37. Peter Rothacker, Donnerstag, den 13. September 2012

Die 5 württembergischen Königinnen

  • 1. Charlotte Mathilde von England  1766 – 1828

    Am 29. September 1766 wurde Charlotte Mathilde als viertes Kind und erste Tochter des englischen Königs Georg III. und seiner Frau Charlotte von Mecklenburg-Strelitz  in England geboren. Das Königspaar hatte insgesamt 15 Kinder die unter der strengen Erziehung der Mutter litten. Die Töchter hatten alle eine ausgezeichnete Ausbildung genossen:  Klavierspiel, Harfenspiel, ein bisschen Komposition, Französisch, Malen und  Sticken.
    Der englische König hatte einen ausgeprägten Familiensinn und war der Überzeugung, dass seine Töchter am glücklichsten wären, wenn sie unverheiratet blieben. Charlotte Mathilde wollte aber unbedingt der Enge und Bevormundung zu Hause entfliehen, sie war nun schon weit über dreißig und auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden. Deshalb sagte sie freudig ja zum Heiratsantrag des württembergischen Herzogs Friedrich: „Mein zukünftiger Gatte ist sicher nicht der Schönste – aber dadurch werde ich vor der Bedrohung einer lebenslangen Jungfernschaft befreit!“
    Herzog Friedrich  wurde am 6. November 1754 in Treptow geboren. Seine militärische Ausbildung absolvierte er im preußischen Heer. Auf Anraten des Preußenkönigs heiratete er 1780 die knapp 16-jährige Auguste Karoline Friederike Luise von Braunschweig-Wolfenbüttel. Diese Ehe stand unter keinem guten Stern, und bereits im ersten Ehejahr wollte sich die junge Frau wieder scheiden lassen, denn sie kam mit dem aufbrausenden und groben Wesen ihres Ehemannes
    nicht zurecht. Doch in den sechs Jahren ihrer Ehe gebar sie die beiden Söhne Wilhelm und Paul sowie die Tochter Karoline. Eine weitere Tochter, Auguste Sophie Dorothea, verstarb nach wenigen Monaten.
    Nach Unstimmigkeiten in Preußen ging das Ehepaar an den Zarenhof nach St. Petersburg. Friedrich war oft in militärischer Mission unterwegs während sich seine junge Frau in amouröse Abenteuer stürzte. Dabei ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Wahl eines Liebhabers der Zarin Katharina der Großen ins Gehege gekommen.
    Friedrich und die Kinder wurden vom Zarenhof verwiesen. Seine Frau wurde nach Estland verbannt, wo sie unter mysteriösen Umständen gestorben ist.
    1790 kam Friedrich mit seinen Kindern nach Ludwigsburg und hatte sich im heutigen Ratskeller niedergelassen. Friedrichs engster Freund, Graf von Zeppelin, war ihm von Preußen nach Russland und dann nach Württemberg gefolgt. Er fungierte auch als Brautwerber beim englischen Königshaus. Die Ehe zwischen Herzog Friedrich und Charlotte Mathilde wurde am 18. Mai 1797 geschlossen. Sie erlebte durch die Heirat den Aufstieg zur Herzogin, 1803 zur Kurfürstin  und 1806 zur Königin. Nie zuvor hat ein württembergisches Herrscherpaar wegen seiner äußeren Erscheinung so viele Spötter und Karikaturisten heraus gefordert wie König Friedrich I. und seine englische Gemahlin, sie hatte die Veranlagung zur Rundlichkeit die sog. „englische Krankheit“ geerbt.
    Während sich die englischen Royals über manche politische Satire aus der spitzen Feder von James Gillray  amüsierten, besaß Friedrich nicht so viel Humor, und die englischen Karikaturen waren offiziell in Württemberg verboten.
    Auch Kaiser Napoleon I. soll nach dem Treffen mit Friedrich spöttisch geäußert haben: „Der liebe Gott hat den württembergischen Herzog nur erschaffen, um zu zeigen, wie dehnfähig die menschliche Haut ist ohne dass sie platzt!“
    Die drei Kinder Friedrichs aus seiner ersten Ehe waren zum Zeitpunkt seiner zweiten Heirat in einem Alter, wo es für eine Stiefmutter nicht gerade leicht ist, die Erziehung zu übernehmen. Glücklicherweise war Charlotte Mathilde durch ihre zahlreichen jüngeren Geschwister den Umgang mit Jugendlichen gewohnt. Sie war eine wirklich gute Mutter für die Stiefkinder, die sie wie eigene Kinder ins Herz geschlossen hatte und auch von beiden Söhnen und der Tochter zeitlebens geliebt wurde. Friedrich dagegen war ein sehr strenger und harter Vater. Er war gewohnt, Befehle zu erteilen und konnte unerbittlich durchgreifen, wenn etwas nicht seinem Willen entsprach. Hier wirkte nun Charlotte Mathilde besänftigend und ausgleichend. Sie hat es auch verstanden, mit den wechselnden Günstlingen ihres Mannes auszukommen.
    Die beiden Söhne litten sehr unter dem Vater – besonders der Älteste, Friedrich Wilhelm, der spätere König Wilhelm I., lag im Dauerstreit mit ihm. Paul, der zweite Sohn, war der Großvater des letzten Königs Wilhelm II.
    Einzig die Tochter Katharina bekam ein wenig väterliche Zuneigung. Sie musste 1807 auf politischen Druck Napoleons dessen jüngeren Bruder Jérôme heiraten. Sie gebar ihm zwei Söhne und eine Tochter. Der jüngste Sohn wurde der Stammvater der heute noch lebenden Mitglieder der Familie Bonaparte.
    Die Besuche Napoleons waren für Charlotte Mathilde ein Problem da sich ja England im Krieg mit Frankreich befand. Napoleon hatte jedoch große Achtung vor ihr und wechselte später Briefe mit ihr.
    Nach einer Fehlgeburt am 26 April 1798 blieb Charlotte Mathilde kinderlos und hat sich am Gedeihen fremder Kinder sehr erfreut. Auch der hochbegabte, illegitime Sohn ihres Stiefsohnes Friedrich Wilhelm und der schönen Hofgärtnersfrau Kallee, der spätere General und Altertumsforscher Eduard von Kallee, ist von ihr verwöhnt und aufgezogen worden.
    Als König Friedrich am 30. Oktober 1816 starb, zog Charlotte Mathilde ins Schloss Ludwigsburg als ihren Witwensitz und lebte dort  noch 12 Jahre.
    Königin Charlotte Mathilde war auch im Alter überaus beleibt. Sie verdrückte wöchentlich ein Kilo Kaffee und zwei Kilo Zucker. Sie war jedoch ein so liebenswerter Mensch, dass keiner spottete und man sich vielmehr Sorgen um ihre Gesundheit machte.
    Als sie im Alter gehbehindert wurde ersetzte man die Stufen im „Mathildengarten“ des Ludwigsburger Schlosses durch Rampen so dass sie dort im Rollstuhl gefahren werden konnte. Bei ihrer letzten Englandreise, die sie noch ein Jahr vor ihrem Tode unternahm, bat sie ihren Bruder, den englischen König Georg IV., um einen Tragsessel, damit man sie von Bord hieven könne. Sie befürchtete nämlich, dass der schmale Bootssteg unter ihrem Körpergewicht zusammen brechen könnte. Charlotte Mathilde starb am 6. Oktober 1828 in Ludwigsburg.
    Vermächtnis und Stiftungen:
    Sie war sehr vermögend da sie eine reichhaltige jährliche Apanage und ein großes Heiratsgut von zu Hause mitbekommen hatte. Sie verfügte auch über einen reichen Juwelenschatz, den sie in ihrem Testament vor allem den Enkeltöchtern vermachte. Sie gründete die „Mathildenstiftung“, um ihre Nachkommen finanziell abzusichern.
    Ebenso eine „Fideikommiss“, den König Wilhelm I. unter dem Namen „Hofdomänenkammergut“ führen sollte, der Grundstock der heutigen Hofkammer des Hauses Württemberg.
    Sie richtete die Mathilden-Pflege ein, die die Stadt übernahm und eine „Töchterbildungsanstalt“ daraus machte. Ganze Generationen gingen ins Mathildenstift, das heutige Goethe-Gymnasium.
    Sie war zur Anlaufperson für viele Menschen mit allerlei Anliegen geworden. Manche Härte konnte sie in aller Stille mindern. Und so gewann sie die Zuneigung der Württemberger, die dem König zeitlebens verwehrt blieb. Noch lange hat sie im Bewusstsein der Ludwigsburger nachgelebt als die Gütige, die so gerne in die Kinderwagen hineingeschaut hat.

    2. Katharina aus Russland  (1788 – 1819)

    Katharina Pawlowna, geborene Großfürstin von Russland, gehört zu den populärsten unter den württembergischen Königinnen. Zahlreiche Institutionen, Straßen und Plätze sind nach ihr benannt und halten so die Erinnerung an ihre Person und ihr Wirken wach. Sie hat für das Land sehr viel getan, das durch Kriegszerstörungen und Missernten in große Not geraten war. Dafür wird sie bis heute verehrt und geliebt.
    Ihr tragisches Ende und die Spekulationen um ihren frühen Tod trugen nicht unwesentlich zur Legendenbildung bei. „Die Liebe höret nimmer auf“ lautet die Inschrift, die der trauernde Ehemann, König Wilhelm I., über dem Eingang zu ihrer Grabkapelle anbringen ließ. Katharina Pawlowna wurde am 21. Mai 1788 in Zarskoje Selo, dem Sommersitz der Zarenfamilie, in Russland geboren. In einer großen Schar von Geschwistern – vier Brüder und fünf Schwestern – wuchs sie in einer umsorgten Kindheit in den Zarenschlössern unweit von St. Petersburg auf. Sie schwärmte für ihren großen Bruder Alexander und beide blieben sich zeitlebens sehr zugetan.
    Katharina bekam als älteste Tochter am Zarenhof ihren eigenen Hofstaat und lebte in dem orientalischen Prunk und Reichtum des Zarenhofes. Sie stürzte sich, gerade mal 19 Jahre alt, in eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit einem verheirateten russischen Offizier, Fürst Peter Bagration. Diese Affäre dauerte zwei Jahre, in der Schlacht bei Borodino 1812 wurde er tödlich verwundet.
    In das Familienidyll am Zarenhof in Sankt Petersburg platzte die Werbung Napoleons. Er hatte sich 1809 von Joséphine getrennt, nachdem er über ihr wirkliches Alter aufgeklärt war. Er brauchte unbedingt einen Erben und warb um die Schwester des Zaren Alexander. Die Zarenmutter, Maria Feodorowna, war strikt dagegen und auch Katharina meinte: „Lieber einen Ofenheizer in Zarskoje oder eine Popenfrau in Sibirien als Kaiserin von Frankreich!“
    Man suchte nun schnell nach einem entsprechenden Heiratskandidaten. Kronprinz Wilhelm von Württemberg schied vorerst aber aus, da er schon einige Erfahrungen mit Frauen gesammelt hatte: „Der junge Prinz war bekannt durch seine Kenntnisse, Talent, eine gewisse Liebenswürdigkeit und Leichtigkeit des Benehmens, ziemlich viel Welterfahrung, allerlei galante Abenteuer und einige jugendliche Verirrungen.“
    Katharina schwärmte für den Erzherzog Karl von Österreich, aber die Zaren-Witwe Maria Feodorowna war strikt dagegen, da der Habsburger Hof einen Übertritt zum katholischen Glauben zur Bedingung machte.
    So wurde schnell mit dem zufällig am Zarenhofe anwesenden Georg von Oldenburg Verlobung gefeiert. Georg, ein gebildeter und literarisch interessierter, von Napoleon vertriebener Emigrant, war Gouverneur in der russischen Provinz Twer. Am 30. April 1809 war die Hochzeit. Und erstaunlicherweise ging diese von der Politik geschlossene Ehe sehr gut. Katharina nahm Anteil an der Sorge für Schulen und Arme, für Krankenhäuser und Verbesserungen in der Landwirtschaft. Sie lernte von ihrem Mann und verehrte ihn. Aus dieser Ehe entsprangen die Söhne Alexander und Peter. Als Georg 1812 an Typhus stirb, war sie schwer getroffen. Ab diesem Zeitpunkt bekam sie immer wieder Anfälle mit völliger Gliederstarre. Sie wurde zu einer unsteten Witwe, die sich in Europa wieder einen Mann suchen will.
    Im März 1814 reiste Katharina nach London. Dort traf sie auf Kronprinz Friedrich Wilhelm von Württemberg, und diesmal entwickelte sich schnell eine heftige Liebesbeziehung. Auf dem Wiener Kongress trafen sich beide wieder und setzten ihre Liebesaffäre fort.
    Dies hielt die beiden Liebenden jedoch nicht davon ab, noch anderweitig ihre Fühler auszustrecken. Katharina flirtete mit Erzherzog Karl von Österreich und Wilhelm beschäftigte sich mit der Fürstin Bagration.
    Aber Wilhelm war noch mit der bayrischen Königstochter Charlotte Auguste verheiratet. Diese Ehe war auch geschlossen worden, um Napoleons Heiratsplänen zuvorzukommen. Diese Ehe wurde dann wegen „Nichtvollzugs der Ehe“ geschieden und Wilhelm war für Katharina frei. Und so kommt es, dass Katharina doch noch dem württembergischen Vetter Wilhelm ihr Ja-Wort gibt. Es wurde ein Ehevertrag aufgesetzt:
    „Die Söhne aus erster Ehe Katharinas durften der Mutter nach Württemberg folgen; die Kosten ihrer Erziehung übernahm der Bräutigam. Sie erbten die Hälfte der Mitgift aus Katharinas erster Ehe, also eine halbe Million Rubel. Für diese zweite Ehe bekam Katharina 500.000 Rubel als Mitgift. Nach Katharinas Tod musste die Hälfte dieser Summe wieder ans Zarenhaus zurückgezahlt werden; den Rest sollten die Kinder aus der neuen Ehe erben.“
    Wilhelm hat sich strikt an diese Regelung gehalten, obwohl ihm Katharina 1817 in einem Testament einen Teil ihres Geldes vermacht hatte.

