2. Heidemarie Messner, Studienleiterin an der Heimvolkshochschule Hohebuch

Martini, ein „merk-würdiger“ Tag

  • 11. November – jetzt fängt wieder der Fasching an. So denken viele Menschen in unserer Region bei diesem Datum. Erst an zweiter Stelle kommt der eigentliche Namensgeber dieses Tages: St. Martin. Den meisten von uns ist nur die barmherzige Teilung seines Mantels mit einem Bettler bekannt.
    Heidemarie Messner, Studienleiterin an der Heimvolkshochschule Hohebuch erläuterte beim Verein für Genealogie und Heimatkunde Nordwürttemberg e.V. , welche Bedeutung dieser Tag früher für die vorwiegend ländliche Bevölkerung hatte und welche Bräuche sich bis heute erhalten haben.

    Martin wurde im Jahr 316 n. Chr. in Ungarn als Sohn eines römischen Feldherrn geboren und diente wie sein Vater ab dem 15. Lebensjahr in der römischen Garde. Mit 18 Jahren hatte er nördlich von Paris die schicksalhafte Begegnung mit dem Bettler. Da er kein Geld bei sich hatte, teilte er mit dem Schwert seinen Offiziersmantel. Die Legende erzählt, er habe in der folgenden Nacht Jesus erblickt, bekleidet mit der Mantelhälfte. Martin ließ sich taufen, verließ die Armee und zog sich in eine Einsiedelei zurück. Später gründete er in Poitiers das erste Kloster in Gallien. Im Jahr 371 n. Chr. wurde er Bischof von Tours und verstarb hoch betagt im Alter von 80 Jahren am 8. November 397 n. Chr. Der Tag seiner Bestattung war der 11. November, so entstand unser heutiger „St. Martinstag“. Im Jahr 650 n. Chr. wurde er vom Papst als kirchlicher Festtag eingesetzt, er ist der erste große Heiligentag im Herbst.

    Der 11. November ist bis heute für viele Menschen ein besonderes Datum im Jahr. Außer mit der jahrhundertealten Tradition der Martinsumzüge verbinden sich noch weitere Bräuche mit diesem Tag.
    Am Vorabend des 11.11. trifft man sich mit Freunden und Verwandten zu Martinsgans und Martinsgebäck, die Kindergärten veranstalten einen Martinsumzug.
    In Hohenlohe kam früher der Pelz-Märte oder Nuß-Märte, der Martinswein wurde kostenlos ausgeschenkt. