42. Dr. Michael Schellenberger, 13. Juni 2013

Ortssippenbuch Heilbronn-Klingenberg

  • Das Ortssippenbuch Heilbronn-Klingenberg von Dr. M. Schellenberger entstand in mehrjähriger Arbeit und ist Ergebnis der genealogischen Forschungen des Verfassers. Sein Ur-Ur-Großvater wurde in Klingenberg unehelich geboren, das war der Anlass zu intensiven Forschungen über Klingenbergs Familiengeschichte.
    Das Ortssippenbuch deckt den Zeitraum von1642 bis 1899 ab. Ab 1901 geborene Klingenberger wurden lediglich dann erfasst, wenn die Ehe der Eltern vor 1901 geschlossen wurde, die Familie mithin zuvor begründet. Die Kinder dieser Ehen wurden lediglich dem Namen nach erfasst. Gleiches gilt für alle Daten ab 1901. Diese sind dem Familienregister entnommen und  keiner Überprüfung in den Tauf-, Ehe- und Sterberegistern unterzogen worden.
    Das Buch umfasst alle relevanten Informationen der evangelischen Kirchenbücher von Klingenberg. Katholische Kirchenbücher existieren bis 1900 keine, bis dahin waren in Klingenberg nur sehr wenige Katholiken beheimatet. Gelegentlich finden sich auch Einträge von Katholiken im evangelischen Kirchenbuch.
    Für Quellen außerhalb der Kirchenbücher wird besonders auf die Skortationsprotokolle im Staatsarchiv Ludwigsburg hingewiesen, die manch unehelichen Erzeuger zutage fördern. Einbezogen wurden auch die Kirchenconvents-Protokolle, die im Pfarrarchiv Klingenberg beim Landeskirchlichen Archiv in Stuttgart unter der Nr. 15 verzeichnet sind und von 14.09.1786 bis 06.12.1844 reichen.
    Der Verfasser hat sich bemüht, interessante Kirchenbucheinträge im Wortlaut aufzunehmen und alle relevanten Daten und Informationen wiederzugeben. Gleiches gilt für alle Kirchenconvents-Protokolle. Hier wurden allerdings Schulversäumnisse, das Almosenwesen und Kirchenstuhlstreitigkeiten ausgeklammert.
    Außerdem enthält das Buch Namen- und Ortsregister sowie Standortnachweise. Adressen von Archiven, genealogischer Vereine und Bibliotheken befinden sich ebenfalls im Anhang.

    Copyright: M. Schellenberger

    Das Buch befindet sich im Archiv des Vereins.

41. Ingrid Rufflar, Leingarten, 16. Mai 2013

Unter Goethes Augen… Die Erziehung des Prinzen Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach

  • 1818 wurde der Weimarer Erbprinz Carl Alexander geboren. Die Eltern waren Erbgroßherzog Carl Friedrich und Maria Pawlowna, Großfürstin von Russland und Tochter von Zar Paul I. Prinz Carl Alexander war das vierte Kind seiner Eltern. Der erste Sohn verstarb früh, die beiden Schwestern Marie und Auguste wurden 1808 und 1811 geboren und endlich, nach langen Wartejahren, wurde der ersehnte Erbprinz geboren.
    Schon bald begann man, nach einem passenden Erzieher Ausschau zu halten, denn die Erziehung eines Prinzen war eine politische Angelegenheit. Auch Goethe und sein Schweizer Malerfreund Heinrich Meyer waren schon seit 1820 in die Suche mit einbezogen. Schließlich fand man in dem jungen Naturwissenschaftler Frédéric Soret aus Genf die geeignete Erzieherpersönlichkeit. 1822 trat dieser seinen Dienst an und blieb bis zur Volljährigkeit des Prinzen 1836 am Weimarer Hof. In Weimar gab es eine kleine Schweizer Kolonie, denn die Erzieherinnen der Prinzessinnen waren ebenfalls Schweizerinnen.
    Die Bitte der Großfürstin, Soret solle vorab seine „Gedanken über die Erziehung des junge Prinzen“ niederschreiben, setzte ihn unter großen Zeitdruck. In 36 Stunden formulierte er eine Schrift von 24 Seiten und war erleichtert, dass die Großfürstin zustimmte.
    Gliederung des Erziehungskonzepts vom 2. August 1822
    A Allgemeine Regeln
    B Vier Erziehungsprinzipien: Gehorsam, Vertrauen, Ordnung, Arbeit
    C Einzelfächer
    D Moralwissenschaften: Moral und Religion
    E Pädagogischer Bereich
    F Spielen und Arten des Unterrichts
    Wie wichtig ihr die ständige Betreuung des kleinen Prinzen war, besonders bei Abwesenheit der Eltern, schrieb Maria Pawlowna in einem Brief an Soret.:
    1. Soret muss den Prinzen begleiten und anwesend bleiben, wenn dieser seine Großeltern besucht, außer der Großherzog gibt andere Anweisungen. Falls Soret verhindert ist, wird der Prinz von Madame Batsch, seiner Kinderfrau, begleitet.
    2. Der Prinz muss um 8 Uhr zu Bett, in Ausnahmen um 9 Uhr. Soret muss darauf achten, dass der Prinz gehorcht, wenn etwas befohlen wird.
    3. Soret muss den Prinzen stets bei Spaziergängen begleiten. Bei schlechtem Wetter darf die Kutsche verwendet werden, sonst werden die Spaziergänge zu Fuß gemacht.
    4. Bei Abwesenheit der Eltern darf der Prinz nur seine Großeltern und „Mr. De Göthe“ besuchen. Fremde Personen dürfen den Prinzen nicht besuchen. Einladungen zu Soiréen und Bällen werden nur ausnahmsweise erlaubt.
    5. Der Prinz darf nur ausnahmsweise ins Theater und nur in Begleitung Sorets. Falls Soret krank sein sollte, darf der Prinz auch nicht gehen.
    6. Soret bestimmt den Platz im Theater.
    7. Soret hat die Verantwortung für den Prinzen. Mr. v. Beulwitz (Kammerherr) wird als Sorets Stellvertreter eingesetzt.
    8. Soret muss den Tag mit dem Kind verbringen.
    9. Bei unerwarteten Ereignissen und falls die Eltern abwesend sind, geht die Verantwortung an den Großherzog oder die Großherzogin über, die Großeltern des Kindes.
    10. Die zuständigen Ärzte sind Dr. Huschke aus Weimar und Dr. Starke aus Jena. Falls das Kind krank sein sollte, wird Dr. Huschke zu Rat gezogen. Falls Dr. Starke aus Jena sich in Weimar aufhält, wird er zusätzlich beauftragt, regelmäßig die Gesundheit des Kindes zu überprüfen, besonders das Wachstum, die Größe und den linken Arm, der zur Besorgnis Anlass gibt, aber nicht zu häufig, um das Kind nicht ängstlich zu machen. (Nach Aussage Sorets war der linke Arm etwas schwächer als der rechte und wirkte oft etwas verkrampft)
    11. Falls Geschenke zu machen sind, soll Soret die Kinderfrau, Madame Batsch, zu Rate ziehen.
    12. Falls Mr. Soret meint, es wäre gut für den Prinzen, öffentliche Einrichtungen oder Handwerksbetriebe zu besuchen, soll er dies tun. Der Prinz soll anschließend über den Besuch befragt werden.
    13. Wenn der Prinz krank ist, soll Madame Batsch hinzugeholt werden, weil sie wie eine Mutter zu dem Kind ist.
    Der Prinz erhielt durch Soret eine gründliche, stark von der Aufklärung geprägte Ausbildung. Nach heutigen Maßstäben war die Fächerverteilung eine Mischung aus Gymnasial- und Realschulfächern. Die Moralerziehung spielte eine große Rolle, denn man war sich der Pflichten bewusst, die der Prinz später für sein Land übernehmen sollte. Regelmäßige Besuche bei Goethe waren ein Teil des Bildungsprogramms. Goethes Enkel Walther, gleichaltrig mit dem Prinzen, erhielt öfter mit ihm gemeinsam Unterricht. Aus der Kinderfreundschaft entwickelte sich eine Lebensfreundschaft. Großherzog Carl Alexander wurde nach Walthers Tod 1883 testamentarisch das Erbe Goethes vermacht. Für Goethe in seinen Altersjahren war Soret ein wichtiger Gesprächspartner, besonders in naturwissenschaftlichen Fragen.
    Manuskript gekürzt.
    Das Original-Manuskript von Frau Rufflar ist im Archiv einzusehen.

40. Dr. Joachim Hennze, 11. April 2013

Baukultur des Deutschen Ordens in Land- und Stadtkreis Heilbronn

  • Einführung:

    Der Deutsche Orden war schon seit dem ausgehenden Mittelalter in der Region um Heilbronn begütert. Zwischen Zaber, Neckar, Jagst und Tauber besaß der Orden einen Hof in Heilbronn sowie die Orte Neckarsulm, Gundelsheim, Binswangen, Erlenbach, Dahenfeld, Degmarn, Untergriesheim, Duttenberg, Höchstberg, Biberach, Kirchhausen, Sontheim, Stocksberg und Kochertürn. Dort finden wir reichhaltige Bauzeugen aus Renaissance und Barock.

    Ordensgeschichte:
    Man kann sieben Phasen in der Geschichte des Deutschen Ordens unterscheiden:
    Gegründet 1190 beteiligte sich der Orden mit Kriegs- und Hospitaldienst auf den Kreuzzügen.
    Das 14. und auch das 15. Jahrhundert kennzeichnen die Kolonisation des Ostens und die Kriege gegen Prusen, Litauer und Polen. Der Orden gründete einen eigenen Staat, der Hochmeister residierte auf der westpreußischen Marienburg.
    Vom mittleren 13. bis ins 17. Jahrhundert bekam der Orden durch Schenkungen und Erwerb Landgebiete im deutschen Südwesten. Diese so genannten „Balleien“ unterstanden dem Deutschmeister. Von 1525 an residierte er in Bad Mergentheim.
    Mit der Reformation und den ihr folgenden Umwälzungen ging nach 1525 der Ordensstaat in Preußen verloren, mit ihm die meisten seiner Besitzungen in Griechenland, Italien und Spanien.
    Mit dem Ende des alten Reichs 1803 und der Säkularisation von Kirchenbesitz verlor der Deutsche Orden seine Territorien im Reich und war von 1809 nur noch im k.u.k. Reich Österreich-Ungarn im Hospitalwesen und der priesterlichen Seelsorge tätig.
    Mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918 blieb dem Orden nur seine rein kirchliche Tätigkeit.
    Die Machthaber des Dritten Reichs erließen 1938 ein Dekret zur Auflösung in Deutschland und Österreich. Nachdem Österreich 1947 das Aufhebungsdekret annullierte und der Orden seine Gebiete in Schlesien, Böhmen, Mähren und Jugoslawien verloren hatte, bekam er wenigstens sein Vermögen und seine österreichischen Besitztümer zurück.
    Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete sich jedoch schwierig. In Österreich und in Südtirol kehrte der Orden seit Ende der vierziger Jahre zu den Aufgaben zurück, die ihm Nationalsozialismus und Krieg aus den Händen geschlagen hatten: Krankenpflege, Dienst in Kindergärten, (Fach-)Schulen, Schüler-, Studenten- und Altersheimen, Errichtung und Ausbau entsprechender Einrichtungen, Versorgung von Pfarreien, Ausbildung des Ordensnachwuchses. 1957 wurde in Rom ein Haus als Sitz des Generalprokurators des Ordens gekauft; es dient zugleich als Pilgerhaus. Diese heimatvertriebenen Brüder und Schwestern brachten nach 140 Jahren den Orden wieder nach Deutschland, sein ursprüngliches Stammland, zurück. Die Brüder gründeten 1949 einen Konvent in Darmstadt, übernahmen 1963 die Pfarrei Deutschorden in Sachsenhausen und wirkten in Diasporakuratien unweit Marburg. Die Schwestern fanden vielerorts in Fachschulen, Kindergärten, Heimen, Spitälern sowie in der Alten- und Armenbetreuung neue Arbeitsfelder. 1953 wurde für sie in Passau ein Mutterhaus geschaffen. Nach Ende des kalten Kriegs und der Öffnung des Ostens hat der Orden auch wieder eine Niederlassung im tschechischen Opava (Troppau) und im slowenischen Ljubljana.