    Am 20. Januar 1816 erfolgte in Petersburg die Hochzeit, dann der umjubelte Einzug in Stuttgart. Für Württemberg war diese Verbindung politisch sehr wichtig, da es zuvor ja mit Napoleon liiert war. Ein halbes Jahr später stirbt der dicke Friedrich und damit wird Wilhelm König und Katharina Königin, sie bekamen zwei Töchter, Marie und Sophie. Knapp drei Jahre hat die Ehe gedauert und knapp zweieinhalb Jahre war Katharina Königin von Württemberg.
    Im Winter 1818/1819, kurz nach Weihnachten, wird sie von einer Krise überfallen.
    Sie verliert den Mut am Leben. Man vermutet, dass eine Nachricht dahinter stand, die sie sehr erschüttert haben muss: Der König soll die alte Beziehung zur italienischen Adligen Bianca Carrega (auch Blanche la Fleche oder Baronin Keudelstein genannt) wieder aufgenommen haben, denn er reiste seit dem Sommer 1817 immer wieder alleine in die italienischen Bäder.
    Das ärztliche Bulletin berichtet am 3. Januar 1819 über eine leichte Erkältung. Trotzdem reiste sie mit König Wilhelm I. in der offenen Kutsche von Ludwigsburg nach Scharnhausen aufs Gestüt hinaus, im Schnee- und Eisregen eines Januartages. Nach dem Bericht ihres Leibarztes hatte sich durch die Erkältung an ihrem Mundwinkel ein Bläschen
    gebildet, das sie selbst aufgestochen hat.
    Dadurch kam es zu einem Infekt, sie bekam hohes Fieber, und diese Wundrose führte zu einem Gefäßverschluss im Gehirn, wie die Sektion des Kopfes bestätigt hatte. Mit Sicherheit waren aus heutiger medizinischer Sicht die Gefäße im Gehirn durch die Krampfanfälle der Vergangenheit schon so geschädigt, dass es zu diesem Schlaganfall kommen konnte. Auch eine erneute Schwangerschaft, die die Ärzte festgestellt hatten, könnte die Widerstandskraft des Körpers herabgesetzt haben. Als sie am 9. Januar 1819 morgens um 7:30 Uhr starb, ging durch ganz Württemberg eine Welle echten Schmerzes. Das ganze Land, quer durch alle Bevölkerungsschichten, hatte das Gefühl, eine Frau verloren zu haben, die in den drei kurzen Jahren ihrer württembergischen Ehe ungeheuer viel für das Land getan hat.
    Bald nach ihrem Tod ließ der König das alte Stammschloss der Württemberger auf dem Rotenberg abreißen, das Plateau planieren und eine Grabkapelle bauen.
    Dieser Platz war Katharina lieb geworden, und so war es eine besondere Huldigung an sie, wenn man hier ihre Grabkapelle errichtete. Sie wurde 1824 dort beigesetzt. In der ebenerdigen Säulenhalle wurde eine russisch-orthodoxe Kapelle eingerichtet, deren Inventar vom Kronprinzenpalais stammte.
    Bezeichnend ist auch, dass die Girlande, die am Sarkophag hängt, nicht aus Blüten sondern aus Früchten gebildet ist und neben dem russischen Adler die Eule der Athene an ihrem Sarge unter ihrem Namen angebracht ist.

    Vermächtnis und Stiftungen
    In Württemberg herrschte durch die verheerenden Kriegsfolgen eine große Hungersnot. Über 26.000 Soldaten waren im Krieg geblieben, und über 12.000 Männer ausgewandert. Katharina richtete Suppenküchen und Speiseanstalten für die hungernde Bevölkerung ein, ebenso die Katharinenpflege.
    Sie gründete das Katharinenstift, das Katharinenhospital und viele andere Spitalbauten im Lande.
    Neu gegründete Schulen bekamen moderne Lehrpläne, z.B. Turnunterricht für Mädchen.
    Am 12. Mai 1818 gründete sie die erste württembergische Sparkasse, vor allem für die kleinen Leute.
    Sie hat sich in alles persönlich hinein gekniet, durchdacht und aus ihrem reichen russischen Vermögen auch persönliche Opfer gebracht. Das Ganze brachte dem Lande für Jahrzehnte eine Sozialstruktur, die anderswo so nicht vorhanden war.
    In dieser Zeit begründete König Wilhelm die Landwirtschaftliche Akademie in Hohenheim und das Cannstatter Volksfest.

    3.  Pauline von Württemberg  (1800 – 1873)

    Nach dem Tod von Katharina ist König Wilhelm I. so erschüttert, dass er beschließt, nicht mehr zu heiraten. Er ist ja auch kein junger Mann mehr, hat viele Frauenerlebnisse und zwei Ehen hinter sich, eine gescheiterte und eine glückliche.
    Doch das Land verlangte vom König einen Thronfolger, der bisher noch nicht geboren war.
    So wählte der König eine Cousine seiner verstorbenen Frau, weil sie der Verstorbenen ähnlich sah. Sie war auch seine eigene Cousine ersten Grades und er war um fast zwanzig Jahre älter als sie. Das war sicher keine glückliche Wahl. Wilhelm hat von Anfang an keine besondere Zuneigung empfunden. Während sie, romantisch und im Stil der Zeit, nun von der großen Liebe träumte.
    Prinzessin Pauline Therese Luise von Württemberg wurde am 4. September 1800 in Riga, der Hauptstadt Lettlands, geboren. Ihr Vater, Herzog Ludwig von Württemberg, ein Bruder des württembergischen Königs Friedrich, war zu dieser Zeit als Gouverneur in russischen Diensten dort stationiert. Der Geschwisterkreis, in dem sie aufwuchs, war ein außerordentlich munterer, von schönen Töchtern und einem gescheiten Sohn. Und als besonders schön galt die spätere württembergische Königin – nur eben nicht als geistvoll. Ihre ältere Schwester Amalie sagte zu ihr: „I ben wiascht ond du bischt schee; aber ich ben gscheit ond du bischt domm!“

    Es war für Pauline nicht leicht, nach einer so genialen Königin, mit der sie von allen verglichen wurde, zu bestehen. Sie versuchte alles, was Katharina getan, nun zu kopieren: Sie gründete u.A. das Paulinenstift und Paulinenhospital.
    Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin hatte sie privat nur geringe Geldmittel zur Verfügung, und die Privatschatulle der Königin war auch nicht groß.
    Dem König ging ihre Betriebsamkeit  sehr auf die Nerven, wie überhaupt diese Frau sehr bald ihren Mann mehr genervt als erfreut hat.
    Nach einem Jahr kam die erste Tochter Katharina, eine freundliche und sehr liebe Prinzessin, die spätere Mutter des letzten württembergischen Königs zur Welt.
    Und dann im März 1823 der heiß ersehnte Thronerbe, der künftige König Karl.
    Er war kein gewandter, lebenslustiger, eher ein fast schreckhaft ängstlicher Mensch. Vor dem Vater hatte er Angst, von der Mutter wurde er ängstlich gegängelt. 1826 wurde noch die Tochter Augusta geboren, und dann wurde die Ehe nicht mehr fortgesetzt. Ein Historiker bezeichnete König Wilhelm I. als nüchternen Menschen und Vollblutpolitiker, der nur zwei Liebhabereien hatte: die Pferde und das Theater. Als Königin Pauline wünschte, dass anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums des Königs im Jahr 1841 die ganze Familie gemeinsam gemalt werden sollte, winkte  der König ab. So musste der Lithograph zu einer Collage greifen und die einzelnen, vorhandenen Porträts zueinander fügen.
    Die Königin hat sich immer wieder gefragt, warum die Ehe scheitern musste.
    Sie hat die bösen Einflüsse außerhalb und vor allem bei der Freundin des Königs, der bayrischen, katholischen Schauspielerin Amalie von Stubenrauch gesucht. Amalie von Stubenrauch kam 1828 an das Stuttgarter Hoftheater, dem sie bis zum Ende ihrer Schauspielkarriere 1846 treu geblieben ist. Diese schöne, geistvolle und gewandte Frau hatte das Herz des Königs schon vor der Ehe mit Pauline gefangen genommen. Er hatte aus dieser Verbindung eine bildschöne und hochbegabte Tochter, an der er sehr hing, so wie auch an den Töchtern aus der russischen Ehe.
    Die beiden Töchter der Pauline hingegen haben ihn immer wieder enttäuscht. Es war zweifellos seine Schuld, dass er es nicht verstand, die Kinder gleich zu behandeln. Dazu kam noch, dass die beiden Töchter der Katharina die alleinige Nutznießung von dem riesigen Vermögen ihrer Mutter hatten. Königin Pauline konnte ihre beiden Stieftöchter nicht leiden, sie hatte zu ihnen nie ein gutes Verhältnis bekommen. König Wilhelm hatte auch einen unehelichen aber genial begabten Sohn von der schönen Hofgärtnersfrau Kallee in Ludwigsburg. Dieser Eduard von Kallee, späterer General und Altertumsforscher, wurde vom König sehr geliebt und bevorzugt. Paulines Verhältnis zum König wurde immer schlechter und sie wurde im Alter immer unduldsamer. Sie fürchtete ununterbrochen, dass der Katholizismus im Lande gestärkt werde und missbilligte den Abschluss eines Konkordates. Als der König ihr auseinandersetzte, dass ein Drittel der württembergischen Untertanen ja doch Katholiken seien und deren Verhältnis durch ein Konkordat geregelt würde, sah sie nur das Evangelium bedroht.
    In den Jahren 1842 bis 1844 ließ sich König Wilhelm einen kleinen Landsitz am Neckarufer bei Cannstatt erbauen, die Wilhelma. Hierher konnte er sich zurückziehen oder mit privaten Gästen feiern. Das Schloss hatte ein Badehaus, einen Festsaal, Gärten und Gewächshäuser, alles nach Ideen des Königs in maurischem Stil erbaut und mit entsprechend aufwändigem Zierart versehen. Auch enthielt es eine Sammlung hoch erotischer Bilder und Statuen, über die sich Pauline echauffierte.
    Am 25. Juni 1864 verstarb König Wilhelm I. in seinem geliebten Schloss Rosenstein obwohl er vorher nie dort übernachtet hatte, da ihn vor Jahren eine Zigeunerin warnte, er werde dort sterben, falls er einmal eine Nacht dort verbringen sollte.
    Seine langjährige Geliebte Amalie von Stubenrauch hatte ihn bis zum Tode treu umsorgt und gepflegt.
    Nach dem Tode König Wilhelms und der Thronbesteigung von König Karl und Königin Olga zog Pauline ins Kronprinzenpalais als Witwensitz. Im Sommer weilte sie im Schloss Ludwigsburg. Im Juli 1868 erwarb sie ein kleines Anwesen am Schweizer Ufer des Bodensees in Goldach, nahe bei Rorschach, die sog. Villa Seefeld. Das Leben dort gestaltete sich beschaulich mit Handarbeiten und Gesprächen im lauschigen Garten mit dem herrlichen Blick auf den See.
    Am 10. März 1873 ist Pauline von Württemberg gestorben und wurde in der königlichen Gruft unter der Schlosskirche in Ludwigsburg beigesetzt.

