48. Helmut Belthle, Ludwigsburg, 11. September 2014

Die Erforschung von Scharfrichterfamilien

  • Das Scharfrichteramt wurde erstmals 1276 in Augsburg und 1446 in Heilbronn erwähnt.
    Die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der Scharfrichter waren in der Regel überdurchschnittlich gut.
    Anhand von ausgewählten Bildern stellte H. Belthle einzelne Scharfrichterportraits vor: Scharfrichter Andreas Bürck (1647-1702) von Schwäbisch Hall, Jakob Vollmar (1677) von Zürich, Theodor Mengis (1839-1918) von Rheinfelden, Franz Joseph Wohlmuth (1738-1823) von Salzburg), Johann Michael Widmann (1723) von Nürnberg, Carl Heinrich Moritz Brand (gestorben 1927) von Sachsen und Lorenz Strassburger (1602-1695) von Görlitz.
    Dabei wurde deutlich, dass diese Vertreter der Hohen Gerichtsbarkeit einen durchaus bürgerlichen Habitus an den Tag legten: aufwändige Kleidung, Schmuck, Wappen. Ähnlich verhält es sich mit den im Privatbesitz befindlichen Scharfrichterhäusern. Die Heilbronner Scharfrichter hatten eine Dienstwohnung in der Fischergasse, früher auch Henkergasse genannt. Ein weiteres Gebäude in derselben Gasse war in ihrem Privatbesitz. Einige Scharfrichterhäuser lagen innerhalb, einige außerhalb „etters“ (d.h. der Stadtmauer). Die Bezeichnung „Meisterhof“ deutet in der Regel darauf hin, dass es sich um eine ehemalige Wasenmeisterei (Wohnort eines Abdeckers) handelt.
    Um den Scharfrichterberuf ausüben zu können, musste ein angehender Scharfrichter eine lange und gründliche Ausbildung absolvieren. Nach bestandenem Examen (kunstgerechte Enthauptung eines Delinquenten) durfte er sich schließlich „Meister“ nennen und sich dann um eine freie Stelle bewerben. In Heilbronn bewarben sich so z.B. um die Nachfolge des 1726 verstorbenen Scharfrichters Johann Christoph Grossholz gleich vier Anwärter: Der Scharfrichter von Wimpfen, Georg Adam Ostertag, der Scharfrichter von Mosbach, Johann Martin Widmann, der Heidelberger Scharfrichter Johannes Scheppele (der die Stelle dann auch bekam) und der Scharfrichter von Baden-Baden, Johannes Grossholz.
    Hatte die Bewerbung Erfolg, wurde ein Vertrag geschlossen, in dem die einzelnen Rechte und Pflichten fixiert wurden. Einige Heilbronner Scharfrichter waren besonders an so genannten „Erbbestandsbriefen“ interessiert, was für den Scharfrichter den Vorteil hatte, dass er und seine Familie (d.h. Kinder und Kindeskinder) über Generationen abgesichert waren. Bei Dienstantritt hatte er zudem den Scharfrichtereid zu schwören.
    Die einzelnen Tätigkeiten und ihre Entlohnung wurden in so genannten Taxordnungen festgehalten, die erste Taxordnung Heilbronns stammt aus dem Jahr 1513.

    Scharfrichter hatten ein weites Aufgabengebiet. In erster Linie waren sie Strafvollstrecker.

    Als Todesstrafen sind hier zu nennen:

    a. Das Enthaupten mit dem Schwert:
    Das Richtschwert war der ganze Stolz eines Scharfrichters. Es hatte keine Spitze (auch Ort genannt), sondern war vorne abgerundet, manche hatten eine Blutrinne und viele trugen Verzierungen in Form von Sprüchen (Beispiel: Richtschwert des Scharfrichters Vollmar aus Bad Waldsee (1737): „Hier stehe ich, hoffe nebst Gott zu Richten Recht, Jesu Christe, du bist Richter und ich der Knecht“) oder Symbolen (Rad / Galgen). Der Griff war manchmal mit Haifischhaut überzogen um die Grifffestigkeit zu erhöhen bzw. das Abrutschen zu verhindern.

    b. Das Rädern:
    Die Technik „von unten nach oben“ war besonders grausam. Der Verurteilte wurde an Pflöcken liegend auf der Erde festgebunden, unter den Beinen, Armen und Oberkörper lagen meist dreikantige Hölzer. Nach einer im Urteil festgelegten Anzahl von Stößen wurden dem Delinquenten „von unten“ mit einem Rad sämtliche Glieder und das Rückgrat zerbrochen. Diese im Urteil festgesetzte Richtung des Räderns war für den Betroffenen besonders schmerzhaft, er erlebte die Verletzungen bis zum letzten Schlag bei vollem Bewusstsein. Als strafmildernd hingegen galt das Rädern „von oben“, wobei das Rad zuerst Kopf, Hals oder Brustkorb des Delinquenten verletzte und erst dann den Rest des Körpers. In Bad Waldsee hat sich eine hölzerne Vorrichtung zum Rädern erhalten.

    c. Das Hängen am Galgen:

    d. Zahlreiche Leibes- und Verstümmelungsstrafen:
    Dass es bei der Ausführung der einzelnen Todesstrafen hin und wieder zu Fehlhinrichtungen kam (mehrmaliges Zuschlagen beim Enthaupten, auch „Putzen“ genannt), ist angesichts der spannungsgeladenen, hoch emotionalen Situation durchaus verständlich.

    Gerichtsurteile wurden schriftlich festgehalten, die Hinrichtungen erfolgten auf einem erhöhten Podest. Die Hinrichtungen in Heilbronn fanden in der Regel auf dem Galgenberg statt. Der Zug zur Richtstätte ging regelmäßig durch das Sülmertor. Manche Scharfrichter führten ein „Tagebuch“ in dem sie die Hinrichtungen verzeichneten.
    Scharfrichter waren in der Regel zugleich auch Abdecker (Decke = Fell eines Tieres). Synonyme Bezeichnungen sind Wasenmeister, Kleemeister (Klee=Wiese oder Klaue), Caviller, Schinder und Fallmeister. In dieser Funktion waren sie dafür verantwortlich, die an Viehseuchen eingegangenen / gefallenen Tiere (Pferde, Rinder, Kühe, Schafe) ordnungsgemäß zu beseitigen. Der Bezirk, für den sie verantwortlich waren, wurde „Balley“ genannt. In der Regel waren es diejenigen Orte, die zum Weichbild der Stadt gehörten. Die Scharfrichter legten größten Wert darauf, dass diese schmutzigen Arbeiten nicht von ihnen persönlich, sondern von ihren Knechten (so genannten Halbmeistern) ausgeführt wurden.

    Die Haupteinnahmequelle der Scharfrichter jedoch bestand im Kurieren von kranken Menschen (und Tieren), wobei hier in der Regel eine Genehmigung der Obrigkeit erforderlich war. Grundsätzlich war den Scharfrichtern nur das Kurieren äußerlicher Gebrechen (Brüche, Stich- und Hiebverletzungen) erlaubt. Zwischen den akademisch ausgebildeten Ärzten und den Scharfrichtern gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Seltsam mutet an, dass es auch unter den Scharfrichtern promovierte Ärzte gab (Beispiel: Bayer in Heilbronn).
    Zu den weiteren Aufgaben des Scharfrichters bzw. seiner Knechte gehörte das Hundeschlagen, das Töten streunender Hunde an den sogenannten „Hundstagen“. In Heilbronn ist das Hundeschlagen schon 1497 belegt. Weitere Aufgaben sind das Verscharren der Selbstmörder und das Foltern der Delinquenten mit dem Ziel eines Geständnisses. Ohne ein Geständnis durfte niemand verurteilt werden. Nachdem die Folter Ende des 18. Jahrhunderts nach und nach aufgehoben wurde, kam es in Folge zu einer Reduzierung der Scharfrichterstellen im ganzen Reich. Zudem wurde die „Unehrlichkeit“ dieser Berufsgruppe durch Reichsbeschlüsse 1731 bzw. 1772 gelockert, so dass grundsätzlich auch in andere Berufe gewechselt werden konnte. Viele Scharfrichterkinder wählten ein Medizinstudium (Beispiele: Belthle, Bayer), wurden Tierärzte (Beispiele: Vollmar, Deigendesch) oder erlernten einen Leder verarbeitenden Beruf (zum Beispiel Sattler oder Schuhmacher).