    Geschichte des Ordens in unserer Region zwischen
    dem späten Mittelalter und dem 18. Jahrhundert:
    Der Besitz des Ordens erstreckte sich bereits in der frühen Neuzeit in der Gegend zwischen Gundelsheim im Norden und Lauffen im Süden. Die Deutschordenskommende unterhielt seit 1225 in Heilbronn einen großen Gebäudekomplex, den sie durch Zukäufe und Neubauten bis 1500 erweitern konnte. In der Zeit am Beginn des 13.Jahrhunderts – die Stadt wurde civitas kurz darauf oppidum genannt – lässt sich der Orden im südwestlichen Vorbereich der Stadt nieder. Die erweiterte Stadt der Stauferzeit bezieht den Ordenshof in ihren Mauerbereich mit ein. Einnahmen erhielt der Orden, indem er Zinsen aus siebzig Gärten vor dem Sülmer- und dem Brückentor bezog. Nur wenige Häuser in der Stadt selbst waren dem Orden zinspflichtig. Seine wirtschaftliche Hauptgrundlage beruhte auf Bauernland mit ungefähr 254 Morgen Äcker und etwa 40 Morgen Wiesen. Darunter gehörten ihm 1427 in Sontheim zwei Hofstellen und 28 Wohngebäude. Weiterer außerstädtischer Besitz waren die Dörfer Degmarn, ein Drittel von Talheim sowie Höfe in Böckingen, Frankenbach, Schluchtern, Neckargartach, Biberach, Obereiseseheim, Auenstein und Böllingen.
    Der Orden war aber nicht nur in Heilbronn engagiert, sondern auch am nördlicheren Neckar: Neckarsulm lag zum einen zwischen den Reichsstädten Wimpfen und Heilbronn, zum anderen an den Grenzen der Bistümer Worms (im Westen) und Würzburg (im Osten). Stadt und Burg Sulm – wie der Ort damals noch hieß – war ursprünglich ein Reichslehen in den Händen der Herren von Weinsberg, kam 1335 gemeinsam mit den Orten Erlenbach, Binswangen, Eisesheim, Oedheim, Kochertürn, Lautenbach und der Hälfte von Gellmersbach an das Bistum Mainz.
    Einhundertfünfzig Jahre später: Sowohl das Mainzer Domkapitel wie auch die Ordensoberen stellten fest, dass Neckarsulm eben soweit vom Territorium des Erzbischofs gelegen sei wie der Raum um Prozelten am Main, der dem Orden gehörte. Da sowohl ein Mainzer Domdekan wie auch der Mergentheimer Komtur damals aus der Familie der Henneberg stammten, bahnten sich nach 1480 Verhandlungen an. Ende Mai 1484 schließlich kam Sulm durch Tausch gegen Ortschaft und Burg Prozelten an den Deutschen Orden. Beide Vertragspartner betonten dabei ausdrücklich, dass der Tausch zum Nutzen und zur Bequemlichkeit des Erzstifts und des Ordens vorgenommen worden sei. In mehr als einjährigem Bemühen war damit eine territoriale Veränderung und Abrundung zum Vorteil beider Interessenten zum Abschluss gekommen und der Deutsche Orden zum Besitz der beachtlich erweiterten später „Deutsche Ebene“ genannten Gebiete zwischen Horneck und den Toren Heilbronns aufgestiegen. Damit besaß der Orden Gebiete entlang eines zwanzig Kilometer langen Abschnitts des Neckar, die sich bis zu sieben Kilometer ins Hinterland erstreckten.

    Komture des Ordens in Heilbronn
    Philipp Heinrich Freiherrr von Andlau regierte nur die kurze Zeit von 1694 bis 1697. Sein Nachfolger Damian Friedrich von Stein-Kallenfells (1698-1706) stammt aus einem alten Rittergeschlecht an der Nahe, bereits sein Großvater war Heilbronner Komtur und erbaute das nach ihm benannte Haus an der Südseite der Ordenskirche (wo heute das Pfarrhaus steht).
    Franz Claudius von Reinach (1707-1717) war zuerst bis 1690 in der Kommende Frankfurt-Sachsenhausen, wechselte dann als Komtur nach Regensburg und kam 1707 nach Heilbronn.
    Ihm verdanken wir den Neubau des Deutschhofs im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts.
    Johann Philipp Hoheneck residierte nur für ein Jahr. Dann kam der bedeutendere Georg Adolph von Speth Freiherr zu Schülzburg (* 1672 + 1731) dessen Mutter die wohlhabende Susanne Eleonora aus dem Haus Thurn und Taxis war. Speth trat 1697 in den Deutschen Orden in Ellingen ein, war von 1710 bis 1719 Komtur im unterfränkischen Münnerstadt, zugleich 1718 Ratsgebietiger der Ballei Franken, schließlich für dreizehn Jahre 1719-1731 Komtur in Heilbronn. Er ließ die Kirche am Deutschhof in barocker Formensprache umbauen und erweiterte das Sontheimer Gartenhaus zum Sommersitz.

    BAUBESCHREIBUNGEN
    Burg Horneck über Gundelsheim
    Sie hat ein wechselndes Schicksal: gebaut um 1250 von einem gewissen Konrad von Horneck, der dem Deutschen Orden beitrat und ihm seinen gesamten Besitz vermachte. 1378 verlieh Kaiser Karl IV. Gundelsheim das Stadtrecht, das sein Sohn und Nachfolger Wenzel 1398 bestätigte und um das Marktrecht erweiterte. Folge dieses Stadtrechts: Befestigung mit Mauern, Türmen und Gräben, von denen sich ein Teil bis heute erhalten hat. Die mittelalterliche Stadt erstreckte sich entlang der heutigen Schlossstraße bis hinauf zur Burg Horneck. 1438 machte man diese zur Residenz des Deutschmeisters; diese Ära sollte nur knapp neunzig Jahre dauern. Im Bauernkrieg zerstörten aufrührerische Rotten die Burg 1525, weil sie in deren Archiv die Pfandbriefe und Eigentumsrechte des Ordens wussten Obwohl der Deutschmeister seinen Sitz danach nach Mergentheim verlegte, blieb Gundelsheim eine Außenstelle des Ordens am Neckar und Burg Horneck erweiterte man stetig und passte sie dem Gesicht der jeweiligen Zeit an.
    Neckarsulm – Schloss vor 1500
    Nachdem die Bauern die Feste Scheuerberg 1525 zerstört hatten, residierten die Amtsleute des Ordens im Stadtschloss. Es besteht aus Bauteilen zwischen 1350 und 1570. Ältester Teil ist der Wehrturm, der ehemalige Palas mit Staffelgiebel von 1364. Die ehemalige Kapelle wurde um 1500 gebaut, die Schlosskelter stammt aus der Renaissance. Im 19. Jahrhundert verlor das Schloß an Substanz, denn 1845 riss man Mauern, Vorbauten und andere mittelalterliche Bauteile ab, „so daß es jetzt nackt und bloß, wie ein seines Waffenschmuckes beraubter Krieger, höchst prosaisch dasteht“, so der Stadtchronist Maucher 1901.

    Burg Stocksberg 1574
    Nach den Zerstörungen des Bauernkriegs stand die Burg verfallen da. Deutschmeister Heinrich von Bobenhausen ließ die Anlage in spätmanieristischen Formen – mit gerahmten Fenstern und Bauschmuck – 1574 wieder aufbauen.

    Heilbronn Sontheim – Zehntscheune
    Ein Steinbau mit rundbogigen Toren und mächtigem Satteldach stammt aus derselben Periode. Die Inschrifttafel mit dem Wappen des Ordensstatthalters Volpert von Schwalbach ist ein typisches Bildzeugnis aus dieser Zeit.

    Neckarsulm – Große Kelter
    Am Marktplatz dem Rathaus diagonal gegenüber steht die Große Kelter, die 1567 erbaut wurde. In dieser wurde bis 1930 noch Wein gekeltert. Seit 1984 beherbergt das Gebäude eine Sparkasse. Interessant ist hier das Wappen des Hoch- und Deutschmeisters Georg Hund von Wenkheim über der Eingangstür.

    Heilbronn Kirchhausen – Schloss 1578
    Über die Baugeschichte des Schlosses sind wir vergleichsweise gut informiert: Am 12. Februar 1576 schließen die Beamten des Deutschen Ordens einen Vertrag mit dem „Steinmetz und Bürger von Weinsberg Thomas Knoll“.
    Sein Steinmetzzeichen – ein Kreuz mit doppeltem Querbalken – findet sich am Schlussstein des Torbogens. Ebenfalls erkennt kann man es am 1582 erbauten Schloß Presteneck in Stein am Kocher 1583 sowie an einem Bad Mergentheimer Patrizierhaus von 1593.
    Thomas Knoll arbeitete also für den Orden und die Reichsritterschaft. Als Baumeister und Generalunternehmer in einer Person entlohnte man ihn sowohl in Bargeld als auch in Naturalien. Er legte einen Überschlag vor, nach dem ein dreistöckiges Gebäude errichtet werden sollte. Die beiden unteren Geschosse hatten eine Höhe von 6,30 Meter, das zweigeteilte Dachgeschoß etwas höher. Er verpflichtet sich, den Neubau für 1480 Gulden zu errichten. Dazu kam weitere Entlohnung in Naturalien: achtzig Malter Korn (über 11 Hektoliter), zwanzig Malter Dinkel (über 29 Hektoliter) und einundzwanzig Malter Hafer (über 30 Hektoliter) sowie zwölf Fuder Wein (dies entspricht 89,8 Hektoliter).
    Knoll stellte 1578 – kurz vor Vollendung der Arbeiten- Nachforderungen, weil die Zimmer höher ausgeführt wurden, Steinverzierungen detaillierter ausfielen. Man gewährte ihm nochmals 252 Gulden sowie für 300 Gulden Naturallieferungen. Die Gesamtkosten der zweiflügeligen Anlage beliefen sich somit auf über 1700 Gulden. Dies ist sehr schwer in heutige Währung umzurechnen: Sicher ist aber, dass Handwerkerlöhne damals günstiger als heute, Materialien eher teurer waren. In diesen Jahren berechnete man beispielsweise für einen Fuder Heilbronner Weins zwischen zehn und achtzehn Gulden, bekam als Käufer für einen Gulden demnach zwischen 41 und 74 Liter Wein. Dies bedeutete für den Schloßbau – umgerechnet auf heutige Weinpreise – Kosten von knapp 349.000 Euro.

    Heilbronn-Kirchhausen – Deutschritterstraße
    Der Amtmann Hans Hofmann ließ sich 1628 ein stattliches Gehöft mit zweigeschossigem, verputztem Fachwerkhaus, Ställen und Hofmauer errichten. Nachdem die rückseitigen Stallungen in unserer Zeit abgebrochen worden sind, legen heute noch Hauseinfahrt und Hofeinfahrt Zeugnis ab von der einstigen Bedeutung. Kirchhausens Amtmannhaus ist das seltene Beispiel eines erhaltenen Hofs aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

    Neckarsulm – Wallfahrtskirche
    Die Neckarsulmer Wallfahrtskirche St. Maria zur Steinach erhielt zwischen 1668 und 1682 ein frühbarockes Gesicht. Der Hochaltar mit der hl. Elisabeth und dem hl. Georg wurde 1682 geschaffen und 1901 restauriert.