    4. Olga aus Russland   1822 – 1892

    Die Bedeutung der russischen Großfürstin und württembergischen Königin Olga ist heute sehr umstritten. Viele halten ihr ein ehrendes Andenken auf Grund umfangreichen wohltätigen Engagements. Andere hingegen kritisieren, sie sei eine eitle und kühle Monarchin gewesen, die in Württemberg nie wirklich heimisch geworden sei. Ihr äußere Erscheinung beschreibt ein Zeitgenosse: „Sie gleicht einer Statue. Sie hat einen Ausdruck von Würde und Ruhe durch ihr Bewusstsein der hohen Geburt und dem vielen öffentlichen Erscheinen.“ Ein anderer nannte sie „das schönste Weib auf Erden“.
    Olga Nikolajewa wurde nach dem russischen Kalender am 30. August 1822 – nach westlicher Zeitrechnung am 11. September – in Sankt Petersburg geboren.
    Sie war das dritte Kind des Großfürsten Nikolaus von Russland und seiner Gemahlin Alexandra Feodorowna,  Prinzessin Charlotte von Preußen, eine Tochter König Friedrich Wilhelms III.
    Dem späteren Zarenpaar wurden sieben Kinder geboren, vier Söhne und drei Töchter. In diesem Familienkreis herrschte ein ungezwungener Umgangston. Zar Nikolaus I. war bestrebt, seine Kinder in einer liebevollen und warmherzigen Atmosphäre aufwachsen zu lassen, doch er war auch ein strenger und pedantischer Vater.  Jeden Morgen pünktlich um 10 Uhr erschien er zum Frühstück im Appartement seiner Gemahlin und blieb genau eine Stunde im Familienkreis. Dabei kontrollierte er die Studien seiner Kinder und hatte Zeit für ihre verschiedenen Anliegen. Gegessen wurde immer präzise um 4 Uhr „en famille“ oder auch mit engen Freunden des Zarenpaares. Diese Mahlzeiten durften gewöhnlich nie länger als 45 Minuten dauern. Anschließend traf man sich bei der Zarin zum Kaffee, danach ging der Zar wieder an seine Arbeit.
    Belebt wurde das Hofleben nicht nur von den Zarenkindern; es kamen auch immer wieder die Vettern und Cousinen aus Weimar zu Besuch. Olga erzählte, wie sie mit ihren Schwestern als halbwüchsige, noch sehr schüchterne Mädchen an Hofbällen teilnehmen durften: „Wir wagten nur mit Generälen oder Adjutanten zu tanzen. Die Generäle waren nicht mehr jung und die Adjutanten fast stets gute Soldaten – und daher schlechte Tänzer.“
    Allmählich kamen die Töchter ins heiratsfähige Alter, weshalb die Zarin sie nun häufig auf ihre zahlreichen Bäderreisen durch Europas Modebäder mitnahm. Auf vielen Empfängen, gegenseitigen Besuchen und Tanzvergnügungen sollte den jungen Söhnen und Töchtern aus den fürstlichen Häusern die Möglichkeit geboten werden, sich kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Dennoch war es nicht einfach, die Zarentöchter angemessen zu verheiraten. Olga schilderte selbst sehr anschaulich dieses Problem: „Prinzessinnen im heiratsfähigen Alter sind eigentlich bedauernswerte Geschöpfe. Der Gothaer Adelsalmanach verrät das Alter, man kommt dich anschauen wie ein Pferd, das zum Verkauf steht.“
    In den folgenden Jahren trafen am Zarenhof verschiedene Heiratsangebote für die Großfürstinnen ein – nur für Olga begann eine längere Wartezeit. Man konnte sich lange nicht für einen Kandidaten entscheiden. Im August 1838  wurde eine Heirat zwischen Olga und Kronprinz Maximilian von Bayern erwogen, doch beide entschieden sich bei näherem kennen lernen dagegen.
    Ihr Bruder schlug vor, sie sollte Erzherzog Stephan von Österreich heiraten, dem sie sofort zustimmte. Sieben Jahre lang sah sie sich als dessen Verlobte an, doch Fürst Metternich war dagegen, und Zar Nikolaus wollte nicht den Forderungen des Hauses Habsburg nachgeben, dass Olga zum katholischen Glauben übertreten müsse.
    So blieb die Verlobung wohl nur auf Olgas Seite, denn auch Erzherzog Stephan hat niemals eine Einladung nach Sankt Petersburg angenommen.
    Deshalb drehte sich das Heiratskarussell für sie weiter. Erzherzog Albrecht von Österreich machte ihr einen Heiratsantrag, den sie aber ablehnte. Weitere Kandidaten waren Herzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Friedrich von Hessen (der hatte sich aber beim Besuch in ihre jüngere Schwester verliebt und diese geheiratet), dann die Prinzen Moritz und Adolf von Nassau. Olga musste erleben, wie aus dem Geschwisterkreis einer nach dem anderen heiratete, nur sie wartete mit 24 Jahren noch auf den Traumprinzen.
    Großfürstin Olga hatte sich, abseits aller Heiratsspekulationen, zweimal wirklich verliebt: in Fürst Alexander Bariatinsky, Generaladjutant des Zaren, und in ihren Schwager, Prinz Alexander von Hessen. Dieser soll damals so heftig mit Olga geflirtet haben, dass ihn der Zar mit der jungen Julie Hauke, geadelter von Battenberg zwangsverheiratet hatte. Später trafen sich Olga und diese beiden Herren in Friedrichshafen, worüber ihr Ehemann, Kronprinz Karl, sehr ungehalten wurde. Hartnäckig hält sich in Württemberg das Gerücht, aus diesen Affären seien auch Kinder hervor gegangen, wofür jedoch schlüssige Beweise fehlen. Sicherlich hatte man schon damals nach Gründen gesucht, weshalb diese schöne, geistreiche und wohlhabende Frau, die weitaus bedeutendere Partien hätte eingehen können, am Ende mit einem Manne verheiratet wurde, der nur ein kleines Königreich regieren würde und dessen homophile Neigungen eingeweihten Kreisen vermutlich bekannt waren.
    Im Jahre 1845 wurde von dem russischen Gesandten am Stuttgarter Hof auf diplomatischer Ebene der Plan für eine Heirat des württembergischen Kronprinzen Karl mit der russischen Großfürstin Olga eingefädelt. Karl suchte den Zar Nikolaus in Venedig auf, um sich ihm vorzustellen und offensichtlich fand der Gefallen an ihm: Karl litt unter der schwierigen Ehe seiner Eltern. Er liebte seine Mutter sehr und verehrte auch seinen Vater, der ihn jedoch für unmännlich hielt, mit seinen Leistungen nie zufrieden war und kein väterliches Verhältnis zu ihm fand. Nachdem Karl in Venedig vom Zaren die Erlaubnis erhalten hatte, um die Hand der Großfürstin anzuhalten, schiffte er sich sofort in Richtung Palermo ein. Dort hatte sich Olga schon längere Zeit mit ihrer Mutter aufgehalten, die wegen ihrer angegriffenen Gesundheit das milde Klima Siziliens gesucht und sich dort auch erholt hatte. Vielleicht hat auch die mediterrane Stimmung dazu  beigetragen, dass die russische Großfürstin und der württembergische Kronprinz zueinander fanden. König Wilhelm war zunächst nicht begeistert von den Eheabsichten seines Sohnes. Die erste Begegnung mit der zukünftigen Schwiegertochter fand in Salzburg in einer sehr frostigen Atmosphäre statt. Der Ehevertrag wurde am 4. Juli 1846 zügig ausgehandelt und der württembergischen Hofdomänenkammer im September 250.000 Silberrubel angewiesen.
    Die Aussteuer war einer Zarentochter würdig:
    Möbel, Wäsche, Kleider, Tafelsilber, Teeservice, über tausend Kristallgläser und natürlich die berühmten russischen Pelze, darunter Hermelin, Blau- und Schwarzfuchs. Dazu sechs- bis neunteilige Schmuckgarnituren aus Perlen, Rubinen, Smaragden, Saphiren, Brillanten und Opalen und ein großer Fuhrpark aus acht verschiedenen Equipagen und anderen Kutschen.

