31. Bernhard Müller, 10. November 2011

Die ehemaligen Klöster von Heilbronn

  • Wer nur die jeweilige Haupt- oder Pfarrkirche einer Stadt betrachtet, bekommt ein einseitiges und unvollständiges Bild von den kirchlichen und religiösen Verhältnissen vor der Reformation. Für die Bevölkerung waren die Kirchen und Kapellen der Klöster genau so wichtig wie die einem Bischof oder Domkapitel unterstehenden Pfarrkirchen. „Das Laufen in die Klöster“ – zur Beichte oder zur Predigt, zur Taufe oder zum Begräbnis – wurde von den etablierten Priestern häufig beklagt. Die Bettelorden in den Städten waren deshalb beliebt, weil sie (zumindest ihrer Grundidee nach) mehr „Bürgernähe“ suchten und in ihrem Äußeren (Kirchenbau) und Inneren (Lebensführung) glaubwürdiger wirkten als die Pfarrherren mit ihren Pfründen. Die Niederlassungen der Bettelorden in den Städten sind Teil der religiösen Bewegung im Hochmittelalter, die eine Reform der westlichen Kirche anstrebten.
    Über die Niederlassung der Franziskaner (meist Barfüßer genannt), über das Klarakloster und das Karmeliterkloster ist relativ wenig bekannt, weil die Quellenlage schlecht ist. Das gilt auch für den Deutschhof, wie die Deutschordenskommende in Heilbronn vereinfachend genannt wird. Die Stadtgeschichtsschreibung in Heilbronn war lange Zeit ‚reformatorisch’ geprägt und an den Klöstern und Klosterhöfen weniger interessiert. Inzwischen liegen aber viele Spezialuntersuchungen vor, die etwas Licht in das Dunkel der Heilbronner Klostergeschichte bringen. Außerdem lassen sich die Erkenntnisse der allgemeinen Stadtgeschichtsforschung über die Rolle der Klöster und geistlichen Immunitäten mit aller Vorsicht auch auf Heilbronn übertragen. Weil von den drei ehemaligen Klöstern in Heilbronn fast keine Überreste mehr vorhanden sind, muss man sich mit Rekonstruktionen und Abbildungen aus späterer Zeit behelfen. Eine gewisse Hilfe stellen heute noch einige Straßennamen dar (Klarastraße, Klosterhof usw.) dar.
    Das Ende der Reichsstadt und die Eingliederung Heilbronns in das Königreich Württemberg wirkte sich auch auf die Kosterlandschaft (oder das, was von ihr übriggeblieben war) aus. Die noch bestehenden Konvente der Klaranonnen und Karmeliter wurden aufgelöst (1804 bzw. 1810), ebenso der Deutschorden. Seine Gebäude gehen in den Besitz des Königreichs Württemberg über und werden als Kaserne benutzt. Im ehemaligen Klarakloster wird ein Frauenzuchthaus eingerichtet; wegen des schlechten Zustands der Anlage werden am Ende des 19. Jahrhunderts die Gebäude verkauft und abgerissen.
    Weil immer wieder behauptet wird, die Einführung der Reformation in den Städten und
    Territorien sei vor allem aus wirtschaftlichen Interessen am Kirchengut erfolgt, muss darauf hingewiesen werden, dass dies für Heilbronn – im Gegensatz etwa zum Herzogtum Württemberg oder Städten wie Nürnberg – nicht zutrifft. Außer dem Barfüßerkloster hat die Stadt keinen Gebäude- oder Landzuwachs erreicht.

    Der Deutsche Orden in Heilbronn

    Das heutige Deutschordensmünster und das katholische Stadtpfarramt sind die sichtbarsten Zeichen der katholischen Vergangenheit in Heilbronn. Lange wurde der Deutschhof mit dem fränkischen Königshof in Heilbronn und damit mit der Gründungsgeschichte Heilbronns in Verbindung gebracht. Inzwischen steht aber fest, dass es sich um eine Neugründung auf bisher unbebautem Gebiet im Zusammenhang mit der Stadterweiterung der Stauferzeit zwischen 1220 und 1230 handelt. Leider wissen wir nicht genau, von wem die Kommende Heilbronn gegründet und woher der Baugrund und die Erstausstattung stammen. Vermutlich handelt es sich um ehemaliges Königsgut, das als Reichslehen über die Grafen von Lauffen an die Familie von Dürn gelangt war. Durch Schenkungen des stauferfreundlichen Adels kam schnell beträchtlicher Landbesitz zusammen, der von Heilbronn aus verwaltet wurde.
    Der Deutsche Orden entstand 1190 als kleines Zeltspital im deutschen Kreuzfahrerlager vor Akkon. 1198 wurde die Hospitalgemeinschaft in einen geistlichen Ritterorden umgewandelt, Mitglieder waren ausschließlich Adlige.
    Der Orden profitierte von dem päpstlichen Kreuzzugs-Ablass, der nicht nur für die Teilnahme an einem Kreuzzug, sondern auch für die Unterstützung einer Kreuzfahrerorganisation gewährt wurde. Der Ritterorden verfügte dank der Möglichkeit, diese Ablässe zu verkaufen, über beträchtliche Bargeldbeträge, die es ihm erlaubten, auf dem Kreditmarkt aktiv zu werden und als Landkäufer aufzutreten.
    Im Jahr 1225 wurde die Niederlassung in Heilbronn gegründet. Es entwickelte sich daraus ein stattlicher Komplex von 1,5 ha Größe mit Kirche, Herren- und Wohnhäusern sowie Wirtschaftsgebäuden. Der abgeschlossene Charakter wird durch die Mauer und den Straßenverlauf sichtbar. Über das Innenleben der Heilbronner Kommende sind wir schlecht unterrichtet. Eine Kommende meint sowohl das Ordenshaus als auch die kleinste Verwaltungseinheit, die von einem Komtur geleitet werden. Mehrere Kommenden bilden eine „Ballei“, an der Spitze der 12 Balleien im Reich stand der Deutschmeister.
    Im 13. Jahrhundert gab es in Heilbronn ca. 25 Ordensbrüder. Dazu kam eine unbekannte Zahl von Priestern und dienenden Brüder. Weil die Mitglieder des Deutschen Ordens nicht an eine Niederlassung gebunden waren, sondern häufig versetzt und mit neuen Aufgaben betraut wurden, herrschte eine große Fluktuation. Zwar sind die Namen sämtlicher Komturen überliefert, aber über die sonstigen Bewohner ist wenig bekannt. Besser steht es um den Besitz und die Einkünfte des Deutschen Ordens – aus zwei erhaltenen Güterverzeichnissen lassen sich die wirtschaftlichen Verhältnisse rekonstruieren. Im Wesentlichen war die Heilbronner Kommende über Jahrhunderte ein Wirtschafts- und Verwaltungsmittelpunkt, unabhängig von der Stadt Heilbronn. Obwohl die Wirtschaftsgüter, die der Deutschorden aus seinem weitverzweigten Landbesitz erhielt, in seinem Hof in Heilbronn gelagert und verkauft wurden, war er von allen Zöllen befreit. Auch mussten die Deutschherren keine Steuern bezahlen, obwohl sie von der Schutzlage innerhalb der Stadtmauern profitierten.
    Äußerlich erkennbar waren die Ordensbrüder an ihrer Kleidung: weißer Mantel mit einem schwarzen Kreuz. Das Wappen (schwarzes Kreuz in weißem Schild) sowie die Farben schwarz-weiß finden sich heute noch an zahlreichen Gebäuden im Heilbronner Raum, die früher dem Deutschen Orden gehört haben.
    Über die Jahrhunderte kam es immer wieder zu Spannungen im Verhältnis zum Heilbronner Rat. Sie wurden durch die Reformation verstärkt, hatten aber in der „Immunität“ des Deutschordens ihren Ursprung. Damit ist die kirchliche und rechtliche Selbständigkeit der Deutschordens-Niederlassung gemeint, unabhängig davon, dass sie mitten im Gebiet der Stadt Heilbronn lag. Die Deutschordenskommende mit ihren ausschließlich adeligen Komturen und ca. 50 Untertanen bildete stets einen Fremdkörper in der Stadt.
    Der Reformation schließt sich der Deutsche Orden im Reich und in der Stadt Heilbronn nicht an – im Gegensatz zum Deutschordensstaat, der 1525 von dem Hochmeister Albrecht von Brandenburg in ein weltliches Herzogtum verwandelt und in dem die Reformation eingeführt wird. Gleichwohl bedeutet das Jahr 1525 für die Heilbronner Kommende einen tiefen Einschnitt, weil die Stadt Heilbronn den aufständischen Bauern, die in der Stadt großen Anhang hatten, die Tore öffnete und ihnen die Klöster, die Klosterhöfe und das Haus der wenig beliebten Deutschordensritter zur Plünderung überließ. Dabei wurden sämtliche Urkunden und Akten vernichtet, was die mehrfach erwähnte schlechte Quellenlage erklärt. Nur durch den Beitritt des Deutschmeisters zum Schwäbischen Bund, dessen Heer den Bauernaufstand blutig niederschlug, konnte der Fortbestand des Deutschen Ordens im Reich und in Heilbronn gesichert werden.
    Das Ende der Reichsstadt und die Eingliederung Heilbronns in das Königreich Württemberg (1802) brachten auch das Ende des Deutschen Ordens in Heilbronn. Seine Besitzungen wurden vom württembergischen Staat eingezogen und die Gebäude als Kaserne benutzt. Im Gegenzug wurde die Gleichberechtigung aller christlichen Glaubensbekenntnisse verfügt. Katholiken konnten von nun an das Bürgerrecht erwerben und erhielten ein katholisches Stadtpfarramt.

    Das Klarakloster

    Die Anfänge des Klosters gehen auf eine Stiftung der Herren von Talheim zurück. Offensichtlich war der zunächst vorgesehene Platz in Flein nicht geeignet. Durch die Verlegung nach Heilbronn kam zum „besonderen Schutz und Schirm“ durch den Bischof von Würzburg noch der wirkungsvollere durch die Stadtmauern hinzu. Wie alle geistlichen Einrichtungen war das Kloster rechtlich selbständig und unabhängig; es war aber vertraglich zu Steuerleistungen für die Erlöse aus seinen Gütern verpflichtet.
    Ein Leben in Armut und in Besitzlosigkeit verlangte die Regel des von Franz von Assisi gegründeten „Zweiten Ordens der Armen Frauen“ von den Klarissen. Päpstliche Dispense milderten vielfach diese strenge Ordensregel. Das Heilbronner Klarakloster lebte in einer solch gemilderten Ordnung. Nach einer vom Papst Urban VI. den Klarissen besonders bestätigten Regel war ein beschränkter Gütergebrauch erlaubt. Doch nicht die einzelne Nonne, sondern nur das Kloster durfte Eigentum besitzen. Das Klarakloster galt immer als wenig begütert und arm. Doch die Wirklichkeit zeigt, dass das Kloster nach einer Erstausstattung mit einem großen Hof bei seiner Gründung in Flein in den ersten zweihundert Jahren danach schon zu großem Besitz und Reichtum gekommen war.
    Nach einem noch vorhandenen Lagerbuch von 1513 besaß es damals schon in über 40 Orten der näheren und weiteren Umgebung von Heilbronn über 800 ha Land – Höfe, Ackerland, Wiesen, Baumgärten, Weinberge, Wald, Häuser, ein Fischwasser, eine Mühle – was jährlich über 500 Malter Roggen, Dinkel und Hafer erbrachte, dazu viele Geldzinsen und andere Naturalgefälle, wie Wein, Hühner, Gänse, Eier und Öl.
    Durch Kauf, Stiftungen und Schenkungen, zumeist vom niederen Land- und Stadtadel und von vermögenden Bürgern, hatte das Kloster vor allem in den ersten zwei Jahrhunderten seinen Besitzstand immerfort vermehrt. Es war in allem, was man zum Leben brauchte, Selbstversorger geworden. Und, obwohl ein Bettelorden, betteln brauchten die Heilbronner Klarissen nicht. Die Tagesordnung umfasst nach dem Vorbild der Benediktinerregel ora et labora – Gebet und Arbeit. Entsprechend diesem Grundgesetz gab es bei den Klarissen zwei Klassen von Schwestern, die Chor- und die Laienschwestern. Den Laien oblag die Besorgung der Hausarbeiten in Küche, Garten, Waschküche und Schneiderei, sowie der Pfortendienst. Die Chorschwestern pflegten den lateinischen Chorgesang und den festlichen Gottesdienst, oblagen dem Studium und verrichteten die feinen Handarbeiten durch Sticken und Nähen von Paramenten (= Messgewänder und Altartücher). Sicher werden sie auch für die umliegenden Pfarreien die Hostien und Kerzen bereitet haben. Für beide Klassen war das betrachtende Gebet vorgeschrieben, ohne das ein Gottesdienst nicht möglich ist. Was heute so ersehnt und geschätzt wird, die Stille, die Meditation, war mit ein Hauptanliegen der Klarissenregel. Das sogenannte klaustrale Stillschweigen war vorgeschrieben von der abendlichen Komplet bis zur Terz des folgenden Tages. In der Kirche, auf dem Dormitor, also den Schlafräumen, sowie im Speiseraum während des Essens, war immer Stillschweigen geboten. Was unumgänglich zu sagen war, durfte nur mit leiser Stimme in wenigen Worten oder mit Zeichen ausgedrückt werden. Ausgang war den Schwestern nicht erlaubt. Besuche von Weltleuten bei den Schwestern bedurften der Erlaubnis der Äbtissin und waren nur in den eigens eingerichteten mit einem Gitter versehenen Sprechzimmer erlaubt. Von Martini (11. November) bis Weihnachten und in der Fastenzeit waren Besuche verboten.
    Anfänglich kamen die Schwestern des Klosters aus dem niederen Land- und Stadtadel sowie aus dem Stadtpatriziat. Ab dem 15. Jahrhundert waren immer mehr der etwa 30 Nonnen von einfacher bürgerlicher Herkunft. Eine gelockerte Armutsauffassung sowie Reichtum und Wohlhabenheit führten zur Missachtung der Ordensregel. Um 1416 wird geklagt, dass die Klarissen ein ungeistliches Leben führten. Die Mahlzeiten seien zu üppig geworden und mehr und mehr verschafften sich die Schwestern persönliches Eigentum und trugen die vorgeschriebene Ordenskleidung nicht mehr
    Im Jahr 1525 befahl der Heilbronner Rat den Nonnen, weltliche Kleider anzulegen, die Predigt in der Pfarrkirche zu besuchen und zu ihren Bekannten und Verwandten gehen. Auf ein kaiserliches Mandat von 1531, die Klarissen in ihrem Gottesdienst und Glauben nicht zu hindern, reagiert der Magistrat überhaupt nicht. Den Schwestern wird 1535 das Angebot gemacht, das Kloster verlassen zu dürfen, man werde ihnen ihre Mitgift zurückgeben, und wer ohne solche gekommen sei, würde von der Stadt unterhalten
    Der Rat lässt die Kirche verschließen, das Inventar der Sakristei wird beschlagnahmt und versiegelt. Erlaubt wird nur, bei verschlossenen Türen den Gottesdienst zu halten, wobei jedoch „alles Ungöttliche“ zu vermeiden sei. Das bisher gewährte Recht auf Befreiung von Mühlzoll und Bodengeld wird dem Kloster entzogen. Trotz dieser harten Einschränkungen blieben die Klarissen in der Stadt, erhielten bis zur Auflösung Nachwuchs und waren ihres Glaubens froh. Als 1730 die Stadt das zweihundertjährige Jubiläum der Annahme der Reformation feierte hielten die Schwestern Betstunden zum Dank für die Erhaltung des Glaubens.
    Am 23. April 1810 wird das Klarakloster aufgehoben. Die Nonnen, Äbtissin, Priorin, 10
    Chorfrauen und 6 Laienschwestern erhalten lebenslängliche Pension. Später wurde das Gebäude in ein Zuchthaus verwandelt. Heute steht nur noch ein Teil der einstigen Umfassungsmauer hinter der Commerzbank.