    Heilbronn-Sontheim – Gartenhaus des Komturs
    Mit der Fertigstellung von Schloss Versailles am Ende des 17. Jahrhunderts entwickelten viele deutscher Fürsten den Ehrgeiz, sich ein repräsentatives Schloss mit ausgedehnten Gartenanlagen zu schaffen. Begünstigt durch den Frieden im deutschen Südwesten nach 1700 hatten einzelne Herrschaften die ökonomischen Ressourcen, mit dem Willen zur baulichen Repräsentation gepaart, zu einer Reihe von spektakulären Neubauten. Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden (1655-1707) verließ das Baden-Badener Schloss und ließ sich ab 1697 eine neue Residenz in Rastatt schaffen. Dem Markgrafen folgte 1704 der Herzog von Württemberg mit seiner neuen Residenz in Ludwigsburg. 1715 legte der Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach den Grundstein für seine Residenz in Karlsruhe. 1720 wurde die Heidelberger Residenz nach Mannheim verlegt, und im selben Jahr errichtete Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn als Ersatz für Speyer auf der anderen Rheinseite Schloss und Garten in Bruchsal. Auch die Gartenanlagen nach französischem Vorbild konnten die deutschen Bauherren in Architekturwerken studieren, auch sie waren teuer, denn das Regelwerk des französischen Gartens verlangte in symmetrischer Staffelung blumenbestandene Parterres, dann Bosquets (Hecken) und schließlich den abschließenden Bois (Wäldchen). In den weniger beachteten Seitenlagen verbargen sich Küchen- und Obstgarten (Potager und Fruitier). Um sich im heißen Sommer nicht dem Dreck und Staub Heilbronns aussetzen zu müssen, zog es auch die Komture des Deutschen Ordens hinaus in die Nähe des Neckars.
    Der Sontheimer Garten hatte neben dem repräsentativen Haus vor allem die Miniaturausgabe des französischen Gartens mit Blumen, künstlich zugeschnittenen Bäume, Laubengängen, Bassins und Bildsäulen.
    Für das Gebiet des Deutschen Ordens gibt es kein gebautes Vorbild, stammt doch der Ausbau des Mergentheimer Schlossgartens mit Beeten und Sala Terrena erst von 1739.
    Wir müssen deshalb von einem Vorbild aus einer der gedruckten Architekturwerke ausgehen, wie sie bereits in der Zeit kurz vor 1700 im deutschen Südwesten bekannt waren.
    Das Sontheimer barocke Gartenhaus mit seinen drei Stockwerken, der Freitreppe und dem ausgeprägten Giebel ist das Produkt mehrerer Umbauten: nachdem der Orden Heilbronn verlassen musste, war hier ein Wirtshaus, später dann ließ es Johann Friedrich Ackermann aufstocken und umnutzen: aus dieser Zeit der aufgesetzte Mezzanin und das Walmdach. Im Innern wiederum warf der Historist Theodor Moosbrugger 1903 den Rest des barocken Interieurs heraus und dekorierte im Stil seiner Zeit. Auch davon ist nicht mehr viel übriggeblieben und nach dem letzten Umbau 1986 ist das Innere neuzeitlich und funktional ausgestattet.

    Amtshaus des Deutschen Ordens in der Sontheimer Schwabenstraße
    Es wurde im Kern in der Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut, zeigt aber mit seinen barocken Fenstergewänden und dem aufwendigen Dachstuhl eine Bauzeit um 1720 an.

    Neckarsulm – Kirche St. Dionysius
    Prächtig ist die neu errichtete katholische Stadtpfarrkirche in Neckarsulm. Dem heiligen Dionysius Areopagita 1712 geweiht wuchs sie in sechsjähriger Bauzeit empor. Der Mergentheimer Baumeister des Deutschen Ordens, Johann Wolfgang Fiechtmeyer hatte sie 1706 entworfen. Mit ihrer prächtigen Fassade und dem typisch hochbarocken Figurenwerk entsprach sie dem Geschmack der Zeit. Die neue St. Dionysiuskirche dominiert nach ihrer Fertigstellung die nördliche Altstadt Neckarsulms. Der Turm stammt allerdings erst von 1758 und ist ein Werk des Neckarsulmer Baumeisters Franz Häffele. Trotz schwerer Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg rekonstruierte man die Ausstattung in barocker Formsprache. Einige der Figuren auf Giebel und Turm sind jedoch Kopien des 20. Jahrhunderts.

    Heilbronn – Deutschhof
    Der so genannte neue Bau ist ein Werk des Baumeisters Karl Heinrich Beringer (1651- 1716), der für den Orden in Mittelfranken gebaut hatte. In den Formen des Hochbarock erbaute er einen langgestreckten 24-achsigen Flügel, der mit Pilastern, auffälligen Fensterlaibungen und Giebeln gegliedert ist. Dieser setzt sich in einem 8-achsigen Flügel an der Südseite fort, der heute mit dem monströsen ECE konkurrieren muss. Während Nord- und Ostseite der Hofanlage im Dezember 1944 oder noch in der Nachkriegszeit zerstört worden sind, konnten die überlebenden Umfassungsmauern von Süd- und Westflügel gerettet werden.

    Kirchhausen – Dreifaltigkeitskapelle
    Die am Ortsrand stehende Kapelle von 1716 ist eine Stiftung des Johannes Debatia und ein Saalbau mit polygonalem Chor und Glockentürmchen. Im Innern befinden sich ein Barockaltar und ein Weihwasserbecken aus der Zeit um 1740.

    Degmarn – Kirche St. Pankratius
    Nach Entwürfen des Ordensbaumeisters Franz Keller entstand 1725 die katholische Pfarrkirche in Degmarn hoch über dem Kochertal. Die Kirche wurde in den letzten Kriegstagen beschossen und brannte aus.

    Heilbronn – Deutschordenskirche
    Die Kirche (1725) bestand ursprünglich aus mittelalterlichem Langhaus und einem spätgotischen Chor. Der Ellinger Baumeister Franz Keller (1682-1724) vergrößerte die Fenster, legte eine neue Fassade vor die Westseite und überdeckte das Langhaus mit einem Gewölbe. Geschmückt war dies mit Stuckaturen des Wieners Franz Joseph Roth und Gemälden des Oberitalieners Luca Antoni Colomba (1661-1737), der aus Ludwigsburg hergekommen war.
    Alle barocken Zeugnisse versanken im Angriff des 4. Dezember 1944 mit Ausnahme der Kapelle der Speidelschen Stiftung auf der Nordseite. Hier haben sich die Rothschen Stuckarbeiten aus dem Jahr 1724 erhalten.

    Gundelsheim – Schloß Horneck
    Die Horneck konzipierte Ordensbaumeister Franz Keller 1722 in fünf Plänen als barockes Schloß mit einheitlichen Fenstern und einem neuen Portal. Der Bergfried wurde mit einer barocken Haube erhöht. Dies geschah zwischen 1729 bis 1734. Treibende Kraft dahinter war der Komtur Buseck. Die Reste der alten Burgruine verlaufen sich in den Nachbargebäuden und Grundstücken der Umgebung. Man findet Mauerreste und den Stumpf eines Wehrturms auf einem benachbarten Stück. Der Burggraben ist noch in Abschnitten vorhanden und bezeichnet den Umfang der Renaissance-Anlage. Das barocke Bild der Horneck, das man heute noch erkennen kann, gibt es seit 1730. Parallel dazu entstanden barocke Häuser in Gundelsheims Altstadt.

    Neckarsulm – Kreuzschlepper 1748
    Der hiesige Bildhauer Hollbusch arbeitete für die Kirchen in Neckarsulm, Erlenbach, Kochertürn und Offenau und ist der wohl bedeutendste barocke Bildhauer in der Region.

    Dahenfeld – St. Remigius
    Johann Christoph von Buseck stammte aus einem alten Adelsgeschlecht im Lahngau, Familienmitglieder dienten im 14. Jahrhundert als Burgmannen in Gießen und Umgebung. Die Familie führte als Wappen einen schwarzen Widderkopf mit roter Zunge und Hörnern im goldenen Schild, wie wir es auch an der Decke der Remigiuskirche in Dahenfeld sehen können. Als Bauherr durfte Herr von Buseck sein Wappen 1748 an die Decke des Langhauses malen lassen. Was macht diese Familie so bedeutend?
    Während des 17. und 18. Jahrhunderts herrschten einzelne Herren von Buseck als wichtige Führungspersonen im deutschen Süden: Bonifatius, er lebte 1628 bis 1707, war Propst des Klosters Johannesberg bei Fulda, Amand, 1737 bis 1756, wurde erster Fürstbischof von Fulda, Johann Christoph von Buseck trat 1722 in den Deutschen Orden ein, man ernannte ihn 1724 zum Hauskomtur in Ellingen, 1729 zum Komtur auf der Horneck und 1735 zum fränkischen Ratsgebietiger, womit er zu den obersten fünf der Ordenshierarchie in Franken gehörte. Sein Neffe Christoph Franz schließlich, 1724 bis 1805, war letzter Fürstbischof in Bamberg. Voller Stolz hat sich Buseck mit seinem Wappen in Gundelsheim, Bachenau, Offenau und Dahenfeld dargestellt.

    Sontheim – Wegkreuz
    Es steht in der Hauptstraße 17 und ist ein Zeugnis katholischer Frömmigkeit aus der Ordenszeit. Errichtet hat es die Familie des Sontheimer Anwalts Wörne nach einer Pestepidemie 1750. Das sandsteinerne Podest hat eine reich profilierte Deckplatte, das Steinbild des Gekreuzigten in hochbarocker Art. Zu seinen Füßen befindet sich eine Inschrifttafel mit aufwendiger Rahmung und Cherubinen.

    Neckarsulm – Hauseingang in der Schloßgasse 1751
    Ein hübsches Detail, wie man sich die Hausfassaden in der Mitte des 18. Jahrhunderts vorzustellen hat: meist aus profilierten Sandsteinen gearbeitet, sind Gewände und Stürze von Fenstern und Portalen mit ornamentalen Motiven geschmückt.

    Gundelsheim – Nepomukgruppe von 1752
    1392 übergab der Bischof Johann Nepomuk König Wenzel eine Beschwerdeschrift, mit der er eine Klärung der kirchenrechtlichen Verhältnisse erreichen wollte, und in der es vor allem um die Unterdrückung der Kirche und des Klerus ging. Der König verweigerte eine Antwort und beabsichtigte, den kirchlichen und wirtschaftlichen Einfluss des Bischofs zu schmälern. Zu diesem Zweck plante er, das Gebiet des Erzbistums Prag durch Errichtung eines westböhmischen Bistums Kladrau zu verkleinern. Nach dem Tode des alten Abtes sollte der königliche Kandidat Wenzel Gerard von Burenitz zu dessen Nachfolger und gleichzeitig zum ersten Bischof des zu errichtenden Bistums Kladrau ernannt werden. Diese Pläne vereitelten die bischöflichen Generalvikare Johannes von Nepomuk und Nikolaus Puchník von Černice, indem sie Anfang 1393 die Stelle des Kladrauer Abtes auf Weisung des Erzbischofs mit einem anderen Kandidaten besetzten. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen wurde Johannes von Nepomuk verhaftet, gefoltert und schließlich von der Karlsbrücke aus in der Moldau ertränkt. Der Leib des im Wasser Treibenden soll dann von fünf Flammen umsäumt gewesen sein, weswegen Johannes von Nepomuk oft mit fünf Sternen um seinen Kopf abgebildet wird. Der Bischof ließ ihn im Prager Veitsdom bestatten, und schon kurze Zeit später setzte seine Verehrung als Märtyrer ein, auch wenn die Heiligsprechung durch die Kirche erst Jahrhunderte später erfolgte. Nepomuks Begräbnisstätte im Veitsdom wurde im 17. Jahrhundert von Joseph Emanuel Fischer von Erlach im Stil des Hochbarock neu gestaltet. Das kunsthistorisch bemerkenswerte Hochgrab besteht aus 16,5 Tonnen Silber.
    Der Prager Erzbischof Ernst Adalbert von Harrach bemühte sich in Folge als erster um die Heiligsprechung und wurde darin seit den 1670er Jahren auch von Kaiser Leopold I. persönlich unterstützt. Unter anderem sollte dadurch die Erinnerung an den anderen böhmischen Johannes, den »Ketzer« Johannes Hus, verdrängt werden.
    Aber erst 1721 wurde Johannes von Nepomuk von Papst Innozenz XIII. selig und am 19. März 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen. So findet sich auf barocken Darstellungen aus den dazwischen liegenden Jahren nur das Attribut „beatus“ statt „sanctus“. In Folge erlangte Johannes von Nepomuk eine ungeheure Popularität bei allen Bevölkerungsschichten und drängte im 18. Jahrhundert den böhmischen Nationalheiligen Wenzel in den Hintergrund. Auch in den anderen Ländern der Habsburgermonarchie entstand ein reger Nepomukkult, der neben den österreichischen Ländern bis nach Pavia, ins Banat und die österreichische Walachei reichte. Obwohl nicht offiziell als solcher installiert, kann Nepomuk für die Zeit des Barock als »Staatsheiliger« des gesamten Habsburgerreiches gelten.
    Johannes von Nepomuk gilt als Schutzpatron von Böhmen und Bayern, der Beichtväter, Priester, Schiffer, Flößer und Müller, des Beichtgeheimnisses, für Verschwiegenheit, gegen Wassergefahren, der Brücken und daneben ist er Patron zahlreicher Kirchen.
    Statuen des Heiligen stehen häufig auf oder neben Brücken. Eine der bekanntesten, 1683 von Johann Brokoff geschaffen, befindet sich auf der Prager Karlsbrücke an der Stelle, wo er angeblich in die Moldau gestürzt worden war. Bildliche Darstellungen zeigen ihn meist mit einem Kreuz in einer Hand und bisweilen – als Zeichen der Verschwiegenheit – mit einer Hand vor dem Mund. Sein Heiligenschein zeigt fünf Sterne, die als die fünf Buchstaben des lateinischen Wortes tacui („ich habe geschwiegen“) gedeutet werden.