    Die Hochzeit fand am 13. Juli 1846 im Schloss Petershof bei Sankt Petersburg statt. Olga kam aus einem glücklichen Familienkreis in das württembergische Königshaus und gab sich anfangs frei und unbefangen in dieser Familie, von der Karl einmal sagte: „Es geht öd und kalt zu, wie ein rauer Nordwind. Morgens um 8 Uhr frühstücken wir um einen viereckigen Tisch, wo Platz für 16 Personen wäre, wir sind jetzt doch nur zu fünft. Man spricht über das Wetter, oder wenn der König verstimmt ist, spricht niemand etwas, denn dann mag er’s nicht, dass man was redet.“
    Der Kronprinz hegte die Hoffnung, dass Olga zur Integrationsfigur werden und in mancherlei Intrigen und Streit vermitteln könnte.
    König Wilhelm hatte sich mit zunehmendem Alter immer mehr vom Familienleben abgesondert, ging privat seine eigene Wege und beschränkte den Kontakt auf ein unumgängliches Muss. Einerseits war er stolz auf seine schöne Schwiegertochter und achtete auch ihr Interesse am Land und seiner Politik, andererseits wollte er unbedingt verhindern, dass sich durch Olga verstärkt russische Interessen ausbreiteten. Deshalb verhielt er sich ihr gegenüber zurückhaltend und wenig herzlich.
    Mit Königin Pauline verstand sich Olga gut, sie hatte die junge Frau wie eine eigene Tochter aufgenommen. Dies bewirkte, dass anfangs gegen die „neue Prinzessin“ von den Töchtern intrigiert wurde. Mit den Jahren jedoch wurde das Verhältnis zu den Schwägerinnen herzlicher.
    Vor den Toren der Residenzstadt baute sich das junge Paar die von ihnen so geliebte „Villa Berg“ nach italienischem Vorbild. Eine wirklich ungezwungene und heitere Atmosphäre herrschte jeden Sommer in Friedrichshafen, wenn sich meist die ganze Familie bei Königin Pauline traf, die immer rührend bemüht war, ihren Lieben schöne Ferientage zu bereiten. Olga und Karl hatten diesen Sommersitz zu ihrer Lieblingsresidenz erkoren und kauften noch benachbarte Grundstücke dazu, um den Schlosspark zu voller Pracht auszubauen.
    Unter Olgas Einfluss wurde die württembergische Residenz immer mehr zu einem Anziehungspunkt für die russische Aristokratie, und die russische Botschaft war im Vergleich zu den anderen Gesandtschaften am Stuttgarter Hofe die größte. Mit den Jahren bildete sich eine richtige russische Kolonie, was sich an der wachsenden Zahl von russischen Zöglingen an den Instituten und Pensionaten des Landes zeigte. Gleich nach der Hochzeit des Kronprinzenpaares wurde im Residenzschloss eine kleine russische Kapelle eingerichtet, die dann später in das fertig gestellte Kronprinzenpalais übersiedelte.
    Auch auf dem Rotenberg stand der russischen Gemeinde neben der Grabkapelle Raum für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Später, im Jahre 1893, wurde dann auf Anordnung Zar Alexanders III. und auf Kosten des russischen Staates in Stuttgart in der Hegelstraße eine russische Gesandtschaftskirche errichtet. Olgas Toleranz in Glaubensfragen wurde überall sehr beachtet. So schrieb die Münchner Allgemeine Zeitung nach ihrem Tode: „Sie war eine wahrhaft fromme Frau, blieb ihrem orthodoxen Glauben treu, hörte aber immer mit Andacht Predigten von evangelischen und auch von katholischen Pfarrern.“
    Die Kinderlosigkeit des Kronprinzenpaares führte zunehmend zu einer Belastung ihrer Ehe. Besonders Olga, die sich eine harmonische Familie wünschte, empfand dies schmerzlich. Karl war durch eine Erkrankung steril geworden und hatte schon früh seinen Neffen, Prinz Wilhelm von Württemberg, zum Nachfolger bestimmt. Aus diesem Grund nahm Olga ihre neunjährige Nichte, Großfürstin Wera, bei sich auf. Wera war ein schwer erziehbares Kind, sehr renitent und bekam hysterische Wutanfälle, bei denen sie manchmal nur mit Hilfe der Leibwächter gebändigt werden konnte. Sie war die Tochter von Olgas Bruder Konstantin und hatte als kleines Mädchen ein Attentat miterlebt, das auf ihren Vater in seiner Eigenschaft als Statthalter des Zaren in Warschau verübt worden war. Ihr drohte der Aufenthalt in einer Klinik unter strenger ärztlicher Aufsicht.
    Hier griff nun Olga ein und nahm das Kind in ihre Obhut in der Hoffnung, mit viel Liebe und Geduld das widerspenstige und traumatisierte Kind bändigen zu können. Sie zeigte sich mit der Entscheidung, Wera erziehen zu wollen, nicht nur langmütig, sie war auch so klug, die psychischen Zusammenhänge dieses frühkindlichen Traumas zu erkennen – was damals nicht selbstverständlich war.
    So kam Wera Konstantinowna am 7. Dezember 1863 nach Stuttgart und wurde von Olga wie eine eigene Tochter aufgenommen. Wenn sie auch manchmal von den Unarten des Mädchens „sehr ermüdet“ war, so ertrug Olga doch die Launen Weras geduldig – immer unterstützt von ihrem Gemahl. Es ist beiden gelungen, die anfänglichen Widerstände des Mädchens zu überwinden und sie durften erleben, wie Wera mit den Jahren zu einer großartigen Frau heranwuchs. Olga hing in zärtliche Liebe an Wera und war glücklich, als die Eltern ihre Zustimmung erteilten und sie am 13. Januar 1871 das Mädchen adoptieren konnte. Damit standen Wera auch alle Ehren einer Königstochter zu, nur ein Thronanspruch war ausgeschlossen.
    1874 heiratete Wera den sieben Jahre älteren Herzog Wilhelm Eugen von Württemberg und gebar 1876 einen Sohn, der mit sieben Monaten verstarb. 1876 wurden dann die Zwillinge Elsa und Olga geboren. Heute erinnert der „Eugensplatz“ in Stuttgart an diesen Herzog Wilhelm Eugen.
    Das Verhältnis der Ehepartner zueinander war nicht einfach. Königin Olga besaß ein hohes Maß an Selbstdisziplin, verlor nie die Nerven trotz aller Belastungen. Sie hielt nach außen die Fassade einer guten Ehe aufrecht und ertrug alle Launen von Karl I. Auch im fortgeschrittenen Alter behielt sie ihre würdevolle Haltung, doch wirkte sie herb und resigniert. Ihre Nichte Pauline zu Wied schildert sie als eine „hagere, vornehme aber eisige Erscheinung mit Zügen, wie aus Marmor gemeißelt. Sie war immer geneigt, jedermann etwas fast Verletzendes zu sagen. So rollte sich ihre traurige Lebensbahn ab.“
    Stiftungen:
    Schon bald nach ihrer Heirat wurde Olga von Königin Pauline mit den verschiedenen sozialen Einrichtungen des Landes vertraut gemacht und darin eingeführt. Sie übernahm ab 1847 die Schirmherrschaft über die Heil- und Pflegeanstalt für schwachsinnige Kinder in Mariaberg bei Reutlingen.
    Danach folgte eine ganze Flut von Institutionen und Wohltätigkeitseinrichtungen, die unter ihrem besonderen Schutz standen. Immer war sie aufgeschlossen für neue Vorhaben und hilfreich bei der Finanzierung, da sie ja auch über die entsprechenden Geldmittel verfügte. Von der Vielzahl dieser Einrichtungen sei nur das „Olgäle“, das Kinderkrankenhaus im Westen Stuttgarts, genannt, gegründet 1842 als Kinderhospital, in dem Kinder aus armen Familien und vor allem Lehrlinge behandelt wurden. Im Jahre 1847 nahm Königin Olga dieses Krankenhaus unter ihren Schutz und es durfte ihren Namen tragen. 1880 bis 1889 wurde ein Neubau notwendig, für den Olga die entsprechenden Mittel bereitstellte. Auch die Stadt beteiligte sich und überließ dem Krankenhaus das Areal als Schenkung. Damals engagierten sich auch viele Mitglieder des Königshauses mit Spenden. Man konnte für 9.000 Mark ein so genanntes „Freibett“ stiften, womit bedürftigen Patienten ein kostenloser Klinikaufenthalt ermöglicht wurde.
    Auch evangelische Frauenstifte wurden gegründet, um allein stehenden Frauen eine gemeinsame Haushaltsführung zu ermöglichen ohne ein klösterliches Leben führen zu müssen. Es gab in Kirchheim das Henriettenstift,  in Grunbach das Olgastift  und in Schorndorf das Karl-Olga-Stift.
    Am 15. Oktober wurde die Blindenanstalt „Nikolauspflege“ in der Forststraße eingeweiht. Nach Olgas Tod engagierte sich Wera hier besonders intensiv. Seit 1908 befindet sich diese Schule für Blinde und Sehbehinderte am Kräherwald.
    Das letzte Projekt des Königspaares war die Einrichtung eines eigenen Mutterhauses für die Olgaschwestern im Osten der Stadt. Die Diakonissen kamen aus dem Heilbronner Mutterhaus hierher und konnten nun ein eigenes Krankenhaus mit angeschlossener Pflegeschule beziehen.
    König Karls angegriffene Gesundheit zwang ihn häufiger zu Aufenthalten in Nizza oder San Remo. Meist wurde er von seiner Gemahlin oder Freunden begleitet.
    Am Morgen des 6. Oktobers 1891 ist König Karl I. gestorben und ein Jahr später, am 30. Oktober 1892 verstarb Königin Olga. Beide sind in der Gruft im alten Schloss in Stuttgart beigesetzt.

    5.  Charlotte aus Böhmen   (1864 – 1946)

    Als Marie zu Waldeck-Pyrmont, die erste, geliebte Frau des späteren Königs Wilhelm II. 1882 starb, war kein Sohn zur Sicherung der Thronfolge im Königshause vorhanden. Deshalb haben Regierung und Volk sehr nachhaltig darauf gedrängt, dass sich der damalige Kronprinz noch einmal verheiraten möge.
    Ganz unbegründeterweise fürchtete sich das württembergische Volk vor der katholischen Herzogslinie, die dann beim Aussterben des Königshauses zur Thronfolge berufen gewesen wäre. Und so musste Wilhelm gegen seinen Willen noch einmal heiraten. Die Wahl fiel auf eine Prinzessin aus dem Hause Schaumburg-Lippe, aus einer vergleichsweise nachgeordneten Familie und nicht sehr bedeutenden Nebenlinie.
    Charlotte Marie Ida Luise Hermine Mathilde wurde am 10 Oktober 1864 im Schloss Ratiborice in Ostböhmen geboren. Ihr Vater, Fürst Wilhelm Karl August zu Schaumburg-Lippe war General der Kavallerie im österreichischen Heer.
    Charlotte war das älteste von neun Kindern. Sie war eine sportliche, gesunde, muntere und lebhafte, sehr stolze und hochmütige Dame.
    Die Ehe wurde am 8. April 1886 geschlossen. Der Altersunterschied zwischen dem 38-jährigen Witwer und der 22-jährigen Braut war groß, die Ehe wurde nicht glücklich. Doch durch die ernste und verständige Art Charlottes wurde vieles überbrückt. Die Ehegatten hatten auch einige Gemeinsamkeiten, denn beide liebten die Natur, Pferde, die Jagd und das Theater, besonders die Oper. Aber Charlotte hatte auch eine sehr schwere Aufgabe angetreten. Es ist merkwürdig, wie sich hier wiederholte, was sich schon unter Wilhelm I. nach dem Tode der schönen Katharina von Russland abspielte, nämlich die Heirat mit einer weniger bedeutenden Frau, verglichen mit dem Charme und der Liebenswürdigkeit, der Größe der ersten Frau.
    Marie von Waldeck-Pyrmont war eine schöne, charmante und liebenswürdige Frau und sehr beliebt. Und jetzt kam eine kühle, würdige und stolze Frau, die so gar nichts mit der ersten gemein hatte, mit der sie dauernd verglichen wurde. Zusätzlich wurde Charlottes Situation noch schwieriger, da sie dem Land den so dringend erwarteten Thronfolger nicht geben konnte. Alle ihre Vorzüge, ihre Tätigkeit, auch ihr soziales Engagement konnte nicht ausgleichen, was ihr einfach nicht gegeben war: Herzenswärme, wie sie die erste Frau so natürlich und spontan ausströmte.
    Dafür haben die Stuttgarter einmal sehr ihren sportlichen Mut und auch ihre körperliche Kraft bewundert: Auf der Straße war ein Bierfuhrwerk mit vier Pferden durchgegangen, der Kutscher aus Angst abgesprungen. Dieses Fuhrwerk ist von  Königin Charlotte zum Stehen gebracht worden, indem sie das vordere Pferd ergriffen hat. Das war eine Bravourleistung – aber hat ihr auch nicht die Herzen gewinnen können.
    Das einzig überlebende Kind aus der ersten Ehe Wilhelms II. war die geliebte Tochter Pauline. Sie war am 19. Dezember 1877 in Stuttgart geboren worden. Sie war neun Jahre alt, als sie Charlotte zur Stiefmutter bekam. Charlotte behandelte Pauline anfangs liebevoll. Allerdings schien sich das Verhältnis der beiden in den folgenden Jahren nicht frei von Problemen entwickelt zu haben. Zum einen litt Charlotte zunehmend an der eigenen Kinderlosigkeit, zum anderen blieb Pauline der erklärte Liebling ihres Vaters, der sie auch verwöhnte, sodass es nicht ohne Eifersüchteleien abging. Pauline empfand die Stiefmutter als Eindringling in die enge Vater-Tochter-Beziehung und begehrte nicht selten dagegen auf.
    Es war auch nicht leicht für Charlotte, aus dem in ländlicher Umgebung frei erzogenen und mit Pferden aufgewachsenen Mädchen eine junge Dame zu machen, die sich auch bei Hofe zu bewegen verstand. Die Pferdeleidenschaft teilte Charlotte mit ihrer Stieftochter, doch beklagte sich Pauline in ihren Memoiren über manche diesbezügliche Strafpredigt seitens der Stiefmutter. Pauline war keine überragende Reiterin, dafür eine sehr gute Gespannfahrerin und vor allen Dingen eine ehrgeizige Züchterin.
    Am 29. Oktober 1898 heiratete Pauline mit 21 Jahren den um fünf Jahren älteren  Erbprinzen Friedrich zu Wied, da ihr Vater bestimmt hatte, sie dürfe frei entscheiden, wen sie heiraten wolle. (nur keinen aus der Romanow-Sippe!).
    Das Paar lebte in Potsdam und bekam zwei Söhne, 1899 Hermann und 1901 Dietrich. König Wilhelm II. war glücklich mit seinen Enkelkindern, die ihn häufig besuchten und denen er Reitstunden erteilte.
    Königin Charlotte hat sich auf vielen Gebieten sehr engagiert, nachdem sich die Kinderlosigkeit als dauernd erwiesen hatte und nachdem im Lande auch Stimmen laut wurden, der König solle sich von ihr wegen der Kinderlosigkeit trennen, was er mit folgenden Worten ablehnte: „Ihre Majestät ist Ihre Majestät!“
    Charlotte hat für die Schulbildung viel getan; sie gründete 1899 das später nach ihr benannte Königin-Charlotte-Gymnasium, das erste humanistische Mädchengymnasium im Lande. Sie hatte auch andere Aktivitäten entwickelt – aber auch da konnte sie es den Stuttgartern nicht recht machen.
    Eine kleine Episode ist bezeichnend: Im Sommer in Friedrichshafen war es üblich geworden, dass junge Patrioten und treue Königsanhänger mit Ruderbooten auf dem See vor das Schloss fuhren und dort „Preisend mit viel schönen Reden“ anstimmten. Darauf kam der König – wie der Kuckuck aus der Uhr – auf den Balkon und winkte den Leuten zu. Das hat sich natürlich in das Herz der Leute eingeprägt. Auch wenn das acht- , neun- und zehnmal am Tag passierte, ging der König  jedes Mal pflichtgetreu hinaus. Königin Charlotte sagte einmal: „Ach! Dieses ewige patriotische Gesinge!“ und wollte nicht mehr auf dem Balkon erscheinen. Der König sagte: „Auch wenn es das achte Mal heute ist, wir gehen hinaus.“  Worauf die Königin sagte: „Nein, sieben ist genug.“ Doch der König sagte nur: „Charlotte, für die da draußen ist es das erste Mal!“
    Die Königin hielt sehr auf ihre Figur, aß sehr wenig, und auch der König hat nur wenig zu sich genommen. Es war aber an der Hoftafel Sitte – um nicht zu sagen Gesetz – dass, wenn die Majestäten zu essen aufhörten, die ganze Tafelgesellschaft zu essen aufzuhören hatte. Oft war am unteren Ende der Tafel noch gar nicht serviert worden, als die beiden schon das Essen beendeten. So ist mancher junge Leutnant, der unten saß, nicht satt geworden. Als man dem König, der etwas kurzsichtig war, dies einmal gesagt hatte, pflegte er immer ein Stück Fleisch auf seinem Teller liegen zu lassen und spielte mit seiner Gabel. Ganz leise fragte er seinen Nebenmann: „Send d’Leitnant satt?“ Dies hat auch auf die Königin abgefärbt, so dass man an der Hoftafel wirklich wieder satt werden konnte.
    Trotz der Verbundenheit zu den Pferden verschloss sich das Königspaar dem Fortschritt nicht und setzte ab 1905 immer häufiger auf Wagen mit wesentlich mehr Pferdestärken. Ihr erstes Auto war ein Mercedes Coupé mit 28 PS, zwei Jahre später wechselte man zu einem größeren Wagen mit 45 PS. Die Königin ließ sich zum abendlichen Theaterbesuch mit dem Auto chauffieren, während der König immer noch mit der Kutsche vorfuhr.
    Doch den Jagdfreunden musste natürlich das neue Auto gezeigt werden und so fuhr man im September 1905 erstmals motorisiert zur beliebten Bromberg-Hütte bei Bebenhausen. Der König reimte darüber:
    Mit Auto auf die Hütte
    das war bis jetzt nicht Sitte.
    Was denken wohl die Hirsche
    von dieser Form der Pirsche?