    Vom Gnadenbild zum Kloster – Das Karmeliterkloster

    Ein von Brennnesseln überwuchertes Marienbild, das an der Straße nach Weinsberg gefunden wurde, löste in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine starke Wallfahrtsbewegung aus. Der Legende nach hatte eine Bauersfrau „eine wunderbare Erscheinung“, es ist von Wundern und Heilungen die Rede. Der Pilgerstrom brachte „viel gelt, wachs, silber, gold, geschmeide, kleinodt“ und andere Opfergaben. Deshalb wurde vom Rat der Stadt der Bau einer Kapelle veranlasst. Der Würzburger Bischof gewährte 1445 einen Ablass beim Besuch der Kapelle, 1447 schließlich wird (mit päpstlicher Genehmigung) die Gründung eines Klosters beschlossen.
    Der Karmeliterorden wurde deshalb ausgewählt, weil er sich besonders der Marienverehrung widmete. Obwohl das Kloster nur für 6 Mönche und 3 Novizen angelegt war, wurde es zur wichtigsten und einträglichsten Einrichtung vor der Reformation. Aus den Einnahmen der Wallfahrer konnten nicht nur der Klosterbau, sondern teilweise auch der Umbau der Kilianskirche finanziert werden. Die Aufsicht über den Bau und die wirtschaftlichen Belange des Klosters lagen nämlich bei der Stadt. Zum Kloster gehörte noch ein Stadthaus neben der Nikolaikirche und der „Mönchsee“ mit Fischzucht. 1632 wurde das Kloster von schwedischen Truppen im Einverständnis mit der Stadt „niedergelegt“, nachdem es schon im Bauernkrieg 1525
    schwer beschädigt worden war. Die Karmeliter zogen in ihr Stadthaus, wo eine kleine
    Gemeinschaft (3 Mönche, 2 Laienbrüder) bis 1804 verblieb und den (katholischen) Gottesdienst im Deutschhof versah.
    Heute erinnert nur noch der Name Mönchsee-Straße an dieses Kloster, das außerhalb der Stadtmauern auf dem Gelände des alten Friedhofs lag.

    „Männer des Volkes“ – die Barfüßer in Heilbronn

    Mit dem Namen Barfüßer verbinden viele Heilbronner heute eine Gaststätte mit Bierbrauerei, die sich in der Nähe des ehemaligen Barfüßer- oder Franziskanerklosters befindet. Ob sich Betreiber und Besucher der Tradition bewusst sind, auf die der Name anspielt, sei dahingestellt. Die Franziskaner, meist Barfüßer genannt, kamen 1272 nach Heilbronn. Ob der Rat der Stadt oder wohlhabende Patrizier ihnen den Bauplatz „an der Straße“ (der heutigen Sülmerstraße) zur Verfügung gestellt haben, lässt sich nicht mehr feststellen. Zumindest wird sie dieses großzügige Angebot veranlasst haben, schnell mit den erforderlichen Baumaßnahmen zu beginnen: 1314 wird die Kirche geweiht. Die Franziskaner waren ein Bettelorden in der Nachfolge Franz von Assisis, die das christliche Armutsgebot ernst nahmen: „die Brüder sollen nichts zu eigen haben, weder ein Haus, noch einen Ort, noch irgend etwas anderes“. Ihr Kloster war die Welt, besonders die der aufstrebenden Städte. Sie wollten ihren Mitmenschen nahe sein und wandten sich mit Predigt und Seelsorge dem aufstrebenden Bürgertum zu, das sich mit Almosen und Stiftungen erkenntlich zeigte. Aber nicht nur die einzelnen Mönche, auch die Klostergemeinschaft insgesamt durfte eigentlich kein Eigentum erwerben. Schenkungen und Grundbesitz waren mit päpstlichen Ausnahmegenehmigungen nur erlaubt, wenn sie zum Lebensunterhalt erforderlich waren. Formal blieb der Stifter Eigentümer, so dass man Grundstücke dem Orden übergeben und dadurch der städtischen Steuerpflicht entziehen konnte, was vom Rat der Stadt nicht gerne gesehen wurde.
    Da die Franziskaner (im Gegensatz zu den Mönchsorden alten Stils) nicht auf Grundbesitz und Landwirtschaft angewiesen und deshalb nicht ortsgebunden waren, kam es zu häufigen Orts- und Personalwechseln. Im Gegensatz zu den Zisterziensern mit ihrer strengen hierarchischen Ordnung waren die Franziskaner eher lose organisiert. Deshalb sind auch nur wenige Franziskaner von Heilbronn namentlich bekannt. Um 1465 soll es 9 Brüder (patres) gegeben haben; die Zahl der Novizen, Laienbrüder und Hausknechte ist nicht bekannt. In einer 1977 erschienenen Schrift eines Kapuzinerpaters, der ordensgeschichtliche Unterlagen ausgewertet hat, werden die Barfüßer in Heilbronn so charakterisiert: “Pflege der Gemeinschaft, freiwillig gelebte Einfachheit und gewollte Anspruchslosigkeit waren die Quellen ihres Frohsinns und ihrer Freude“.
    Die franziskanische Predigtweise war an der Hl. Schrift orientiert, hatte aber das Ziel der Belehrung und Bekehrung der Gläubigen. Die Brüder kannten die Menschen, sie waren keine weltfremden Gelehrten, sondern Männer des Volkes. Sie verstanden ihre Mitmenschen, und das Volk liebte seine Barfüßer, die schlicht und einfach lebten
    Gleichwohl haben es die Barfüßer in Heilbronn zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Das lässt sich daran ablesen, dass Anfang des 14. Jahrhunderts ein Kaiseraufenthalt und politische Verhandlungen in ihrem Kloster stattfanden. Auch mehrere Provinzialkapitel fanden in Heilbronn statt. Auf Veranlassung des Rats wurde 1465 wegen gravierender Missstände eine Reform des Barfüßerklosters veranlasst und gegen den Willen der Insassen der Übergang zur strengeren Richtung der Observanten beschlossen. Der Immobilienbesitz samt Einkünften wurde dem Klarakloster zugesprochen und einem städtischen Pfleger unterstellt.
    Während der Reformationszeit widersetzten sich die Barfüßer mehrmals den Befehlen des Rats, die Messe abzuschaffen und sich der evangelischen Ordnung anzuschließen. 1538 verbietet der Rat die Neuaufnahme von Mönchen und Novizen, nach dem Tod des letzten Mönchs hat der Rat das Kloster aufgehoben und in eine Schule verwandelt.
    Das Barfüßerkloster wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Übrig geblieben ist heute nur noch ein kleiner Überrest des Kreuzgangs hinter dem Hafenmarktturm.

32. Dr. Albert Sting, Donnerstag, 14. Juli 2011

Die vier württembergischen Könige

  • Friedrich Wilhelm Karl war der fünfzehnte Herzog von Württemberg und Teck. Er wurde 1803 zum Kurfürsten erhoben und 1806 als Friedrich I. (er nannte sich selber Friderich) der erste König des Landes. Er musste sich nach dem Besuch Napoleons im Jahr 1805 in Ludwigsburg auf die Seite des Usurpators stellen, was ihm zwar die Souveränität rettete, aber große Opfer an Geld, Gut und Menschen von ihm forderte. Friedrich blieb 10 Jahre lang politisch und militärisch an den französischen Kaiser gebunden. Württemberg erreichte zu dieser Zeit seine größte Ausdehnung. Die größte Katastrophe während seiner Regierungszeit war der Feldzug Napoleons gegen Russland im Jahr 1812/13. Württemberg verlor an der französischen Seite seine ganze Armee von 15 000 Mann und alles Material.  Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1815 trat Friedrich verständlicherweise gegen Napoleon an. Friedrich regierte mit strenger Hand. Er versuchte eine den neuen Staatsverhältnissen entsprechende Verfassung zu erstellen. Dies ist Friedrich aber nicht gelungen. Dabei wünschte er sich, von seinem Volk geliebt zu werden. Als er im Jahr 1816 starb hat ihm aber kaum einer eine Träne nachgeweint.

    Auf den württembergischen Königsthron folge sein älterer Sohn Wilhelm I. Er trat das schwere Erbe eines völlig ausgelaugten Landes an. An jungen Männern fehlte es ebenso, wie an allem Lebensnotwendigen. Dazu kamen in den ersten Regierungsjahren schwerste Hungersnöte durch schlimmes Wetter. Eine Folge davon war die Auswanderung vieler Bürger. Wilhelm wusste, dass er vor allem die Landwirtschaft wieder in Gang bringen musste. Dabei blieb ihm ein strenges Durchgreifen nicht erspart. In Anerkennung dessen wurde er auch „Rex agricolarum“ genannt.
    Zudem war ihm die Erstellung der neuen Verfassung aufgelegt, die 1819 im Ludwigsburger Schloss beschworen werden konnte. Die revolutionären Tendenzen von 1848 konnte er in Württemberg einigermaßen glimpflich durchstehen. Sehr hoch muss ihm angerechnet werden, dass er während seiner 47-jährigen Regierungszeit keinen württembergischen Soldaten über die Landesgrenzen hinaus zu einem Kriegseinsatz geschickt hat.

    Der Nachfolger Wilhelms I., der 1864 gestorben ist , war sein Sohn Karl I. Er traf eine relativ ruhige politische Situation an. Aber bald musste er seine Landsleute zu den Waffen rufen und 1870/71 mit ihnen in den Krieg gegen Frankreich ziehen und sich danach mit dem Königreich Württemberg in das Deutsche Reich eingliedern lassen. Der Kaiser wurde Bundesfeldherr. Er förderte das Verkehrswesen, Gewerbe  und die Industrie. Die Zivilehe und die Reichsmark wurden eingeführt. König Karl hat sich im politischen Handeln recht zurückgehalten. Er starb 1891 ohne Kinder.

    Nachfolger auf dem Thron wurde Prinz Wilhelm, ein Enkel von Wilhelm I., als König Wilhelm II.  Er war ein außerordentlich liebenswürdiger Herr, nahe dem Volk und allgemein beliebt. Er war als „Bürgerkönig“ anerkannt. Wenn nicht unbedingt nötig, trat er ohne Uniform auf. Er leitete die Staatsgeschäfte mit lockerer Hand und im Einvernehmen mit seinen Beratern. Ihm war die schwere Aufgabe aufgelegt, wieder Truppen in einen großen Krieg zu senden. 1914-1918 stand er zu seinen Soldaten und besuchte sie, wann immer er konnte, im Felde.
    Nach Ende des Krieges war des Ende der Monarchie in Deutschland zu bewältigen. Wilhelm II. wollte mit seiner Person den zwingenden Entwicklungen nicht im Wege stehen und hat 1918 als König abgedankt. Er zog mit seiner Frau nach Bebenhausen und lebte dort bis zum 2. Oktober 1921. Er ist auf dem Alten Friedhof in Ludwigsburg an der Seite seiner ersten Frau Marie beigesetzt.

    Buch-Tipps

    Paul Sauer
    Der schwäbische Zar
    Friedrich – Württembergs erster König

    Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
    ISBN 3-421-06179-3

    Paul Sauer
    Reformer auf dem Königsthron
    Wilhelm I. von Württemberg

    Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
    ISBN 3-421-05084-8

    Paul Sauer
    Regent mit mildem Szepter
    König Karl von Württemberg
    Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
    ISBN 3-421-05181-X

    Paul Sauer
    Württembergs letzter König
    Das Leben Wilhelm II.

    Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
    ISBN 3-421-06702-3

    Harald Schukraft
    Kleine Geschichte des Hauses Württemberg
    Silberburg Verlag Tübingen
    ISBN-13: 978-3-87407-725-5

33. Nicolai Knauer, Heilbronn, 9. Juni 2011

Schloss Liebenstein

  • Geschichte

    Ein Zweig der Herren von Liebenstein kam im Laufe des 11. Jahrhunderts aus dem südlichen Elsass, wo sie ihren Stammsitz hatten, der um 1300 an die Grafen von Pfirt fiel. Der älteste nachweisbare Stammherr der Neckarwestheimer Linie ist der um 1200 genannte Reinhard von Liebenstein, auf den und dessen Sohn Albrecht I. vermutlich zwischen 1200 und 1250 der Bau des ältesten Teils der Burg Liebenstein bei Neckarwestheim auf ehemaligem Besitz der 1212 ausgestorbenen Grafen von Lauffen zurückgeht. Dendrochronologischen Untersuchungen zufolge wurde der Bergfried als ältester Teil der Burg zwischen 1230 und 1240 errichtet.
    Um das Untere Schloss mit westlichem Hauptbau und Bergfried im romanischem Stil, für das auf dem schmalen Bergrücken nur wenig Platz war, zogen sich ein Graben und eine Ringmauer mit Wehrgängen. 1225 wurde der Itzinger Hof im nahe gelegenen Seebronnental errichtet. Kurz vor seinem Tod stiftete Albrecht I. mit Einwilligung seines Sohnes Albrecht II. im Jahr 1261 im Itzinger Hof ein Dominikanerinnen-Nonnenkloster, das bis 1666 auch Begräbnisstätte der Herren von Liebenstein war. Um 1290 vereinigte sich das Kloster Itzingen mit dem Benediktiner-Nonnenkloster in Lauffen.

    Unter den Söhnen Albrechts II. bildeten sich mehrere Familienlinien aus. Von Konrad I. († 1363) stammen die Ottmarsheimer Linie, die Heinrichslinie sowie die Linie des oberen und des unteren Hauses ab, letztere benannt nach ihren Anteilen an Schloss Liebenstein und entstanden bei der Erbteilung nach dem Tod Peters I. 1445 zwischen seinen Söhnen Peter II. und Konrad. Im Jahr 1500 war Peter III. von Liebenstein der Stammhalter des oberen Hauses, Hanns III. Stammhalter des unteren Hauses.

    Das obere Schloss wurde 1525 bis 1600 umfassend in sein heutiges Aussehen mit ausgesprochen wohnlichem Charakter umgebaut. Saalartige Räume, Dachterrassen, Treppenturm, Erker, Schlossküche, Hauskapelle sowie die Nebengebäude Zehntscheuer, Meierei, Fruchtkasten, Altes Bandhaus, Neues Bandhaus, Schmiede, Backhaus, Schafhaus und Heubäulein in malerischer Architektur ganz im Stil der Renaissance gaben dem Anwesen einen repräsentativen Charakter.

    1590 bis 1599 wurde die Schlosskapelle im Renaissancestil im Auftrage Bernhards von Liebenstein († 1596) von dem Heilbronner Baumeister Jacob Müller erbaut. Dieser schuf auch im Auftrage von Bernhards Sohn Albrecht († 1608) das Liebenstein-Doppelgrabmal in der Bönnigheimer Kirche. Das Grabmal des Conrad von Liebenstein († 4. März 1620) in der Schlosskapelle befand sich einst im Kloster Itzingen.

    Die meisten Liebensteiner weltlichen Standes waren zumeist in württembergischen Diensten: Friedrich I. und Hans V. waren im 15. Jahrhundert württembergische Räte, Bernhard († 1596) und Albrecht († 1608) waren Obervögte in Lauffen am Neckar, Philipp († 1637, oberes Haus) war württembergischer Obervogt in Vaihingen an der Enz. Kaiser Ferdinand zog 1631 einen Teil des oberen Schlosses ein, weil sich Philipp in der Schlacht bei Nördlingen zu stark für die Schweden eingesetzt hatte. Nachdem das Schloss kurzzeitig dem Grafen von Trauttmannsdorff gehörte, der nach dem Tode Wallensteins leitender Minister des Kaisers war, erfolgte 1639 die Rückgabe des oberen Schlosses an die Herren von Liebenstein.

    Mit dem Tod von Friedrich Albert von Liebenstein erlosch 1657 der Mannesstamm der oberen Linie. Die Güter wurden an Philipp Konrad I. vom unteren Haus vererbt, der damit den gesamten Familienbesitz auf sich vereinte. Seine drei Söhne Philipp Reinhard, Philipp Konrad II. und Philipp Albrecht gründeten 1666 eine Erbgemeinschaft. Nach dem Tode Philipp Reinhards, des ältesten der Brüder, kam es um 1670 zum Streit zwischen Philipp Konrad II. und Philipp Albrecht, was dazu führte, dass der Besitzer des unteren Hauses nicht mehr zum oberen Tor hinaus ging, sondern durch die Mauer neben der Schlosskapelle selbst ein Tor für einen Weg ins Tal hauen ließ.

    Württemberger Alleinbesitz ab 1678

    Am 4. September 1673 verkaufte Philipp Albrecht an Herzog Eberhard III. von Württemberg (1628–1674) das obere Schloss, etwa zwei Morgen des Sees und die halbe Herrschaft für 50.000 Gulden und 230 Dukaten. Am 28. Mai 1678 tauschte Philipp Konrad II. seine restliche halbe Herrschaft und das untere Schloss mit dem Haus Württemberg gegen die andere Hälfte des Dorfes Köngen bei Esslingen mit dessen vorderem Schloss und allen Zugehörigkeiten und noch zusätzlich 13.000 Gulden. Herzog Eberhard III. bezahlte als Käufer aus seiner Privatschatulle und war Besitzer der gesamten Liebensteiner Herrschaft mit Schloss Liebenstein, Kaltenwesten, Ottmarsheim, Kloster und Weiler Itzingen, halb Holzweiler sowie Güter und Gefälle in Ilsfeld und Auenstein. Württemberg richtete zur Verwaltung des Besitzes dort eine Stabskellerei ein. Die Familie von Liebenstein versuchte 1773 vergeblich, durch eine Aufsehen erregende Klage den Verkauf der Herrschaft Liebenstein von 1673/78 zu bestreiten.

    Während des Pfälzischen Erbfolgekrieges rückten im Jahr 1693 rund 5000 Franzosen auf Besigheim zu. Der Vogt von Besigheim hatte einen Teil seiner Akten auf Schloss Liebenstein untergebracht. Die plündernden Soldaten fanden alle Akten und vernichteten sie.

    Um 1800 versuchte das Haus Württemberg, die Schlosskapelle auf Abbruch zu verkaufen. Da kein Käufer gefunden wurde, wurde die Kapelle dem Verfall preisgegeben. 1807 wurden die Überreste des Itzinger Hofes auf Abbruch verkauft.

    Am 8. Juni 1812 wurde die Domäne Liebenstein durch einen Tauschvertrag an das Oberfinanzkammeramt von Großbottwar abgetreten. Der Vertrag wurde bereits 1819 rückgängig gemacht. Die königliche Hofdomänenkammer verwaltete wieder das Anwesen und verpachtete das Gut mit 390 Morgen Land für jährlich 4765 Gulden an zwei Landwirte. Das Schloss bestand zu dieser Zeit aus zwei Gebäuden. Die beiden Pächter wohnten im ehemaligen Jägerhaus, das andere Gebäude war der Wohnsitz des Hofkammerförsters. Die restlichen Gebäude auf dem Gut wurden als Wohnungen für die Angestellten und als Stallungen benutzt. Die königliche Hofdomänenkammer übernahm 1846/49 auch den Itzinger Hof mit noch 107 Morgen Land.

    Im September 1840 war der schwäbische Dichter Eduard Mörike auf Schloss Liebenstein zu Besuch. 1843 wurde Liebenstein Mitglied im Kirchen- und Schulverband Neckarwestheim. Die Pächter verpflichteten sich im Jahr 1851, zwölf arme Knaben als Ackerknechte heranzubilden. Diese mussten unentgeltlich vom 14. bis zum 18. Lebensjahr arbeiten und bekamen freie Kost, Kleidung und Unterkunft.

    1884 war das hofkammerliche Forstamt in Teilen des Schlosses untergebracht. Im übrigem Teil wohnten zwei Familien mit insgesamt 43 Personen. Die landwirtschaftliche Domäne wurde zu dieser Zeit, laut Bericht des damaligen Schultheißen, von zirka 60 bis 80 Arbeitskräften bewirtschaftet. Im Jahr 1892 betrug die Zahl der Schlossbewohner noch 23.

    1914 wurde die vordere Außenfront der Schlosskapelle renoviert.

    Am 12. April 1945 beschoss die französische Artillerie das Schloss, das von deutschen Soldaten besetzt war, aus Richtung Bönnigheim. Von sechs Granaten trafen vier den Turm und zwei das Schlossgebäude, ohne jedoch jemanden zu verletzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg boten das Schloss und seine Nebengebäude 46 Heimatvertriebenen ein neues Zuhause.

    Die verfallene Schlosskapelle wurde 1972 bis 1976 von Grund auf renoviert.

    Die Hofkammer verkaufte 1982 das Schloss und 14,5 Hektar Land an die Gemeinde Neckarwestheim, die es dem Trägerverein Schloss Liebenstein Sport-, Kultur- und Freizeitanlagen GmbH und Co. KG zuführte. Am 14. September 1982 wurde der Golf- und Landclub Schloss Liebenstein e. V. gegründet und der Ausbau des Geländes zu einem 27-Loch-Golfplatz begann.

    Nach einer gründlichen Bauaufnahme folgte bis 1985 die Renovierung und der Umbau des oberen Schlosses in ein Hotel und Restaurant nebst Clubräumen des Golfclubs. Der Bergfried wurde 1987 restauriert und begehbar gemacht. 110 Stufen führen auf die Aussichtsplattform.

    Siehe auch einige Fotos zum Schloss und zur Baugeschichte in „Galerie“

    Quelle: Wikipedia

34. Dr. Otfried Kies, Brackenheim, Donnerstag, 12. Mai 2011

Sauschwaben und Kuhschweizer

 

  • SAUSCHWABEN UND KUHSCHWEIZER
    Migrationsprobleme vor 350 Jahren

    Auslöser der Migration
    Kaum war der Dreißigjährige Krieg in Münster und Osnabrück besiegelt, und die Schweizer hatten ihre Unabhängigkeit auch staatsrechtlich erlangt, zeigte es sich, dass die beiden deutschen Staatsgebilde, Reich und Eidgenossenschaft, sich gegenseitig dringend benötigten. Südwestdeutschland war durch den Krieg zu einem großen Teil entvölkert. Seuchen und Hunger hatten viele Menschen in den Tod getrieben; andere waren weggezogen und kamen daher nicht mehr zurück. Die leeren Ortschaften lockten wiederum Menschen an, die in ihren Heimatländern keinen Lebensraum mehr zu finden hoffen konnten.
    Am Beispiel der Stadt Sachsenheim und ihrer Teilorte möchte ich Ihnen die Migration in der zweiten Hälte des 17. Jahrhunderts erläutern. Sachsenheim taugt sehr gut als Beispiel, denn im Kreis Heilbronn spielte sich das Gleiche wie dort ab.

    Migration innerhalb des Herzogtums Württemberg

    Nun darf man nicht glauben, es habe damals nur Einwanderung aus anderen Ländern gegeben. Eine dauernde Migration fand nämlich vorher, gleichzeitig und nachher innerhalb Württembergs und der angrenzenden Länder statt. Diese Wanderbewegung war wesentlich stärker als gemeinhin angenommen. Es ist nicht gerechtfertigt, nur auf die Großeinwanderung aus dem Ausland zu schauen und die ungeheuer große Binnenwanderung zu vernachlässigen, wenn man die Bewegung der Menschen in unserem Raum in Betracht zieht. Diese Binnenmigration in Württemberg erklärt auch, warum Schweizer (und Österreicher) trotz der nicht unbeträchtlichen Zahl keinen Einfluss auf
    die schwäbische Sprache der Gegend haben konnten.

    Die Masseneinwanderung nach dem Dreißigjährigen Krieg
    Die Massenwanderung, die damals in unseren Raum kam, war – neben dem nicht unbeträchtlichen Anteil an Österreichern – besonders geprägt durch Schweizer, die in ihrem ländich strukturierten, übervölkerten und armen Heimatland keinen Broterwerb fanden. Früher hatten Schweizer Jungmänner den Weg ins Ausland als so genannte Reisläufer angetreten. Sie dienten in ausländischen Heeren; schon Herzog Ulrich von Württemberg hatte sich auf sie verlassen – zu seinem Unheil, denn die Heimatbehörden ließen die bereits Geworbenen nicht ziehen. Noch in der Französischen Revolution starb die Schweizer Garde für den König von Frankreich. Die Schweizer Garde des
    Papstes ist eine letzte Erinnerung an die Reisläufer. Schließlich zeigte sich aber, dass junge Männer in ihrem Lande als Familienväter und Arbeitskräfte fehlten. Daher wurden andere Heeresdienste im Lauf der Jahrhunderte verboten. Eine Ironie der Geschichte war es, dass sich die Schweiz, die schon seit dem 14. Jahrhundert starke Tendenzen zur Lösung vom Reich zeigte, sich im Westfälischen Frieden auch de iure vom Römischen Reich trennte, und nun aber gerade das Reich für viele Schweizer zur Zuflucht und neuen Heimat wurde. Diese Ankömmlinge waren jedoch staatsrechtlich keine Angehörigen des Römischen Reichs. Meist der calvinischen-reformierten Konfession angehörend, blieben sie, sofern sie nicht der evangelischen Kirche beitraten, Fremde. In ihrer Heimat – mit der viele weiterhin Kontakt hielten – wurde jedoch der Übertritt zur lu-therischen Konfession mit großem Argwohn beobachtet. Besonders gern wurden Schweizer in
    Württemberg als Melker beschäftigt – so sehr, dass heute noch deren Berufsbezeichnung „Schweizer“ ist. In der Viehzucht gab es damals einen auffälligen Unterschied zwischen den süddeutschen Schwaben und den Schweizern, was besonders am Bodensee, wo beide Nationen aneinander grenzten, zu erkennen war. Bei den Schwaben küm¬merten sich die Hausväter um die in größerem Umfang gezüchteten Schweine – weshalb man sie auch – zwar mit etwas Spott, aber ohne beleidigende Absicht, „Sauschwaben“ nannte – und die Hausfrauen um die (wenigen) Kühe. In der Schweizer Sennwirtschaft waren die Schweine Nebenerwerb der Hausfrauen, die Männer – die man daher auch „Kuhschweizer“ nannte – beschäftigten sich mit der Rinderhaltung. Ihre Kenntnisse wurden auf den adligen Gütern, wie Bromberg oder Kirbach, natürlich gern genutzt.
    Manche dieser Einwanderer sind in der neuen Heimat nur schwer als Schweizer zu identifizieren, so der Maurer Johannes Mayer in Ochsenbach aus Rümlang, Zürcher Gebiets, dessen Herkunft sich nur verrät aus dem Vornamen seiner Frau, Veronica, und aus den Namen von zwei Paten eines 1661 getauften Kindes Abraham, nämlich Abraham Steffe zu Klein Haßlach (Unterhaslach) und Hanß Leheman zu Hohenhaßlach. Abraham Stephan aus Kloten im Zürcher Gebiet ist als Schweizer nur zu ahnen, weil seine Tochter Elisabetha 1666 den Schweizer Hanß Jacob Stalder aus Blumenstein Berner Gebiets, ehelicht. Der Maurer Hans Lehmann taucht 1658 ohne Herkunftbezeichnung in Hohenhaslach auf. Die Herkunft ist jedoch aus den Schweizer Archivalien zu erschließen, denn in ihrer Heimat wurden sie keineswegs als verlorene Söhne und Töchter betrachtet.