    Offenau – St. Alban
    Erbaut 1751 vom Neckarsulmer Baumeister Franz Häffele im selben Stil wie seine Werke in Hagenbach und Dahenfeld. Über einen kreuzrippengewölbten Turmchor stellte er einen neuen Turm, vor dem sich ein vierjochiges Langhaus nach Westen erstreckt. Der Saalbau hat eine angenehme Proportion, wurde allerdings 1939 durch ein Querhaus erweitert. Das Innere zeigt noch in weiten Teilen den barocken Bauschmuck, darunter Stuckarbeiten an Decken, Deckenkonsolen, Fenstergewänden und am Triumphbogen, bekrönt vom Wappen des Komtur Buseck. Kunsthistorisch wertvoll sind der Hochaltar des Kilian Hollbusch, die Kanzel sowie eine Joseph-Statue aus der Bauzeit der Kirche.

    Erlenbach – St. Martin 1753
    Die das Ortsbild dominierende neue Kirche plante der Ordensbaumeister Georg Philipp Wenger, überließ die Ausführung dann aber seinem Schwiegersohn Johann Michael Keller.
    Er ließ einem vierjochigen Langhaus einen gerundeten Chor folgen, auf dessen Südseite sich der Turm erhebt. Dieser mit zwei massiven pilastergeschmückten Untergeschossen und einem achteckigen Glockengeschoss, das von einer Zwiebelhaube gekrönt wird.
    Die Marienfigur über dem Hauptportal stammt von 1775. Über dem Giebel die Figuren von Petrus und Paulus aus der Hand Kilian Hollbuschs.
    Die Innenausstattung ist sehr qualitätvoll mit Stuckierenden des Mergentheimer Johann Michael Winsberg und einem Deckengemälde von Giovanni Battista Ferrandini. Die Figuren von Stephan und Laurentius am Choraltar sind Werke des Jakob Esterbauer.

    Dahenfeld – Pfarrhaus 1758
    Ein bescheidenes Pendant zur Kirche schuf der Ordensbaumeister Wenger zehn Jahre nach ihrer Vollendung: das Pfarrhaus mit seinem einfachen Walmdach.

    Neckarsulm – Rathaus 1783
    Das Rathaus mit seiner aufwendigen Freitreppe, den phantasievoll geschmückte Pilastern und dem weich schwingenden Mansardwalmdach ist eines der letzten Werke des Baumeisters Häffele und läutet schon das Ende des Barock ein. Das ehemalige Gasthaus zur Rose, heute Stadtarchiv, präsentiert sich mit seiner rustizierten Fassade, dem Balkon und den dezent geschmückten Fenstergewänden als Gebäude des frühen Klassizismus.

    Binswangen – St. Michael
    Der Neubau der Michaelskirche ist das letzte Bauprojekt des Deutschen Ordens in unserer Region.
    Rätselhaft bleibt, warum 1768 die St.-Wolfgangs-Kapelle erbaut worden ist und nur wenige Jahre darauf in einem Ort mit damals gerade 80 Einwohnern ein Kirchenneubau angefangen wurde. Nachdem Pläne der Baumeister Johann Michael Keller, Franz Häffele und Jacob Hallischek geprüft und wieder verworfen worden sind, kam der Werkmeister Ludwig Bronner hier zum Zug. Das Langhaus ist ein später Nachhall der anderen Ordenskirchen in typisch ländlich barocker Sprache, das Innere ist bereits klassizistisch geprägt. Trotz der Datierung 1789 am Portal konnte St. Michael erst 1818 geweiht werden, zu diesem Zeitpunkt war schon die dritte Farbfassung auf den Wänden ausgeführt worden. Haupt- und Nebenaltare gestaltete der Mergentheimer Maler Breitenbach.

     

    Copyright Dr. Joachim Hennze

39. Prof. Dr. A. Schau, Ludwigsburg, 14. März 2013

Wo man sich eine Schlagseite holt!

  • Der Stammtisch phänomenologisch betrachtet

    Über den Stammtisch nachzudenken, scheint banal, fast lächerlich. Und doch sind es gerade die Banalitäten, die Mitteilungen der Menschen darstellen, wie sie ihren Alltag gestalten. Der Stammtisch, wie wir ihn heute vorfinden, hat allerdings mit dem geschichtlich gewordenen Stammtisch, der sich allmählich im Mittelalter herauszubilden beginnt, kaum noch etwas zu tun. Heute verbinden wir mit dem Stammtisch eine laute, ordinäre Veranstaltung, die hauptsächlich vom Saufen, Kartenspiel und Witze Erzählen lebt. Doch das ist seine Entartung. Tatsächlich war der Stammtisch aber einmal mehr und auch etwas ganz Anderes.
    Die eingeschränkte Betrachtung des heutigen Stammtisches resultiert aus seiner ungeschichtlichen, somit isolierten Einschätzung. In einer historischen Betrachtung muss der Stammtisch als ein Ergebnis des Zivilisationsprozesses angesehen werden. Und eine solche Bewertung soll im Folgenden versucht werden.
    Wann genau der Begriff Stammtisch zum ersten Mal in der Geschichte auftauchte, ist vorläufig unklar. Belegt ist hingegen, dass der Stammtisch im Zeitalter des prosperierenden Nationalismus im Anschluss an die Reichsgründung von 1870 neu belebt wurde, was etwa daran abzulesen ist, dass 1884 die erste Nummer der Wochenzeitschrift „Am deutschen Stammtisch“ erschien, die das heroisch-germanische Idealbild des deutschen Mannes neu zu schärfen sich bemühte. Darin wird einerseits das hohe Lied der Männerfreundschaft angestimmt, andererseits wird der Stammtisch als Stätte des Trostes hoch gelobt, weil er, wie es schwülstig heißt, „ein Scherflein“ dazu beiträgt, „die Tränen des Kummers, der Not und der Sorge“ zu trocknen.
    In einer ersten Beschreibung erscheint der Stammtisch als eine terminlich fixierte (meistens 1x wöchentlich, monatlich), kulinarisch begleitete Veranstaltung, die in festgelegten, selten wechselnden Lokalitäten (meistens in Wirts- oder Club-, Zunft-, Schützen-, Feuerwehr- oder Gildenhäusern) abgehalten wird. Er ist eine geschlossene Veranstaltung, die nur einer ganz bestimmten Gruppe von Mitgliedern offen steht, was nach innen und außen ganz bestimmte Folgen hat. Auch wenn das Moment der Unterhaltung bei den meisten Stammtischen nicht zu kurz kommt, sind doch meistens sehr präzise Zielsetzungen für diesen ausschlaggebend. Diese können ökonomisch-politischer oder weltanschaulicher Art oder beides sein.
    Die Bezeichnung „Stammtisch“ deutet auf ein hohes Alter hin und kann zunächst wörtlich genommen werden. Dann ist der Stammtisch ein aus einem ganzen oder halben Baumstamm verfertigter Tisch um den herum Menschen aus den verschiedensten Gründen zusammen sitzen. Denkbar ist allerdings auch eine andere Herleitung. Danach könnte der Stammtisch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten „Stamm“, einem Volksstamm oder Sippenverband, bedeuten.
    Eine andere Schwierigkeit ergibt sich aus dem Umstand, dass der Begriff Stammtisch nicht einmal einheitlich von allen Gruppierungen verwandt wird, für die ein Stammtisch auch nachweisbar ist. Bei den studentischen Verbindungen etwa heißt der Stammtisch „Kneipe“, von dem die gleichnamige Lokalität abgeleitet ist. Liegt hingegen ein feierlicher Anlass wie ein Stiftungsfest oder ein anderes Jubiläum vor, wird von einem „Kommers“ gesprochen. Die Freimaurer wiederum verwenden den Begriff „Brudermahl“, dem regelmäßigen rein weltlichen Zusammentreffen der Logenbrüder. Demgegenüber wird der Begriff „Tafelloge“ für die quasi religiös ritualisierten Treffen verwendet.

    Der Stammtisch als Gruppenphänomen
    Soziologisch gesehen ist der traditionelle Stammtisch eine „formelle Gruppe“, in der die Mitglieder durch „aufeinander bezogene Interaktionen“, durch verbindliche Normen und gemeinsam zu erreichende Ziele miteinander verbunden sind. Die Gruppe vermittelt ein Gefühl der Gruppenzugehörigkeit, vermittelt Solidarität, die dem Einzelnen zum Aufbau eines Images beiträgt, das Stärke, Stolz und Würde ausmacht, mit anderen Worten, dass ihm dazu verhilft, seine volle Identität zu entfalten.
    Doch der Schutz, den der Stammtisch einem Mitglied gewährt, ist erkauft durch ein hohes Maß an Anpassung, an Kontrolle, ja an Unterwerfung unter bestimmte Standards oder Satzungen. Wer grundsätzliche Kritik übt oder gar aus der Organisation austreten will, ist in der Gefahr, ausgegrenzt zu werden und seine berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen.
    Etwas Anderes kommt erschwerend hinzu. Dass der Stammtisch eine herausgehobene Stellung
    einnimmt, gibt er allein schon durch seine Ghettoisierung zu erkennen. Er kann in einem Wirtshaus abgehalten werden, sei es durch äußerliche Hinweise abgetrennt vom öffentlichen Publikumsverkehr in einem Nebenzimmer, sei es halb-öffentlich, wenn der Stammtisch in einen eigens für ihn ausgewiesenen Rückzugswinkel eines Wirtshauses stattfindet.
    Noch einmal gesteigert wird diese Abschottung, wenn der Stammtisch in eigens für den Stammtisch vorgesehenen Häusern, den Verbindungshäusern der Studenten oder den Tempeln der Freimaurer etwa, stattfindet. Nimmt man hinzu, dass nicht jeder Mitglied eines Stammtisches werden kann, bezieht man ein, dass die traditionellen Stammtische auf einem Kanon von Konventionen und Ritualen aufbaut, begreift man leicht, dass die Stammtische einer geschlossenen Gesellschaft nicht unähnlich sehen. Der weitgehende Ausschluss der Öffentlichkeit fördert zwar die Solidarität der am Stammtisch Zusammengeschlossenen, ist Ausdruck eines gewachsenen Selbstbewusstseins, einer gewissen Exklusivität. Doch dieses Verhalten ist in seiner Wirkung nach außen ein Merkmal der Unterscheidung, das andere Gruppen und Einzelne ausgrenzt. Dieses Abgehobensein wirkt, ob gewollt oder nicht gewollt, elitär, was von Nicht-Gruppenmitgliedern als Dünkel wahrgenommen, auch als etwas Geheimbündlerisches beargwöhnt oder belächelt wird.