    Scharfrichter hatten grundsätzlich kein Bürgerrecht. Dies hatte Vor- und Nachteile. Die Vorteile lagen in gewissen Steuererleichterungen und in der Freistellung von Wach- und Kriegsdiensten, die Nachteile lagen in verminderten Partizipationsrechten, z.B. Wählbarkeit in kommunale Ämter. In Heilbronn gelang es dem Scharfrichter Bayer 1754 das Bürgerrecht er erwerben. Reutlingen verlieh dem Scharfrichter das gleiche Recht,
    Schwäbisch Hall, Regenburg und Schwäbisch Gmünd lehnten es damals noch ab.

    Die Scharfrichter waren untereinander vielfach versippt, Heilbronn mit den Familien Grossholz, Carle, Widmann, Bayer, Neher und Saur. Diese Versippung durch Heiratskreise innerhalb derselben Berufsgruppe diente primär der Erhaltung und Sicherung der beruflichen Existenz und war nicht – wie vielfach angenommen – Folge einer obrigkeitlichen Vorschrift. Ein ähnliches Verhalten ist übrigens auch beim Adel und bei der württembergischen Ehrbarkeit festzustellen. Mit der Zeit bildeten sich regelrechte Scharfrichterdynastien heraus (Beispiele Großholz, Mengis, Deibler, Burckhardt, Vollmar, Deigendesch, Heidenreich). Teilweise lassen sie sich bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen, 10 und mehr Generationen.

    Ein spannendes Kapitel ist, was aus den Kindern der Scharfrichter nach 1800 geworden ist. Zu den mehr oder weniger berühmten Scharfrichternachkommen zählen z.B. die Ritter (Schokoladenfabrik Ritter), die Verlegerfamilie Burda, der Opernkomponist Albert Lortzing, die Grafikerin Käthe Kollwitz und der frühere Chef die deutschen Hochseeflotte Admiral Reinhard Scheer. Eric Carle, der in Amerika lebende Kinderbuchautor (Raupe Nimmersatt) entstammt der weitverzweigten Scharfrichterfamilie gleichen Namens. Der Mitbegründer der optische Werke Leitz in Wetzlar, Friedrich Belthle, war der Enkel des letzten Tübinger Scharfrichters, und der Erfinder der Ahoj-Brause (Theodor Beltle) entstammte derselben Familie. Dr. med. Friedrich Belthle, hoch dekorierter Stabsarzt in französischen Diensten (Ritter der Ehrenlegion), war der Sohn des letzten Tübinger Scharfrichters Georg Friedrich Belthle (+1824). Aus der Riedlinger Scharfrichterfamilie Vollmar sind bedeutende Künstler hervorgegangen. Madame Tussaud (Wachsfigurenkabinett) entstammte der Scharfrichterfamilie Grossholz von Straßburg und Franz Quirin Kober, Abdeckersohn aus Warthausen, wurde Theologieprofessor (Spezialgebiet: Kirchliches Strafrecht!) und Rektor der Universität Tübingen.

    Copyright Helmut Belthle

47. Dr. Claudia Papp, Archiv Sachsenheim, 8. Mai 2014

Frauenbildungsbewegung um die Jahrhundertwende in Württemberg

  • • Wie stand es überhaupt zu Beginn des 19. Jahrhunderts um die Frauenbildung in Württemberg? Die Mädchenerziehung generell war um diese Zeit im Wesentlichen auf ein Leben in Haus und Familie ausgerichtet. Das Thema „Höhere Mädchenbildung“ war fest in das Leitbild der bürgerlichen Familie integriert, die Mann und Frau sauber getrennte Wirkungssphären zuwies: Der Frau oblag die Führung des Haushaltes und die Erziehung der Kinder, während der Mann für die materiellen Existenzgrundlagen zu sorgen hatte. Legitimiert wurde diese Auffassung nicht mehr durch ständisch-religiöse Traditions-muster, sondern nunmehr durch „universal-verbindliche“ Auffassungen über die wesensgemäße, naturgegebene Bestimmung der Frauen.
    Im Königreich Württemberg war dies genauso. Anfang des 19. Jahrhunderts, d.h. in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, entstehen auch hier so genannte Höhere Töchterschulen. Sie sollten die Absolventinnen nicht zu einem Beruf führen, sondern auf ihre Aufgabe als Dame des Hauses und Kindererzieherin vorbereiten. So schreibt die Stuttgarter Schulbehörde bei der Ankündigung einer solchen Schule in Stuttgart:
    „Dem weiblichen Geschlechte ist von Natur die erste, höchst einflussreiche Erziehung der Kinder und fortdauernde Einwirkung anvertraut. Daher ist nicht die Frage ob, sondern wie es gebildet werden soll, um seine persönlichen, häuslichen und gesellschaftlichen Zwecke erfüllen zu können.
    Konkreter Anstoß in Württemberg zur Gründung Höherer Töchterschulen waren dynastische Beziehungen. Katharina Pawlowna, die Tochter der russischen Kaiserin Maria Feodorowna, will als Ehefrau von Kronprinz Wilhelm höhere Mädchenschulen nach russischen Vorbild errichten: 1819 entsteht in Stuttgart daher das „königliche Katharinenstift“, ähnliche Schulen 1819 in Ulm, 1836 in Ludwigsburg, 1841 in Heilbronn.
    Bis 1873 hatte die Anzahl der Schülerinnen am Katharinenstift Ausmaße angenommen, die die Gründung einer weiteren Mädchenschule in Stuttgart notwendig machten. So wird 1873 unter dem Patronat von Königin Olga von Württemberg das Olgastift eröffnet. Lehrer waren hier wie auch im Katharinenstift meist männliche Akademiker (Theologen) oder Volksschullehrer und Lehrerinnen. Neben Lehrern sorgten 6 Gouvernanten für „Zucht und Ordnung, Sitte und Anstand sowie Körperhaltung“. Es gab viel Handarbeitsunterricht, daneben Tanzen, Rechnen, Französisch, Naturgeschichte, Geographie, Literatur, Englisch, Biblischer Unterricht, Lesen, Singen, Kirchengeschichte, Katechismus etc..
    Dies sind die ersten Vorläufer einer Entwicklung, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkeimt: Eine allgemeine Frauenbewegung formiert sich und fordert – neben Wahlrecht – nun auch massiv den Zugang für Frauen zu weiterführenden staatlichen Bildungseinrichtungen mit anschließender Berufsmöglichkeiten. Bislang war Frauen sowohl der Zugang zum Gymnasium als auch zur Universität verwehrt geblieben, im Reich ebenso wie im Königreich Württemberg.
    Das Bestreben nach höherer Bildung macht sich in allen Schichten bemerkbar: Die Töchter wohlhabender, adliger und urbaner Familien geraten zunehmend in eine Identitätskrise, denn in ihrer bisherigen Rolle sind sie als „nutzloses Schmuckwerk des Hauses“ isoliert und gänzlich von ihren Eltern oder Ehegatten abhängig. Doch auch auf dem Land herrscht bald Bedarf nach einer besseren Frauenbildung und Ausbildung: Die aufkommende Industrie wirbt in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele landwirtschaftliche Hilfskräfte ab. Ehefrauen und Töchter der mittleren und begüterten Land- und Hofgutbesitzer müssen somit zunehmend selber Hand anlegen – mit ein Grund für die Gründung Landwirtschaftlicher Frauenschulen wie in Großsachsenheim.
    In Württemberg verdanken die Frauenbildungsbestrebungen vor allem drei Frauen ihr Fortkommen und manifestieren sich in der Gründung des ersten Mädchengymnasiums Württemberg 1899 in Stuttgart: Zum einen Johanna Dorothea Bethe als Vorsteherin des neuen Gymnasiums, die schon Erzieherin von Prinzessin Pauline von Württemberg war und Vorsteherin des Olgastiftes.
    Daneben die Palastdame Gräfin Üxküll-Gyllenband. Sie schafft die Verbindung zum Hof und damit die Unterstützung des Königshauses, vor allem von Königin Charlotte. Seit 1898 lebt in Stuttgart außerdem Gertrud Schwend-Üxküll mit viel Kontakten zu Pädagoginnen der allgemeinen Frauenbildungs- und Frauengymnasialbewegung, Sie hat Ihre Ausbildung in Genf absolviert. Sie verfasst die Einleitung für das Programm des neuen, ersten Mädchengymnasiums, in dem es nun heißt:
    „Die Aufgabe der Gymnasialklassen ist die gleiche wie die des humanistischen Knabengymnasiums in Württemberg. Zweck derselben ist:
    a) Jungen Mädchen, die sich auf die Universität vorbereiten sollen, in einem 6jährigen Unterrichtsgang die zur Ablegung der Reifeprüfung eines Gymnasiums erforderlichen Kenntnisse zu übermitteln.
    b) Auch solchen jungen Mädchen, die sich nicht dem Universitätsstudium widmen wollen, eine gründliche, wissenschaftliche Bildung, wie das Gymnasium sie der männlichen Jugend bietet, zu ermöglichen.“
    Das bedeutete sogar Universitätszugang. Außerdem werden 2-3jährige Kurse für den Apothekerberuf bzw. diesbezügliche Prüfungen am Gymnasium angeboten. In der Tat ist der relativ liberale König Wilhelm der II. in Württemberg unter dem Druck von Palastdame Gräfin Üxküll-Gyllenband und Ehefrau Charlotte 1904 dann einer der ersten deutschen Regenten, der für Frauen mit Abitur eine Immatrikulation einführt – 1904 erstmals an der Universität Tübingen. So schreiben sich 1904 von 4 Studentinnen 3 vom Stuttgarter Mädchengymnasium ein.