    Großsachsenheim
    In Großsachsenheim gab es vor dem Krieg lediglich einen Schweizer Einwanderer, nämlich Sebastian Erd, Sohn von Hans Erd und Magdalena Müller, aus dem Eggental, zum Kloster Ursin gehörig, der sich 1550 hier einließ, wie sein noch vorhandener Mannrechtsbrief zeigt. Der Mannrechtsbrief, bei Frauen Geburtsbrief genannt, enthält Elemente der Abstammungsurkunde, des Führungszeugnisses und des Bürgerrechtsverzichts in der Heimatgemeinde, in späteren Zeiten sogar einer Schufa-Auskunft. Das Archiv Sachsenheim enthält mehrere Hundert solcher Mannrechts- und Geburtsbriefe von Zugewanderten.
    Gleichfalls mit Mannrechtsbrief kam 1649 als erster Schweizer der Migrationswelle nach Großsachsenheim Heinrich Meier mit Ehefrau Babel Wiedmann und den Kindern Rudolf, Hans, Diethelm und Anna, aus „Embrach in der Graffschafft Kyburg, Züricher Gepiethes“. Der Nächste war 1664 „Hanß Ulrich Sprünger von Oberwangen gebührtig und Thanneggischen Ambt angehörig“. Er hatte „das Leininweber-Handtwerckh erlehrnet, sich deretwegen in die Wanderschaft begeben, etlich Jahr lang in der Frömbde uffgehalten, und umb verhoffender gueten Gelegenheit Befürderung willen, zue Großen Sachsenheimb in dem hochlöblichen Hertzogthumb Württenberg ligende, ehelich und
    burgerlich einzulaßen, entschloßen.“ Ihm folgte 1666 seine Schwester Barbara Sprüngerin, die „sich eine Zeit lang zue bemeltem Großen Sachsenheimb uffgehalten, unnd mittels sonderbarem Willen Gottes mit Georg Stroheckher, Burger und Gerichtsverwandten daselbst, ehelich und haußhaablich einzulassen versprochen“ hatte. Die Leibeigenschaft gegen das Kloster „Unser lieben Frauen bey der Heiligen Idda zue Fischingen“ wurde ihr erlassen. Ihre Eheschließung und ihr Tod sind allerdings im Großsachsenheimer Kirchenregister nicht dokumentiert. Ebenfalls mit Mannrechtsbrief wurde Conrad Fahrner, Sohn von Joß Fahrner und Magdalena Frey aus Oberstammheim Zürcher Gebiets, 1667 eingebürgert. 1668 kamen Hans Meier, Sohn von Jacob Meier und Margaretha Bachmann aus Zürich, nach Angabe in Großsachsenheim „aus Retschen“, und 1669 Hans Heinrich Meyer, geboren am 5. Juni 1642 in Suhr als Sohn von Heinrich Meyer und Barbara Hilfficker „uß der Kilchen Suhr, in unserem Ambt Landtzburg“ Berner Gebiets nach Großsachsenheim. 1684 heiratete mit Geburtsbrief von „Neunkirch im Kleggauw Schaffhauser Gebieths“ Margaretha Maag, Tochter von Hans Maag, Seiler, und Anna Georg, den Hans Salomon Wächter von Großsachsenheim. 1687 wurde Hans Heinrich Feer, Sohn des Stadtboten in der Stadt Frauenfeld im Thurgau Heinrich Feer und der Anna Eberlin, der sich bereits fünf Jahre in Großsachsenheim teils als Weber, teils durch andere Arbeit fortgebracht hatte, aus dem Bürgerrecht von Frauenfeld nach Großsachsenheim entlassen. Aus der Stadt Altstetten im Rheintal kam der „ehrbahre und
    beschaidne Jüngling Steffan Bomgarter“, Sohn von Georg Baumgärtner und Ursula Oberstin nach Hohenhaslach, wo er sich 1699 schon bereits einige Zeit aufgehalten hatte.
    Ohne Mannrechtsbrief werden an Schweizer Einwanderern in Großsachsenheim genannt 1655 Peter Wittwer, auß dem Berner Gebiet; 1659 Antoni Gabelin; 1679 Hanß Jerg Bräblin auß dem Bernerland von Schönenberg; 1682 Hanß Jacob Kreiß, ein Schweizer, im armen Hauß sich auffhaltend; 1698 Anna Maria, Marx Schwartzen, eines Schweitzers u. TagLöhners, ehl. Haußfrau; 1700 Jacob Weigart, Jerg Weigarts, vorhin Burgers zu Kirchberg Tockhenburger Herrschafft, Sohn; 1703 Jacob Schmid, Taglöhner, aus Bur(sch)weil in der Aydgenössischen Herrschafft Turgäw; 1719 Johann Stockher, Melckher Knecht, weyl. Johann Stockhers seel., Burgers zu Boltingen, Berner Gebiets, nachgelassener Sohn; 1726 Ursula Margaretha, Ulrich Brenners von Weinfelden im Thurgaw gebürtig, nachgebliebene eheliche Tochter. Einige von ihnen lebten auf adeligen Gütern als Maier oder Melker.

    Kleinsachsenheim
    Die Schweizer, die nach Kleinsachsenheim kamen, waren 1653 Hanß Sauter, Hanß Sauters von Antfelden Bernischen gebiets, bürtig, Kühhirten alhie, ehelicher Sohn; 1653 Albrecht Würfel von Blenna Gormdrütter Gebiets bey Basel, päbstischer Religion; 1654 Heinrich Lehman, bey Zürich gebürtig; 1666 Hanß Jacob Weber, Thomæ Webers seel. von Affeltrangen in Schweitzerlandt ligendt, Dobelischer Obrigkeit gehörig; Heinrich Hiltbrunner, Melchior Hiltbrunners ehelicher Sohn von Sumiswald, Berner Obrigkeit; 1669 Christian Lober und seinne Haußfrawen Margreta, Kühirdten alhier, von Adelboden Berner Gebüths; 1673 Martin Sauter, sonsten auß der Schweitz gebürtig; 1674 Joh. Steinen auß dem Zürkherlandt gebürtig, kind; 1678 Joh: […] von Rieth Zürcher Gebiets, ein Calvinist; 1681 Ulrich Frautiger/Frudiger von Berlingen, Berner Gebiets; 1682 Hanß Jacob Koppen Wittib, eine Calvinistin; Gregorius, Ulrich Hagen Kind; 1685 Anna Catharina, Benedict Dtschanen, gebürtig Berner Gebiets zu Egensdorf; 1689 Hannß Carl Gsell, ein vertribner Mann auß der Pfaltz, sonsten gebürtig von BischoffsZell auß der Schweitz, calvinisch.

    Hohenhaslach
    In Hohenhaslach werden zwischen 1655 und 1710 folgende Schweizer genannt: 1655 „Rudolph Weydmann, Hanß Heinrich Weydmanns von Wannen in der Schweitz Zürcher Gebietts hinderlaßen ehelicher Sohn“; 1658 stirbt „Hanß Conrad Schwartz aus dem Zircher Gebieth“; 1663 heiratet „Ulrich Scheller, Ulrich Schellers zu Gosenaw in der Schweitz Zürcher Gebiets ehelicher Sohn“; 1665 der verwitwete Burger Rudolph Waidman „Anna, Hanß Brogli zue Sebach Zürcher Gebieths, eheliche Tochter“; 1666 „Hanß Jacob Stalder, Hanß Stalders, Burgers und Innwohners zu Blumenstein Berner Gebiets, ehlicher Sohn“; 1667 „Hanß Springsfeld, hiesiger Burger und Wittwer“ die „Barbara, Hanß Zimmermans von Raunburg in der Schweitz vidua“; 1669 Rudolph Waidmanns Schwager „Rudolph Brogli, Hanß Brogli, geweßnen Burgers und Innwohners zu Sebach Zürcher Gebieths, hinderlasen ehelicher Sohn“; 1670 „Christian, Christian Mosers s.
    geweßenen Burgers und Inwohners zue Zweysammen Berner Gebieths, hinderlaßen leiblicher Sohn“; 1675 „Ursula, Heinrich Broglin, geweßenen Burgers und Innwohners zu Sebach Zürcher Gebieths, hinderlaßene eheliche Tochter“, und 1692 „Hanß Ulrich Bachmann, Bawrenknecht, Hanß Ulrich Bachmanns von Stephansburg Berner Gebieths“. 1670 stirbt „Peter Furrer, geweßner Kühhirt allhier Religionis Calvin:“, der nach Namen, Beruf und Konfession ebenfalls Schweizer war. Nach 1700 arbeitete als Melker auf dem Bromberg Peter Gangin-Genker-Gincker, der reformierter Religion, also wohl wie Furrer Schweizer. 1702 ließ Nicolaus Krebs, ein Müllerknecht, „Helveticus & calvin: Religionis“, ein Kind taufen. Ab 1710 lebten hier Wolfgang Müller „Helv: Reform: Mitmelckher (auf Bromberg)“ und Jacob Müller als „Melcker in Under Bromberg, Helv: Refor:“ 1700 starb in Haslach Christianus Weiler, „ein Landführer Calvin: Religion“.

