mit einer der Töchter des verstorbenen Herzogs Julius Franz von Lauenburg (1641–1689).
    Sibylla Augusta (1675 – 1733) und ihre 3 Jahre ältere Schwester Anna Maria Franziska zählten zu den begehrtesten Partien in Europa. Sie verbrachten ihre Kindheit und Jugend in Schlackenwerth in Böhmen, wo der Vater große Besitzungen hatte. Sie genossen eine sorgfältige Erziehung, ihr Kunstverständnis wurde durch die reichen Kunstsammlungen geschult. Regierungs- und Verwaltungsarbeit lernten sie schon früh beim Vater. Ihre Mutter Maria Hedwig Augusta, Gräfin von Pfalz-Sulzbach starb bereits 1681, der Vater Julius Franz Herzog von Sachsen-Lauenburg im Jahr 1689. Er hatte den Kaiser zum Vormund seiner Töchter bestimmt.
    Der Kaiser, der nie Geld hatte, sah eine Gelegenheit, seinen erfolgreichen Feldherrn Ludwig Wilhelm von Baden für die Zerstörung seiner Markgrafschaft durch die Franzosen im sog. Pfälzischen Erbfolgekrieg und ausstehende Zahlungen als Heerführer zu entschädigen. Er hatte die ältere Franziska für den Türkenlouis vorgesehen, für Prinz Eugen, der ebenfalls entschädigt werden sollte, die jüngere Sibylla.
    Ludwig Wilhelm verliebte sich jedoch in Sibylla und verlobte sich nach 4 Tagen mit ihr. Er war 35, sie 15 Jahre alt. Nicht nur Staatsräson, auch Liebe war im Spiel. Noch im selben Jahr (1690) fand die Hochzeit statt, was der älteren der beiden Schwestern sehr missfiel. Gekränkt lehnte sie den Prinzen Eugen als Partner mit der Begründung ab, er sei kein regierender Fürst.
    Prinz Eugen von Savoyen (*1663 Paris, +1736 Wien) war der Vetter von Ludwig Wilhelm. Er war 8 Jahre jünger und sein Nachfolger als Oberbefehlshaber im Osten gegen die Türken und im Westen gegen die Franzosen. Die Vettern waren immer Konkurrenten im Militärischen im Osten, im Politischen um die Gunst des Kaisers und auch im Privaten um die Gunst der Lauenburgischen Prinzessinnen.
    Kurz nach seiner Heirat mit Sibylla Augusta musste Ludwig Wilhelm jedoch wieder in den Krieg gegen die Osmanen ziehen. In der Schlacht bei Slankamen konnte er 1691 seinen größten Triumph erzielen und wurde von Kaiser Leopold I. zum Generalleutnant aller kaiserlichen Truppen ernannt. Dieser Titel wurde im 17. Jahrhundert nur fünfmal verliehen. Später wurde Ludwig Wilhelm als Anerkennung seiner Leistungen im Kampf gegen die Osmanen der Orden vom Goldenen Vlies verliehen.
    Aufgrund der Ereignisse im Pfälzischen Erbfolgekrieg rief der Kaiser ihn an die heimatliche Front am Rhein zurück, und sein Vetter trat seine Nachfolge im Krieg gegen die Osmanen an. Prinz Eugen war nicht weniger erfolgreich und siegte am 11. September 1697 in der Schlacht bei Zenta (Senta) über Sultan Mustafa II. Damit erreichte er im Frieden von Karlowitz schließlich den erwünschten Erfolg. Fortan stand Ludwig Wilhelm stets im Schatten seines Cousins Prinz Eugen.