    Traditionelle Stammtische
    In der historischen Betrachtung waren Studenten, Handwerker, die zum Schutz von Stadt und Bürger eingerichteten Bürgergilden, die im Hopfenorden zusammengeschlossenen Bierbrauer sowie die sich im 18. Jahrhundert aus den Bauhütten der Steinmetze herausbildenden Freimaurer die Ersten, für die Stammtische nachgewiesen sind. Bald folgten die Kaufmanns-Gilden und die in der Hanse organisierten fahrenden Kaufleute sowie die sogenannten Honoratioren-Stammtische nach.
    Im 17. Jahrhundert hatte sich der Kreis der Stammtische um die berühmten „Tabakskollegien“ der Oberschicht erweitert. Der Ursprung der Tabakskollegien wird in den Niederlanden gesehen, von wo sie sich auch nach Preußen ausbreiteten. Erstmals war es König Friedrich I., der das Rauchen zu einer festen Instutution machte. Einmal wöchentlich traf sich der König mit seinen „Tabakesgenossen“ im Drap d’Or, der „Roten Kammer“
    Das Rauchen war Pflicht, von der man sich nur durch eine Geldspende für wohltätige Zwecke freikaufen konnte. Frauen waren zunächst zugelassen, wie das Bild mit Friedrich Wilhelm I. belegt. Während des Tabaksgenusses war das strenge Zeremoniell gelockert, aber nicht aufgehoben. Der König etwa saß nicht mehr unter dem königlichen Thronbaldachin wie bei den königlichen Geschäften sonst. „Mohren“ und „Türken“ waren zugelassen, sie waren für den Service zuständig. Sie trugen Getränke auf und sorgten dafür, dass der Tabak nicht ausging, der aus holländischen Tonpfeifen geraucht wurde.
    Der Sohn Friedrich I., der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., änderte den Komment in wenigen Punkten. Unter ihm wurde das Tabakskollegium zu einer reinen Männerdomäne. Der Tabaksstammtisch fand nun auch in einfacheren Räumen statt. Das Rauchen wurde um das Biertrinken erweitert. Das Rauchen und das Biertrinken waren beständige Begleiter ausgedehnter Gesprächsrunden, in denen eifrig über alle möglichen Probleme diskutiert wurde. Zum Teilnehmerkreis gehörten neben der königlichen Familie vor allem Militärs, durchreisende Berühmtheiten, Diplomaten und Gelehrte, die der nicht gerade geistfreundliche Soldatenkönig seine „lustigen Räte“ nannte. Der bekannteste war der Historiker Jacob Paul Freiherr von Gundling (1673-1731), der von Friedrich I. als Zeitungsreferent und Historiograph im Rang eines Hofgelehrten angestellt worden war und der von seinem Sohne Friedrich Wilhelm I. (dem Soldatenkönig) übernommen wurde. Als Hofgelehrter war er aber eher ein Hofnarr, dessen ausgeprägte Eitelkeit sowie seine Anfälligkeit für den Alkohol auf den Tabakkollegien ein willkommener Anlass für allerlei spöttische Derbheiten war, die bis zu Handgreiflichkeiten reichten.
    Es lag auf der Hand, dass die Stammtische, bei denen der Alkohol stets eine große Rolle spielte, nicht selten in Saufgelage ausarten konnten. Diese Saufgelage ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stammtische, wie auch die blauen Montage bei den Handwerkern belegen. Für das studentische Treiben bei ihren Kneipen war das Trinkgelage selbstverständlich, woran auch das Singen bei Tisch nichts änderte.
    Relativ spät erst, in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, entdeckten auch die Künstler den Stammtisch für sich. Tonangebend war der französische Impressionist Eduard Manet, der den Künstlern empfahl, sich regelmäßig zum Gedankenaustausch über die Kunst zu treffen. Nun aber nicht im Wirtshaus, wo aus Sicht der Künstler nur Spießer verkehrten, sondern in Kaffeehäusern. So entstanden die Künstlercafés. Das Moment des Kulinarischen war bei diesen Stammtischen weniger ausgeprägt. Im Vordergrund stand vielmehr der ästhetische Gedankenaustausch, der Fragen des Kunstbetriebs einschloss, des Verkaufs von Bildern. Dem anarchistischen Lebensgefühl der Künstler entsprechend, waren diese Stammtische der Künstler nicht reglementiert. Zu weltweitem Ruhm brachten es damals in Paris das „Café Guerbois“ und das „Café del la Nouvelle-Athèns“. In Deutschland waren in Berlin das „Romanische Café“, das „Café Josty“ sowie vor allem das „Café des Westens“, auch als „Café Größenwahn“ verpönt, stammtischartige Mittelpunkte des kulturellen Lebens.
    Heute ist der Stammtisch über weite Strecken zu einer gesichtslosen, meistens lächerlichen Zwecken dienenden, unspezifischen Einrichtung entartet. Noch am ehesten kommen die Hipster- oder Internet-Cafés dem traditionellen Stammtisch nahe. Das gilt auch für alle einem Spiel gewidmeten Stammtische wie Skat- oder Schach-Stammtische. Eine interessante Stammtisch-Variante wird von vielen im Ur-Christentum gesehen, als die Kirche noch im Untergrund agierte. In Anlehnung an das antike Symposion feierten die Urchristen eine Gott geweihte Mahlgemeinschaft, die Eucharistie (gr. = Danksagung). In dieser frühchristlichen Tischgesellschaft müssen Essen und Trinken einen so breiten Raum eingenommen haben, dass das sakrale Anliegen dabei aus dem Blick zu geraten drohte. Gegen diesen Missbrauch der Eucharistie protestierten die Apostel mit göttlichem Zorn, wie etwa Paulus in seinen Briefen an die Korinther, in denen er der dortigen Kirchengemeinde die Leviten las und empfahl, Essen und Trinken aus dem Gottesdienst auszuschließen in die Privatsphäre zu verbannen.

     

    Ökonomische Interessenlage
    Nimmt man die dem Dionysos huldigenden Studenten einmal aus, so war das Hauptinteresse, das die traditionellen Stammtischmitglieder miteinander verband, von beruflichen, wirtschaftlichen und allgemein politischen Interessen diktiert. Sie Stammtische stellten so etwas wie die ersten Netzwerke zum Nutzen und zum Schutz der Stammtischmitglieder dar. So spielten die Sicherheit des Warentransports, (Gilden, Hanse), der Zollschutz oder der Kampf um niedrige Steuern eine wichtige Rolle.
    Themen am Stammtisch waren auch
         –  die Überwachung von Ausbildungsregeln,
         –  die Regelung der Arbeitszeiten,
         –  die Sicherung der Produktqualität,
         –  die Preisgestaltung,
         –  nicht zuletzt auch die Sicherung der eigenen Existenz durch eine überschaubar gehaltene
            Konkurrenz.
         –  die sozialen Aspekte wie etwa die Unterstützung bei Tod und schwerer Krankheit. So erhielten
            in den Zünften die Meisterfamilien aus der „Amtslade“ eine Unterstützung.

    Geschlechtsspezifik
    Eine andere Besonderheit der Stammtische bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein bestand darin, dass die Stammtische mehrheitlich Männerbünde waren, erklärbar durch die Männerdominanz in den meisten Berufen und öffentlichen Ämtern. Allerdings gab es bestimmte Berufe, wie der Hebammen- und der Bierbrauerberuf, die von Frauen dominiert waren. Diese hatten ihre eigenen Zünfte und Stammtische. Das Bierbrauen war vor allem im Mittelalter die Domäne der Frauen. Gebraut wurde zunächst in den Privathaushalten, ehe es zu den großen Bierbrauereien kam. Der Stammtisch nach dem ersten Bieranstich war den Frauen vorbehalten. Und hatte eine Frau entbunden, wurde zur Feier der Geburt zuerst mit allen Frauen mit dem selbstgebrauten Bier auf den neuen Erdenbürger angestoßen. Aber auch für Goldspinnerinnen, Garnmacherinnen und Seidenweberinnen sind eigene Zünfte belegt.
    Über eine Stammtisch-Besonderheit gilt es aus Altwürttemberg zu berichten, die insbesondere für das Unterland, das Gebiet um Stromberg-Heuchelberg, belegt ist – die so genannte „Weiberzeche“. Sie wurde den Frauen von den Gemeinden kostenlos einmal im Jahr eingerichtet, um die Verdienste der Frauen für die Gesellschaft herauszustreichen.

    Kommunikativ-künstlerischer Aspekt
    Heute springt der kommunikativ-gesellige Aspekt, das Vergnügen als Erstes ins Auge, wenn vom Stammtisch die Rede ist. Und in der Tat spielte und spielt die Geselligkeit, spielten Essen und Trinken, sogar die Kunst eine nicht geringe Rolle bei den Stammtischlern.
    Wenn auch ernste Themen abgehandelt wurden, sie fanden in einer entspannten Atmosphäre statt. Das Vergnügen war durchaus ein stilprägendes Element der Stammtische. So wurden auch über den Alltag hinaus gehende Gespräche geführt, wie die Tabakskollegien bereits zeigten, es wurde gesungen, und es wurden sicherlich auch Anekdoten und Witze erzählt. Und auch das Kartenspiel kam sowohl am Hofe als auch bei den Bürgern und Bauern zu seinem Recht. Dass der Stammtisch sogar Ehen stiften konnte war nicht unüblich.
    Wie sehr die Kunst zum Tragen kam, belegen die im 15. und 16. Jahrhundert von den Zünften gegründeten Meister-Singerschulen, in denen der Meistergesang gepflegt wurde, später von Richard Wagner in den Meistersingern von Nürnberg musikalisch karikiert. Dass das Singen zum studentischen Stammtischverkehr dazu gehört, ist bekannt.

    Stammtisch-Rituale
    Wie bereits angedeutet wurde, gehören zum Stammtisch bestimmte Stammtisch-Rituale. Wie alle Rituale, zählen auch die Stammtisch-Rituale zu dem, was man „geregelte Kommunikationsabläufe“ nennt.
    Rituale sind Orientierungshilfen, die die Kommunikation klar regeln. Sie geben Halt und stärken so das „Bedürfnis nach zwischenmenschlichen Beziehungen“. Indem sie den Gruppenzusammenhalt sichern und gleichzeitig fördern, wirken sie einheitsstiftend.
    Zur besonderen Festigung werden Rituale gern mit bestimmten Symbolen verbunden.
    Rituale dienen ferner der Rhythmisierung zeitlicher Abläufe. Das gilt besonders für „zyklische Rituale“, die wie der Stammtisch in regelmäßigen Abständen, wöchentlich oder monatlich, abgehalten wird.
    Als Begrüßungsritual dient bei vielen Stammtischen das Klopfzeichen (drei Mal) dazu, Stammtischbrüder einerseits auf sich aufmerksam machen, andererseits die Stammtischbrüder zu begrüßen oder verabschieden. Das ist insofern ökonomisch, als der neu Hinzukommende nicht jedem Einzelnen die Hand geben muss. Mag auch sein, dass das Klopfen einen Widerschein des Aberglaubens darstellt. Danach bedeutet das Klopfen auf den Tisch oder an eine Tür einen Abwehrzauber, mit dem böse Geister abgewehrt werden sollen. Das Klopfen kann im Aberglauben aber auch ein Bannzauber sein, mit dem umgekehrt gute Dämonen herbeigerufen werden können.
    Bei manchen Stammtisch-Organisationen wie dem Hopfenorden etwa war es üblich, den Stammtisch wie einen Altar mit auf das Bier bezogenen Tischsymbolen zu versehen. Die Hopfenbrüder, die sich einmal in der Woche trafen, hatten in der Mitte ihres Stammtisches ihr Herrschaftssymbol, das Bierfass als Thron aufgebaut. Als eine Art Zepter fungierte ein Bierhumpen und als Krone ein Hopfenkranz. Ähnliche Tischinszenierungen sind auch für die Freimaurer nachweisbar.
    Viele Stammtische kennen das Ritual einer festgelegten Sitzordnung, wie sie für die Tabakskollegien, die Freimaurer oder auch die studentischen Verbindungen heute noch typisch ist.
    Wenn andere Stammtische heute eine solche Sitzordnung nicht kennen, muss das nicht heißen, dass sie nicht früher einmal nach einer Sitzordnung verfahren sind. Diese kann im Laufe der Zeit, aus welchen Gründen auch immer, aufgegeben worden sein.
    Bei den Stammtischen mit festgelegten Sitzordnungen sitzt der Vorstand an der Stirnseite eines langen Tisches, von der aus er das Geschehen dirigiert. Links und rechts der Tafel nehmen die Stammtischmitglieder Platz.
    Hinter diesen streng festgelegten Sitzordnungen wird ein ausgeprägtes hierarchisches Prinzip sichtbar. Bei den höfischen Stammtischen führen Könige oder Adlige den Vorsitz. Bei den studentischen Verbindungen sind es die Senioren oder Fuchsmajore (die Erzieher der Füchse, der neuen Mitglieder), bei den Freimaurern die Meister vom Stuhl, bei den Zünften die Älteste, bei den im Gefolge der napoleonischen Kriege entstandenen Schützenvereinen präsidiert der Schützenmeister und bei den quasi militärischen Feuerwehren hat der Feuerwehrkommandant das Sagen bei Tisch.
    Auch wenn das Trinken, wie wir noch sehen werden, ritualisiert war und noch ist, kam es immer wieder zu Saufgelagen, die den Herrschenden, freilich nicht bei sich selber, sondern bei den Untertanen ein Dorn im Auge waren. Es wurden bald schon Polizeiverordnungen erlassen, die Sanktionen für Trunkenheit enthielten. Eine der ersten Polizeiverordnungen war die von Karl V. von 1530.