    Ochsenbach und Spielberg
    In Ochsenbach werden bereits 1588 der Brunnengräber Clauß Schutz von Sultz im Schweitzerland und 1597 Magdalena, Clauß Schnerlins seligen hinderlassne dochter von Daihingen Schaffheuser Gebiets genannt. Sehen wir von diesen zwei ab, so beginnen Schweizer Einträge am 11. März 1650 mit der Taufe des Abraham, Sohn des Schweizers Abraham Stephan und seiner Frau Anna. Der Zustrom ließ nach 1700 deutlich nach, hörte aber nicht gänzlich auf. Ihrem Namen nach stammen die Spielberger Frudiger aus „Frutigen, Berner Gebiets“. Ihr Stammvater war Ulrich Frudiger, „Gewesener Beysitzer zu Cleinen Sachsenheim, sonsten von Dörligen aus dem Schweitzerischen Bernergebiet bürtig“ (1696); bei der Taufe seiner Tochter Magdalena in Kleinsachsenheim 1681 wird er „Ulrich Frautiger von Derlingen Berner Gebiets“ genannt.
    Schweizer hatte es in Ochsenbach besonders viele, da sie oft als Melker und Maiereiknechte im Tiergarten Kirbach beschäftigt waren. Taufeinträge mit Schweizern als Paten und Eltern sind: 1656 Catharina Ratzin undt Christina Bembin, beyde Schweitzerin; 1659 Christian Kern, Schweitzer aus dem Berner Gebüett, uxor Anna, zu Spielberg, und Christianus Harray et uxor Veronica alhie; 1661 Joseph Mayer zu Horra, Schweitzer, et uxor eius Barbara; 1674 Beatus Egerter, Calvinista, auffm undern Bromberg; Benedicta; 1675 Hanß Kohler, calv.; Anna Catharina Kohlerin conjux; auch calvinisch; 1676 Hanß Jacob Kuckubihl, (auch Uckenbühl und Gugenbühl) calv., Christina; Maria Magdalena, Jacob Bechlers auß der Schweitz im Berner Gebieth auß dem Wimsisch [Tochter?]; 1677 Hanß von Buch, Bedienter auf der Melckherey, ux. Magdalena, calv.; 1685 Peter Kerner, uxor Elisabetha, beede calvinisch, der Melkerei Bedinte im Thiergarten; 1686 Peter
    Staller (auch Stalter) von Blumenstein aus der Schweitz, der Zeit Maierei Knecht im Thiergarten, uxor Maria Dorothea; 1689 Catharina Weberin, „gibt an zum Vatter N. Ottman, einen Maurer aus der Schweitz, von Heidelsheim hieherkommen, weil solches von den Frantzosen verbrand worden“; 1670 Hans Jacob Müller von Altigen, Zircher Gebiets, Christina, beede calvinisch; 1695 Stephan Zwahli, calv.; 1697 Christian Maier, von Kratigen Berner Gebiets, calv., uxor Verena; 1698 Jacob Distler von Frutigen aus der Schweitz Berner Gebiets, calv. p. t. Beysitzer in Spilberg, ux. Catharina; und Peter Öscheler p. t. Maier im Thiergarten, ux. Barbara, beede calv.; 1705 Peter Carl von Schwartzenmatt, Kilchhöri Boltigen, calv.; ux. Anna Barbara; 1706 Caspar Lenner, Hirtt in Spilberg, calv., ux. Regina; 1735 Johannes Müller, reformirter Beysitzer in Spielberg, ux. Anna Elisabetha; und Elisabetha Eichlerin, Dienstmagd in der Melckerey, gebürtig aus der Schweitz; 1739 Christoph Zatke, Helvetius von St. Stephan, Berner Gebiets, ux. Magdalena Charlotta.
    Die meisten Schweizer kamen vor allem aus dem Berner und dem Zürcher Gebiet. 1655 „Hanß Henrich Meyer, Hanß Meyer, burgers zu Remmingen im Zürcher gebieth, ehelicher sohn: undt Anna Krenckerin, Gerardt Krenckhers, burgers zu Oberwinterdauer im Zürcher Gebieth, eheliche tochter“; 1656 Hanß Conradt Schwartz, „Burger undt Schneyder zu Sikenbach, Hanß Schwartzen, Burgers zu Güldingen im Schweitzer Gebieth, hinderlaßener ehelicher Sohn“; Burckart Handtkrath, „Burgkart Handkrath, Burgers zu Gilddorff im Berner Gebieth, ehelicher Sohn“; 1657 Christian Kern, „Christian Kernen, Burgern zu Gelb im Berner Gebieter, hinderlaßener ehelicher sohn“, undt Anna Weiningerin, „Christian Alhaußen, Burgers undt Einwohners zu Langnaw im Immerthal, hinderlaßene Wittib“; 1660 Hanß Haray, „Christiani Harays relictus filius, gebürttig in Schweitzerland Berner Gebüett, Siebenthal, calviniana religionis, sed Dei gratiâ conversus“; 1665 Hanß
    Schindtler „außer Bern“; Barbara, „Hanß Brenenman auß dem Berner Gebieth eheliche Tochter“; 1666 Andreas, „Andreas Schwartzen, sinawischer Herrschafft im Berner Gebüeth, elicher sohn“; 1668 Hanß Jacob Knöpffler „von Ottmaßingen in der Herrschafft Lentzburg Berner Gebieth“; 1674 Hans Steppacher, „Joh. Steppachers hinterlaßener Sohn, v. Oberweyl auss der Schweitz“; und Hans Ägerter, „Melcker auffm undern Bromberg“, und Margaretha, „Ulrich Zwahla von Weissebach aussm Berner Gebiet“; 1676 Hanß von Buch, „Melckherknecht am Strohmberg, der Durchl. Princeßin Eberhardina Catharina H. Z. W. &c., bürtig von Jetendorff auß dem Berner Gebieth, … mit Magdalena, Peter Graven nachgelaßner geschwängerten witib, in MagtDensten auf gedachter Melckherey, bürtig auß Sibenthal im Berner Gebieth“; 1678 Caspar Großman, „Zimmermann, Melcher Großmans, Küfers zu Weyhingen, Zürcher Gebiets,“ Sohn; 1679 Hanß Ebersperger „von Maylen, Zürcher Gebüths, conversus et civis in Ochs[enbach]“ mit Benedicta, „Beati Egerters, calv. Beysitzers in
    Ochsenbach, nachgelaßner Wittib“; 1683 Hanß Stuckhi, „Hanß Stuckhi von Wimmiß, Berner Gebieths, ehelicher Sohn, anjetzo Melckher bey ihro Gestrengen Christoph Otto von Grünenwald, Forstmaister am Stromberg; mit Elisabetha, Melchior Redenbach von Eschi, Berner Gebieths, nachgelaßnen ehelichen Tochter, in MagtsDensten bey gedachtem Junkher Forstmaister“; 1684 Hartman Angst, „Hanß Angsten, Weingartners weiland zu Weil auf dem Traffterfeld, Zürcher Gebiets“; und Anna Margretha, „weilandt Clemens Scheregs, gewesten Burgers und Kupferschmids zu Dürren¬Roth, Schweitz, Berner Gebieths in der Vogtey Summenswald, nachgelaßne eheliche Tochter, geweste hochadenlichen Haußhälterin zu Kirpach am Stromberg“, und 1686 Catharina, „Hanß Jacob Bosharts von Birckenhausen in der Schweitz,
    Zürcher Gebiets, eheliche Tochter“. Mit großem Abstand folgen noch zwei Schweizer Einwanderer im 18. Jahrhundert, so 1719 Conrad Haußheer, und 1734 Johannes Müller, von Boltigen, Berner Gebiets. Manche heirateten bisweilen schon in erster Generation in deutsche Familien ein.
    Bei Beerdigungen von Schweizern, die ab 1661 dokumentiert sind, wurde unterschieden zwischen denen, die evangelisch geworden waren, und denen, die ihren calvinischen Glauben behielten. Die Übergetretenen wurden „mit Sang und Klang“ begraben, die anderen „absque sermone funebri, et signo campanæ ac cantu dato“ („ohne Leichenpredigt, Glockengeläut und Gesang“), wie es 1661 formuliert wurde. Die Art der Bestattung wurde festgehalten: „propter Calvinismum ohne Leichenpredigt“, „ohne Ceremoni im Stillen“, „ohne Leichtpredigt“, „ohne Clang und Gsang“ für Calvinisten; „christlich“, „ut conversus ehrlich“ für die evangelisch Gewordenen. Alle jedoch erhielten ihr Grab im jeweiligen Kirchhof.
    Es finden sich an Bestattungen: 1661 „Hanß Steeg uxor, … sepulta fuit absque sermone funebri, et signo campanæ ac cantu dato. Deus omnipotens corpus eius cum anima reunitum olim in Novissimo Die resuscitabit“, das heißt ihrem Körper wurde dennoch am Jüngsten Tag die Vereinigung mit der Seele gewünscht; 1673 Anna-Regina, „Hans Egerters, Melckers zu Bromberg, uxor, alhier, doch propter calvinismum ohne Leichpredigt bestattet worden“; 1673 „Jacob Kuckubihl, Zimmermans, vierteljährigs Kindlin Mathias gestorben und folgenden Tags christlich zur erden bestattet worden“; und „Peter Krafft, Melcker Knecht uff Bromberger Hoff, gestorben und alhie zur Erden bestattet worden, die Leichtpredigt wurde, weilen er calvinisch gewesen, underlassen“; 1674 Jacob Roll, „ein Schweitzer reformierter Religion, gebürtig von Bischoffszell, sich auffhaltend bey Peter Steinlin zu Spilberg, und wurde allda auff selbigen Kirchhoff begraben“; 1676 Heinrich Pommer, calvinischer Beysitzer zu Spielberg, „ohne Ceremoni im Stillen begraben“; 1677 Hanß Handgrath, „calvinischer Burger alhier bey 20 Jahr lang, ohne Leichtpredigt begraben“; und „ein todt kind, so von Magdalena Schneiderin, einer Schweitzer Magt im Thiergarten bey Junckher Forstmeistern, ohne Man, begraben worden“; 1678 Beatus Egerter, „calvinischer Beysitzer, ohne Clang und Gsang begraben“; 1682 Barbara, „Balthaß Widers, Mayers im Thiergarten, Haußfrau von 73 Jahren, calvinisch“; 1683 Michel Stuckhi „von Bartenberg, Berner Gebieths, von 44 Jahren, gewester Beysitzer zu Spielberg, ut conversus ehrlich begraben worden“; 1684 Christina, „Hanß Handgraths nachgelaßne Witib von 70 Jahren, conversa, ehrlich zur Erden bestattet worden, nata zu Bigla, Berner Gebiets“; 1685
    Salomon Walser, „auß dem Zircher Gebieth, calv. Kühirt von 70 jahren, viduus, ohne Klang u. Gsang begraben“; 1689 Peter Kerners, „Maiers im Thiergarten, Weib Elisabetha, ihres Alters 31 Jahr, calvinischer Religion“; ihr folgte „ihre leibliche Schwester Margretha, Johannes Egerters, Melckers uf dem untern Bromberg, gewesene Hausfr., welche vor ihrem Tod zu unserer Religion getretten, welcher Leichnam Gott mit Freuden erwecke“; 1690 „Johannes Egerters, Melkers uf dem Bromberg, sein Viehbub namens Melcher Stöckli aus der Schweitz von Wattenweil Berner Gebiets, an der hitzigen Kranckheit gestorben, und weil er calvinischer Religion zugethon, ohne Klang u. Gsang auf den äussern Kirchhof begraben worden“; 1692 Hans Burger „von Jetlingen, Berner Gebiets im Schweitzerland, gewesener viljähriger Schütz alhie, calvinischer Religion, seines Alters über 70 Jahr“; 1693 Balthas Amstats, „Zimmermans, Wittib Veronica
    gestorben, calv. Religion“; und Michael Cunz, „gewesener Ochsenhirt, calvinischer Religion, gebürtig aus dem Nidern Sibenthal von Christwisenburg aus dem Schweitzerland in die Kirch Oberwil, seines Alters 61 Jahr“. Dann folgen wieder mit großem Abstand einige wenige Schweizer Todesfälle: 1729 „Den 27. dit. [Dezember] stirbt Magdalena, Ulrich Brechbühls, reformirten Schweitzers und bißherigen Hirten in Spielberg Eheweib, an dem Marasmo senili, nachts zwischen 6 und 7 Uhr, ihres Alters 74 Jahr, 10 Monat, 26 Tag. Wird begraben den 29. ejusdem. Leich-Text Psalm 72, 12.13. auch auff das äusserliche Elend dieses Lebens applicirt.“ 1733 „Den 16. desselben [September] stirbt in Hoffnung seelig vormittags um 10 Uhr Jacob Jantzy, ein alter 80-jähriger Grais, der Geburt nach ein Schweitzer reformirter Religion, der 8 Tag bey seinem verstorbenen Tochtermann auff dem Elffinger Hof gewesen, welcher an einer außzehrenden Kranckheit verschieden, und nachdem er daselbst eine febrilische Entzündung auf der Brust bekommen, und zwar noch auff Spielberg, als dem Ort seines bey einem Jahr her gewesenen Auffenthalts, gelanget, daselbst aber gleich sich legen müssen, und nach 8 tägigem Lager sein Leben endlich seelig geendet, da er gelebet hatte, 80 Jahr 13 Wochen, 5½ Tage. Wurde begraben den 18. desselben vor der MorgenPredigt. Text: Psalm 71, 18. Spielb[erg]“. 1734 „Den 31. October nachts zwischen 11 und 12 Uhr stirbt Ulrich Brechbühl, reformirter Beysitzer in Spielberg, da er sich 8 Tag vorher geleget, und man nicht gewußt, was draus werden wolle, es auch nicht gefährlich geschienen bis an den Tag seines Todes, seines Alters war er ohngefähr 84 Jahr. Wurde begraben den 2. November vor der HochzeitPredigt.“

    Häfnerhaslach
    Das winzige Häfnerhaslach wurde ebenfalls gern durch Schweizer besiedelt. Hier finden sich 1651 Hannß Jacob Ott, burgerlicher Innwohner zu HäffnerHaßlach (sonsten auß dem Fleckhen Schalcken, der Herrschafft Griffensee, Zürcher Gebiets, bürtig) wie es in einem Eintrag in Haberschlacht heißt; 1653 Hanß Jacob Buocher, von Dorligheim Zürcher Gebiets; 1662 Felix Leeman, sonsten gebürtig von Weiden, Zürcher Gebüets, Hansen Leemanns, Burgers u. Inwohners zu Tieffenbach, Sohn; 1663 Hanß Heinrich Wolff, Bernhard Wolffen, Burgers zu Hinwyl, Zürcher Gebiets; 1663 Heinrich Boßhart, Zimmergesell, gebürtig von Embrach in der Graffschafft Küburg, Zürcher gebiets, Jergen Boßharts, Burg[ers] daselbsten, ehelicher Sohn; 1664 Ulrichs Sauthers Dochter zu Dallweyl, Zürcher Gebüeths; 1671 Wolfgang Rokensinger, ein Bub von 14 Jahren, gebührig aus dem Schweitzerland, Zürcher Gebietts. Dieser war ein Neffe des Hans Jacob Buocher von dessen Schwester Ursula; der Vater Roggensinger war aus Bayern gebürtig und in der Schweiz vom katholischen zum reformierten Bekenntnis übergetreten. Dann, nach längerer Pause, erscheint 1704 Johannes, Johannes Rösche sein 1½jähriges Knäblein, Schumachers auß dem Berner Gebiet; 1707 Andreas Steurer, von Dörliken, Berner Gebiets gehörig unter Schultheissen Untersöben; 1725 Christian Löw, Relig. reform., von Blumenstein in der Schweitz, Berner Gebiets; 1730 Heinrich Kistler, Jacob Kistlers, Inwohners zu Bötzen in der Schweitz, Berner Gebiets, ehel. und lediger Sohn, Reform: Religion. Nach der Güglinger Vogtrechnung musste Jacob Wollet, reformierter Religion, seit 1725 Beisitzgeld bezahlen; in Häfnerhaslach ist er als Schweizer nicht erkenntlich; er stand 1718 bereits Pate
    und wurde 1719 Großvater, ohne dass wegen der Konfession eine Bemerkung gemacht worden wäre.