    Auch auf dem Land entsteht eine Frauenbewegung, als separater Zweig eine Landfrauenbewegung. Die Ziele bleiben vom Grundansatz her dieselben: Die Frauen aus ihrer sozialen Isolierung befreien und den Weg in Beruf und Öffentlichkeit zu ermöglichen.
    Die bundesweite Vorreiterin für eine qualifizierte weibliche Berufsausbildung auf dem Lande ist Ida von Kortzfleisch, sie wirbt für Wirtschaftliche Frauenhochschulen.
    Idee von Kortzfleisch: Mangelnde Ausbildung schafft schlechte Arbeitsqualität, ineffiziente Landwirtschaft und hohe Kindersterblichkeit; Frauen sollten nicht die Bastion der Männer erobern, sondern typisch weibliche Eigenarten und Fähigkeiten mit einer qualifizierten Ausbildung fördern, Berufe ergreifen und so auch zur Wirtschaftlichkeit und Modernität der Landwirtschaft insgesamt beitragen. Kortzfleisch setzt sich durch: 1897 eröffnet die erste Wirtschaftliche Frauenschule in Hessen mit fundierter Ausbildung in Selbstversorgungslandwirtschaft, Gartenbau, Kleintierhaltung, Krankenpflege, Kinderaufzucht, Chemie, Physik, Botanik und Kunstgeschichte. Wenig später gründet Korzfleisch dann den „Reifensteiner Verein für wirtschaftliche Frauenschulen auf dem Lande“.
    Zum Schulverbund dieses Verbandes gehören zwischen 1897 und 1990 insgesamt 52 Schulen, wobei 15 direkt dem Verband gehören, 37 anderen Trägern. Die meisten Schulen werden zwischen 1914 und 1928 gegründet, die meisten nach dem 1. Weltkrieg. Diese Schulen haben im Bereich der Landfrauenbewegung und dem hauswirtschaftlichen Schul- und Lehrlingswesen in Deutschland lange Zeit einen maßgeblichen Einfluss und eine Vorreiterrolle inne. Erst 1990 schließen die beiden letzten Einrichtungen.

    Die Schule in Großsachsenheim gehört auch zu diesem Verband, mit eigenem Träger. Ihre Gründung im Jahre 1908 zeigt auch, dass Baden und Württemberg in Sachen Frauenbildung reichsweit wirklich mit an vorderster Stelle standen. Schon 1899 gründet sich nämlich in Stuttgart der Zweigverein des Reiffensteiner Vereines, der „Württembergische Verein für Frauenschulen auf dem Lande e.V.“.
    Bereits im ersten Jahr zählt der Verein 38 Mitglieder.
    Vorsitzende ist Gräfin Johanna von Leutrum.
    Zweck des Vereins:
    – Die Erschließung praktischer Arbeitsgebiete für die auf christlichem Grunde stehende gebildete deutsche Frauenwelt
    – Erziehliche Einwirkung auf die ländliche Bevölkerung durch arbeitsfähige, für diese Aufgaben vorgebildete Frauen
    – Belebung des allgemeinen Interesses für Wirtschaftsbetriebe und Wohlfahrtspflege auf dem Lande. Weitere wichtige Vereinsmitglieder sind Olga von Uexküll, Kaufmann Becker und Freiin Helene von Koenig, Besitzerin des Großsachsenheimer Wasserschlosses. Dieser „Württembergische Verein für Frauenschulen auf dem Lande e.V.“ eröffnet dann 1908 in Großsachsenheim die erste Landfrauenschule im Königreich Württemberg.
    Die Landfrauenschule Großsachsenheim
    Ende des 19. Jahrhunderts verändert sich die Situation in der Landwirtschaft. Es gibt immer weniger Hilfskräfte, da die besser bezahlte Industrie viele Arbeitskräfte abzieht. Die Töchter von Gutsbesitzern oder höhere Töchter müssen nun oftmals selbst in der Landwirtschaft mithelfen. Dazu sind sie nach ihrem traditionellen Besuch einer höheren Töchterschule oder der Ausbildung durch einen Privatlehrer jedoch nicht vorbereitet.