    Zwei Jahre später notierte Königin Charlotte im Gästebuch besagter Jagdhütte: „Nach Besuch der Hütte auf dem Sträßchen mit Automobil in einem Loch über eine Stunde stecken geblieben.“ Damals konnte man noch keinen ADAC per Handy rufen.

    Mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt, dass sie nicht eine liebreizende und charmante junge Frau, sondern eine sehr
    würdebewusste Königin war. Im Ersten Weltkrieg setzte sich Charlotte mit ganzer Energie für die Krankenpflege und Spitäler ein. Sie hat als einzige Königin im Hause Württemberg einen Orden gestiftet. Es ist das berühmte Charlottenkreuz, das damals zunächst für Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpflegerinnen verliehen wurde. Später bekamen es noch viele andere Bürger für ihre Verdienste in der Heimat.
    Dann brach die Revolution aus und nach der Abdankung ist Bebenhausen die letzte Station auf dem Wege des Königs gewesen. Hier ist er 1921 gestorben, von einem inzwischen wieder großen Teil der Bevölkerung ehrlich betrauert.
    Er brach mit der Tradition der Gruftbestattung und ließ sich in einem Erdgrab bei seinen bereits verstorbenen Familienmitgliedern in Ludwigsburg begraben. So ist er im Tode wie im Leben mitten unter seinen Bürgern. Charlotte hat dann Bebenhausen als dauernden Witwensitz genommen.
    Man muss auch erwähnen, wie mutig sie sich während des Dritten Reiches gegeben hat. Dazu eine kleine Episode: Der Kreisleiter – eine fiese Type – wollte die Tübinger Stiftskirche schließen lassen mit der Begründung, die Kirche sei polizeilich nicht mehr vertretbar überfüllt. Die Herzogin Charlotte kam aus Bebenhausen und sagte zum Kreisleiter, als dieser ihr den Zugang verwehren wollte: „So viel verstehe ich von mittelalterlicher Architektur, dass sie den Zugang einer alten Frau und einiger hundert weiterer Leute noch aushält!“ Und ging einfach an ihm vorbei.
    Sie hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, auch den Zusammenbruch und die Besatzungszeit. Bezeichnenderweise hat sie damals die BDM-Führerin von Tübingen vor der französischen Besatzungsmacht versteckt.
    Charlotte hat das ruhige Alter einer kinderlosen, aber nicht einsamen Frau in Bebenhausen genossen. Die Mitglieder des Hauses Württemberg haben sie treu umgeben, auch die Kinder und Enkel der Stieftochter Pauline. Nur Pauline selbst, die nach dem Tode ihres Mannes 1945 auf die Marienwahl in Ludwigsburg zurück kehrte, kam es zu keinen großen Begegnungen mehr. Fürstin Pauline, als Haupterbin des Vaters, benahm sich gegenüber der Stiefmutter wenig zartfühlend, was wohl auch ihrem Naturell entsprach. Auch Paulines braune Gesinnung und ihre Mitgliedschaft in der NSDAP (sie ist 1933 eingetreten) trugen nicht zum besseren Verhältnis der beiden Damen bei.
    Am 16. Juli 1946 ist Charlotte mit fast 82 Jahren in Bebenhausen gestorben.
    Der Abschied von der letzten württembergischen Königin ging leise vonstatten, die Öffentlichkeit nahm nur wenig Notiz von ihrem Tode. Nach dem Krieg hatten die Menschen andere Sorgen. So ist mit dem Tod Charlottes die letzte gekrönte Monarchin des Landes still und unbemerkt zu Grabe getragen worden. Sie ruht an der Seite König Wilhelms II. und der anderen verstorbenen Familienmitglieder auf dem Alten Friedhof in Ludwigsburg.
    Lediglich die Stieftochter Pauline, Fürstin zu Wied, wurde 1965 durch eine Sondergenehmigung der Ludwigsburger Stadtverwaltung auf ihrer Pferdekoppel bei der Marienwahl begraben. Ein einfaches Steinkreuz kennzeichnet die eigenwilligste Grabstätte des württembergischen Königshauses.

    Copyright Peter Rothacker

36. Nicolai Knauer, Heilbronn, 12. Juli 2012

Kirchenvisitationen im 16. Jahrhundert.

  • Die Ravensburg bei Sulzfeld ist der einstige Stammsitz der Freiherren Göler von Ravensburg und zählt zu den bedeutendsten noch erhaltenen Burgen im Kraichgau im nordwestlichen Baden-Württemberg. Sie liegt nahe dem Dorf auf der Gemarkung der Gemeinde Sulzfeld im äußersten Nordosten des Landkreises Karlsruhe, die zur Stadt Eppingen benachbart ist.
    Sage und Legende berichten vom Ursprung der Ravensburg und des nach ihr benannten Geschlechts im Jahr 930. Damals soll ein „Rabanus“ in den Kraichgau gekommen und wegen seiner Verdienste von König Heinrich I zum Ritter geschlagen worden sein. Er habe bei Sulzfeld die Ravensburg erbaut und zu Ehren des Königs, des „Vogelstellers“, als Wappenbild einen Vogel und wegen seines Wohnortes im Kraichgau die Krähe, bzw. den Raben, erwählt. Möglicherweise bezieht sich dies jedoch auf eine frühere Burg bzw. ursprünglichen Wohnsitz der Herren von Sulzfeld, vermutlich im Bereich des Dorfes.
    Urkundlich erscheint die Ravensburg erstmalig im Jahr 1212, der zugehörige Flecken Sulzfeld dagegen schon im Jahr 1056. Ältester Teil der Burg ist heute der um 1220 errichtete, 30m hohe quadratische Bergfried mit seinen schönen Buckelquadern. Als sein Erbauer gilt der 1190 urkundlich erwähnte Ravan de Wimpina, staufischer Reichsministeriale, zu dessen ausgedehnten Besitzungen auch die Rabans Aue (heute Rappenau) bei Wimpfen gehörte.
    Vermutlich im Auftrag von Kaiser Friedrich II. hat der 1190 erwähnte, aus der Familie v. Sulzfeld stammende Ravan von Wimpfen zusammen mit seinen Söhnen Dieter, Ravan, Heinrich und Conrad die Ravans Burg, bestehend aus dem heutigen Bergfried, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und einer Umfassungsmauer mit einem Tor auf der Ostseite, zwischen 1220 und 1222 erbaut. Sie diente der Familie v. Sulzfeld fortan als Stammsitz, nach der sie sich auch nannte.
    Die Ritter Raban und Dieter von Ravensburg, die zwischen 1213 und 1220 noch unter dem Namen „von Sulzfeld“ und ohne den Beinamen „Göler“ erschienen, wurden die Stammväter der heute noch blühenden drei Geschlechter mit dem Raben im Wappenschild : Raban wurde Stammvater der Göler von Ravensburgund der von Mentzingen, Dieter der von Helmstatt.
    Erstmalig im Jahr 1247 erschien mit Berthold I. der Beiname „Göler“ bei den Herren von Ravensburg. Bertholds Nachkommen übernahmen diesen, ursprünglich rein persönlichen Beinamen, als festen Bestandteil ihres Familiennamens „Göler von Ravensburg“, der sich in lückenloser Folge bis zum heutigen Tag erhalten hat.
    Die Brüder Albrecht I. und Berthold IV. übergaben ihren Anteil an der Ravensburg samt Zugehör an den Grafen Wilhelm II. von Katzenelnbogen und haben ihn von diesem wieder als Lehen empfangen. Ein Teil der Burg, man schätzt ein Drittel, war später auch den Grafen von Oettingen lehnbar gemacht worden, die auch für den überwiegenden Teil des Ortes Sulzfeld Lehensgeber waren.
    Als Lehensnehmer des Anteils der Grafen von Oettingen an Ravensburg, taucht die Familie von Crenberg(Erenberg) auf. 1425 war die Ravensburg samt dem Oettinger Teil komplett an verschiedene Zweige und Seitenlinien der Familie Göler von Ravensburg zu Lehen vergeben. Danach war die Familie wegen vieler Toter auf den Schlachtfeldern beinahe vom Aussterben bedroht. Nur durch einen päpstlichen Dispens konnte der Chorherr zu Speyer, Martin Göler, aus dem geistlichen Dienst entlassen werden. Er heiratete kurz darauf Anna von Hirschberg und sicherte mit vier Söhnen den Fortbestand der Familie, was sich in Form reger Bautätigkeit auf der Ravensburg in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zeigte. So entstand im Osten, vermutlich 1467, ein weiteres vorgelagertes Tor samt Fußgängerpforte, jeweils mit Zugbrücken, sehr wahrscheinlich auch ein geschlossener zweiter Bering mit Schalentürmen an den wichtigsten Punkten. 1486 wurde ein Gebäude westlich des Bergfriedes errichtet, wovon heute jedoch nur noch ein begehbarer Keller zeugt. 1502 wurde Albrecht V. Göler von Ravensburg, Sohn von Martin, mit der Ravensburg für sich und seinen Neffen Bernhard I. belehnt.
    Im Zuge der Reformation wurde auch Sulzfeld sehr früh protestantisch.1522 führte Martin Gölers Enkel, Bernhard I., die Reformation in Sulzfeld und in den Lehensdörfern Daisbach und Daudenzell ein. Johann Gallus war der erste Pfarrer, der von ihm eingesetzt war. Dank des guten Verhältnisses zwischen den Dorfbewohnern und dem Burgherrn und seiner Familie überstand die Ravensburg den Bauernaufstand von 1525 unbehelligt.
    Im Jahre 1531 entstand der protestantische Schmalkaldische Bund, und einer der Hauptleute des Bundes war der Lehnsherr der Ravensburg, Landgraf Philipp von Hessen (Die ursprünglichen Lehnsherren, v. Katzenelnbogen, waren zu dieser Zeit bereits erloschen). Es kam zum Krieg zwischen Bund und Kaiser, und die Ravensburg wurde am 24. Dezember 1546 von kaiserlichen Truppen belagert. Die Burgverteidiger, neben Bernhard I. und Familie bestehend aus vier Söldnern, einigen Knechten und etwa 20 Bauern mussten nach wenigen Tagen kapitulieren und Bernhard I. durfte mit seiner Familie unter freiem Geleit abziehen. Anschließend wurde die Burg geplündert und verwüstet, wovon noch heute viele Spuren eines Großbrandes zeugen.
    Erst nach langen, schwierigen Verhandlungen mit Kaiser und Kanzler konnte Bernhard I. im darauf folgenden Jahr in seine verheerte Heimat zurückkehren und mit dem Wiederaufbau beginnen. Die folgenden Jahrzehnte dürfen als die Blütezeit der Ravensburg, des Geschlechts der Göler und ihrer Dörfer angesehen werden.
    Es erfolgte durch Bernhard I. ein umfangreicher Wiederaufbau und Umbau der Ravensburg zu einer neuzeitlichen Festung. Im Nordosten und Südwesten entstanden starke Geschütztürme, wovon einer heute noch erhalten ist und drei Wehrebenen hat. Sehr wahrscheinlich waren diese Türme überdacht. Noch heute führt von dem erhaltenen Wehrturm ein unterirdischer kasemattenähnlicher Gang nach Norden, bzw. später nach Nordosten. Der hierbei angefallene Aushub wurde zur Aufschüttung eines Walls in 15 Meter Abstand zur Außenmauer verwendet. Dieses Bauwerk gilt als der einzige erhaltene unterirdische Wehrgang des Kraichgaus. Einst verband der Gang alle wichtigen Verteidigungspunkte, wie Tore, Geschütztürme, Wehrmauern etc. und ermöglichte über einen Treppenturm auch das schnelle Erreichen der Aussichtsplattform auf dem Bergfried. Auch entstand in jener Zeit die Umfassungsmauer samt Verteidigungseinrichtungen, der deutlich vergrößerten Vorburg und sicher auch Wirtschafts- und evtl. Wohngebäuden. Der noch heute vorhandene, vermutlich einst 45 Meter tiefe, aber nicht mehr wasserführende Brunnen, dürfte ebenfalls spätesten zu dieser Zeit entstanden sein. Wenige Jahre nachdem Bernhard I. Göler von Ravensburg die Burg zurückerhalten und mit den Instandsetzungs- und Umbauarbeiten begonnen hatte, verstarb er, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen. So fiel sein Besitz samt Burg an seine Verwandten Bernhard II. und Hans III.
    Die nachfolgende Generation mit David III., Engelhard I. und Hans Friedrich, ab etwa 1600, ließ dann einige der vorher errichteten starken Wehrbauten wieder niederreißen, um Platz zu schaffen für einen großen repräsentativen Wohnbau für Hans Friedrich und seine Gattin Katharina von Mentzingen sowie zweier großer Weinkeller und Wirtschaftsgebäude.
    Etwa zeitgleich wurde das mittlere Schloss in Sulzfeld für Engelhard I. und seine Frau Anna Maria von Mentzingen gebaut, vermutlich im Bereich der alten Burg, welche der Familie v. Sulzfeld bis zum Bau der Ravensburg als Stammsitz diente. Wegen der starken Bautätigkeit und den damit verbundenen Belastungen für die Sulzfelder Bevölkerung, kam es mehrfach zu Empörungen gegenüber den baulustigen Burgbesitzern. Jedoch tat dies der Bautätigkeit keinen Abbruch.
    1607 errichtete Hans Friedrich Göler, markgräflich badischer Geheimer Rat und Obervogt zu Durlach, den einst zweigeschossigen Palas, südlich vom Torhaus der Hauptburg. In diesem Gebäude befand sich zu jener Zeit neben einer 320 Bände umfassenden Bibliothek auch ein größeres Familienarchiv, von dem nur noch ein Bruchteil erhalten geblieben ist.
    Die Jahreszahl am Göler-Mentzingen-Allianzwappen über dem schönen Portal weist auf die Entstehungszeit dieses beachtlichen Renaissancebaues mit seinem gewaltigen Keller hin. Rechtwinklig dazu im Süden der Küchenbau.
    Der Dreißigjährige Krieg brachte erneut Zerstörungen im Dorf, doch gelang es nie, die Burg einzunehmen. 1620 hausten markgräflich-badische Soldaten im Dorf, 1632 litten Burg und Dorf unter den Truppen des Generals Tilly. Im Dorf wurden die meisten Häuser ein Raub der Flammen. Die Zerstörungen der Gölerschen Dörfer forderten den ganzen Einsatz der Burgherren über mehrere Generationen.
    Wenngleich die Ravensburg den Dreißigjährigen Krieg ohne nennenswerten Schaden überstand, überlebte von den drei baulustigen Burgbesitzern alleine Engelhard I. die Katastrophe. Auch spätere Kriege fügten der Burg keinen Schaden zu.
    Im Erbfolgekrieg Frankreich gegen Kurpfalz besetzten 1689 französische Truppen des Generals Melac Dorf und Burg. Abgesehen von kleineren Schädigungen bei Ihrem Abzug verwüsteten sie jedoch nichts. Bretten wurde damals vollkommen zerstört.
    Im Laufe der Jahre verlor die Burg Ihre Bedeutung als Feste. Das Versiegen des Wassers in dem noch heute 47m tiefen, rundgemauerten Brunnen in der Mitte des inneren Burghofes und die Erbauung neuer Wirtschaftsgebäude und eines Herrensitzes im Dorf führten zum Verlassen der bis 1846 noch teilweise bewohnten Burg.
    1806 und 1822 ließ Benjamin Göler von Ravensburg zwei baufällig gewordene Wohngebäude abreißen. Der letzte Bewohner der Burg war Johann Friedrich III. Göler von Ravensburg. Nach seinem Tod im Jahr 1849 diente die Burg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert über Jahrzehnte hinweg als billiger Steinbruch, ein Schicksal, das auch dem berühmten Heidelberger Schloss nicht erspart blieb.
    In den Jahren 1907 bis 1910 nahm die Familie umfassende Renovierungsarbeiten an der gesamten Burganlage auf. Seit den 1950er Jahren begann die Sicherung der verbliebenen Reste der Burg und die Einrichtung eines Restaurants. 1953 wurde der südliche Küchenbau überdacht und zunächst als stilvolle und gemütliche Burgschenke eingerichtet. Wenige Jahre später erfolgte im Erdgeschoss des ehemaligen Palas der Ausbau des geräumigen „Rittersaales“, der sich für Veranstaltungen, Familienfeiern und ähnliche Anlässe besonders gut eignet.
    Inzwischen hat sich das „Burgrestaurant Ravensburg” durch seine gepflegte Küche und die ausgezeichneten Weine vom Weingut Burg Ravensburg – von den Hängen des Burgberges – zu einem gastronomischen Anziehungspunkt hohen Ranges entwickelt.
    Seit Juli 2006 steht Brautpaaren auf der Ravensburg auch eine Traukapelle für ihre kirchliche Trauung in historischem Umfeld zur Verfügung.
    Dem Besucher bietet sich von der herrlich gelegenen Burgruine aus ein weiter Rundblick auf die Hügellandschaft des Kraichgaus mir seiner reichen und so wechselvollen Geschichte.
    Copyright: N. Knauer und Wikipedia