    Ludwig Wilhelm kämpfte derweil am Rhein gegen die Franzosen, die 1697 im Frieden von Rijswijk ihre rechtsrheinischen Gebietsgewinne wieder zurückgeben mussten. Da seine Frau Sibylla ungern von ihm getrennt war reiste sie ihm in seine verschiedenen Feldlager nach: Nürnberg, Augsburg, Aschaffenburg, Heilbronn (Haigern) und Günzburg. Sie war eine tatkräftige junge Frau.
    Nachdem sein Schloss in Baden-Baden zerstört worden war, verlegte Ludwig Wilhelm seine Residenz von Baden-Baden nach Rastatt. Dort erbaute er 1697–1707 das Schloss Rastatt nach dem Vorbild von Versailles. Rastatt gilt als erste in Deutschland erstellte Residenz nach französischem Vorbild.
    Das Haus Baden war seit 1535 geteilt in das katholische Baden-Baden und das evangelische Baden-Durlach, es bestand aus verstreut liegenden Besitztümern. 1679 wird Ludwig Wilhelm mit 24 Jahren regierender Fürst und hat ehrgeizige Ziele: er will sein Land wieder vereinen. Das gelingt ihm jedoch nicht, erst 1771 werden Baden-Baden und Baden-Durlach unter den evangelischen Baden-Durlachern vereinigt.
    In 17 Ehejahren bekam Sibylla nach 3 Fehlgeburten 9 Kinder. Nur 3 Kinder, 2 Söhne und 1 Tochter, erreichten das Erwachsenenalter.
    Nach dem Tod von Ludwig Wilhelm im Jahr 1707 übernimmt die Witwe mit 32 Jahren die Regierungsgeschäfte. Ihr größter Verdienst ist die Sanierung des verwüsteten und entvölkerten Landes durch Einsatz ihres eigenen Vermögens.
    Im Jahr 1721 fordert sie die Rückzahlung der Schulden des Kaisers – Entschädigungen, Gehaltszahlungen, Rückzahlung geliehener Gelder – in Höhe von 2.000.000 Gulden.
    Sie reist nach Wien und erreicht wenigstens Zahlung von 750.000 Gulden durch Kaiser Karl V.
    1727 übernimmt der Sohn Ludwig Georg die Regierung, Sibylla zieht sich auf ihren Witwensitz in Ettlingen zurück. Dort stirbt sie im Jahr 1733 nach einem langen Krebsleiden.
    Die Vertreibung der Franzosen
    40 Jahre lang, von 1674-1714, überzogen die Franzosen in drei Verwüstungskriegen Süddeutschland. Ziel war die militärische und politische Vormachtstellung zu erringen und die Rheingrenze zu sichern.
    Der zweite dieser Kriege ist der pfälzische Erbfolgekrieg von 1688-1697 in dem die Franzosen unter Ludwig XIV. Erbansprüche auf die Kurpfalz stellten und diese mit Waffengewalt durchsetzen wollten. Fast alle Aktionen gingen von Philippsburg aus, das im Oktober 1688 eingenommen und bis 1697 von den Franzosen besetzt war.
    Im Jahr 1688 wurde auch Heilbronn vom 10. Oktober bis Anfang Januar 1689 besetzt und musste hohe Kontributionen leisten. Von Heilbronn aus unternahmen die Franzosen Raubzüge bis Nürnberg und brannten bei Nichtzahlung der Forderungen die Orte einfach nieder.
    Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden war Feldherr des Kaiserlichen Heeres. Er veranlasste den Bau der „Eppinger Linien“ in den Jahren 1695 bis 1697 um französische Raubzüge zu unterbinden. Sie waren eine befestigte Verteidigungslinie, die von Weißenstein bei Pforzheim über Mühlacker, Sternenfels, Eppingen bis nach Neckargemünd reichte. Sie hatte eine Gesamtlänge von 86 km.
    Trotz verschiedener Siege konnte er jedoch nicht verhindern, dass die Franzosen nach Württemberg vordrangen und das Land ebenso verwüsteten, wie zu Kriegsbeginn die Pfalz. Außerdem musste das Land die Zahlung von 100.000 Talern jährlich als Kriegskontribution zusagen.
    Allerdings gelang es den Franzosen nicht, den Markgraf zu einer entscheidenden Schlacht zu zwingen so dass die französischen Truppen wieder über den Rhein zurück gehen mussten.
    Entscheidend für den Rückzug war die nicht statt gefundene Schlacht am Haigern. Ludwig Wilhelm hatte im Wald um den Haigern und auf dem Berg Schanzen und Sperren bauen lassen und dort sein Hauptquartier aufgeschlagen. Im Wald befinden sich heute noch Reste der Gräben und Schanzen.
    Im Juli 1693 standen zwischen Horkheim, Talheim, Flein und Untergruppenbach 45 000 Mann zur Verteidigung bereit.
    Am 2. August 1693 rückte das Französische Heer mit 80 000 Mann von Neckarwestheim, llsfeld und Wüstenhausen unter Führung des französischen Kronprinzen zum Hohrainhof vor. Als er die gute Verschanzung des „Türkenlouis“ sah, brach er seinen Angriff ab und zog sich zurück. Die Schlacht war gewonnen, bevor sie begonnen hatte.
    In der Folgezeit waren die Franzosen auf dem deutschen Kriegsschauplatz zahlenmäßig unterlegen, so dass sie sich im Wesentlichen auf eine defensive Kriegsführung und die Verteidigung der eigenen Grenzen beschränkten
    Die Folgen für Talheim
    Wie es danach in und um Talheim ausgesehen hat nach einer mindestens 3-wöchigen Belagerung durch insgesamt über 120 000 Soldaten, die sich wie damals üblich aus dem Lande ernährten, kann sich jeder selbst vorstellen.
    Im Jahr 1690 ist Talheim ein armer, fast öder Ort. Im Sommer geraten die Einwohner zwischen die Fronten des kaiserlichen und französischen Heeres. Etliche 30 Gebäude und Scheunen wurden abgerissen, die Güter verödet, das Schafhaus ruiniert, 400 Morgen Wald umgehauen.
    Sie flüchten für zwei Monate (Juli/August) nach Horkheim, das schon weitere Flüchtlinge aus Bietigheim, Bönnigheim, Neckargartach und vielen anderen Orten beherbergte.
    Nach der Rückkehr der Talheimer schrieb der Pfarrer ins Begräbnisregister: „ Nachdem wir durch Gottes Gnade wieder nach Hause gezogen sind und durch nachfolgenden Monathen bis auf den 10 November an der Rothen Ruhr, hitzigen Fiebern und anderen Zufällen nachfolgende Personen in Chr. entschlafen, deren Alter und Lebenszeit …..nicht hat verzeichnet werden können da dieses Register nicht da war…“
    Vor dem Jahr 1693 starben in Talheim jährlich durchschnittlich 11 Einwohner, davon 6 Kinder. Im Jahr 1693 waren es 70 Einwohner, davon 36 Kinder.
    Copyright Holde und Dietrich Gaa