    Einwanderung aus anderen deutschsprachigen Ländern
    Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Migranten kam vor allem aus Österreich, in welchem der Protestantismus mit Feuer und Schwert ausgerottet wurde, und daher viele zur Flucht gezwungen waren. Weitere kamen aus Brandenburg-Ansbach, damals auch Onolzbach genannt, das bis in die Gegend von Schwäbisch Hall reichte. Die Gründe sind im Einzelnen noch nicht geklärt; religiöse Gründe scheinen auszuscheiden, soziale Gründe dagegen anzunehmen. Eine geringere Rolle spielten die Soldaten, die bei Kriegsende dort entlassen wurden, wo sie gerade stationiert waren. Sie mussten entweder neue Dienste annehmen oder versuchen, in der Fremde ihr Brot zu finden. Viele von ihnen waren Marquetender und bauten nun einen Betrieb als Händler, Gastwirte oder Bäcker und Metzger auf. Da die Zeiten im Süden durch die ständigen Angriffe Frankreichs auf den deutschen Süden weiterhin trübselig waren, zogen viele dieser Migranten (zum Teil
    auch in der näheren Umgebung) weiter, so dass viele Namen nach der ersten Nennung nicht mehr auftauchen. Dennoch sind beispielweise die österreichischen Deumelhuber, Heidinger, und die teils Schweizer, teils österreichischen Baumgärtner und Sieber, die Schweizer Ott und Stalder, um nur ganz wenige zu nennen, heute noch bekannte und zahlenstarke Familien aus jener Migrationszeit. Bevorzugte Ziele der Migranten waren dabei meist die kleineren Orte, die durch den Krieg stärker entvölkert waren.

    „Echte“ Ausländer
    Auch „echte“ Ausländer kamen damals in geringer Zahl in dieses Gebiet. Von diesen seien einige genannt. Ab 1652 findet sich in Ochsenbach ein Franzose, „ein Wälscher“ , Andreas Cleman oder Clement. Dieser diente in Stuttgart bei Herzog Ulrich, einem Bruder des regierenden Herzogs. Zusammen mit seiner Frau Anna Barbara ließ er in Ochsenbach vier Kinder taufen: Jerg 1652, Jobst Henrich 1656, Maria Agnes 1656 und Philippus 1661. Die Söhne Philipp und Hans Jerg starben in Stuttgart, wurden aber 1662 bzw. 1663 in Ochsenbach beerdigt. Ab 1659 stand das Ehepaar Pate bei Ochsenbacher Kindern. 1670 wurde er als Gevatter „Andreas Clement, Hirschwirt alhier“, 1673 „Burger allhie“ genannt. Am 20. Aprilis 1678 wurde „Andreaß Cleman von Sermes auß Franckhreich, von 70 Jahren, alß gewester Thorwart im Neuen Bau zu Stuttgart, im Sarch alhero gebracht und mit einer Leichpredigt zur Erden bestattet“. Am 26. Januar 1693
    vermählte sich in Ochsenbach „Herr Joachim Schultz, RegimentsQuartierMeister und Lieutenant unter dem Würtembergischen Regiment zu Fuß in Spanien, Herrn Peter Schultzen in Stockholm, königl. Majestät in Schweden getreuen Dieners u. Oberinspectors über die TabacCompagnie Ingermanland u. Carelen, ehelicher Sohn“, mit „Fräulin Anna Elisabetha Truchsessin von Höfingen, des wohlgebohrnen Herrns Johann Fridrich Truchsessen von Höfingen, gewesenen Hauptmans seel., hinderlassener ehelicher Frl. Tochter.“ Diese Ehe wurde laut Eheeintrags „im Forsthauß dessen gröseren Saal christl. eingesegnet“. Natürlich blieb dieses Ehepaar nicht in Kirbach oder Ochsenbach.

    Fazit
    Wir haben es im fraglichen Zeitraum zwischen 1650 und 1750 neben der dauernden württembergischen Innenmigration also mit drei Migrationen zu tun: Erstens der Schweizer aus wirtschaftlichen, zweitens der österreichischen Migration aus religiösen Gründen, beide verbunden mit Integration in der örtlichen Bevölkerung, und drittens, Sachsenheim nicht unmittelbar betreffend und daher nicht weiter ausgeführt, mit der ebenfalls religiös begründeten Migration der Waldenser, die – als nicht deutsch Sprechende – anfangs in eigenen Siedlungen aufgenommen und auch erst einige Jahrzehnte später völlig integriert wurden.

35. Prof. Dr. A. Schau, Ludwigsburg, 10. März 2011

Stadt-Land-Fluss – Zur Bedeutung von Orts-, Fluss – und Ländernamen

  • A. Entstehung der Ortsnamen

    1/  Älteste germanische Namensschicht
    a. Insassenbezeichnungen
    Durch Kollektiv-Suffix (Nachsilbe)  -ingen.  Bedeutung: bei, zu den Leuten des…
    Göppingen = bei den Leuten des Geppo

    b. Stellenbezeichnungen
    Durch Suffixe -apa, -aha = Wasser,  -lar = Viehhürde,  -mar = stehendes Gewässer, -loh = Wald
    Salz-ach, Gos-lar, Wei-mar, Güters-loh

    2/  7. und 8. Jahrhundert

    Nach der Völkerwanderungszeit wurde im Frankenreich systematisch zuerst in der Ebene mit seinen fruchtbaren Lehm- und Lössböden gesiedelt.
    Namenskennzeichen wurden hier Gruppensiedlungen mit dem Suffix -heim = Haus, Wohnort.

    3/  9. und 10. Jahrhundert

    In dieser Phase erfolgen Ansiedelungen in höher gelegenen und in den Grenzgebieten.
    Ortskennzeichen sind hier die Grundwörter  -hausen, -dorf, -hofen
    Auf Rodungstätigkeit deuten die folgenden Suffixe hin: -rod(t), -reut, -riet.
    -scheid(t) = scheiden, trennen ist Hinweis auf eine Grenz- oder Wasserscheide oder auf die Privatisierung des Gemeindewaldes (Ausscheidung) durch Rodung eines Privatmanns.
    In dieser Phase entstehen auch Ortsnamen, die auf die Suffixe -holz, -holt, -bach (beek, beck, beke), -tal enden.
    Der große Anteil der Reformorden und der Kirchen an der Besiedlung schlägt sich z. B. nieder in den Ortsnamen
    St. Gallen, St. Florian, Benediktbeuren
    Ähnlich ist die Verwendung des Hinweises auf Kloster (lat. monasterium) oder Zelle (cella = Klosterzelle) in den Ortsnamen: Münster, München (bei den Mönchen) , Radolf- und Mariazell.
    Auf den Anteil der Kirche verweisen Kirchheim, Bischofsheim, Pfaffenhofen.

    4/  Spätmittelalter  14. und 15. Jahrhundert

    Entstehung von Neusiedlungen im Kontext der Industrialisierung, z. B. Eisenhammer, Glashütte.
    Folgende Suffixe verweisen auf diese Entwicklung: -ofen (Kalkofen) -berg (Annaberg = Bergbau)
    -tal (St. Joachimstal = Fabriksiedlung am Fluss) -hall (Halle, Schwäbisch Hall)  von althochdeutsch.
    halla
    = Halle zum Salzsieden

    Auf angeworbene ausländische Siedler (Hugenotten und Waldenser) deuten die französischen Ortsnamen Pinache, Groß-/Klein- Villars, Serre bei Mühlacker hin.

    5/  Frühe Neuzeit  15.bis 18. Jahrhundert

    In diese Zeit fallen unter anderem Schlossneugründungen. In die Schlossnamen gehen entweder die Namen der Landesherrn als Bestimmungswort ein oder aber hochwertige französische Attribute der damals den Ton angebenden französischen Leitkultur: z. B. – Wilhelmshöhe, Karlsruhe.
    Französische Kennzeichnungen: Sanssouci = Sorglosigkeit, Solitude = Einsamkeit , Favorite = Favoritin, Günstling, Bellevue = Schöne Aussicht, Monrepos = Meine Ruhe.           
               
    B.  Morphologische (die äußere Gestalt betreffend) Einteilung

    1/  Simplizia (einfache, nicht zusammen gesetzte Namen)

    Aachen = aqua, aha  oder Trier = Stadt der Treverer (keltischer Stamm)
    Komposita (zusammen gesetzte Namen)
    Heilbronn, Ludwigsburg
    Derivata (durch Ableitung entstanden)
    Göpp-ingen, Sachsen-hausen

    2/  Toponyme (ortsbezogen) und soziale Schicht

    Burgennamen: Suffix-Kennzeichen z. B. -burg, -eck, -fels, -stein
    Oder: Namens-Kennzeichen z.B. Ludwigsburg
    Adelssitze: z. B. Solitude, Monrepos, Sanssouci
    Heraldische Hinweise: z.B. Falkenstein, Leonberg

    3/  Semantische Probleme

    Mannheim >Appellativ „Heim“ plus Rufname „manno“, Genitiv „mannin“
    Busendorf >  Buße tuende Zisterzienser (Zisterzienser Kapelle) oder Bucht (Busen) an einem ausgetrockneten See
    Deppendorf > Rufname Kurzform von Detbert (diot=Volk, brechtan=glänzen) > Dorf des Detbert
    oder > Berufsname abgeleitet von Döppner, Töpfer – abgerundet: Deppner, Deppe
    Kotzendorf > Cotze, engl. Coat = mantelartiger Überwurf ohne Ärmel (Poncho) aus Wolle
    Möse > dialektal eingefärbte Ableitung von „Moos“ = mösig
    Scheide > Grenz-, Wetter-, Wasser-Scheide oder Berufsübername: Scheidenhersteller = Hersteller von Schwertscheiden, Waffen
    Schlitz > Verschleifung von „Slitese“=Hügel, vielleicht zur Erleichterung der Aussprache

    C.  Zu den Ortsnamen
    1. Hinweise auf Gewässer

    Die meisten Ortsnamen gehen auf Siedlungsstellen- oder Insassenbezeichnungen zurück. Stellenbezeichnungen beziehen sich auf solche Plätze, die sich für eine Ansiedlung von ganzen Stämmen, einzelnen Volksgruppen oder Familien besonders eigneten. Solche idealen Siedlungsplätze waren Wasserstellen, die die Trinkwasserversorgung für Tier und Mensch sicherstellten, logistische Voraussetzungen erfüllten und militärischen Gesichtspunkten zu genügen hatten, etwa dem Schutz vor Angriffen und raschen Fluchtmöglichkeiten. Die Stellenbezeichnungen wurden mit der Zeit fest und lebten als Ortsnamen in der Geschichte weiter, auch wenn man dies den Namen heute nicht mehr ansieht. Nehmen wir die Stadt Kiel. Wo, bitteschön, ist hier etwas vom Meer oder Wasser zu spüren? Kiel ist ein Kürzel, das auf ein Syntagma, eine Wortansammlung zurückgeht, die eine in Niederdeutsch gehaltene Richtungsbezeichnung to dem Kyleangibt (mittelhochdeutsch kîl = etwas halsförmig Geschwungenes, Keil, Bucht, siehe den gleichnamigen Schiffsteil). Ausgesagt werden soll, dass der Ort an einer schmalen Bucht gelegen ist. Einen niederdeutschen Siedlungsnamen mit dem Bezug zum Wasser stellt auch der Städtename Hannover dar. Auch diesem Namen liegt ein Syntagma zugrunde, das niederdeutsche am han over  = am hohen Ufer, gemeint ist der Fluss Leine. Auf eine Stellenbezeichnung am Wasser verweisen auch alle jene Ortsnamen, die auf das Grundwort lar (althochdeutsch Hlar = Umzämung, Weideplatz) ausgehen. Goslar ist wohl so aus einem Weideplatz hervorgegangen, der an dem Fluss Gose (indogerm. Ghus = sprudeln) liegt. Lahr im Schwarzwald oder Lohram Main haben den gleichen Ursprung. Einen Zusammenhang zum Wasser weisen auch die unzähligen Siedlungsnamen mit dem Grundwort –bach auf. Der Schillerort Marbach am Neckar ist eine an einem Bach gelegene Siedlung. Doch was will uns das Bestimmungswort Mar- sagen? Das Wort hat aus sprechtechnischen Gründen unterwegs seinen letzten Buchstaben, ein K, verloren. Da Markbach beim Sprechen Schwierigkeiten bereitet, hat man es weggelassen. Im Mittelhochdeutschen bezeichnet marke eine Markierung oder Grenze. Bei Marbach könnte sich das Bestimmungswort auf die ehemalige Diözesangrenze zwischen dem bischöflichen Amtsbezirk Speyer und dem von Konstanz beziehen. Gleich ums Eck bei Marbach taucht ein befremdlicher Ortsname auf – Affalterbach. Das der Ort an einem Bach liegt, ist klar. Doch was hat es mit dem fremd klingenden Wort affalter auf sich? Affalter ist von dem althochdeutschen Wort apholtra = Apfelbaum abgeleitet. Nun ist auch das klar.