35. Peter Rothacker, Donnerstag 10. Mai 2012

Alltag in Württemberg im 17./18. Jahrhundert

  • Alltag in Württemberg im 17./18. Jahrhundert

    Das Herzogtum Württemberg war Mitte des 18. Jahrhunderts durch geschickte Heiratspolitik einer der mächtigsten Kleinstaaten im Heiligen Römischen Deutschen Reich.. Es umfasste im wesentlichen das Gebiet um den mittleren Neckar vom Mainhardter Wald im Osten bis zur Westgrenze bei Hornberg im Schwarzwald, im Süden von der Hochfläche der Schwäbischen Alb bei Münsingen bis zu den Flüssen Kocher und Jagst im Norden.
    Einzelne Gebietsstellen wie Heidenheim, Tuttlingen und Balingen waren abgesprengt. Andere selbständige Staaten wie die freien Reichsstädte Esslingen und Reutlingen wurden von dem württembergischen Gebiet eingeschlossen. Einige Gebiete lagen aber völlig außerhalb der Landesgrenzen im Badischen oder Französischen wie der Hohentwiel bei Singen oder Mömpelgard im Elsass.
    Die volkreichsten Städte waren:
    Stuttgart mit 22.000 Einwohnern
    Tübingen mit 6.059 Einwohnern
    Ludwigsburg mit 5.318 Einwohnern
    Göppingen mit 3.985 Einwohnern
    Calw, Ebingen, Schorndorf und Urach mit jeweils knapp 3.000 Einwohnern.
    Dazu kamen noch 700 Dörfer, 380 Weiler und 800 Höfe.
    Mehr als ¾ der Bevölkerung lebten auf dem Lande von und in der Landwirtschaft. Auch die meisten Stadtbewohner hatten neben ihrem Handwerk noch Feldgüter zur eigenen Versorgung,.
    Die Residenzstadt
    Stuttgart war im 18. Jahrhundert ein enges Städtchen an beiden Ufern des Nesenbachs und von einer hohen Stadtmauer umgeben. Die Stockwerke der meist noch hölzernen und strohgedeckten Häuser waren regellos übereinander gebaut. Zwischen den Häuserblöcken gab es zahlreiche Hausgärten. Auf den holprigen Kopfsteinpflasterstraßen ohne Bürgersteige lagen viele Dunghaufen; Schweine, Hühner und Gänse liefen frei herum.
    Auf der heutigen Königsstraße – sie hieß damals „Der große Graben“ – war nur der westliche Teil mit zum Teil recht bunt bemalten Häusern bebaut. Gegenüber stand ein einziges großes Privathaus, der „Calwer Laden“ der Firma Zahn und Dörrenbach, die neben dem Handel mit Tee, Kaffee und anderen Waren ein großes Wechsel- und Kommissionsgeschäft betrieb.
    Das Alte Schloss war rings von einem breiten und tiefen Graben umschlossen. Zugbrücken, Doppeltore und Fallgatter gaben ihm ein festungsartiges Aussehen.
    Die Gewerbetreibenden
    1730 wurden 684 Weinbauern gezählt und es gab 25 Keltern in der Stadt.
    Danach folgten die anderen Gewerbe:
    Schuhmacher: 137
    Schneider: 135
    Bäcker: 56
    Metzger: 51Alle waren in den starren Formen der Zünfte eingebunden. Die Zahl der zugelassenen Meister sowie die Annahme von Lehrlingen und Gesellen waren fest begrenzt. Meistersöhne und Schwiegersöhne wurden bevorzugt. Dadurch war die Ausübung eines Handwerks auf wenige eingesessene Familien beschränkt.
    Soziales Leben
    In der Residenzstadt wie draußen in den ländlichen Gegenden war die Bevölkerung streng in Stände geschieden und von oben nach unten gegliedert. An der Spitze dieser Standespyramide standen mit knapp ein Prozent der Herzog mit seinem Hof, der Adel, die hohen Militärs und der hohe Klerus.
    20 Prozent machte der Bürgerstand aus: Kaufleute, Bankiers, Notare, Lehrer und Handwerker.
    Die größte Bevölkerungsgruppe bildeten die Bauern und unter ihnen rangierte schließlich die Gruppe der Bediensteten, die sich wieder in höhere und niedere Personen gliederte.
    Daneben gab es auch Bevölkerungsgruppen, die völlig außerhalb der Standespyramide standen:
    So genannte „unehrliche Berufe“ wie der Schinder und der Henker, fahrendes Volk und Bettler, die ihre festen Bezirke hatten. In geistlichen Fürstentümern lebten schätzungsweise im 18. Jahrhundert oft bis zu 25 % aller Einwohner von der Bettelei. In Württemberg gab es förmliche Bettelorden, die so genannten „Freileute“, die ausschließlich durch Betteln täglich bis zu 20 Kreuzer im Durchschnitt „verdienten“.
    Das soziale Leben spielte sich für alle Stände in engen Grenzen ab: Nur selten und in Ausnahmefällen verließ der gewöhnliche Untertan seinen Geburtsort. Meistens starb man dort, wo man geboren war, allenfalls heiratete man in eine Nachbargemeinde. Man war gekleidet als Angehöriger seines Standes, trug dessen Farben und verhielt sich nach den Regeln des Standes. Ort und Stand, geographische und soziale Heimat waren immer äußerlich erkennbar an Kleidung und Tracht. Noch bis ins 19. Jahrhundert erließen Städte eigene Kleiderordnungen.
    Gefährdung des Wohlstands
    Krankheiten
    waren mit großen Schmerzen und geringen Heilungschancen verbunden. Sie bedeuteten beim Familienoberhaupt auch in jedem Fall, besonders im Bürger- und Handwerkerstand, totalen Dienstausfall und teure Arztkosten. Eine Vorsorge für Krankheits- oder Todesfall gab es nicht, selbst der Staat sorgte nicht für seine Beamten. Beim Todesfall schützte oft nur eine baldige Wiederverheiratung vor dem gänzlichen Ruin. Starben beide Eltern, so blieb für die Kinder in der Regel nur die Unterbringung bei Verwandten, das Waisenhaus bzw. die kirchliche oder staatliche Armenpflege. für die Eltern bedeutete der Tod der Kinder das völlig ungesicherte Alter. Eine Altersvorsorge gab es nur innerhalb der Familie, außerhalb blieb nur das Armenhaus.
    Zwar bildeten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vielerorts „Witwen-Waisenverpflegungsanstalten“ oder „Sterbekassen“. Doch diese privaten Kassen hatten oft mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen und lösten sich teilweise wieder auf.
    Eine weitere Unsicherheit war, dass man machtlos den herzöglichen Anordnungen preisgegeben war:
    Aufhebung des gewerblichen Monopols, Entzug eines fürstlichen Privilegs, Verlust einer Beamtenstellung, Inflationäre Geldentwertung als Folge fürstlicher Verschwendung, Verlagerung der Hofhaltung oder Umgestaltung nach dem Tod eines Fürsten durch dessen Nachfolger.
    Versicherungen:
    Ansätze zu Feuer-, Hagel- und Viehversicherungen entstanden zwar schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in einigen Teilen Deutschlands, aber erst 1773 wurde in Württemberg unter Herzog Carl Eugen eine „Brandkasse“ gegründet.
    Abgesehen von Kriegszeiten, Naturkatastrophen, Seuchen und Missernten gab es auch unsichere Gegenden durch Räuberbanden. Das dünn besiedelte Land bot genug Verstecke und Schlupfwinkel, die Landesgrenzen waren überall offen und ziemlich nah.
    Das Gerichtswesen war fast überall mit der landesherrlichen Verwaltung vermischt und eine richterliche Unabhängigkeit war dadurch nur selten gewährleistet. Der Landesfürst konnte willkürlich in laufende Prozesse eingreifen.
    Eigentlich gab es nur eine einzige soziale Sicherheit: Grundbesitz. Wer ihn besaß, war reich; wer ihn vererbte, sicherte seinen Nachkommen das Leben. Das Ansparen eines größeren Betrags war nicht üblich und auch nicht möglich. Die erste Sparkasse wurde 1787 von der russischen Großfürstin Katharina, verheiratet mit Friedrich von Oldenburg, gegründet. Sie heiratete später König Wilhelm I., und am 12. Mai 1818 wurde auch in Württemberg die Sparkasse eingeführt. Zwar gab es große Banken, doch der kleine Bürger konnte dort kein Geld Zins bringend anlegen. So blieb nur die unsichere Aufbewahrung im Sparstrumpf.
    Landwirtschaft
    Württemberg war kein besonders reiches Land. Überall herrschte noch die vor fast tausend Jahren eingeführte Dreifelderwirtschaft. Auf der Alb gab es ertraglose Strecken, die allenfalls alle 20 Jahre angebaut wurden. Am fruchtbarsten waren die Gebiete um Herrenberg, Böblingen, der Glemsgau, Winnenden und die Gegend um Ludwigsburg.
    Arbeitsmöglichkeiten
    Industrie und damit so etwas wie einen Arbeiterstand gab es noch kaum. Die im Land weit verbreitete Leinwandweberei wurde noch weitgehend von Bauernfamilien betrieben. Oder die Weber erhielten wie in Calw, dem damaligen Mittelpunkt dieser württembergischen Industrie, von einer Zeughaltungskompanie die Rohstoffe ins Haus geliefert, die sie dort zu Tuch verarbeiteten und wieder an die Kompanie verkauften. Zwar entstand gegen Ende des Jahrhunderts auch schon eine Fabrik für solche Stoffe, die in der Herstellung zu Hause zu kompliziert waren. In ihr waren aber nur 168 Arbeiter beschäftigt, während die Zahl der zu Hause arbeitenden Zeugmacher bei 5000 lag.
    Erste industrielle Formen entwickelten sich in der Baumwollindustrie, die allein in Sulz am Neckar 1758 schon ca. 400 Personen beschäftigte. In Stuttgart gab es auch eine Seidenfabrik, die zur selben Zeit 297 Personen Arbeit gab, von denen ein Viertel Kinder waren.
    Andere Fabrikationsbetriebe wie eine Spiegelfabrik bei Backnang oder die Ludwigsburger Porzellanmanufaktur hatten jeweils 100 Beschäftigte und brachten mehr Verlust als Gewinn.
    Auch die Leibeigenschaft gab es in Württemberg in verschiedenen Formen noch, sie wurde erst 1817 durch König Wilhelm I. abgeschafft. Während die Bauern meist ein zinspflichtiges Erblehen als Eigentum besaßen, waren die Leibeigenen selber Eigentum und ihrem Herrn bedingungslosen Gehorsam schuldig. Sie durften weder ein Handwerk lernen noch Soldaten werden, sie waren rechtlos und konnten ihren Herrn nicht verklagen. Von ihrer Arbeit blieb ihnen das, was zu ihrer körperlichen Erhaltung nötig war, alles andere wurde für den Grundherrn erwirtschaftet, wurde und blieb sein Eigentum. Auch die Kinder wurden unfrei geboren und waren ab dem zehnten Lebensjahr zu Frondiensten verpflichtet.
    Löhne und Gehälter
    Ein Oberamtmann bekam ein Jahresgehalt von ca. 100 Gulden plus Naturalien (Lebensmittel und Brennholz). Dadurch erhöhte sich der Realwert seines Einkommens auf weit über 1000 Gulden im Jahr.
    Das Jahresgehalt eines Pfarrers oder eines Gymnasiallehrers betrug etwa 260 Gulden.
    Ein Volksschullehrer bekam dagegen nur 100 Gulden jährlich.
    Ein Knecht kam auf 18-20 Gulden im Jahr.
    Eine Magd bekam 8-10 Gulden plus freie Kost und Logis.