48. Helmut Belthle, Ludwigsburg, 11. September 2014

Die Erforschung von Scharfrichterfamilien

  • Das Scharfrichteramt wurde erstmals 1276 in Augsburg und 1446 in Heilbronn erwähnt.
    Die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Scharfrichter waren in der Regel überdurchschnittlich gut.
    Anhand von ausgewählten Bildern stellte H. Belthle einzelne Scharfrichterportraits vor: Scharfrichter Andreas Bürck (1647-1702) von Schwäbisch Hall, Jakob Vollmar (1677) von Zürich, Theodor Mengis (1839-1918) von Rheinfelden, Franz Joseph Wohlmuth (1738-1823) von Salzburg), Johann Michael Widmann (1723) von Nürnberg, Carl Heinrich Moritz Brand (gestorben 1927) von Sachsen und Lorenz Strassburger (1602-1695) von Görlitz.
    Dabei wurde deutlich, dass diese Vertreter der Hohen Gerichtsbarkeit einen durchaus bürgerlichen Habitus an den Tag legten: aufwändige Kleidung, Schmuck, Wappen. Ähnlich verhält es sich mit den im Privatbesitz befindlichen Scharfrichterhäusern. Die Heilbronner Scharfrichter hatten eine Dienstwohnung in der Fischergasse, früher auch Henkergasse genannt. Ein weiteres Gebäude in derselben Gasse war in ihrem Privatbesitz. Einige Scharfrichterhäuser lagen innerhalb, einige außerhalb „etters“ (d.h. der Stadtmauer). Die Bezeichnung „Meisterhof“ deutet in der Regel darauf hin, dass es sich um eine ehemalige Wasenmeisterei (Wohnort eines Abdeckers) handelt.
    Um den Scharfrichterberuf ausüben zu können, musste ein angehender Scharfrichter eine lange und gründliche Ausbildung absolvieren. Nach bestandenem Examen (kunstgerechte Enthauptung eines Delinquenten) durfte er sich schließlich „Meister“ nennen und sich dann um eine freie Stelle bewerben. In Heilbronn bewarben sich so z.B. um die Nachfolge des 1726 verstorbenen Scharfrichters Johann Christoph Grossholz gleich vier Anwärter: Der Scharfrichter von Wimpfen, Georg Adam Ostertag, der Scharfrichter von Mosbach, Johann Martin Widmann, der Heidelberger Scharfrichter Johannes Scheppele (der die Stelle dann auch bekam) und der Scharfrichter von Baden-Baden, Johannes Grossholz.
    Hatte die Bewerbung Erfolg, wurde ein Vertrag geschlossen, in dem die einzelnen Rechte und Pflichten fixiert wurden. Einige Heilbronner Scharfrichter waren besonders an so genannten „Erbbestandsbriefen“ interessiert, was für den Scharfrichter den Vorteil hatte, dass er und seine Familie (d.h. Kinder und Kindeskinder) über Generationen abgesichert waren. Bei Dienstantritt hatte er zudem den Scharfrichtereid zu schwören.
    Die einzelnen Tätigkeiten und ihre Entlohnung wurden in so genannten Taxordnungen festgehalten, die erste Taxordnung Heilbronns stammt aus dem Jahr 1513.