    Das Wasser ist nicht nur ein Lebensspender, es ist auch ein vielseitiger Namensgeber. Das ausgestorbenes Wort A(a) oder Ach(e), das auf das althochdeutsche aha = fließendes Wasser (verwandt mit dem lat. aqua) zurückgeht, weist auf das Wasser hin. Es hat sich noch in einigen Namen erhalten, zum Teil als Simplex, wie in einigen Flussnamen, der Bregenzer oder der Radolfzeller Aach etwa. Auch in der Großen und Kleinen Oheim Bayerischen Wald, einem bayrischen Verwandten, hat die Aach Zuflucht gesucht. Oft erscheint das althochdeutsche aha auch verkürzt zum Suffix –a wie in den Flussnamen Werra oder Schwarza. Ja sogar der Suhl, die einstmals Sulaha hieß. Auch die Weser hat sich des Wassers angenommen: mittelhochdeutsch wise-aha = ohne Führung fließendes Wasser. Ansonsten hat sich das Wörtchen -ach mit vielen anderen Wortbestandteilen zusammengetan. Ach hat sich etwa in Biberach versteckt, einem Gewässer, in dem es einmal Biber gegeben haben muss. Auch Urach hat eines abbekommen. Wie schon Biberach zählt auch Urach zu den Ortsnamen, die man Ereignisnamen nennt. Das Ereignis, das zur Namensbildung führte, war im ersten Fall ein Biber, im zweiten ein Auerochse (mittelhochdeutsch ur = Auerochse), der an einem fließenden Wasser angetroffen wurde. Was für eine konkrete Bewandtnis es mit den jeweiligen Tieren hatte, ist unbekannt. Wie steht’s um den Neckar? In ihm kommt der indogermanische Wortkern nikros/neik/nik, in der Bedeutung von wild drauflos stürmen, zum Vorschein. Der Neckar – ein garstiger, zänkischer Fluss im gemächlichen Schwabenland?
    Für Vieh-, Waren- und Militärtransporte waren Furten (mittelhochdeutsch  vurte =  Flussbett, Weg) von überragender Bedeutung. Frankfurt kam einer Furt der Franken wegen zu seinem Namen. Schweinfurterinnert an eine Furt, durch die Schweine geführt wurden. Und Ochsenfurt ist auf eine Furt für Ochsen zurückzuführen. Neben den natürlichen gab es künstliche Flussübergänge, die Brücken, um die herum Ansiedlungen errichtet wurden. Der Begriff Brücke (ahd. brucca) meinte ursprünglich einen Bohlenweg im sumpfigen Gelände oder einen Knüppeldamm. Erst später wurde der Begriff auf hölzerne Brücken und solche aus Stein ausgedehnt. Für die Namensgebung kam die Brücke als Simplex im Singular oder Plural (siehe die Orte Brück, Brügge oder Brücken) in Betracht oder ging als Grund- beziehungsweise  Bestimmungswort in ein Kompositum ein. So geschehen bei Innsbruck, Bad Brückenau oder Osnabrück. Eine Besonderheit springt bei Fürstenfeldbruck ins Auge. Hier lautet das Grundwort nicht Brücke, sondern  bruck. Dafür gibt es eine Erklärung. Das Suffix -bruck geht zurück auf das altbairische p(b)rugk = Brücke. So betrachtet geht der Name also in Ordnung. Einen anderen Sonderfall stellt der Ortsname Saarbrücken dar. Warum heißt der Ort nicht Saarbrück, was nahe läge? Die Besonderheit hat mit einem grammatischen Phänomen zu tun, einem ausgestorbenen, eine Örtlichkeit bezeichnenden Fall, dem Lokativ Pluralis, der im konkreten Fall so viel besagte, dass der Ort bei den Brücken der Saar liegt.
    Der Begriff Brücke steckt dann auch noch in seltenen Ortsnamen, die das Grundwort –pfunz (lat. Pons =  Brücke) enthalten wie Pfunds in Tirol. Keine Frage, dass auch Häfen von großer strategischer Bedeutung waren und noch sind, weshalb sie in Ortsnamen-Komposita vorkommen. In diesen Fällen wurde das Bestimmungswort für die Herrschernamen reserviert. Für Friedrichshafen am Boden stand Friedrich I. von Württemberg Pate. Ludwigshafen am Rhein ehrte in seinem Namen Ludwig I. von Bayern. Und Ludwigshafen am Bodensee setzte mit seinem Namen Großherzog Ludwig von Baden ein Denkmal. Auf ihre römische Tradition können sich Porz am Rhein, Pforzen an der Wertach und Pforzheim berufen. In ihren Namen erscheint das lateinische portus in der Bedeutung Hafen, Landeplatz und Zollstation eingedeutscht.
    Dass auch der viel sagende Begriff Aue, der einmal eine wasserreiche Insel, dann Land am Wasser, endlich einen kleinen Fluss anzeigen konnte, auf die sprachliche Wurzel Ach(e) zurückgeht, ist dem Namen nicht so ohne weiteres anzusehen. Ein Nebenfluss der Weser und der Unterlauf der Gande ab Gandersheim tragen den Namen Aue. Und gleich acht Orte schmücken sich mit diesem Namen. Als Bestimmungswort verhilft Aue mehreren Orten zu ihrer sprachlichen Identität: Auendorf, Auengrund, Auenhausen, Auenheim, Auenstein, Auenwald, um nur einige zu nennen.
    Im 9. Jahrhundert tauchte eine neue Kennzeichnung für ein Gewässer auf, der Bach. Alle die Orte aufzuzählen, die Bach als Grund- oder Bestimmungswort besitzen, würde zu weit führen. Im Niederdeutschen heißt der Bach B(e)ck(e). Er kehrt in den Städtenamen Beckum, Bekum oder Bachem wieder. Ehe der Begriff Quelle aufkam, gab es bereits das adäquate Wort Brunn, das als Grundwort Ortsnamen wie Wald(en)brunn = Quelle im Wald zu ihrer Kennzeichnung verhalf. Nahe Verwandte von Brunn sind Bronn, zum Beispiel im Städtenamen Heilbronn (aus Heiligbbrunnen = heilige Quelle, hervorgegangen) enthalten und Born. Ein interessanter Ableger des Wassers ist das ausgestorbene Wort Strut(mittelhochdeutsch strût = Flut), das im Flussnamen Unstrut noch erhalten geblieben ist. Es konnte eine feuchte Niederung, einen Sumpf, auch ein Gebüsch oder Dickicht anzeigen. Verloren gegangen ist ebenfalls eine andere Bezeichnung für Sumpf: Venn, das als Fenn, Vin, Vinn, Veen Gestalt annehmen konnte und sich als Orts- oder Familiennamen noch erhalten hat. Eine andere wässrige Angelegenheit war Brühl, ein Lehnwort aus dem lateinischen broglius = fette sumpfige Wiese. Brühl bei Köln, bei Schwetzingen und bei Regensburg teilen sich diesen Namen. Dem Wasser begegnen wir erneut in den mannigfachen Bezeichnungen für Bodenvertiefungen, allen voran dem Tal, das auf indogermanisch dhel = Höhlung, Wölbung zurückgeführt werden kann. Die Delle ist davon abgeleitet. Das Tal gibt es als Ortsnamen im Badischen. Als Bestimmungswort taucht das Tal in Talheim oder Talhausen auf und als Grundwort in Freuden– oder Klingental. Ein scharf eingeschnittenes Tal mit einem rauschenden Bach ist dann bekanntlich eine Klinge. Enthalten in den Ortsnamen Klingbach, Klingenbach, Klinge, Klingen, Klingenhagen, Klingenstein.
    Von großer logistischer und strategischer Bedeutung für das Siedlungswesen waren ganz bestimmte Naturgegebenheiten, die bei Katastrophen Schutz gewährten, oder ideale Rückzugsgebiete darstellten wie etwa Inseln oder Ufererhöhungen, wofür es im Mittelhochdeutschen den Begriff wert(e) gab  = Flussinsel; erhöhte, wasserfreie Stelle in Sümpfen; erhöhtes Ufer, aus dem sich später Werder, wie heute noch ein Ort heißt, herausbildete. Als Grundwort kehrt es auch im Ortsnamen Bischofswerder wieder, und der Bremer Fußballverein Werder Bremen hat sich danach benannt. Erhalten geblieben ist das mittelhochdeutsche Wort noch im Ortsnamen Werth, auch in Wertheim.  Eine Variante stellt Wörth dar, worauf Wörth am Main und Donauwörth Bezug nehmen.

    2. Tektonische Hinweise

    Neben dem Wasser spielt die Bodenbeschaffenheit oder Tektonik bei der Namensgebung für Orte eine herausragende Rolle. Dass Berg und Tal in die Namensgebung eingingen, haben wir bereits gesehen. Dazwischen liegt die Ebene, die den dort Wohnenden zu Namen wie Ebner, Ebnet, Flach(e), Flachmeyer oder Auf der Platten, auch Blattmann verhalf. Es gibt aber noch andere Boden-Auffälligkeiten, die für eine eindeutige Kennzeichnung taugen. Da wäre etwa der Sand zu nennen, der beim Zerfall quarzhaltiger Steine entsteht. Den Ortsnamen Sand allein gibt es gleich zehn Mal. In anderen Fällen fungiert er als Bestimmungswort, wie in Sandheim, Sandhausen, Sandheide, Sandhof oder Sandhorst ( hurst = Sumpf) zu sehen ist. Eine gröbere Sandform, das Kiesgestein oder einfach der Kies, findet sich etwa im Ortsnamen Kiesberg wieder. Das mittelhochdeutsche Wort griez deckte früher mehrere Bedeutungen ab. So konnten sowohl das Sandkorn, der Kiessand, dann aber auch das Griesmehl gemeint sein, so wie wir die Bezeichnung Gries heute noch verwenden. In den Orten Gries, Gries(en)bach, Griesheim ist Gries in der Bedeutung von Kiessand ebenso präsent wie in Lenggries/Isar, was eine lange, ausgedehnte Kiesfläche an der Isar bedeutet. Dem Lehm verdanken Ortschaften wie Lehmbach, Lehmberg oder Lehmbrock ihren Namen. Und da im Mittelhochdeutschen der Lehm noch leim, leime hieß, können wir Orte wie Leimbach (neun Mal!), Leimen oder Leimenäcker (im Schwarzwald) ebenfalls dem Lehm zuordnen. Die Tonerde wiederum, früher Letten genannt, steckt in dem gleich lautenden Ortsnamen Letten, der fünf Mal ausgewiesen ist. Auf den Kalk stoßen wir in den Ortsnamen Kalkhöfe, Kalkhorst, Kalksbeck oder Kalkreuth, auch Kalchsreuth. Wie das Wort Letten so ist auch das mittelhochdeutsche Wort leie für Fels, Stein, Schieferstein verloren gegangen. Aller Wahrscheinlichkeit nach blieb es uns in einigen Ortsnamen, so in Leiberg erhalten. In jedem Fall aber lassen sich die Familiennamen von der Leyen, Leifels oder Leiacker auf das mittelhochdeutsche leie zurückführen.
    Besonderheiten des Bodens werden auch durch Adjektive abgebildet, die häufig als Bestimmungswort in Ortsnamen eingeflossen sind. So ist es dem Attribut rau(h) ergangen, das uns in Raubach, Rau(h)enberg, Rauenstein oder Rauhenzell begegnet. Auch der Ort Rauchsfangwerder hat es sich angeeignet. Eine ähnliche Geschichte weist das Adjektiv übel auf, das auf mittelhochdeutsch übel(e) = schwer, schwierig, schlecht zurückgeht. Es bezeichnet eine Bodenbeschaffenheit, die der des Adjektivs rau ähnelt. Als Bestimmungswort regiert es die Ortsnamen Übelbach, Übelroda und taucht, niederdeutsch gewendet, in  Övelgönne und Üvelgönne wieder auf. Dann haben wir noch den Ortsnamen Yblagger, der auf einen üblen, schlechten Acker hinweist. Fehlt noch das Adjektiv dürr in der mittelhochdeutschen Bedeutung von trocken oder mager. Es hat sich in manchen Ortsnamen festgesetzt – in Dürrbach,
    Dürrbrunn, Bad Dürrheim oder Dürrwangen.
    Der Bodenbeschaffenheit zuzuordnen sind ferner Erhebungen und Vertiefungen. Dafür haben wir in der deutschenSprache die Attribute Höhe (hoch, höchst) beziehungsweise Tiefe oder tief. Sie gelangten in die folgenden Ortsnamen: Hochdorf, Hochheim, Hohentwiel, Höchst oder Tiefenau, Tiefenbach, Tiefengrund und Tiefenbrunn. Auch wenn man es dem Namen nicht ansieht, selbst der Name der Hallig Hooge ist eine niederdeutsche Variante des Attributs hoch, freilich ein minimales Hoch über dem Meeresspiegel. Verwandte Lagebezeichnungen sind die Lokaladverbien nieder und unte(n)r. Sie verhalfen den Orten Niederdorf, Niederhausen oder Unterneidingen zu ihrer Identität. Auf das Gegenteil Ober-, einer Ableitung des Adjektivs oben treffen wir wieder in Oberhof, Oberkochen und Oberroth.
    Die Himmelsrichtungen waren schon früh für die Orientierung von größtem Belang. Auch sie kamen für die Namensbildung in Frage. Der Norden, nebst Norder (mittelhochdeutsch. Norder = nördlich), hielt Einzug in die Ortsnamen Norden, Nordenham oder Nordalb. Der Osten, nebst Oster (mittelhochdeutsch. Oster = östlich), hat sich in die Ortsnamen Osten, Ostfildern, Osterburken oder Osterhofen verkrochen. Dem Westen, nebst Wester (mittelhochdeutsch. Wester = westlich), verdanken Westhausen und Westerhofen ihren Namen. Und den Süden, nebst Süder (mittelhochdeutsch süder = südlich), haben die Ortschaften Süden, Süddorf oder Süderfeld gemietet. Die eher unbestimmten Orts- oder Richtungsangaben mitten-oben-unten-nieder kommen ebenfalls bei der Namensgebung oft vor. An der Mitte und dem verwandten Middel haben Orte wie Mitte, Mittelbach, Mittelberg oder Middelburg Maß genommen.
    Orientierungshilfen im Gelände waren Lichtverhältnisse. Von der Helligkeit geben Lichtenfels (mittelhochdeutsch. Lieht = hell / vels = Fels, Festung) und Li(e)chtenstein Auskunft. 
    Äußerste Vorsicht ist bei dem Bestimmungswort Helle– geboten. Im Mittelhochdeutschen konnte helle Helligkeit, aber eben auch Hölle (siehe Hellweg) bedeuten. Und Hellenstein hat überhaupt nichts mit der Helligkeit zu tun. Hier stammt das Bestimmungswort helle– vom mittelhochdeutschen haele, hael = glatt, schlüpfrig ab. Andere namensprägende Fingerzeige kamen von der Sonne und den Jahreszeiten. Auf den Lichtspender Sonne weisen Ortsnamen wie Sonnenbühl, Sonnendorf oder Sonnenstein hin. Von geografisch bedingter Dunkelheit hingegen berichten Dunkelforth oder Dunkelhäuser. Bei Traunstein gibt es einen Ort namens Frühling. Den Sommer haben sich die Orte Sommerau, Sommerfeld und Sömmerda ausgeguckt. Und die Orte Herbst, Herbstmühle oder Herbsthausen haben sich für den Herbst entschieden. Bleibt noch der Winter. Er ist in einer Vielzahl von Ortsnamen präsent, zum Beispiel in Winterbach und Winterberg. Wäre noch hinzuweisen auf Komposita mit den Bestimmungswörtern Tal-, Berg-, Nord-, Süd-, West-, Ost- und dem Grundwort –heim (mittelhochdeutsch. Heim = Haus, Dorf), die es wie Sand am Meer gibt. In aller Regel deuten diese Namen auf planmäßige Gründungen in der Frankenzeit hin. Doch Vorsicht! Nicht alle Siedlungsnamen auf –heim sind darum auch automatisch fränkischen Ursprungs.