    Aufbau Reiffensteiner Schulen:
    – Zugangsalter für Schülerinnen: 17 bzw. 18 Jahre.
    – Voraussetzung: höhere Mädchen- oder Mittelschule oder gleichwertige Ausbildung.
    – Internat: d.h. dort wird gewohnt; dies sind dann „Maiden“ für 1 oder 2 Jahre.
    – Privatschule mit Pensionspreis für Unterricht und Verpflegung; nicht wenig, daher auch nur begüterten möglich (1200 bzw. 1400 Mark im Jahr).
    – den Schulen sind stets landwirtschaftliche und handwerkliche Spezialbetriebe angeschlossen wie Töpferei, Schlosserei, Gerberei, Färberei, Weberei, Schusterei etc.
    – Bis Ende der 1960er Jahre ist einheitliche Kleidung, die “Maidentracht“ üblich.
    Schon im Winter 1907/08 wurde im Verein darüber beraten, wie und wo eine Schule gegründet werden könnte. Vereinsmitglied Baronin von Koenig-Fachsenfeld – bekannt für ihre große Spontanität – stellt in ihrem Park Gelände für ein Schulgebäude und einen Schulgarten zur Verfügung und beauftragt mit dem Bau den Großsachsenheimer Maurermeister Christian Schlotterbeck. Schon in den ersten Monaten des Jahres war der Plan entstanden: Es sollte ein Schulgebäude sein, in dem sich Schlafräume für Lehrerinnen und Schülerinnen, Lehrräume, eine Lehr-, Wasch- und Bügelküche, ein Speisesaal sowie eine Milchküche für die Käsezubereitung samt Gärkeller befinden soll. Auch ein Schweine-, Hühner- und Entenstall sowie ein Bienenhaus gehören zur Einrichtung. Außerdem ein großer Raum für „Obstverwertung“, da auch ein viermonatiger Lehrkurs für Obstverwertung stattfinden sollte. Und auch handelsmäßige Herstellung von Obstkonserven, bzw. Ausbildung von Fachkräften hierzu, sollte damit gefördert werden.
    Bereits am 18. Juli 1908 findet dann die feierliche Einweihung der Schule mit ca. 100 Festgästen statt. Die Baronin hat 26 000 Mark gegeben, der Verein konnte nur 6000 Mark geben.
    Für die Königin nimmt die Palastdame Olga Gräfin von Üxküll-Gyllenband teil.
    11 Schülerinnen unter der ersten Vorsteherin Fräulein Grautoff ziehen nunmehr in das neue Lehrinstitut ein.
    Da im Schulgebäude selbst nur wenige Schülerinnen wohnen konnten, stellte Baronin von Koenig auch den zweiten Stock ihres Schlosses für die Unterbringung zur Verfügung.
    Die Anziehungskraft der Schule ist enorm. Schon 1910 gibt es auf der Maidenliste auch viele Namen aus Ostpreußen, Westfalen, dem Kurland, Pommern oder Schlesien, es sind bereits 30 Schülerinnen. Ein separates Gebäude im Ort als Schlafraum muss angemietet werden und schon 1911, drei Jahre nach der Gründung, entschließt man sich daher zu einem Schulneubau.
    Finanziert wurde der Schulneubau:
    – durch Spenden nicht ganz unbegüterte Damen, die auch über Beziehungen weitere Geldsummen besorgten.
    – Privatspenden, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Basaren und Lotterien, Tee- und Musiknachmittagen gesammelt.
    – Die Stadt stellt 1,5 h Land, den Wasseranschluss und 10 500 Reichsmark zur Verfügung unter der Bedingung, den Bau bis 1915 fertig zu stellen und den Vereinssitz nach Großsachsenheim zu legen.
    – Hof/Regierungsbaumeister und Architekt Hugo Schlösser plant den Neubau honorarfrei, der von 1912 bis 1913 durch eine Stuttgarter Firma stattfindet.
    Dazu entstehen noch: Molkerei, Gärtnerei, Hühnerhof und Schweinestall, 1928 noch Gewächshaus und Geflügelzuchtanlage, 1935 ein Sportplatz.
    Bei der offiziellen Einweihung am 24. Mai 1913 ist auch die württembergische Königin Charlotte anwesend. 49 Schülerinnen beziehen das neue Gebäude mit Wohn- und Schlafräumen.
    Bis 1928 sind es jeweils jährlich rund 30 bis 40 Schülerinnen bzw. Maiden im Schulgebäude, hinzu kommen rund 20 Lehrlinge und 15 Haushaltspflegerinnen. Während ihrer ein- oder zweijährigen Schulzeit wohnen die Frauen zusammen mit ihren Lehrerinnen im Schulgebäude. Getreu dem Motto der Reifensteiner Schulen sollen die Mädchen durch eine nur wenig reglementierte Gemeinschaftserziehung Individualität und Sozialfähigkeit gleichermaßen entwickeln. Für viele Mädchen ist es das erste Mal, dass sie von zu Hause fort sind, ganz allein, ohne Kontrolle. Es ist Inbegriff persönlicher Befreiung und behüteter Gemeinschaft zugleich durch gemeinsames Arbeiten und Wohnen mit Mädchen aus ganz Deutschland in relativ abgeschlossener ländlicher Umgebung. Dadurch entsteht ein speziell weibliches Zusammengehörigkeitsgefühl und ein sehr fröhlicher, freier und kreativer Geist, gefördert bei jährlichen Stiftungsfesten der Schulen mit Theateraufführungen, eigenen Liedern, Tänzen etc. Insgesamt werden in der Großsachsenheimer Einrichtung bis 1954 rund 2000 Frauen/Maiden ausgebildet.
    Der Tagesablauf der Maiden beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 21:30 Uhr.
    Die Maiden haben stets Einheitskleidung zu tragen, diese müssen die Eltern selber kaufen. Jede Schule hat außerdem ihre eigene „Maidennadel“
    Jedes Zimmer ist mit 2 Maiden belegt.
    Im Tagesablauf wechseln sich theoretischer und praktischer Unterricht ab, unterbrochen nur von den gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Lehrkörper. Durchschnittlich 7 Wochen im Jahr haben Maiden Schulferien. Währen der Unterrichtsphasen kann gelegentlich, während der Schulferien immer nach Hause gefahren werden.
    Am Anfang unterrichten vor allem männliche Lehrer aus der Umgebung, d.h. Lehrer, Pfarrer, Apotheker, bald jedoch schon ausschließlich weibliche Lehrer, die im Schulgebäude wohnen. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich enge, fast kameradschaftliche Beziehung zwischen Maiden und Lehrpersonal. Selbst beim gemeinsamen Essen im großen Speisesaal sitzt an jedem Maidentisch eine Lehrerin. Die Pädagoginnen sind selten auf einzelne Fächer wie Gartenbau, Gymnastik, Gewerbeführung, Naturkunde oder Chemie begrenzt sondern vermitteln ihren Schülerinnen mehrere Fächer zugleich.
    Von 1918 bis 1940 prägt die Direktorin Hedwig Rückert das Schulgeschehen, eine Großnichte des Dichters Rückert.
    Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Eingliederung der Reifensteiner Schulen in den Reichsnährstand ändert auch die Großsachsenheimer Verhältnisse. 1940 wird H.Rückert abgesetzt und durch Emilie Bausch, ab 1941 durch die Nationalsozialistin Johanna Motsch ersetzt.
    Bis 1937 arbeitet die Tanz- und Gymnstiklehrerin Elsa Oehmichen an der Schule. Sie hat ihre Ausbildung in der ersten anthroposophischer Dorfsiedlung Deutschlands in Loheland bei Fulda gemacht und arbeitete am Stuttgarter Eurythmeum, das 1936 durch die Gestapo geschlossen wurde. In Sachsenheim unterrichtet sie Gymnastik und Haushaltungskunde, Mokereibetrieb und Kindererziehungsfragen. Sie leitet den Chor und festliche Veranstaltungen.
    1937 wird ihr Vertrag nicht verlängert; offizielle weil ihre Tätigkeit keine ganze Lehrkraft erfordere. Der wahre Grund: Das Nationalsozialistische Kultusministerium verhindert die Genehmigung wegen der eurythmischen Ausrichtung von E.Oehmichen.
    Sie wechselt nach Bietigheim, gründet ihre eigene Gymnastikschule und ist Lehrerin an der Bietigheimer Oberschule.
    In Großsachsenheim werden vier Ausbildungslehrgänge angeboten:
    – Ein Seminar zur Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde
    – Ein einjähriges Maidenjahr als Grundlage für hauswirtschaftliche, pädagogische, soziale und pflegerische Berufe
    – Die Fortführung des Maidenjahres um ein weiteres Jahr in der Oberklasse als Ausbildung zur ländlichen Haushaltspflegerin
    – eine Lehrlingsausbildung in Hauswirtschaft, Gartenbau und Geflügelhaltung.
    Schon der Lehrplan von 1910 zeigt die Vielfältigkeit der Unterrichtsfächer:
    Im theoretischen Unterricht von Bienenzucht bis hin zu Gesetzes- und Verwaltungskunde, Krankenkost, Haushaltungskunde, Obstverwertung, Physik, Chemie, Verwaltungskunde, Buchführung, Nahrungsmittelchemie.
    Im praktischen Unterricht vom Weißnähen bis hin zur Obstverwertung, Gartenarbeiten, Kochen, Backen, Geflügelzucht, Bienenzucht etc.
    Die Geflügelzucht spielt als Unterrichtsfach sowohl in den Reifensteiner Schulen als auch bei der Landfrauenbewegung allgemein eine wichtige Rolle. In den vorhandenen Gutsbetrieben ist das Geflügel meist eine Liebhaberei der Hausfrau, volkswirtschafltich effizient wird die Zucht jedoch nicht betrieben. Daher muss Deutschland noch 1920 mehr als ein Drittel aller Eier importieren. Die Frauenaktivistinnen fördern daher den genossenschaftlichen Verkauf zum Zweck der Ertragssteigerung. Die Eier erhalten einen so genannten Bienenstempel als Qualitätsmerkmal.
    In der Wirtschaftlichen Frauenschule Großsachsenheim erhalten die Schülerinnen von Anfang an täglich praktischen und einmal wöchentlich theoretischen Unterricht in der Geflügelzucht. Bereits im ersten Schulgebäude existieren mehrere Hühner und Entenhäuser, ein Brutofen und eine künstliche Glucke. Im neuen Schulhaus wird 1928 eine eigene, als Lehrbetrieb für die Lehrlingsausbildung staatlich anerkannte Geflügelzucht errichtet.
    Generell gilt in allen Reifensteiner Schulen, so auch in Sachsenheim: Die nach neuesten technischen Stand erzeugten Produkte der angeschlossenen Spezialbetriebe vermarkten die Schulen direkt vor Ort – als Einnahmequellen und Fortschrittswerbung zugleich.

    Während des 3. Reiches ändern sich die Lehrinhalte:
    Pädagogische und psychologische Fächer entfallen. In Großsachsenheim kommen nun Rassenlehre und Staatskunde als neue Fächer hinzu, und landwirtschaftliche Betriebswirtschaftslehre wird stärker betont.
    Bereits während der Kriegsjahre engen Einquartierungen und Zweckentfremdungen den Schulbetrieb ein. Beim Einmarsch der Franzosen in Großsachsenheim werden zunächst rund 1000 Frauen und Mädchen aus dem Ort vorübergehend im Schulgebäude untergebracht.
    Die Militärregierung enteignet den Trägerverein zunächst. Im Juni 1945 übernimmt die Mission „Vaticane action francaise“ das Anwesen. So genannte „displaced persons“ belegen nun als Lazarettinsassen die Räume.
    Erst 1948 übergibt die Militärregierung die Schule ihren früheren Besitzern. Im Herbst beginnt der Schulbetrieb erneut mit je 25 Schülerinnen.
    Die Schule hält sich aber nicht mehr lange. Durch den Ausbau der staatlichen Schulen in Kupferzell und Blaubeuren sowie die Gründung der Landfrauenschule in Sigmaringen entsteht starke Konkurrenz für die Privatschule, die sich nicht mehr viele leisten können. Außerdem lehnt das württt. Landwirtschaftsministerium 1953 einen weiteren Zuschuss ab. Im September 1954 endet der Schulbetrieb. Die Evangelische Landeskirche Württemberg übernimmt das Anwesen samt Schulgebäude und Einrichtung.
    Im Oktober 1954 zieht das private Lichtenstern-Gymnasium als musisches Aufbaugymnasium für Internationsschülerinnen der Oberstufe in das Anwesen ein. 2002/2003 wird der Schulbetrieb durch ein Gymnasium ab Klasse 5 ergänzt. Im alten Gebäude befinden sich heute neben der Schulverwaltung weiterhin Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Internatschülerinnen.