    Kleiderordnung.
    Ein anderes interessantes Ritual stellte die Kleiderordnung dar. Heute ist den meisten Stammtischen nicht mehr anzumerken, dass früher generell eine Kleiderordnung vorgeherrscht hat, die allerdings von Hof zu Hof und von Stadt zu Stadt unterschiedlich streng gehandhabt wurde. Bereits für das Altertum sind Kleiderordnungen belegt. Die Bedeutung besteht darin, dass sie nach außen für alle sichtbar die jeweils herrschenden gesellschaftlichen Hierarchien abbilden. Doch hinter jedem Kleiderdiktat steht auch eine Kontrollfunktion und damit eine Form der Gängelung. An der Kleidung ist die Herkunft des Trägers auf einen Blick auszumachen. Gleichzeitig galt es, mit Kleiderordnungen die Kleiderprivilegien der Herrschenden zu wahren. Das Tragen von Purpurgewändern und Hermelinpelzen blieb ausschließlich den ranghöchsten Spitzen der Gesellschaft vorbehalten.
    Eine andere Zielsetzung bestand darin, per Kleiderordnung Sittlichkeit und Moral aufrechtzuerhalten und durch diese Disziplinierung die Ständeordnung zu sichern.
    Die erste Kleiderordnung für Deutschland erließ Karl der Große im Jahre 808 in seinem so
    genannten „Aufwandsgesetz“, das genau festlegte, wie viel Geld der jeweilige Stand für Kleidung ausgeben durfte.
    Seit dem 13.Jahrhundert kamen flächendeckend Kleiderordnungen auf, die dann ein fester Bestandteil der allgemeinen Gesetzgebung sowie der Polizeiverordnungen wurden. Die Kleidervorschriften wurden zunächst von den Landesherrn oder Stadträten, später auch von den Reichstagen erlassen. Was wer in welchem Umfang tragen durfte oder meiden sollte, war darin festgelegt. Ebenso die Strafmaße bei Verstößen. Die Überwachung erfolgte über Gerichtsherrn, Beamte sowie „Unterobrigkeiten“ (Magistraten, Geistliche, Schultheiße, Lehrer, Schuldiener), nicht zu vergessen die Spitzel oder Denunzianten. Verstöße wurden unerbittlich sanktioniert
    In einer „Göttinger Kleiderordnung“ von 1354 wurde das Tragen von kostbarer Kleidung und von Schmuck von der Steuerleistung der Männer abhängig gemacht. Wer dagegen verstieß, musste Pferde für städtische Dienste unterhalten. Oder er hatte eine „Mauerstrafe“ abzuleisten: Er wurde zur Ausbesserung oder Neuerrichtung von Stadtmauern herangezogen.
    Besonders streng war die Kleiderordnung des Herzogtums Sachsen-Coburg von 1667. Schneider mussten geloben, ihre Kleider nach den Regeln der Kleiderordnung hergestellt zu haben. Verstöße konnten mit Geldstrafen, dem Ausschluss aus der Zunft, was einem Berufsverbot gleichkam, oder gar der Verbannung aus dem Ort und dem Land bestraft werden. Kontrolliert wurde nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in öffentlichen oder nicht-öffentlichen Versammlungsorten. Jedes Quartal waren in Sachsen-Coburg die Verzeichnisse der Straffälligen an die Staatskanzlei, eine Art Bundesnachrichtendienst, zu senden. Denunzianten wurden als „Dank“ und zur „Aufmunterung ihres Fleißes in Beobachtung dieser Ordnung“ mit einem Drittel der Strafzahlungen belohnt. Für den Staat waren die Verstöße also eine willkommene Einnahmequelle.
    Eine besondere Rolle bei der Überwachung spielte der Negativkatalog, der festschrieb, was der Einzelne Standesvertreter nicht durfte. Vor allem die Frauen wurden scharf ins Visier genommen. So wurde etwa den Frauen in Speyer und in Straßburg in einem Erlass von 1356 untersagt, herabfallendes Haar zu tragen. Das galt als unkeusch, sündhaft.
    1370 verbot ein Erlass der Stadt Straßburg den Frauen, Unterwäsche zu tragen, die „die Brüste anhob“. In der erwähnten Kleiderordnung Sachsen-Coburgs von 1667 wird allen Frauen das Tragen extravaganter und provokanter Kleiderschnitte untersagt.
    Die Frauen wurden aufgefordert „alle Arthen der Trachten, welche zur Üppigkeit und unziemender Entblossung des Leibes, an Hälsen, Brüsten und Armen, erfunden werden, und an sich selbst so wol der Erbarkeit und Christlichen Zucht zu wider, als der Gesundheit schädlich sind, gänzlich vermeiden, und forthin dermassen bedeckt gehen sollen“.
    Adlige Frauen waren nicht ausgenommen. Trägerinnen mit großem Dekolleté sollten „mit schimpflicher Abweisung von unserem Hofe“ ermahnt werden. Als sündige Missachtung des göttlichen Gebots wurde es ausgelegt, wenn Kleider „von also dünnem Zeuge verfertigt sind, dass der Leib leichtlich durchschimmert, oder dergestalt unangehefftet umhängen, dass bey der geringsten Bewegung alsbald die Blösse verursacht wird“.
    Für die Handwerker waren in Sachsen-Gotha genau festgelegt Preisvorschriften vorgeschrieben, wie viel etwa Leinwand für die Anfertigung von Kleidung kosten dürfte.
    Den Bauern war das Tragen großer Stiefel aus rotem oder gelbem Leder oder von Strümpfen aus weißem Tuch mit Aufschlägen und Band untersagt. Einfache schwarze Stiefel oder Schuhe, einfache Hüte, Socken oder Strümpfe, aber nur aus minderwertigem Tuch, waren dagegen erlaubt.
    Handwerkerfrauen war das Tragen von verzierendem Beiwerk und Schmuck untersagt. Lediglich Korallenschmuck, aber nur mit kleinen Perlen stand ihnen zu. Dienstmägden war das Tragen von seidenen Mützen, mit Pelz verzierten Muffs, langen seidenen Halstücher, gesteppten und ausgehackten Schuhe verboten. Zuwiderhandlungen wurden als „Akte der Hoffart“ mit Geldstrafen und Gefängnis bestraft. Bei wiederholtem Verstoß wurden die Täterinnen mit dem Hals-Eisen vorgeführt und konnten aus der Stadt verwiesen werden.
    Bei einem Trauerfall durften Handwerker und Bauern keine langen, bis auf die Erde reichenden Mäntel tragen, da sonst der Unterschied zwischen den „Vornehmen und Gemeinen“ nicht mehr kenntlich war.
    Fast alle Kleidereinschränkungen wurden religiös, mit dem Schamheitsgebot und der Gott geschuldeten Demut begründet. Aufreizende Kleidung galt als eine Anstiftung zur Sünde. Wer also gegen die christlichen Normen verstieß, der wurde stigmatisiert.
    Im Zuge von Reformation und Gegenreformation wurden in ganz Europa die Luxusbeschränkungen, die ebenfalls religiös motiviert waren, verschärft. Die Menschen sollten durch Zurschaustellung von Luxus Gott nicht beleidigen, sondern auch in der Kleidung eine gottgefällige Demut zeigen. So war es in Frankreich, Spanien, Italien und England den Untertanen untersagt, Gold- und Silberbrokate sowie Gold- und Silberstickereien zu tragen. Diese Regelungen galten natürlich nicht für die Oberschicht.
    Erst die Französische Revolution mit ihrer Gleichheitsforderung machte mit dem Spuk der strengen, gesetzlich fixierten Kleiderordnungen des Feudalismus ein Ende. So schien es. Tatsächlich wurde jetzt, wie bekannt, die revolutionäre Mode ein vorgegebener Dress Code.
    Neben die von der Obrigkeit gesetzlich verordneten offiziellen Kleiderordnungen traten interne Dress Codes, die sich die Organisationen selbst verordneten. Ausdruck eines Selbstwertgefühls, Ausdruck gemeinschaftlicher Verbundenheit und gleichzeitig ein nach außen hin bekundetes Bekenntnis zu der Gemeinschaft, der man angehörte. Ein Ergebnis dieser gemeinschaftsinternen Kleiderverordnungen sind die Uniformen der Studenten, auch Wichs genannt. Dazu zählt auch die Garderobe der Freimaurer, auch wenn diese im Gegensatz zu den studentischen Verbindungen nur bei geschlossenen Veranstaltungen getragen wird.

    Die Kleidung der Freimaurer, die zu den Tafeln getragen wird, besteht aus einem
          –  dunklen Anzug der Smoking
          –  dem Bijou (dem jeweiligen Schmuckabzeichen einer Loge),
         –   einer Maurerschürze
         –  einem hohen Hut, der ein Zylinder sein kann, wie bei Theodore Roosevelt leicht erkennbar.
    Besonders schlimm betroffen waren von den Kleiderordnungen die Randgruppen.
    Für sie wurde eigens eine stigmatisierende Kleiderordnung erfunden. Sie hatten Kleiderabzeichen in den „Schandfarben“ Rot, Gelb und Grün zu tragen.
         –  Den Juden wurde beispielsweise das Tragen von gelben Ringe oder, seit 1180 nachweisbar,
            das Tragen des Judenhuts zur Pflicht gemacht.
         –  Prostituierte hatten sich zur Unterscheidung von „normalen“ Frauen durch rote Kapuzen, rote
            Schleier oder gelbe Tücher und Kleidersäume auszuweisen.
         –  In Zürich und Bern erkannte man die Prostituierten an ihrem roten Käppeli,
        –   in Wien an einem gelben Tüchlein, das an der Achsel festgemacht war.