    3. Militärische und logistische Hinweise

    Der logistische und ausgesprochen militärische Aspekt kommt in vielen Ortsnamen sehr prägnant zum Vorschein. Ein militärischer Hintergrund ist stets bei den römischen Siedlungen vorauszusetzen, die den lateinischen Namensbestandteil castra = ursprünglich Soldaten-/Kriegslager aufweisen. Häufig ist dieser Namensbestandteil an den Namen eines lokalen Befehlshabers gebunden, so in Castra Batava, dem heutigen Passau. Mit diesem Kompositum hat sich ein römischer Tribun namens Batavis ein Denkmal setzen lassen. Das heutige Köln hat mit Agrippina, der Tochter des Germanicus und späteren Gattin des römischen Kaisers Claudius, zu tun. Sie erhob den Ort in den Rang einer colonia, einer Ansiedlung mit römischem Bürgerrecht. Der volle amtliche Name lautete Colonia Claudia Ara Agrippinensium = die Stadt des Claudius unter der Schirmherrschaft Agrippinas. Der lange Name wurde zweimal gestutzt,
    zuerst zu Colonia Agrippina, später zu Colonia, eingedeutscht Kölne, Cöllen, aus dem schließlich Köln hervorging. Selbst Augsburg war ursprünglich ein römisches Legionslager, ehe der Ort zur Hauptstadt der römischen Provinz Raetia aufstieg. Zu Ehren des Kaisers Augustus wurde die Siedlung Colonia Augusta getauft. Als im 9. Jahrhundert der Name neu konstituiert wurde, tauschte der Kaisername seine Position: er wurde zum Bestimmungswort und musste sich mit dem Grundwort –burg in der Bedeutung befestigte Stadt arrangieren. Römischen Ursprungs ist auch Jülich, eine ehemalige römische Festung (lat. Castellum = Gebirgsort, Festung, Fort). Ihr Befehlshaber war ein hoher Beamter namens Julius. Mischt man die beiden zusammen, kommt das Kompositum Juliacum. Das Suffix –acum ist ein so genanntes toponymisches Suffix (Toponymie ist die Ortsnamenskunde – griech. Topos = Ort und onyma = Name) und wurde gern für römische Ortsbezeichnungen verwandt. Anders liegt der Fall bei Bernkastel, dem römischen Princastellum. Hier besteht die Wortkombination aus dem Grundwort castellum und dem Bestimmungswort Prim-, hinter dem ein keltischer Bachname vermutet wird.
    Der militärische und logistische Aspekt kommt vor allem auch bei befestigten Siedlungen, die Burg genannt wurden, oder einer Siedlung auf einem Berg, ebenfalls als Burg ausgewiesen, zum Vorschein. Dessen ungeachtet sind Berg oder Burg als Einzelwort allein stark genug, einem Ort zu seinem Namen zu verhelfen. Berg kommt allein fünfzig Mal als Ortsname vor. Und Burg zwanzig Mal. Komposita sind nicht minder zahlreich. Einige wurden bereits in anderem Zusammenhang genannt.
    Kommen wir zu einem interessanten Ortsnamen mit dem Grundwort -berg zu sprechen, der der Interpretation einige Rätsel aufgab. Gemeint ist Asperg, die kleine Stadt am Rande von Ludwigsburg. Dieser Ortsname wird vom Bestimmungswort Ask– regiert, für das es zwei Deutungsversuche gibt. Einmal kommt das mittelhochdeutsche asc = Esche in Frage. Asperg wäre dann ein Eschenberg. So weit, so gut. Dann aber kann sich Ask– aber auch auf eine Person namens Ask(i), Ascwin, Aswin (althochdeutsch –wini = Freund) bezogen werden, einen Freund der Esche. Dann wäre Asperg der Berg oder die Burg eines gewissen Aswins, für den es aber keinen historischen Beleg gibt. So oder so, bleibt dem Ort jedenfalls die Esche erhalten.
    Wie ein Zwillingspaar mutet der Name Burgberg an, den es fünfmal gibt. Vielleicht sollte die Verdoppelung eine abschreckende, magische Wirkung haben. Von einer militärischen Tradition merkt man dem Ortsnamen Ludwigsburg, in dem der Verfasser lebt, nichts an. Und doch war Ludwigsburg lange Zeit eine befestigte württembergische Residenzstadt. An diesem Ortsnamen lässt sich exemplarisch vielmehr zeigen, wie hochwertige Personennamen, meistens von Herrschern, die Ortsnamen geprägt haben. In anderen Fällen ging nur der Titel des Herrschers in den Namen ein. So weist Fürstenwalde lediglich darauf hin, dass der Ort nachweislich der Sitz der Markgrafen von Brandenburg war.
    Herzogenaurach wiederum macht auf einen Hof eines nicht namentlich erwähnten fränkischen Herzogs am Fluss Aurach aufmerksam. Der Name Königsbrunn lässt nicht erkennen, dass König Ludwig I. von Bayern der Namensgeber war. Ähnlich verhält es sich bei Königstein in der Sächsischen Schweiz. Dem Namen merkt man nicht an, dass er sich auf den Erbauer der Stadt, den König von Böhmen, bezieht. Bei der Gründung Kaiserslauterns stand zwar Kaiser Barbarossa Pate, der aber im Ortsnamen nicht vorkommt. Wieder anders liegt der Fall beim Kaiserstuhl, der imposanten Weingegend im Badischen. Hier muss der Kaisertitel als eine bildhafte Umschreibung für die imposante Bergkulisse herhalten.

    4. Hinweise auf Ackerbau und Rodung

    In die Zeit des Landausbaus fallen Ortsnamen mit ganz unspektakulären toponymischen, ortstypischen Suffixen. Das gilt etwa für das Grundwort –hofen, hinter dem sich ein alter, heute ausgestorbener Lokativ Pluralis in der Bedeutung von bei den Höfen verbirgt. Von diesem toponymischen Suffix wird zum Beispiel der Ortsname Niederhofen bei Leutkirch kommandiert. Ähnlich steht es um die Ortsnamen mit dem Suffix –felden, übersetzt auf den Feldern, wie in Leinfelden oder Pflugfelden. Feld (mittelhochdeutsch. velt) ist ein sehr altes Grundwort, das im Mittelhochdeutschen noch weit gefasst war und eine ebene, offene Fläche oder einfach ein Ackerfeld bedeuten konnte oder im Nordwesten auch eine weite Fläche mit Heide- und Moorcharakter bezeichnete.
    Schließlich fallen in diesen Zeitraum des Landausbaus die zahlreichen Ortsnamen mit dem Suffix –dorf. Ursprünglich bezeichnete (t)dorf einen Balkenbau, dann auch ein Einzelgehöft. Die Erweiterung zum Kollektiv Dorf, wie wir sie heute verstehen, folgte später erst nach.
    Durch Inversion, einen Buchstabentausch, wurde aus (t)dorf(p) trop, wie es Bottrop vorzeigt, vermutlich die Stadt eines germanischen Stammes namens Bohtarer. Erfolgte dann auch noch ein Vokalwechsel, wurde das O in zu U umgelautet, kam druf(p) dabei heraus wie in Ochtrup (althochdeutsch uhta = Morgenfrühe, der Osten) oder in Ohrdruf, einem Dorf am Fluss Ohre. Da die Zeit der Landnahme auch eine Zeit der Rodungen war, kamen in dieser Phase Ortsnamen mit den toponymischen Endungen -rode, -rade, -reuth auf wie in Wernigerode, Sterkrade oder Kalchreuth. Parallel zum Verb roden existierte für das Abholzen noch das mittelhochdeutsche Verb swenden = Weide oder Ackerland, durch Ausreuten zustande gekommen, das das Suffix im Ortsnamen Menzenschwand noch festhält. Auf Rodungen kann auch das Suffix –grün wie in Bischofsgrün verweisen. Dann stammt es vom mittelhochdeutschen gruene = eine dem Wald abgerungene Fläche ab. Grün kann aber auch wie bei Grünbühl (Ludwigsburg) über eine Verschleifung aus dem mittelhochdeutschen krajen, kraen = Krähen) und bühel = Hügel zustande gekommen sein.
    Zurück zur Rodung. An diese erinnern auch Ortsnamen mit der Endung –schlag gemeint ist der Holzschlag, wie in Herrmannsschlag. Auf den Rodungszusammenhang weisen ferner auch Ortsnamen mit dem Suffix –hau (mittelhochdeutsch hou = Hieb, Hiebabteilung im Wald) hin, worauf sich die Ortsnamen Schellerhau und Schreiberhau beziehen. Eine kollektive Nebenform von -hau ist –häu wie in Kohlhäu. Wie gehen wir mit dem Ortsnamen Sulzschneid um? Hier weist das Grundwort –schneid auf das Verb schneiden im Sinne von in Teile schneiden oder abschneiden hin. Ähnlich ist die Bedeutung des mittelhochdeutschen meizen = Abschlagen von Bäumen, woran das Grundwort –mais in Bodenmais erinnert.
    Es gibt andere Suffixe, die mit Rodungen zu tun haben. Etwa das Suffix –scheid. Zunächst allerdings kann dies ein Hinweis auf eine Wasserscheide oder einen Höhenrücken (mittelhochdeutsch scheiden = scheiden, trennen) sein, kann aber auch, was auf Lüdenscheid zutrifft, ein Besitztum anzeigen, das durch Rodung aus dem Flurverband ausgeschieden wurde. Das Bestimmungswort Lüden– kennzeichnet hier den Besitzer, einen gewissen Luidolf (aus althochdeutsch liut   = Volk / wolf = Wolf). Die Wortkombination bedeutet soviel wie Leitwolf, Führer.
    Eine Rodung kam entweder durch Baumfällen zustande, konnte aber auch durch ein kontrolliertes Feuer, eine Brandrodung, erfolgen. Lag allerdings ein Waldbrand vor, der durch Blitzschlag oder eine Brandstiftung zustande kam, so sprach man von einem Schadfeuer. In jedem Fall war ein solcher Waldbrand ein außergewöhnliches Ereignis, das sich tief in das kollektive Bewusstsein der Bevölkerung einbrannte. Da lag es nahe, dass ein solch epochales Ereignis in den Ortsnamen eingehen konnte. Das ist der Fall in den Ortsnamen Brandenburg, Brandenberg oder Brandenstein. Auch der durch Verschleifung zustande gekommene Ortsname Bannenburg verdankt seinen Namen einem solchen Rodungsereignis.

    5. Slawische Hinweise

    Die Gebiete östlich der Elbe waren bis ins 13. Jahrhundert vorwiegend von Slawen besiedelt, was auch Konsequenzen für die Ortsnamen hatte. Heute sind die slawischen Namen alle eingedeutscht. Aber an bestimmten Personennamen sowie bestimmten toponymischen Suffixen wie –ig, -in, -itz oder –ow ist die slawische Herkunft noch ablesbar. Was hat in diesem Zusammenhang der Name unserer Hauptstadt Berlin hier zu suchen? Wer weiß schon, dass Berlin kein deutscher, vielmehr ein slawischer Name ist? Berlin setzt sich zusammen aus dem slawischen birl/berl- = Sumpf und dem slawischen Ortsnamen-Suffix –in. Oh je! Unsere Hauptstadt Berlin nicht nur slawischen Ursprungs, sondern auch noch aus einem Sumpf hervorgegangen? Ein Schelm – wer diesen Zusammenhang politisch nimmt. Deutlicher schon merkt man dem Ortsnamen Bogumilsdorf die slawische Herkunft an. In das Kompositum hat sich ein gewisser Bogumil = Gottlieb eingetragen, der vermutlich der Grundherr des Ortes war. Coswig (slawisch Koczewicz) macht auf eine Ansiedlung aufmerksam, in der Amseln (slaw. Kos = die Amsel) eine wie auch immer geartete Rolle spielten. Der Namensgeber von Cottbus (slaw. Chosebuz) war ein bedeutender Slawe mit dem Rufnamen Chotebud. Der Ortsname
    Bad Doberan nimmt auf einen slawischen Personennamen Dobran Bezug, der ein guter Mensch war (slaw. Dobry = gut). Dresden (slaw. Drezdjane) ist ein Insassenname, der soviel wie Siedler am Wald bedeutet (slaw. Drezga = Wald / –jane = die Leute, die am Wald wohnen). In slawischer Zeit entstand auch das Städtchen Fehrbellin. Das Grundwort –bellin entstammt dem slawischen –bely = weiß, hell, während das Bestimmungswort Fehr- auf das mittelhochdeutsche ver– = Fähre wie in Verden zurückgeht. Leipzig wiederum ist die Stadt der Linden. Der Name stellt eine Eindeutschung aus dem slawischen Lipsko (slaw. lipa = Linde) dar. Selbst der Ortsname Schmölln in Ostthüringen ist slawischen Ursprungs. Der Ort hatte früher mit der Harzgewinnung zu tun. Das erfährt man, wenn man auf den Ursprung des Wortes zurückgeht. Schmölln ist eine Eindeutschung des slawischen Worts Smol’no = Ort, in dem Pech, Harz hergestellt wird. Schwerin verweist auf das slawische Wort zverin, das Wildgehege, Tiergarten sowie ein Gestüt bedeuten kann. Und das schöne mecklenburg-pommersche Städtchen Güstrow, die Barlach-Stadt mit ihrem außergewöhnlichen Renaissance-
    Schloss heißt übersetzt Eidechsenstadt aus slaw. guscer = Eidechse.

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