    Scharfrichter hatten ein weites Aufgabengebiet. In erster Linie waren sie Strafvollstrecker.

    Als Todesstrafen sind hier zu nennen:
    a. Das Enthaupten mit dem Schwert
    Das Richtschwert war der ganze Stolz eines Scharfrichters. Es hatte keine Spitze (auch Ort genannt), sondern war vorne abgerundet, manche hatten eine Blutrinne und viele trugen Verzierungen in Form von Sprüchen (Beispiel: Richtschwert des Scharfrichters Vollmar aus Bad Waldsee (1737): „Hier stehe ich, hoffe nebst Gott zu Richten Recht, Jesu Christe, du bist Richter und ich der Knecht“) oder Symbolen (Rad / Galgen). Der Griff war manchmal mit Haifischhaut überzogen um die Grifffestigkeit zu erhöhen bzw. das Abrutschen zu verhindern.

    b. Das Rädern:
    Die Technik „von unten nach oben“ war besonders grausam. Der Verurteilte wurde an Pflöcken liegend auf der Erde festgebunden, unter den Beinen, Armen und Oberkörper lagen meist dreikantige Hölzer. Nach einer im Urteil festgelegten Anzahl von Stößen  wurden dem Delinquenten „von unten“ mit einem Rad sämtliche Glieder und das Rückgrat zerbrochen. Diese im Urteil festgesetzte Richtung des Räderns war für den Betroffenen besonders schmerzhaft, er erlebte die Verletzungen bis zum letzten Schlag bei vollem Bewusstsein. Als strafmildernd hingegen galt das Rädern „von oben“, wobei das Rad zuerst Kopf, Hals oder Brustkorb des Delinquenten verletzte und erst dann den Rest des Körpers. In Bad Waldsee hat sich eine hölzerne Vorrichtung zum Rädern erhalten.

    c. Das Hängen am Galgen.
    d. Zahlreiche Leibes- und Verstümmelungsstrafen
    .
    Dass es bei der Ausführung der einzelnen Todesstrafen hin und wieder zu Fehlhinrichtungen kam (mehrmaliges Zuschlagen beim Enthaupten, auch „Putzen“ genannt), ist angesichts der spannungsgeladenen, hoch emotionalen Situation durchaus verständlich.

    Gerichtsurteile wurden schriftlich festgehalten, die Hinrichtungen erfolgten auf einem erhöhten Podest. Die Hinrichtungen in Heilbronn fanden in der Regel auf dem Galgenberg statt. Der Zug zur Richtstätte ging regelmäßig durch das Sülmertor. Manche Scharfrichter führten ein „Tagebuch“  in dem sie die Hinrichtungen verzeichneten.
    Scharfrichter waren in der Regel zugleich auch Abdecker (Decke = Fell eines Tieres). Synonyme Bezeichnungen sind Wasenmeister, Kleemeister (Klee=Wiese oder Klaue), Caviller, Schinder und Fallmeister. In dieser Funktion waren sie dafür verantwortlich, die an Viehseuchen eingegangenen / gefallenen Tiere (Pferde, Rinder, Kühe, Schafe) ordnungsgemäß zu beseitigen. Der Bezirk, für den sie verantwortlich waren, wurde „Balley“ genannt. In der Regel waren es diejenigen Orte, die zum Weichbild der Stadt gehörten. Die Scharfrichter legten größten Wert darauf, dass diese schmutzigen Arbeiten nicht von ihnen persönlich, sondern von ihren Knechten (so genannten Halbmeistern) ausgeführt wurden.