    Ein Taglöhner bekam 0,6 Gulden/Tag = 36 Kreuzer.
    Eine Taglöhnerin bekam 0,4 Gulden/Tag = 24 Kreuzer.
    Eine Landarbeiterin bekam ca. 0,6 Kreuzer am Tag bei freier Kost und Logis.
    Einige Preise
    Teuerungen und Hungersnöte waren keine Seltenheit. So verteuerte sich in den Jahren 1770 – 1771 beispielsweise der Preis für einen Scheffel (177 Liter Volumen) um über 300 Prozent.
    Preisbeispiele:
    100 kg Roggen = 24 Gulden
    Ein Achtpfünder Brot in der Hungersnot 1771 = 1,5 Gulden
    Ein Schwein = 20 Gulden
    1 Paar Würste = 3 Kreuzer
    1 Klafter (3,38 qm) Brennholz im Jahr 1760 = 8 Gulden
    Reisenden aus anderen Gegenden erschienen diese Württemberger Verhältnisse dennoch fast paradiesisch gegenüber denen in Westpreußen oder in der Provinz Posen. Vor allem fielen den Fremden der üppige Obst- und Weinbau ins Auge.
    Lebenshaltungskosten
    Natürlich verdienten Handwerker und Stadtbürger besser als Bedienstete und Arbeiter in der Landwirtschaft. Aber sie hatten auch kein freies Essen und Wohnen.
    Geringe Stände benötigten zum Leben jährlich etwa 350 Gulden, ein vornehmer Stadtbürger über 1000 Gulden. Zur Lebenshaltung einer vierköpfigen Familie waren mindestens 300 Gulden im Jahr erforderlich.
    Unverhältnismäßig hoch und mit den heutigen Verhältnissen kaum vergleichbar war dabei die Abhängigkeit vom Lebensmittelpreis. Die durchschnittlichen Ausgaben waren:
    75 % für das Essen – 12 % für die Wohnung – 8 % für die Kleidung – 5 % für Sonstiges.
    Leben musste man also von zusätzlichen Bezahlungen in Form von Naturalien.
    Mietwohnungen waren sehr preiswert. Die meisten Familien, auch die Ärmeren, besaßen ein eigenes Haus. Wurde ein Beamter in die Landeshauptstadt Stuttgart versetzt, so bot sich für ihn eine reiche Auswahl der Mietwohnungen. Mehr als 3 % seines Einkommens brauchte er kaum für die Miete aufzuwenden.
    Abgaben und Belastungen
    Das damalige Steuersystem war eigentlich genau umgekehrt aufgebaut wie das heutige. Steuern zahlte der am meisten, der am wenigsten besaß oder einnahm. Je größer Besitz und Einkommen, desto geringer die Steuerlast, häufig das Privileg völliger Steuerfreiheit.
    Am drückendsten waren die sog. Consum- und Verzehrungssteuern, die auf allen zum Verkauf kommenden Gegenständen, einheimischen wie ausländischen, erhoben wurden. Dies führte beim Zwischenhandel oft zur mehrmaligen Besteuerung desselben Gegenstandes. Auch die Luxussteuer kannte man schon: Perückensteuer, Karossensteuer, selbst eine Alte-Jungfern-Steuer gab es.
    In Württemberg gab es:
    Grundsteuer, Gebäudesteuer, Gewerbesteuer, Weinsteuer, Viehsteuer, Vermögenssteuer, Familiensteuer (von der nur die Beamten grundsätzlich befreit waren), Fruchthandelssteuer.
    Zusätzliche lasten waren Frondienste und Einquartierungen (entschädigungslose Beherbergung und Verpflegung des Militärs, wovon hauptsächlich die Städter betroffen waren).
    In der Regierungszeit von Herzog Carl Eugen wurden 412 verschiedene Abgaben von den württembergischen Untertanen erhoben. Die Adlige Herrschaft lebte durchweg steuerfrei, sie zog vielmehr Steuern ein und verbrauchte sie.
    Da es die Finanzämter noch nicht gab, zogen die Bürgermeister und Oberämter die Steuern ein und lieferten sie an die Landschaft ab. Das bedeutet, dass die württembergischen Untertanen nur der Landschaft und nicht dem Herzog steuerpflichtig waren. Die Landstände bestanden aus 14 geistlichen Vertretern und 68 Vorständen der Städte und Ämter. Sie vertraten weitgehend die Privilegien und Interessen der herrschenden Stände Adel, Geistlichkeit, Stadtpatriziat und nicht die des gemeinen Volkes.
    Somit hatte Württemberg praktisch drei Finanzverwaltungen: eine landschaftliche, eine herzogliche (die Hof- und Rentkammer mit der Kriegskasse) und eine für das evangelische Kirchengut.
    Informationsmöglichkeiten
    Geistige Anregungen, Bildungsmöglichkeiten oder Informationen über Zeitereignisse gab es nur selten oder gar nicht. Informationsquelle für alles, was außer der Sichtweite des eigenen Kirchturms lag, war meistens die mündliche Erzählung eines Durchreisenden, vielleicht ein Brief, selten nur ein Druckerzeugnis. Am weitesten verbreitet waren noch die sog. Bauernkalender mit Titeln wie „Der wahrsagende Hahn“, „Der von Zeit und Wetter prophezeiende Kluge Weltmann“ und der „Hoch-Fürstlich-Württembergisch-priviligierte Bauern-Calender“. Sie erschienen einmal jährlich und kosteten 5 Kreuzer. Sie enthielten Anekdoten, Gedichte, Berichte über recht weit zurück liegende Schlachten oder Feldzüge, über Künste und Handwerk. Ebenso über geheimnisvolle astrologische Zeichen, die dem Benutzer sagen sollten, wann gut Aderlassen, gut Baden, gut Haare schneiden, Säen, Pflanzen und Holzfällen sei. Aus dem Stand der Gestirne wurde das Wetter prophezeit. Die Kalender führten noch im 18. Jahrhundert den julianischen und den gregorianischen Kalender nebeneinander.
    Überregionale Neuigkeiten im Sinne unserer heutigen Nachrichten erfuhr man daraus nicht. Das versprach zwar ein Anzeigenblatt, das seit 1736 in Stuttgart erschien mit dem umständlichen Titel „Wöchentliche Anzeige und Neuigkeiten, sowohl hier als auf dem Lande“. Aber politische , kulturelle, wirtschaftliche Berichte und Kommentare suchte der Bürger auch hier vergebens. Es war nur ein Blatt, das einzige in Württemberg, das der Regierung durch Anzeigen Geld einbringen sollte.
    Darüber hinaus gab es Blätter, die sich selbst als politische Zeitungen bezeichneten. Sie wurden fast ausschließlich in Gesellschaft gelesen, in kleinen Privatzirkeln und Gasthäusern. Aus einem einzigen Exemplar wurde vorgelesen, so dass auch derjenige etwas verstand, der nicht lesen konnte. Diese Zeitungen kosteten im Halbjahresabonnement einen Gulden und bestanden aus vier Blättern im Quartformat (etwas kleiner als Din A4). Zuerst standen darin Hofnachrichten: Festlichkeiten, Besuche hoher Gäste etc., bestenfalls noch eine halbamtliche Verlautbarung. Von der Landespolitik, von politischen Tagesfragen, von Staatsausgaben und was sonst in anderen Städten oder Landesteilen vorging erfuhr der Leser nichts.
    Etwas gänzlich Neues war die 1774 von Schubart herausgegebene „Vaterländische Chronik“. Die Sprache dieser Zeitung war etwas bisher nicht Gehörtes. Die korrupten Zustände in Württemberg und die herzogliche Willkür wurden angeprangert. Deshalb ließ auch der Konflikt mit der Obrigkeit nicht lange auf sich warten.
    Verkehrswege
    Die Verkehrswege im Herzogtum Württemberg waren verglichen mit anderen Gebieten gar nicht so schlecht. Unter Herzog Carl Eugen wurden ab 1751 planmäßig feste, mit Steinen und Kies beschüttete, breite Chausseen angelegt. Sie führten von Stuttgart nach Ludwigsburg, weiter nach Schwieberdingen und Knittlingen als sog. Frankfurter Poststraße, später über Plochingen und Göppingen nach Ulm und Augsburg, und über Tübingen, Balingen und Tuttlingen in die Schweiz. 1787 betrug die Gesamtlänge des Wegenetzes 286 km. Die Straßen waren überall mit Wegweisern versehen und an den Landesgrenzen standen steinerne Pyramiden mit dem Namenszug des Herzogs und dem eisernen und vergoldeten Herzogshut darüber.
    Auf dem Neckar zwischen Cannstadt und Heilbronn verkehrten Schiffe, die 200-230 Zentner laden konnten und auch Personen für ein Fuhrgeld von 20-30 Kreuzern beförderten.
    Postverkehr
    Cannstadt war das württembergische Hauptpostamt und Transitpunkt des deutschen Reiches. Briefpost aus Straßburg, Augsburg und Frankfurt/M kam hier täglich an. Dazu montags und freitags die Schweizer Post, dienstags und donnerstags die Nürnberger Post und am Mittwoch die Post aus Speyer.
    Briefe benötigten von Augsburg nach München etwa zwei Tage, von Frankfurt nach Berlin schon neun Tage, und auf den weniger befahrenen Strecken entsprechend länger. Die Postgebühren waren sehr hoch und für viele unerschwinglich. Ein Brief von Stuttgart nach Berlin kostete z.B. 12 Kreuzer.
    Neben der Thurn- und Taxis`schen Post, die das Monopol im ganzen deutschen Reich besaß, bestand in Württemberg noch ein landeseigenes Botenwesen zu Fuß oder mit dem Frachtwagen. Es gab Boten der herzoglichen Behörden, von den Ämtern und Städten gehaltene Landboten, und es gab Privatboten. Diese Boteneinrichtungen dienten dem inländischen Verkehr und waren für Handel und Gewerbe ein wichtiger Faktor. Sie beförderten Briefe, Gelder, Waren und manchmal auf den Frachtwagen Passagiere.
    Reisen
    Reisen unternahm nur derjenige, der musste: Handelsmänner, Beamte im Dienst, Schauspieler und Musikanten. Zum Vergnügen oder zur Bildung reiste nur eine Minderheit der höheren Stände. Selbst Bettler und Obdachlose waren sesshaft und hatten ihren festen Bezirk.
    Reisende, sofern sie nicht ein eigenes Gespann besaßen und auf jeder Poststation die Pferde wechselten, waren auf die Landkutschen und Postwagen angewiesen. Diese waren oft nicht überdacht, mit ungepolsterten Sitzen und ohne Lehnen. Selbst die komfortabelsten Kutschen waren nichts anderes als hohe, in Lederriemen aufgehängte Holzkisten, in deren Bauch die Reisenden mit Körben und Schachteln kläglich zusammen gestopft waren. Unfälle waren dabei gar nicht selten, die Räder brachen, die Wagen stürzten um auf schlechten Wegen und die Passagiere wurden unter den Gepäckstücken begraben.
    Eine sog. „Post“, d.h. heißt die Strecke zwischen zwei Poststationen betrug zwei Meilen = 15 km und dauerte normalerweise 1 1/2 Stunden. Der Aufenthalt für den Pferdewechsel dauerte 10 bis 15 Minuten. So konnten an einem Tag 15 bis 18 Meilen (112 – 135 km) zurückgelegt werden bei einem P reis von 12 Kreuzern pro Meile (7,5 km).
    Die hygienischen Verhältnisse in den Poststationen ließen oft zu wünschen übrig. Die Ungezieferplage war unbeschreiblich, oft wimmelten die Betten von Läusen und Flöhen. Nicht selten mussten erst Mäuse und Ratten verjagt werden. Das Essen war oft ungenießbar, weil verdorben und so unsauber zubereitet und serviert, dass einem der Appetit verging.