    Copyright Dr. Claudia Papp

46. Nicolai Knauer, Heilbronn, 13. März 2014

Die Burgen der Grafen von Lauffen im Neckartal

  • • Das Kerngebiet der Lauffener Herrschaft erstreckte sich entlang des Neckars von Neckarwestheim bis zum Rhein. Wenn auch zeitweilig eine Ausdehnung auf das Hinterland, wie den Kraichgau, erfolgte, wo bei Odenheim sogar zeitweise das Hauskloster der Grafen lag, konzentrierten sie sich doch bis zum Ende ihrer Ära auf das direkte Umfeld des Flusses. Bereits die erste allgemein akzeptierte Erwähnung eines Vertreters der bedeutenden Hochadelsfamilie im Jahr 1011 im Zusammenhang mit der Schenkung der Grafschaft Wingarteiba (Gau zwischen Schefflenzgau und Taubergau) an den Bischof von Worms, nennt Lauffener Besitz in dem im fränkischen Neckargau gelegenen Ort Haßmersheim.
    Ob als Vertreter des Reiches, rechtsrheinische Vögte des Hochstiftes Worms oder in eigener Sache sicherten sie den wichtigen Handelsweg Neckar mit Burgen, die sie mit Ministerialen edelfreien oder niederadligen Standes besetzten. Doch welche der vielen Anlagen, die sich rechts und links des Flusses aufreihen sind auf die Grafen zurückzuführen?
    Der Stammsitz Lauffen und das Stadtgebiet Heilbronn
    Die Gegend um den Ort Lauffen, nach dem sich die Grafen spätestens ab dem frühen 12. Jahrhundert benannten, war bereits in vormittelalterlicher Zeit dicht besiedelt und auch verkehrstechnisch von großer Bedeutung. An der Stelle wo sich heute Regiswindiskirche und Inselburg gegenüber stehen waren sich vor vier- bis fünftausend Jahren die Prallhänge einer großen Neckarschleife so nahe gekommen, dass ein Durchbruch des Flusses erfolgte. Die dadurch entstandene Furt diente der Überquerung des ansonsten schnell fließenden Gewässers. Spätestens nach der fränkischen Landnahme bildete sich im 6. Jahrhundert am Westufer der Furt, um den steilen, zum Neckar abbrechenden Felssporn, eine Siedlungskonzentration, deren Begräbnisstätten kreisförmig um ihn angeordnet waren. Wann die auf diesem Sporn gelegene erste Burg Lauffens erbaut wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln.
    Im Jahr 1003 veranlasste König Heinrich II. den gleichnamigen Würzburger Bischof, die Burg zu sakralen Zwecken zu nutzen. Durch die Spezifizierung der 1003 genannten Lauffener Burg unter Angabe der dort befindlichen Grabstätte der heiligen Reginswind geht hervor, dass es sich um den Platz handelte, auf dem heute die Regiswindiskirche steht. Ob diese frühe Anlage mit den Lauffener Grafen in Verbindung gebracht werden kann, ist mangels Quellen ungewiss.
    Der Wegfall der alten Burg bewirkt mit großer Wahrscheinlichkeit den Bau einer neuen im wichtigen Ort Lauffen um diese Zeit. Und tatsächlich besitzt die Burg auf der Neckarinsel, in welcher heute das Rathaus der Stadt Lauffen untergebracht ist, noch einen Wohnturm aus der frühen Periode der in Stein gebauten Adelsburgen. Während ansonsten nur noch rudimentäre Reste der mittelalterlichen Anlage erhalten blieben, fehlt vom steinernen Bereich ihres zentralen Wohnturmes nur etwa ein halber Meter der ursprünglichen Höhe. Der Turm hat eine Grundfläche von 12,80 x 10,30 m und 2,40 m starke Mauern. Eine heute nicht mehr erhaltene Zwischendecke unterteilte ihn in zwei sechs Meter hohe Stockwerke. Das einst zugangslose Untergeschoss besaß höchstens schmale Lichtschlitze. Das Obergeschoss war von Osten durch einen 1,24 m breiten Hocheingang erreichbar. Der 47 Quadratmeter große Innenraum wurde durch drei kleine Fenster beleuchtet, deren Unterkanten in über 2,50 m Höhe liegen. Alle originalen Öffnungen sind mit Rundbögen aus sehr kleinen Steinen überwölbt – typisch für Bauten auf Burgen vor 1100.
    Ein von Norden in den Wohnturm einbindender Anbau von etwa 5 x 4 m weist in seiner 2,5 m starken Nordmauer die Reste eines breiten Latrinenschachtes auf, welcher sowohl vom ehemaligen Treppenaufgang im Anbau, als auch vom verschwundenen hölzernen Obergeschoss des Wohnturmes her benutzt werden konnte. Anders als bei den einfacher strukturierten Aborttürmen weiterer früher Burgen wurde die Latrine in Lauffen von innen geleert, wozu zwei Durchgänge auf der Ebene des Burghofes existierten. Als der Anbau zu Beginn des 13. Jahrhunderts zum Bergfried ausgebaut wurde, mauerte man diese zu. Der damals aufgestockte Teil unterscheidet sich vom älteren Kleinquader-Mauerwerk nicht nur durch ein größeres Steinformat, sondern auch durch eine Eckquaderbetonung. Die Verwendung des am Neckar selten vorkommenden Tuffsteins datiert den Umbau in die Zeit kurz nach Aussterben der Lauffener Grafen, als Lauffen an den Markgrafen von Baden verpfändet war.
    Obwohl die erste gesicherte Nennung eines Grafen mit dem Zusatz „von Lauffen“ erst im Jahr 1127 erfolgte, spricht vieles dafür, dass die Familie von Anfang an die Lauffener Inselburg bewohnte. Wie Haßmersheim, wo Graf Boppo schon vor 1011 ein Lehen inne hatte, lag auch Lauffen im Neckargau. Die hier feststellbare Anhäufung von Besitz der Lauffener Grafenfamilie lässt auf eine bereits länger andauernde amtsgräfliche Funktion in diesem dem Reich direkt unterstehenden Gau schließen. Anders erscheint dies in den 1011 an Worms geschenkten Grafschaften des Lobden- und Weingartgaus, wo die Lauffener zwar ab 1012 nachweislich – zumindest im Lobdengau – für Worms das Grafenamt besetzten, sie jedoch nie in dem Maße Fuß fassen konnten wie im Neckargau. Der Grafentitel des 1011 genannten Boppo wird sich somit wahrscheinlich auf den Neckargau bezogen haben.
    Die Südgrenze des Gaus lag zwischen dem nur wenige Kilometer von Lauffen entfernten Ort Neckarwestheim und Ottmarsheim, welches zum Murrgau und damit zum Einflussbereich der Grafen von Calw gehörte. Hierzu zählten auch die allem Anschein nach gemeinsam verwalteten, westlich an den Neckargau grenzenden Gaue Zabergau und Gartachgau.
    Sowohl hier als auch im südlichen Neckargau lässt sich mancherorts Parallel-Besitz der Familien Calw und Lauffen feststellen. So schenkte Uta, Schwester des Pfalzgrafen Gottfried v. Calw, um 1075 dem Kloster Hirsau unter anderem die Hälfte von Markt und Münze zu Heilbronn, wo 1222 auch bedeutender Besitz durch die Lauffen-Erben v. Dürn an den Deutschen Orden kam. Waren Calwer und Lauffener ursprünglich stammesgleich oder entstand die Situation durch eine bislang noch unentdeckte Heiratsverbindung?
    Die Kaiserpfalz Wimpfen, der Hühnerberg und Burg Hornberg
    Schon Jahrhunderte zuvor besiedelt, entstand spätestens in der salischen Ära dort auf dem Berg eine herrschaftliche Bebauung. Da Wimpfen sich ebenfalls im Neckargau befindet, ist ein Zusammenhang mit den Grafen von Lauffen als Amtsgrafen des Reiches naheliegend. Entgegen älterer Ansichten hatte die Schenkung des Wimpfener Wildbanns im Jahr 988 an das Hochstift Worms sicherlich nicht das bereits besiedelte Gelände der späteren Pfalz betroffen. So dürfte den Lauffenern auch die Oberaufsicht anheim gefallen sein, als Kaiser Friedrich I. in unmittelbarer Nähe der Altbebauung kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts einen großen Saalbau mit Kapelle errichten ließ. Die prächtige rückseitige Arkatur mit zeittypischen Formen hat sich erhalten und lässt den einstigen Glanz der verschwundenen Schauseite erahnen.