    Die Haupteinnahmequelle der Scharfrichter jedoch bestand im Kurieren von kranken Menschen (und Tieren), wobei hier in der Regel eine Genehmigung der Obrigkeit erforderlich war. Grundsätzlich war den Scharfrichtern nur das Kurieren äußerlicher Gebrechen (Brüche, Stich- und Hiebverletzungen) erlaubt. Zwischen den akademisch ausgebildeten Ärzten und den Scharfrichtern gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Seltsam mutet an, dass es auch unter den Scharfrichtern promovierte Ärzte gab (Beispiel: Bayer in Heilbronn).
    Zu den weiteren Aufgaben des Scharfrichters bzw. seiner Knechte gehörte das Hundeschlagen, das Töten streunender Hunde an den sogenannten „Hundstagen“. In Heilbronn ist das Hundeschlagen schon 1497 belegt. Weitere Aufgaben sind das Verscharren der Selbstmörder und das Foltern der Delinquenten mit dem Ziel eines Geständnisses. Ohne ein Geständnis durfte niemand verurteilt werden. Nachdem die Folter Ende des 18. Jahrhunderts nach und nach aufgehoben wurde, kam es in Folge zu einer Reduzierung der Scharfrichterstellen im ganzen Reich. Zudem wurde die „Unehrlichkeit“ dieser Berufsgruppe durch Reichsbeschlüsse 1731 bzw. 1772 gelockert, so dass grundsätzlich auch in andere Berufe gewechselt werden konnte. Viele Scharfrichterkinder wählten ein Medizinstudium (Beispiele: Belthle, Bayer), wurden Tierärzte (Beispiele: Vollmar, Deigendesch) oder erlernten einen Leder verarbeitenden Beruf (zum Beispiel Sattler oder Schuhmacher).

    Scharfrichter hatten grundsätzlich kein Bürgerrecht. Dies hatte Vor- und Nachteile. Die Vorteile lagen in gewissen Steuererleichterungen und in der Freistellung von Wach- und Kriegsdiensten, die Nachteile lagen in verminderten Partizipationsrechten, z.B. Wählbarkeit in kommunale Ämter. In Heilbronn gelang es dem Scharfrichter Bayer 1754 das Bürgerrecht er erwerben. Reutlingen verlieh dem Scharfrichter das gleiche Recht,
    Schwäbisch Hall, Regenburg und Schwäbisch Gmünd lehnten es damals noch ab.

    Die Scharfrichter waren untereinander vielfach versippt, Heilbronn mit den Familien Grossholz, Carle, Widmann, Bayer, Neher und Saur. Diese Versippung durch Heiratskreise innerhalb derselben Berufsgruppe diente primär der Erhaltung und Sicherung der beruflichen Existenz und war nicht – wie vielfach angenommen – Folge einer obrigkeitlichen Vorschrift. Ein ähnliches Verhalten ist übrigens auch beim Adel und bei der württembergischen Ehrbarkeit festzustellen. Mit der Zeit bildeten sich regelrechte Scharfrichterdynastien heraus (Beispiele Großholz, Mengis, Deibler, Burckhardt, Vollmar, Deigendesch, Heidenreich). Teilweise lassen sie sich bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen, 10 und mehr Generationen.

    Ein spannendes Kapitel ist, was aus den Kindern der Scharfrichter nach 1800 geworden ist. Zu den mehr oder weniger berühmten Scharfrichternachkommen zählen z.B. die Ritter (Schokoladenfabrik Ritter), die Verlegerfamilie Burda, der Opernkomponist Albert Lortzing, die Grafikerin Käthe Kollwitz und der frühere Chef die deutschen Hochseeflotte Admiral Reinhard Scheer. Eric Carle, der in Amerika lebende Kinderbuchautor (Raupe Nimmersatt) entstammt der weitverzweigten Scharfrichterfamilie gleichen Namens. Der Mitbegründer der optische Werke Leitz in Wetzlar, Friedrich Belthle, war der Enkel des letzten Tübinger Scharfrichters, und der Erfinder der Ahoj-Brause (Theodor Beltle) entstammte derselben Familie. Dr. med. Friedrich Belthle, hoch dekorierter Stabsarzt in französischen Diensten (Ritter der Ehrenlegion), war der Sohn des letzten Tübinger Scharfrichters Georg Friedrich Belthle (+1824). Aus der Riedlinger Scharfrichterfamilie Vollmar sind bedeutende Künstler hervorgegangen. Madame Tussaud (Wachsfigurenkabinett) entstammte der Scharfrichterfamilie Grossholz von Straßburg und Franz Quirin Kober, Abdeckersohn aus Warthausen, wurde Theologieprofessor (Spezialgebiet: Kirchliches Strafrecht!) und Rektor der Universität Tübingen.

    Copyright Helmut Belthle

Nachleseseite 3 von 13
<<  <  1  2  3  4  5  6  7  8  >  >>