    Text und Copyright Peter Rothacker

34. G. Vossler, Bundesvorsitzender Bessarabiendeutscher Vereine, 8. März 2012

Die Bessarabiendeutschen

  • Bessarabien, das Land zwischen Pruth und Dnjestr am nördlichen Ufer des Schwarzen Meeres, ist seit alters her ein Durchzugsgebiet der Völker aus den Steppen Südrusslands und Asiens nach dem Balkan. Im 14. Jahrhundert gehörte der südliche Teil zur Herrschaft Basarab I. in der Walachei. Von daher stammt der Name Bessarabien.
    Im Norden und in der Mitte Bessarabiens wohnten früher mehrheitlich Moldauer, dieser Teil war auch seit 1367 mit dem Fürstentum Moldau vereint. Im Süden lebten seit dem 13. Jh. Tataren und seit dem 15. Jh. auch Türken. Im dritten russisch-türkischen Krieg 1806 – 1812 verließ die türk-tatarische Bevölkerung Bessarabien.
    Nach der russischen Vertreibung und Umsiedlung der Tataren aus dem südlichen Landesteil, dem Budschak, setzte ab 1812 die russische Kolonisation mit systematischer Besiedlung ein. Die russische Krone warb in Russland, aber vor allem mittels Werbern im Ausland, gezielt Kolonisten mit zugesicherten Privilegien an: Landschenkung, zinsloser Kredit, Steuerfreiheit auf 10 Jahre, Selbstverwaltung, Religionsfreiheit und Freiheit vom Militärdienst.
    Die ersten deutschen Gruppen kamen von Polen nach Bessarabien. Die Württemberger fuhren anfangs mit „Ulmer Schachteln“ auf der Donau, spätere Gruppen kamen auf dem Landweg über Lemberg.
    Günther Vossler hält beim Verein für Genealogie in Nordwürttemberg e.V. einen Vortrag über diese Volksgruppe. Vossler ist der Bundesvorsitzende Bessarabiendeutscher Vereine e.V
    Die deutsche Auswanderer lebten in Bessarabien zwischen 1814 und 1940. Sie waren selbstständige Landwirte auf eigener Scholle. In 125-jähriger Siedlungszeit hatten sie die ursprüngliche Zahl von 24 Mutterkolonien auf über 150 bessarabiendeutsche Siedlungen erweitert. Die Zahl von etwa 9.000 eingewanderten Personen hatte sich auf 93.000 Personen mehr als verzehnfacht. Die anfänglich gewährten Privilegien, darunter die Selbstverwaltung durch das Fürsorgekomitee mit Sitz in Odessa, wurden um 1870 mit der Aufhebung des Kolonistenstatus zurückgenommen. Vor allem wegen der Einführung des Militärdienstes wanderten in der Folge viele Kolonisten nach Nord- und Südamerika (mit Schwerpunkten in Nord- und Süd-Dakota, Kanada, Argentinien, Brasilien) aus. 1918 wurde Bessarabien rumänisch. Bei der Volkszählung 1930 waren 2,8% der Gesamtbevölkerung Deutsche.
    Im Herbst 1940 verließen die Bessarabiendeutschen nahezu vollständig das Land. Vorausgegangen war die Besetzung Bessarabiens durch die Rote Armee im Juni 1940 als Folge des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Da die Besetzer unverzüglich damit begannen, das Sowjet-System einzuführen, schlossen sich nahezu alle Angehörigen als Volksdeutsche der vom Deutschen Reich durchgeführten Umsiedlung an. Darunter waren auch die Eltern des späteren deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. Organisator der Umsiedlung unter der Devise Heim ins Reich war das Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle. Nach einem bis zu zweijährigen Aufenthalt in Lagern erhielten die Umsiedler ab 1941/42 Bauernhöfe im besetzten Polen, deren polnische Besitzer von deutschem Militär vertrieben wurden. Als 1944 die Rote Armee anrückte, flohen die Bessarabiendeutschen nach Westen.
    Seit 1990 gehören der mittlere Teil Bessarabiens zur Republik Moldau (rumänisch: Republica Moldova), der südliche und nördliche Teil zur Ukraine.

    Adresse: Bessarabiendeutscher Verein e.V.
                      70188 Stuttgart, Florianstraße 17
                      Tel.: 0711 44 00 77 0 Fax : 0711 44 00 77 20
                      E-Mail:verein@bessarabien.de
                      www.bessarabien.de

33. Prof. Dr. Günther Schweizer, Donnerstag, 9. Februar 2012

Der Dichter Gustav Schwab

  • Gustav Schwab wurde am 19. Juni 1792 als Sohn des Geheimen Hofrats Johann Christoph Schwab und seiner Frau Friederike, Tochter eines angesehenen Stuttgarter Kaufmanns, in Stuttgart geboren. Er wuchs in der evangelisch-humanistischen Atmosphäre des schwäbischen Bildungsbürgertums auf und besuchte das Stuttgarter Gymnasium. Ab 1809 studierte er zunächst zwei Jahre Philologie und Philosophie, später dann Theologie. Verheiratet war er mit Sophie Gmelin, der Tochter eines Juraprofessors. Er starb am 4. November 1850 in Stuttgart.
    In den Jahren 1837-1841 zog er sich als Landpfarrer nach Gomaringen zurück. Im ungewohnten Milieu eines schwäbischen Dorfes, weitab von der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart, hat  Schwab das literarische Leben in Deutschland mitgestaltet. Er entwickelte in seinem Leben eine unglaubliche literarische Produktivität und wird als Angehöriger der Schwäbischen Dichterschule angesehen. Sein Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“ gehört zu den bekannteren deutschen Gedichten. Mit den „Sagen des klassischen Altertums“ (1838–1840) hat er einen Klassiker der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur geschaffen.
    1841 erhielt er das Stadtpfarramt von St. Leonhard in Stuttgart, 1842 wurde er Dekan und 1845 Oberkonsistorialrat der höheren Schulen in Württemberg. 1847 wurde er mit dem Ehrendoktor der Theologie der Universität Tübingen ausgezeichnet.
    Dem Genealoge Prof. Dr. Schweizer aus Tübingen ging es bei seinem Vortrag im Verein für Genealogie auch um das Fortwirken der Familie Schwab in Amerika, ein bisher völlig unbearbeitetes Thema. Dabei hatte Gustav Schwab selbst schon mit einem Aufsatz in einem „Jugend-Album, Festgabe zur angenehmen und lehrreichen Unterhaltung im häuslichen Kreise“ auf diese Beziehungen hingewiesen. An dieser versteckten Stelle – der Aufsatz ist nicht einmal im offiziellen Werkverzeichnis Schwabs zu finden – berichtet er über bedeuten dedeutschstämmige Familien in Amerika, aus denen sich sein Sohn Gustav die Ehefrau gewählt  hat. Die Familie Schwab hatte sehr enge familiäre Verbindungen nach Amerika, denn  sein Söhne wurde zu einem der bedeutendsten Kaufleute und Unternehmer in New York. So entstand ein genealogisches Netzwerk, das Gomaringen und New York verbindet.

    Zur Person des Vortragenden.
    Prof. Dr. Günther Schweizer hatte einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität Köln inne und lebt im Ruhestand in Tübingen, wo er einen Genealogischen Arbeitskreis leitet. Schon früh befaßte er sich außerhalb seines Faches mit genealogischen Fragen und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, so über die Familie des „Mechanikerpfarrers“ Philipp Matthäus Hahn oder über die Vorfahren und Verwandten von Friedrich Schiller, aber auch über die Familien einzelner Orte, z.B. Echterdingen oder Bitz. Über die Vorfahren von Gustav Schwab liegt ein 2009 erschienener Aufsatz von ihm vor.
    Für Rückfragen steht Prof. Schweizer gerne zur Verfügung: Tel. 07071 988949.

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