    Aus der gleichen Bauphase stammt ein kleines romanisches Wohnhaus, dessen Fenstersäule ähnliche Verzierungen aufweist wie die der Kapelle, deren Einweihung mit dem Königsbesuch 1182 zusammenhängen könnte. Baustilistische Parallelen zur Pfalz Gelnhausen und Burg Münzenberg weisen in eine ähnliche zeitliche Richtung.
    Von den ursprünglich drei Bergfrieden der Pfalz Wimpfen stehen heute noch zwei. Vom dritten, im Südwesten, wurden in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts Fundamente entdeckt. Er war der bedeutendste und wird demnach unter Friedrich I. errichtet worden sein. Der untere Bereich des sogenannten „Roten Turmes“ an der Ostflanke der Pfalz stammt definitiv aus Barbarossas Zeit. Auch in Wimpfen hat man es mit einer zweiten Bauphase zu tun, die von König Friedrich II. initiiert sein muss, welcher nach Rückgewinnung der staufischen Herrschaft frühestens zwei Jahre vor Aussterben der Lauffener Grafen mit dem Weiterbau begonnen haben kann. Das Steinhaus im Westen des Saalbaus, der westliche Bergfried, der „Blaue Turm“ sowie der Torturm, das „Schwibbogentor“, im Süden der Kaiserpfalz stammen ebenfalls aus dieser Zeit.
    Der Neckar passiert, nach Norden fließend, die Burgen Ehrenberg, Horneck und Guttenberg, bei denen es keinen Hinweis auf eine Erbauung vor 1220 gibt und gelangt zum Ort der ersten gesicherten Erwähnung der Grafen von Lauffen – Haßmersheim. Auf den ersten Blick scheint auf der Gemarkung des Ortes keine Burg existiert zu haben. Im Südwesten des alten Dorfes findet man jedoch mit dem „Hünerberg“ (Hünenberg) eine Stelle, die geradezu prädestiniert für den Bau einer Wehranlage war. Der nach allen Seiten steil abfallende Umlaufberg liegt direkt am Neckar und bildet auf der Höhe ein Plateau aus.
    Im Jahr 1011 wurde dem Wormser Bischof Burkhard die Grafschaft in der Wingarteiba und ein Lehen in Haßmersheim übergeben, das zuvor Graf „Bobbo“ inne hatte. Es beinhaltete die Kirche und den Zehnten des im Neckargau gelegenen Dorfes. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Grafen von Lauffen die weltliche Herrschaft über den Ort behielten. Teile Haßmersheims gehörten noch im Spätmittelalter zur Herrschaft Hornberg, die nachweislich von den Grafen von Lauffen herrührt. Man vermutet, dass es sich um den kleinen rechtsneckarischen Teil der Gemarkung Haßmersheims handelte. In den meisten Belehnungsurkunden ist jedoch von den „Dörfern“ (Neckar-)zimmern, Steinbach und Haßmersheim die Rede, womit wohl kaum der Steilhang am rechten Ufer gemeint sein kann. Ob zum Hornberger Teil Haßmersheims auch der Hühnerberg gehörte, geht nicht hervor.
    Auch die Grafschaftsrechte der Wingarteiba gelangten damals höchstwahrscheinlich an die Grafen von Lauffen, da diese die Vogtei des Wormser Hochstiftes verwalteten. Dennoch konnten weder Worms noch die Grafen in dem großen Gau, der von Mosbach bis hinauf nach Buchen reichte, großflächig Fuß fassen. Nur im äußersten Südwesten, um das Gebiet der Abtei Mosbach, die bereits 976 an Worms geschenkt worden war, gibt es Hinweise auf deren einstige Herrschaft. Der größte Teil des Gaues war wohl bereits 1011 fest in der Hand anderer Mächte, insbesondere des Klosters Amorbach.
    Bei Burg Hornberg in Neckarzimmern bedarf es bei der Zuordnung zu den Grafen von Lauffen keiner Spekulation: 1184 wird von einem zuvor erfolgten Tausch zwischen den Brüdern Boppo und Konrad, Grafen von Lauffen, berichtet, bei dem Boppo den Teil seines Bruders an Burg Hornberg erhalten hatte. Dies deutet auf eine vorausgegangene Erbteilung des Lauffener Besitzes hin, bei der wohl Boppo die östlichen Gebiete und Konrad die westlichen (siehe Eberbach) erhalten hatte. Burg Hornberg muss folglich bereits zuvor bestanden haben und war vielleicht auf grund ihrer Lage im Zentrum des Lauffener Haupteinzugsbereichs zwischen Neckarwestheim und Dilsberg zunächst geteilt worden. Somit nahm sie in der Spätzeit der Grafendynastie eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Rolle ein.
    Es verwundert darum nicht, dass Hornberg einen riesigen Wohnbau aus dem 12. Jahrhundert besitzt, der an Größe sogar noch das Steinhaus der Kaiserpfalz Wimpfen übertrifft. Das damals als „Mantelbau“ bezeichnete Gebäude am Spornende schien zum Schutz der Vorburg errichtet zu sein. 1956 entdeckte man jedoch die erste von mittlerweile drei romanischen Biforien (Fenster), die zu zwei übereinander gelegenen Obergeschossen gehörten. Von einem dritten, abgetragenen Obergeschoss stammt wohl der Rest einer kleiner dimensionierten Säule von exakt gleicher Machart wie die noch in situ erhaltenen. Erscheint heute die Südfront des Gebäudes als Außenseite, so war ursprünglich die 2,75 m starke heutige Hofseite Abschluss der ersten Burg Hornberg. Ihr kleiner Hof lag im Süden des Steinhauses, am äußersten Punkt des Bergsporns.
    An dem gewaltigen Bauwerk, das ursprünglich wenigstens 20 Meter Höhe besaß – das Dach nicht mitgerechnet – zeigt sich der gestiegene Anspruch der Grafen an ihren Wohnsitz. Der etwa 150 Jahre ältere Wohnturm in Lauffen wirkt im Vergleich winzig.
    Der Besitz Hornberg gelangte über die Erbtochter des letzten Grafen, Mechthild, an die Herren von Dürn, welche die Burg in der Mitte des 13. Jahrhunderts an den Bischof von Speyer verkauften.
    Obrigheim und der „Tahenstein“
    Am nördlichen Ende des Neckargaus begegnet man um Obrigheim einer Häufung von Burganlagen, die durch Konkurrieren des Reiches mit Worms und der Pfalzgrafschaft nach Aussterben der Grafen von Lauffen entstand. Die Burgen Hochhausen und Neckarelz, Landsehr und Neuburg bei Obrigheim, die heutigen Reste der Dauchstein bei Binau und die Minneburg in Guttenbach sind alle erst nach 1219 entstanden. Nur die „Alte Burg Obrigheim“ und eine zu vermutende, jedoch gänzlich abgegangene Vorphase der Burg Dauchstein kommen für die Lauffener Ära in Betracht.
    Die Alte Burg in Obrigheim wurde 1142 ersterwähnt, als sie vom Ortsadel an das Bistum Worms übertragen wurde. Jedenfalls befand sich die Burg zu Beginn des 14. Jahrhunderts wieder in Reichshand, als König Ludwig „der Bayer“ sie zusammen mit dem Dorf Obrigheim 1316 an Konrad von Weinsberg verpfändete.
    Ob wormsisch oder zum Reich gehörig, in beiden Fällen ist eine Lauffener Oberhoheit über die Burg sehr wahrscheinlich.
    Die Burg befand sich bei der evangelischen Kirche in Obrigheim, die bereits im Spätmittelalter von den Vorburgmauern umschlossen war. Ein Sichelgraben trennte das flache Spornende eines wahrscheinlich künstlich erhöhten Hügels ab, auf dem die alte Kernburg lag. Augrund der Bauform, die im nordwestlichen Baden-Württemberg nur bis in das frühe 11. Jahrhundert verwendet wurde, gehört die Alte Burg Obrigheim sicherlich zu den frühesten Kleinburgen am Neckar.
    Was heute noch von der winzigen Burg Dauchstein, zwischen Binau und Binau-Siedlung gelegen, übrig ist, entstand erst nach 1330.