    Tischsitten
    Die heute noch üblichen Tischsitten haben sich erst im 13. und 14. Jahrhundert allmählich und nicht überall gleichzeitig herausgebildet. In dieser Zeit kamen Benimmbücher auf den Markt, in denen es um die „Tischzuchten“ ging, wie man damals das Verhalten bei Tisch nannte. Geltung hatten diese zunächst nur für die Menschen bei Hof. So etwa der poetisch gefärbte Verhaltenskodex Tannhäusers „Hofzucht“ aus dem 13 Jahrhundert. Bis dahin scheint ein sehr archaischer Umgang bei Tisch geherrscht zu haben. Im Mittelalter hatte das Speisen als ein Akt der Solidargemeinschaft Vorrang vor allen Tischsitten. Man saß auf einer Bank an einem Tisch, man aß aus einem Topf, man trank aus einem Gefäß, man brach gemeinsam das Brot. Die Tischsitten setzten sich nicht auf einen Schlag durch. Erst gesellschaftlich oben, bei den Höfen, ehe sie langsam nach unten durchdrangen.
    Menschliche Bedürfnisse wie Schmatzen, Rotzen, Rülpsen, Spucken, Popeln, Furzen machten im Mittelalter keine Probleme. Erst das, was Norbert Elias die „Affektmodellierung“ genannt hat, und die sich in der Neuzeit durchzusetzen begann, änderte etwas daran.
    Schwerpunkt all dieser Erziehungswerke war ganz generell die
         –  Beherrschung der Affekte, die Ausdruck eines neuen Persönlichkeitsbildes war, das auf der
            umfassenden Persönlichkeitsentfaltung aufbaute.
         –  die Zurückdrängung des „tierischen Charakters“ im Menschen und
         –  die Entwicklung eines Peinlichkeits- und Feingefühls, für das kein rationales Argument in den
            Benimmbüchern auszumachen ist. Das die Hygiene eine Rolle gespielt haben mag, ist erst
            ein erst später an diese Regelung herangetragenes Motiv
    Die ersten Verbote betrafen das Schneuzen und Kratzen bei Tisch. Bereits im Mittelalter wurden die Menschen angehalten, für das Schneuzen nur die linke Hand zu benutzen, da die rechte Hand dem Anfassen der Speisen vorbehalten war. Bald schon wurde empfohlen, für das Schneuzen ein Kleidungsstück zu benutzen und das Tischtuch zu verschonen. Das Schneuzen sollte leise erfolgen. Ehe das Spucken bei Tisch ganz verboten wurde, lautete der Ratschlag, nicht auf oder über den Tisch zu spucken, sondern neben ihn. Vor dem Trinken sollte man sich den Mund abwischen. Auch das Händewaschen vor dem Essen und zwischen den einzelnen Gängen kam langsam, und zwar beim Adel, in Mode, ehe es vom Bürgertum übernommen wurde.
    Zur Affektmodellierung bei Tisch gehörte auch, dem Hinunterschlingen des Essens Einhalt zu gebieten. Erasmus von Rotterdam empfahl daher, mittels Gesprächen „Intervalle“ in die Speisenfolge einzulegen. Diese Tischgespräche sollten von allem Schlechten, Vulgären, Barbarischen, das dem Feingefühl entgegenstand, freigehalten werden. Schließlich galt es, mit dem Verhalten bei Tisch dem Ranghöchsten bei Tisch Respekt zu bezeugen, ihn nicht zu beleidigen, keine Peinlichkeit aufkommen zu lassen. Gleichzeitig wurde aus der Verfeinerung der Esssitten bald schon ein Distinktionsmerkmal, mit dem sich der gebildete vom ungebildeten Menschen unterschied. Diese Esskultur wanderte schließlich von oben nach unten und erfasste bald schon das aufstrebende Bürgertum, die Handwerker und Kaufleute. Und ganz zum Schluss verspätet die Bauern.
    Wie schon erwähnt, war peinlich darauf zu achten, dass
        –  die Ranghöchsten bei Tisch als Erste zu bedient wurden. Das Tranchieren des Bratens blieb
            lange Zeit ihr alleiniges Privileg. Vordem war es üblich, das gebratene Tier oder den Fisch auf
            großen Platten, Pfannen oder Töpfen ganz, unzerteilt auf den Tisch zu bringen, von dem sich
            jeder Teilnehmer einen Teil mit seinem Messer abschnitt und das Stück Fleisch auf seinen
            Teller tat.
         –  Fleischportionen auf eine Brotscheibe gelegt wurden, wo es sich mit dem Fleisch- und
            Soßensaft vollsog. Das Brot hatte auch noch eine andere Funktion. Es diente dazu, den
            Suppenlöffel und das Messer vor der Wiederbenutzung abzustreifen. Das mit der Soße
            angereicherte Brot aß man am Ende des Mahls entweder selbst auf, oder es wurde wie auch
            sämtliche Essenreste als Almosen an die Armen weitergereicht.
         –  Die Suppe in Töpfen oder großen Schüsseln auf den Tisch kam. Aus einer großen,
            gemeinschaftlichen Kelle, die an die Tischnachbarn weitergereicht werden konnte, wurde die
            Suppe dann getrunken. Dies galt als Ausdruck solidarischer Verbundenheit der
            Tischgesellschaft. Nach und nach erfolgte die Individualisierung. Die Kelle wurde von
            Schüsseln, Suppentellern und Löffeln verdrängt, zuerst bei den Privilegierten, versteht sich.

    Im 17. Jahrhundert hört in Frankreich das Zerlegen der Speisen bei Tisch allmählich auf. Die Speisen kommen bereits zerteilt auf den Tisch. Dafür wird eine Erweiterung der Arbeitsteilung, die Zunahme der Spezialisierung verantwortlich gemacht. So wurde etwa die Schlachtung außer Haus vorgenommen. Die französische Regelung wird von den anderen europäischen Gesellschaften übernommen.
    An den adligen Tafeln war es auch üblich geworden, dass man sich
         –  die Hände in mit Kamille oder Rosmarin angereichertem Wasser wusch, das eigens von
            Pagen vor dem Essen und zwischen den einzelnen Gängen gereicht wurde.
         –  Da die Getränke lange Zeit aus einem gemeinsamen Gefäß getrunken wurden, wurde das
            Abwischen des Mundes vor dem Trinken üblich.
         –  Zur Reinigung der Nase setzte sich zuerst in Italien der Gebrauch des Taschentuches durch,
            das anfänglich als ein ausgezeichneter „Prestigewert“ angesehen wurde. Die Damen trugen
            das reich bestickte Taschentuch für alle sichtbar am Gürtel. Es war bei Männern sehr
            begehrte Trophäe. Manche Männer trugen es im Mund. In jedem Fall setzte unter einigen
            Männern ein schwunghafter Handel mit diesen begehrten Frauen-Objekten ein. Ein Pars-pro-
            toto-Symbol. Erst bei Ludwig XIV. wird das Taschentuch bei Hofe allgemein.
    Vom Besteck war auf dem Tisch zunächst wenig zu finden. Ein Becher auf der rechten Seite,
    links ein Stück Brot. Das war schon alles. Für das Messer, das wichtigste Besteck bei Tisch, hatte jedes Tischmitglied eigenverantwortlich Sorge zu tragen. Es wurde in einer Scheide mitgebracht. Lediglich für ranghohe Personen wurde ein Messer gedeckt. Wer sich keines leisten konnte, dem konnte der Tischnachbar mit seinem Messer aushelfen. Dem Messer wurde auf der rechten Seite, neben einem Becher, ein Platz eingeräumt.
    Die Suppe konnte aus einer gemeinschaftlichen Schöpfkelle, die weitergereicht wurde, oder einer Schale getrunken werden, ehe sich der Löffel und der Suppenteller durchsetzten.
    Die Gabel kam verspätet aus Byzanz über Italien und Frankreich zu uns und musste sich gegen erhebliche Widerstände der Kirche erst durchsetzen, die in der Gabel ein Werkzeug des Teufels sah. Noch Luther soll 1518 gestöhnt haben: „Gott behüte mich vor Gäbelchen!“ In Italien wurde die zweizinkige Gabel in der Epoche der Renaissance zunächst nur für Obst benutzt, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen. Beim Adel in Deutschland kam die Gabel erst als Vorlegegabel in Umlauf, dann auch als individuelles Besteck, das links am Tisch ihren Platz fand. Doch flächendeckend durchgesetzt hat sie sich in den gehobenen Schichten erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Dass Byzanz bei den Gabeln die Nase vorn hatte, erklärt sich aus der dort herrschenden Ess- und Servierkultur, die auf zerkleinerten Speisenteilen aufbaute, die auf diversen Tellern und Schüsseln serviert wurden.

    Trinkgelage und Bruderschaftstrinken
    Das Trinken von Alkohol im Zusammenhang mit einem Trinkgelage wurde bereits in den antiken Kulturkreisen als ein herausragendes Kulturgut in Ehren gehalten, es war ein religiöser Kult. Im Rausch, so meinte die Antike, sprächen die Götter mit den Menschen. Damit war jeder Rausch geheiligt.
    Ein Eröffnungs-Ritual eines antiken Trinkgelages war das Zutrinken zu Ehren der Götter. Einbezogen wurden dann die Verstorbenen, ehe das anwesende Kollektiv begrüßt und zum Trinken ermuntert wurde. In Griechenland wurde mittels des Toasts der „gute Geist“ heraufbeschworen, er möge in alle Anwesenden einziehen.
    Aus dem Zutrinken hat sich im Zuge der Individualisierung des kollektiven Trinkens
    das „Bruderschaftstrinken“ oder das „Bescheidtun“ (soviel wie: eine Mitteilung, eine Verbindung herstellen), wie es im Mittelalter hieß, entwickelt, mit dem man den höflichen Abstand verringerte und zum Duzen überging, das streng ritualisiert war.
    Im 17. Jahrhundert kam dafür die Redewendung „Auf den Dutz trinken“ (auf das Duzen trinken) auf. Die sich für das Duzen entschlossen hatten, tranken nacheinander aus einem gemeinsamen Trinkgefäß, das beide umfasst hielten. Nach dem gemeinsamen Trunk gab man sich zunächst einen Kuss auf den Mund, später auf die Backen und nannte seinen Vornamen: „Ich bin der und der…“ oder „Ich heiße…“. Darauf gaben beide ein gegenseitiges Versprechen ab, sich „lieb“ zu haben und alles zu „meiden“, was dem anderen „Leid“ bereite. Sicher nachweisbar ist dieses Brüderschaftstrinken seit 1616 mit der Schrift Jus Potandi oder Zechrecht.
    Das Bruderschaftstrinken hatte fatale Folgen. Denn wem zugeprostet wurde, von dem wurde eine Erwiderung erwartet, dass er sich revanchierte. Eine Verweigerung der Erwiderung wurde gleich zweimal geahndet: als Feigheit und als Beleidigung des Gegenübers. Die Ächtung des Verweigerers war da noch die schwächste Form einer Sanktion. Physische Attacken, die bis zum Totschlag führen konnten, waren die drastischste Form der Vergeltung. Ein Trinkgelage unter diesen rigiden Regeln des Zutrinkens war folglich erst dann zu Ende, wenn alle Beteiligten besoffen waren. Heute sind die Toasts nach wie vor ein wesentliches Stammtisch-Ritual bei den studentischen Verbindungen wie auch bei den Freimaurern.
    Verschärft wurde der Alkoholkonsum durch die Tatsache, dass die Wasserqualität im Mittelalter vor allem in den Städten miserabel war, weshalb die Bevölkerung auf den Alkohol als Alltagsgetränk auswich, da der Alkohol keimtötend wirkte und vor Infektionen schützte. So konnten Wein, vor allem aber das Bier zu einem Volksnahrungsmittel werden. Weit verbreitet war beim einfachen Volk das Frühstück, das aus einer Biersuppe bestand.
    Diese alkoholische Eskalation rief die Herrschenden auf den Plan, die sich veranlasst sahen, „Zechrechte“ und Zech-Pflichten zu erlassen, die den Alkoholkonsum zu kontrollieren und einzudämmen hatten. Dies geschah auf Reichsebene ab dem 15. Jahrhundert regelmäßig mittels so genannter „Reichsabschiede“, die u.a. dem „übermäßigen Trinken und Zutrinken“ gewidmet waren, und schließlich in die Reichspolizeiordnungen Eingang fanden.