    Die Erwähnung eines Cuno von „Tahenstein“ um 1080/90 mit Besitz in direkter Nachbarschaft zur Burg Dauchstein lässt auf einen Zusammenhang schließen, da beide Namen von „Tuffstein“ abzuleiten sind. Und tatsächlich ist Burg Dauchstein auf dem einzigen Tuffsteinfelsen des Neckartales erbaut. Alles deutet darauf hin, dass dieser ursprünglich deutlich größer war als heute und das Material für die zweite Bauphase des Roten Turms in Wimpfen geliefert hat. Erwiese sich dies als zutreffend, wäre die erste Burg Dauchstein zu Beginn des 13. Jahrhunderts zu Gunsten des Tuffabbaus mit abgetragen worden.
    Die alte Neckargauburg wird wohl der Wohnsitz Cunos gewesen sein, der sich folglich nach ihr benannte und sie für das Reich oder dessen Vertreter, die Grafen von Lauffen, verwaltete.
    Die Burgen der „königlichen Waldmark“
    Der Neckar verlässt nun das fruchtbare Altsiedelland, welches von den Franken in Gaue unterteilt worden war, und durchfließt das Buntsandsteingebiet am Rande des Odenwaldes. Im 11. Jahrhundert war hier die Erschließung in vollem Gange. Das Land zwischen dem linken Neckarufer und dem Elsenzgau war 988 an das Hochstift Worms gelangt, dessen Territorium sich westlich von Hirschhorn auch über den Fluss hinaus bis nach Weinheim erstreckte und im Westen an den seit 1011 ebenfalls zu Worms gehörenden Lobdengau grenzte. Nördlich davon lagen die Lorscher Waldmarken, deren Südgrenze zwischen Eberbach und Hirschhorn bis zum Neckar reichte. Das östliche Waldgebiet gehörte dem Kloster Amorbach. Ein kleines Gebiet zwischen Zwingenberg, Eberbach, Strümpfelbronn und Muckental hebt sich in Anbetracht seiner Herrschaftsstruktur von den anderen Waldmarken ab und war offensichtlich vom Neckargau her besiedelt worden, welcher direkt dem König unterstand.
    Burg Zwingenberg weist an seinem ältesten Bauteil, dem Bergfried, Zangenlöcher auf und ist damit in die Zeit nach den Lauffener Grafen zu datieren. Die kleine Gegenburg Fürstenstein oberhalb Zwingenbergs entstand und verschwand erst im 14. Jahrhundert.
    Komplizierter ist die Datierung und Einordnung Stolzenecks unweit von Rockenau. Das aufgehende Mauerwerk mit der beeindruckenden Schildmauer wurde im Spätmittelalter unter Verwendung von Material einer älteren Anlage errichtet, deren Mauern zum Großteil anders verliefen. Von ihr stammen die Buckelquader, welche beim Bau der Schildmauer alle mit der Zange versetzt wurden und daher die markanten Löcher aufweisen. Dies könnte darauf hindeuten, dass man beim Bau des ursprünglichen Gebäudes auf Stolzeneck – wahrscheinlich ein Bergfried – wie zum Beispiel auf der Ravensburg bei Sulzfeld erst gegen Ende des Baus mit der Zange arbeitete. Beide Anlagen gehen offensichtlich auf das von König Friedrich II. initiierte Großprojekt eines Ausbaus des Raumes mit einem Netz aus Reichsburgen zurück.
    Im Norden der Altstadt Eberbach stößt man auf den Ohrsberg, welcher eine kleine Anlage mit doppeltem Ringgraben trägt, von der nur noch wenige Reste erhalten sind. Am Fuße des Ohrsberg-Westhangs fließt die Itter, die 1012 als Ostgrenze der Lorscher Waldmarken festgelegt wurde. Die Burg mit ihrer archaischen Form, ein Oval, umgeben von Gräben und Wällen, könnte durchaus hiermit zusammenhängen. Untersuchungen der letzten Jahre ergaben, dass sich die frühen Burgen im nordwestlichen Baden-Württemberg fast ausschließlich an den Grenzen der Gaue und Waldmarken befanden.
    Im Verhältnis zu ihrer nutzbaren Fläche von nur maximal 35 m Länge und 15 m Breite war Burg Ohrsberg extrem stark befestigt. Als Grafensitz kommt sie aufgrund ihrer geringen Größe nicht in Frage. Der Ohrsberg könnte eine Vorgängeranlage der Burg auf der Burghälde gewesen sein und hätte dann mit großer Wahrscheinlichkeit zum Herrschaftsbereich der Grafen von Lauffen gehört.
    Nur wenige hundert Meter im Osten des Ohrsbergs erstreckt sich auf der „Burghälde“ eine weitere Anlage mit einer Gesamtlänge von etwa 240 m, die durch fünf Abschnittsgräben unterteilt ist. Drei Abschnitte sind mit in sich geschlossenen Teilburgen bebaut, die von ihrem Ausgräber im frühen 20. Jahrhundert als Vorder-, Mittel- und Hinterburg bezeichnet wurden. In urkundlichen Erwähnungen ist allerdings immer nur von einer Burg die Rede. Große Teile der bereits 1403 geschleiften und aufgelassenen Burg wurden im 20. Jahrhundert aus Originalsteinen rekonstruiert. Anhand von Archivfotos und Aufzeichnungen ließ sich jedoch der bei den Ausgrabungen vorgefundene Zustand rekonstruieren.
    Der als Hinterburg bezeichnete Abschnitt kann aufgrund seiner Bauformen in die Zeit nach den Lauffener Grafen datiert werden. Die Vorderburg am Spornende ist der älteste Abschnitt. Sie war vermutlich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Rundling mit kleinem Bergfried und Wohnturm mit anschließendem Wirtschaftsgebäude errichtet worden. Diese vergleichsweise bescheidene Burg war einer massiven Brandeinwirkung ausgesetzt. Beim Wiederaufbau wurde der Wohnturm in der Südostecke deutlich größer dimensioniert. Sein sehr qualitätvolles Mauerwerk mit romanischen Rundbögen aus großen Segmenten unterscheidet sich von jenem der ersten Bauphase. Die Hofseiten wurden mit sorgfältig gearbeiteten Glattquadern, die Außenseiten mit Buckelquadern des älteren Typs verkleidet. Alle Mauern besitzen eine Stärke von 1,70 m. In dieser Bauweise wurde auch ein Stück der in die Nordostecke des Wohnturmes einbindenden Ringmauer ausgeführt. Im Südwesten war ebenfalls die Verzahnung einer 1,70 m starken Ringmauer vorgesehen. Sie wurde jedoch später nur in einer Stärke von 1,10 m an die Wohnturmecke gefügt. Das Füllmauerwerk des Wohnturmes wurde in der aufwändigen Fischgrättechnik hergestellt.
    Das gleiche Mauerwerk findet man in Bauphase 1 der Mittelburg. Hierzu gehörte ein gewaltiger, knapp 11 x 11 m im Grundriss messender Bergfried mit 3 m starken Mauern, dessen Buckelquader große Ähnlichkeit mit jenen der ersten Bauphase des Roten Turmes in Wimpfen besitzen. Die Glattquader seiner Türlaibung weisen auf die bei stauferzeitlichen Bergfrieden typische Unterbrechung des Buckelquadermauerwerks im Eingangsbereich hin – eine weitere Parallele zu Wimpfen. Noch klarer wird die baustilistische Nähe zur Kaiserpfalz bei Betrachtung des Saalbaues im Norden der Mittelburg Eberbach. Dessen Säulen der Arkadenfenster würden, im Wimpfener Palas eingesetzt, abgesehen von der Farbe des Sandsteins, nicht auffallen.
    Diese mit Abstand aufwändigste Bauphase der Burg Eberbach des letzten Drittels des 12. Jahrhunderts kann unzweifelhaft mit Graf Konrad von Lauffen, Bruder des letzten Grafen Boppo, in Verbindung gebracht werden. Konrad erscheint 1196 als „Graf von Eberbach“, was schlussfolgern lässt, dass er die Burg als seinen neuen Wohnsitz gewählt hatte. Offenbar sollte sie der Stammsitz des westlichen Lauffener Gebietes werden. Diese Großburg auf dem Areal von Vorder- und Mittelburg wurde jedoch nie vollendet. Konrad muss bald danach verstorben sein, da er nach 1196 nicht mehr in Urkunden erscheint. Die Planung sah eine gemeinsame Umfassungsmauer von 1,70 m Stärke vor, wie sie im Bereich des Wohnturmes der Vorderburg und des Saalbaues der Mittelburg bereits umgesetzt war. Der Saalbau wurde wie auf Hornberg an der Angriffseite der Burg gestellt. Den Bergfried platzierte man direkt dahinter, um ihn vom Obergeschoss des Palas erreichen zu können. Die beachtlichen Dimensionen des Turmes und sein Standort ermöglichten es, die gesamte Anlage zu sichern. Den Wohnturm beließ man auf der vom Berghang geschützen Südseite.