    Trinkparolen
    Eine allgemeine, wenig ausgeprägte Trinkaufforderung ist die Parole „Prosit“ oder „Prost“, die mit einem Zuprosten durch Heben der Gläser/Becher/Flaschen und/oder durch Anstoßen der Trinkgefäße verbunden werden kann. Nicht unwichtig ist dabei der den Trinkenden zugewandten Blickkontakt.
    Das „Prosit“ geht auf das lateinische Verb „prodesse“ zurück, in der Bedeutung von nützen, nützlich sein, zuträglich sein, im weiteren Sinn: gut tun. Grammatisch betrachtet, bedeutet das Kürzel „Pro-sit“ den Konjunktiv (3. Person Singular) im Sinne von „Es möge nützen, gut tun!“ Das „Prost!“ schließlich ist die verdoppelte Verkürzung von prodesse.
    Synonym werden dann im Deutschen auch die Trinksprüche „Zum Wohl!“, „Wohl bekomm’s!“, „Wohlsein!“ verwendet, freilich nicht nur am Stammtisch.
    Zum Teil streng kontrolliert sind die Trinkrituale bei den Freimaurern und den studentischen Verbindungen. Vor und zwischen den einzelnen Trinkeinheiten können Trinkparolen oder „Toasts“ ausgebracht werden, die entweder auf einzelne Trinkbrüder oder auf die Gemeinschaft, der die Stammtischbrüder angehören, ausgebracht werden. Der Toast kann aber auch politisch artikuliert werden. Er gilt dann wie bei den „Tafellogen“ der Freimaurer zum Beispiel Volk und Vaterland, der Freiheit, den Menschenrechten, natürlich der „königlichen Kunst“ sowie den Gästen.
    Der Chef der Tafelrunde, „Meister vom Stuhl“ genannt, kündigt einen Toast durch einen Hammerschlag auf den Tisch an und lässt von seinen Assistenten verlauten, dass er oder ein Mitglied einen Toast ausbringen wolle. Danach füllen die Teilnehmer sich gegenseitig ihre Gläser mit Bier oder Wein als Ausdruck der dienenden Solidarität der Brüder untereinander. Dann erheben sich die Teilnehmer, halten ihr gefülltes Trinkgefäß ausgestreckt vor sich und leeren dieses auf Kommando in drei Schlucken. Es folgt das feste, laute Aufsetzen der leeren Gefäße, das wie ein Salutschuss einer Kanone klingen soll, worin ein ferner Nachhall auf das Salutschießen zu Ehren eines Herrschers gesehen wird. Daher heißen diese Gefäße, die einen verstärkten Boden haben, damit der Salutschuss auch gelingt, „Kanonen“. Es folgt als Abschluss des Zutrinkens die kollektive Zustimmung aller Anwesenden durch die Antwort-Parole: „Sie leben!“ So wie bei den Freimaurern das Trinken durch Toasts eröffnet wird, so wird die Tafelloge auch rituell durch „die Kette“ beendet, häufig durch das Absingen des berühmten „Kettenlieds“, Mozarts letztes musikalisches Werk, das er, der selber Freimaurer war, für die Wiener Loge komponierte. Der Text soll von Schikaneder stammen.
    Von den Freimaurern sollen die Studentenverbindungen die Trinksitte des hörbaren Aufsetzens des Trinkgefäßes übernommen und erweitert haben. Das studentische Trinkritual allerdings lautet anders. Es trägt den Namen „Einen Salamander reiben“. Wiederum auf das Kommando des Seniors oder Fuchsmajors, der für frisch aufgenommenen Mitbrüder verantwortlich ist, „Ad exercitium salamandri!“ stehen alle Trinkbrüder auf und nach dem Zuruf „Prost!“ wird das Glas meistens auf einen Zug geleert. Auf ein weiteres Kommando werden die Gefäße laut auf den Tisch aufgesetzt und dann mit kreisenden Bewegungen „gerieben“. Auch ein lautes Klappern mit den Gefäßen ist möglich. Der Vorgang wird ein- oder dreimal wiederholt. Unmittelbar nach dem Geklapper soll sofort Stille eintreten, was natürlich militärische Präzisheit der Bewegungen voraussetzt. Diese Koordination wird als ein besonderes Gemeinschaftsgefühl angesehen.
    Einbezogen werden in das Trinkritual des Salamanders auch die Toten. Ist ein Verbindungsmitglied gestorben, wird zu seinen Ehren ein Salamander gerieben, indem neben den Stammtischchef ein leerer Stuhl und auf den Tisch davor für den Toten ein gefülltes Glas hingestellt wird. Nach der Salamander-Zeremonie leert der zuständige Stammtisch-Chef stellvertretend für den Toten das Glas und erwidert für diesen die Ehrerbietung. Danach wird das Glas meistens zerschmettert.
    Was die Zeremonie des Salamenderrührens angeht, gibt es viele Theorien, die mit dem Elementarwesen des Salamanders, des Hüters des Feuers, der gegen Feuer gefeit ist und daher als Einziger das Feuer auch löschen kann, irgendwie in Zusammenhang gebracht. Eine andere Theorie beruft sich auf ein Dokument der Studentenverbindung Sachsen-Preußen in Heidelberg, in der der Name Salamander ganz anders, nämlich als ein verballhornendes Initialwort erklärt wird, das auf die Trinkparole „Sauft alle miteinander!“ (=Salamander) zurückgeht.

     

    Copyright Albrecht Schau

38. Rosemarie Schuran, Donnerstag,den 11. Oktober 2012

Der Kirchliche Suchdienst und der Wert seiner Informationen

  • Mit dem Ziel, Menschen in Not zu helfen und Leid zu lindern, wurde der Kirchliche Suchdienst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Millionen, die ihre Heimat und durch die Flucht oftmals auch ihre Angehörigen verloren hatten, waren auf der verzweifelten Suche nach den Vermissten.

    Kirchengemeinden mit den verschiedenen Nothelfern, die von Lager zu Lager zogen und die Personalien der Ankommenden in Listen aufnahmen, waren die Ersten, die sich um die Suche nach den Vermissten kümmerten. Als sich das gigantische Ausmaß der offenen Schicksale immer mehr abzeichnete, wurden die bisherigen Notmaßnahmen im Kirchlichen Suchdienst zusammengefasst und dauerhaft organisiert. Die Anzahl von Personenmeldungen ging schnell in die Millionen und man beschloss, den Verbleib von Vermissten aktiv zu klären. Dazu mussten alle vorliegenden Meldekarten  unter dem Namen der früheren Heimatorte neu zusammengestellt werden. Diese Aktion begann 1947, und im Jahr 1948 war es dann soweit: die bekannten Heimatortskarteien des Kirchlichen Suchdienstes waren geboren.

    Mit der Ausrichtung nach Heimatorten war auch eine Organisation des Suchdienstes nach Heimatgebieten vorgegeben. In diesen dezentralen Dienststellen des Kirchlichen Suchdienstes, die sich nach den jeweiligen Betreuungsgebieten, beispielsweise Heimatortskartei für Ostpreußen benannten, flossen von nun an alle zugehörigen Informationen zu den Vertriebenen, zu Flüchtlingen und über Spätaussiedler bis zu den nachgeborenen Generationen zusammen. Obwohl diese Dienststellen seit 2001 in zwei Zentren zusammengelegt wurden, hat dieses 1947 beschlossene Strukturprinzip für Suchdienstinformationen unverändert Gültigkeit.

    Die Suchdienstunterlagen bestehen aus den Heimatortskarteien und aus verschiedenen Dokumentationen, Aufschrieben, Büchern und seit 20 Jahren auch aus Datenbankinformationen. Sie sind über Bearbeitungshinweise untereinander vernetzt. Mit einer fachkundigen Auswertung ergeben sie ein facettenreiches Bild von Familienverbänden und Schicksalswegen. Im Gegensatz zu einem Archiv werden Suchdienstunterlagen mit dem Ziel der Hilfe für Betroffene fortgeschrieben. Diese als Evidenz bezeichnete Aufgabe des Suchdienstes sorgt dafür, dass in den Suchdienstunterlagen nicht nur Informationen aus der Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit vorliegen, sondern dass beispielsweise aktuelle Anschriften es den Nachkommen der von Flucht- und Vertreibung betroffenen Familien ermöglichen, auch heute noch zueinander zu finden. Die Evidenz arbeitet auch neue Erkenntnisse in die Suchdienstunterlagen ein, korrigiert erkannte Fehler und führt verschiedene Meldestände zu Personen chronologisch zusammen.

    Aus der Entstehungsgeschichte der Suchdienstunterlagen des Kirchlichen Suchdienstes wird deutlich, dass es von 1945 bis heute darum geht, alle bekannt werdenden Informationen zum Verbleib oder zum Schicksal der von Flucht, Vertreibung und Spätaussiedlung betroffenen Personen zusammen zu tragen, abzugleichen und zu dokumentieren. Neben der Auswertung von überlieferten Quellen, wie Kirchenbüchern, waren es vor allem die Auswertungen der verschiedenen groß angelegten Befragungsaktionen zusammen mit den immer neuen Erkenntnissen aus der Suchdienstarbeit, die sowohl die Breite, als auch die Qualität der Suchdienstinformationen prägen. Die Suchdienstunterlagen des Kirchlichen Suchdienstes spiegeln so gesehen das personenbezogene Gedächtnis der Erlebnisgeneration wieder.

    An den Suchdienstunterlagen haben im Laufe der Jahrzehnte viele Hände gearbeitet. Jedes Jahr galt es, zig tausende Informationen zu erschließen. Um dies organisatorisch leisten zu können, wurden die jeweiligen Quellen über standardisierte Karteikarten erschlossen. Es gibt deshalb zu einer Person häufig mehrere Hinweiskarten und Dokumentationsstellen in den Suchdienstunterlagen.

    Beispielsweise wurden die personenbezogenen Daten aus dem Vertriebenenausweisverfahren durch den Kirchlichen Suchdienst ausgewertet. Aus dieser Aktion entstanden die sogenannten Berlin Karten. Die erste große aktive Maßnahme zur Schicksalsklärung der Vertriebenen und Flüchtlinge war die Zivilvermisstenregistrierung von 1950. Für deren Ergebnisse wurde ebenfalls ein eigener Kartentyp entwickelt und in die Suchdienstunterlagen aufgenommen. Eigenen Kartentypen wurden auch für die vielfältigen Informationen der größten und über 10 Jahre dauernden Aktion, die so genannte Gesamterhebung zur Klärung des Schicksals der Deutschen Bevölkerung, eingeführt. Der Auftrag dazu kam 1953 vom Deutschen Bundestag. In einer breiten Kooperation zwischen den Landsmannschafen und dem Deutschen Roten Kreuz wurden verschiedene Fragebogen an Zeitzeugen verschickt. In diesen Erhebungsbogen sind beispielsweise Meldungen zur Feststellung der Verluste im Zweiten Weltkrieg bis heute dokumentiert. Neben Angaben zur eigenen Person wurden auch Stationen während des Zweiten Weltkrieges aufgenommen und Angaben zu Verwandten und Ihrem Verbleib abgefragt. Alle Ergebnisse wurden beim Kirchlichen Suchdienst zusammengefasst und in die Suchdienstunterlagen eingestellt. Am Ende der Gesamterhebung im Jahre 1966 war der Bestand an erfassten Personenschicksalen auf über 16 Millionen angewachsen.

    Bei so unterschiedlichen Quellen und Aktionen bleibt es nicht aus, dass auch widersprüchliche Angaben zu einzelnen Personen vorliegen können. So kommt es durchaus vor, dass zu einer bestimmten Person beispielsweise zwei verschiedene Geburtsdaten gemeldet wurden oder die Namensschreibweise nicht in allen Meldungen gleich sind. Eine fachkundige Auswertung muss deshalb die Entstehungsgeschichte einschätzen, verschiedene Karteikarten zuordnen, Personenidentitäten zum Beispiel über gleiche Familienangehörige herausfiltern und die verschiedenen Informationen sachlich abwägen können. Erst dann ergeben die Suchdienstdaten ein verlässliches Bild, das für weitere Ermittlungen bei Drittstellen, für Familienauskünfte, für die Kontaktaufnahme zu Gesuchten oder auch für Bescheinigungen genutzt werden kann.

    Für Sachfragen beispielsweise zu früheren Wohnorten, zu Ortsbezeichnungen, zu Gebietszugehörigkeiten oder auch zur Beschreibung von Fluchtwegen greift der Kirchliche Suchdienst auf Orts- und Straßenverzeichnisse aus der Vorkriegszeit zurück oder nutzt die verschiedenen Quellen der Bibliothek wie Reichsadressbücher, Ortsmonographien und Dokumentationen.

    Dieser kurze Überblick zeigt, dass sowohl Art, als auch Umfang der Informationen in den Suchdienstunterlagen beim Kirchlichen Suchdienst einmalig sind. Die daraus erstellten Auskünfte sind amtlich anerkannt. Dies war über Jahrzehnte neben der Klärung von Verbleibsfragen die wichtigste Hilfe für die Erlebnisgeneration bei den Anstrengungen, im Bundesgebiet Fuß zu fassen. Heute steht für die nachfolgenden Generationen die Frage nach den eigenen Wurzeln im Vordergrund. Denn vieles, was zur Herkunft und zur alten Heimat den Großeltern noch selbstverständlich war, ist aus Gram um die verlorene Heimat nicht an die Kinder weitergegeben worden. Häufig stand der Neuanfang im Vordergrund und möglicherweise wollten die Kinder der Vertriebenen als Hiesige anerkannt sein und nichts über alte Zeiten in einer anderen Heimat hören.

    Wir stellen immer mehr fest, dass sich dies ändert. Auf der Suche nach Antworten über die eigene Familie sind die Suchdienstunterlagen eine fundierte, vielseitige und gut erschlossene Quelle. Auch mit wenigen Anhaltspunkten führen die IT-Gestützten Suchmodelle zu ersten Anknüpfpunkten für eine Ermittlungsreihe. Daraus entwickeln die Suchdienstmitarbeiter/innen immer wieder Erfolgsgeschichten.

     

    Copyright Rosemarie Schuran
    Geschäftsführung Bereich Personal und Suchdienstarbeit

    Kontakt
    Geschäftsstelle
    Lessingstr. 1
    80336 München
    Telefon: 0711 9936422
    E-Mail: schuran@kirchlicher-suchdienst.de

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