    Nach Aussterben der Grafen von Lauffen wurde die Bauruine unterteilt, indem man mit deutlich schwächeren und weniger qualitätvollen Mauern den alten Bering der „Vorderburg“ wieder schloss und auch das übrige Gelände mit einer eigenen Umfassungsmauer zur „Mittelburg“ zusammenfasste. Dies mag vielleicht in der auch an Wimpfen feststellbaren Konkurrenz zwischen Reich und Bistum Worms begründet sein, zumal das Bistum 1227 eigentümlicherweise als Lehensherr auftrat. Womöglich hatte man für beide Parteien bis zur Klärung in diesem Jahr einen eigenen Burgmannensitz auf Burg Eberbach eingerichtet.
    Die Burgen der Wormser Waldmark
    In Neckarhausen stehen sich hoch über dem Neckar zwei Burgstellen auf fast gleicher Höhe gegenüber. Über die Burg auf der rechten Flussseite, im Volksmund Hundheim genannt, brachten Grabungen ab dem Jahr 2004 Aufschluss. Obwohl sie außerhalb des Lorscher Territoriums lag, war sie höchstwahrscheinlich von der Reichsabtei im 11. Jahrhundert errichtet, aber bereits im Zusammenhang mit einer Fehde zwischen dem Speyerer Bischof Siegfried von Wolfsölden und dem Vogt des Klosters Lorsch, Graf Berthold von Lindenfels, im Jahr 1130 wohl wieder zerstört worden. Über die Burgstelle auf der gegenüberliegenden Seite ist praktisch nichts bekannt.
    Dilsberg ist die dritte Burg, die man auch aufgrund schriftlicher Quellen mit den Lauffenern in Verbindung bringen kann. 1208 lebte dort Boppo V., der letzte Graf von Lauffen. Sein Bruder Konrad war sicherlich bereits verstorben, so dass Boppo wieder den gesamten Besitz der Familie in Händen hielt.
    Die zum Bau verwendeten Steine stammen aus unterschiedlichen Zeiten und wurden zur Verkleidung der Außenschale bzw. der drei Schichten der Innenschale unterhalb des Wehrgangs wiederverwendet. Die Ähnlichkeit mit Eberbach und Wimpfen ist offensichtlich. Hierzu passt zeitlich ein romanisches Bogenstück, dessen Verzierung mit Diamantbändern stark an eines der Fenster des großen Steinhauses auf Burg Hornberg erinnert. Die wenigen Buckelquader mit sehr breitem Randschlag sind typisch für die zweite Hälfte des 13. und für das 14. Jahrhundert, passen also, ebenso wie die hochgotischen Tourellen, zur großen Umbauphase auf Burg Dilsberg unter den Pfalzgrafen bei Rhein ab den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts.
    Die östliche Begrenzung der Kernburg wurde beim großen Umbau nach Westen verschoben. Sie reichte ursprünglich sicher bis an den Rand des terrassenförmigen Torzwingers.
    Über die Bedeutung Dilsbergs in der Zeit der Grafen von Lauffen lässt sich mangels erhaltener Bausubstanz nur spekulieren. Wahrscheinlich hatte sie nicht den Stellenwert des alten Sitzes in Lauffen oder den der aufgrund ihrer Nähe zur Kaiserpfalz Wimpfen gelegenen Burg Hornberg. Dennoch wird Dilsberg keine kleine Ministerialenburg gewesen sein, diente sie immerhin dem Enkel des Grafen Boppo V. von Lauffen, Boppo „de Tiligisberc“, Sohn des Konrad von Dürn, seinem Beinamen zufolge als Hauptwohnsitz. Höchstwahrscheinlich wohnte schon dessen Urgroßvater, Boppo IV., auf der Burg.
    Burg Dilsberg könnte den Lauffenern als Zeichen ihrer Präsenz hinsichtlich der Festsetzung der Pfalzgrafen in Heidelberg gedient haben, aber auch in Richtung des nahegelegenen Elsenzgaus, der ebenfalls zu diesem Zeitpunkt einen Machtwechsel erlebte.
    Auch das rechte Neckarufer war in der Hand der Grafen von Lauffen. Spätestens im frühen 12. Jahrhundert hatten sie als Vögte des Hochstiftes Worms am Spornende des Bergrückens, welcher das Steinachtal vom Neckartal trennt, eine Burg errichtet und mit einer edelfreien Familie besetzt, die ab 1142 unter dem Namen „von Steinach“ genannt wird. Diese im 14. Jahrhundert als „Vorderburg“ bezeichnete Anlage war Keimzelle der späteren Stadt (Neckar-)Steinach.
    Von den Gebäuden der auf Stichen abgebildeten ausgedehnten Anlage hat sich nur ein Komplex bestehend aus Bergfried und Wohnbau erhalten, welcher den einstigen Burghof im Osten abschloss. Der Bergfried mit rundbogigem Hocheingang besteht aus hammerrechtem Bruchsteinmauerwerk mit einem Eckverband aus Quadern, deren Bossen bereits als grobe Kissen gestaltet sind. Dies lässt eine Datierung ab dem frühen 13. Jahrhundert zu.
    Die Gestalt der ursprünglichen Anlage lässt sich bislang nicht konkretisieren. Anzunehmen ist eine Burg wie sie einst bei Aglasterhausen stand, mit quadratischem Wohnturm und engem Bering, entweder bereits in Stein oder noch mit einfachem Wall wie in Langensteinbach.
    Auch die Mittelburg in Neckarsteinach entstand höchstwahrscheinlich noch in der Ära der Grafen von Lauffen. Hierfür sprechen die noch nicht in Kissenform gearbeiteten Bossen an allen vier Ecken der kompakten rechteckigen Kernburg und am Bergfried. Die noch relativ schmalen Randschläge sowie das Fehlen von Zangenlöchern sprechen für eine Entstehung um 1200. Die Westseite der Mittelburg ist mit Bergfried und einer über zwei Meter dicken Mauer am stärksten befestigt, während auf der zur Vorderburg gewandten Ostseite der Wohnbau untergebracht war. Ein hoher Staffelgiebel oberhalb der westlichen Mantelmauer stößt mit klar erkennbarer Fuge an den Bergfried, ist also somit als späterer Bauabschnitt anzusehen. Gleiches gilt für die obersten vier bis fünf Meter des Turmes mit samt dem neogotischen Aufbau. Das Plateau zwischen der Mittel- und Vorderburg, die sich ursprünglich in einer Hand befanden, diente sicherlich als Wirtschaftsfläche.
    Die Mittelburg Neckarsteinach und Burg Dilsberg bewachten, wie die Pfeiler eines Portals, beiderseits des Neckars die Durchfahrt auf dem Fluss.
    Fazit
    Die Grafen von Lauffen dominierten als Amtsträger des Reiches bzw. Hochstiftsvögte des Bistums Worms im 11., 12. und beginnenden 13. Jahrhundert den Burgenbau am Neckar zwischen Lauffen und Heidelberg. Trotz ihres frühen Aussterbens vor fast achthundert Jahren blieben beeindruckende Reste ihrer Befestigungsanlagen bis in die heutige Zeit erhalten. Die von den Grafen zu Eigen oder zu Lehen besessenen Burgen gehörten zu den innovativsten ihrer Zeit. In Lauffen selbst befindet sich einer der frühesten Steintürme auf Adelsburgen in Süddeutschland. Das Steinhaus der Burg Hornberg gehörte zu den größten seiner Art. Eberbach griff die modernen Formen der frisch erbauten Kaiserpfalz Wimpfen auf und besaß den größten Bergfried des 12. Jahrhunderts im Neckargebiet. Der ursprüngliche Turm der Burg Dilsberg darf sicherlich zu den frühesten Buckelquaderbauten im deutschen Raum gezählt werden. Aber nicht nur Superlativ und Quantität prägten diese Bauwerke. Die enorme Qualität des Mauerwerks sorgte dafür, dass sie zum Teil selbst heute noch bewohnbar oder als öffentliche Gebäude genutzt sind. Im etwa tausend Jahre alten Wohnturm der Stammburg Lauffen konnte vom Autor im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit der Stadt Lauffen eine Dauerausstellung zu den Grafen und ihrer Inselburg eingerichtet werden.

    Copyright Nicolai Knauer

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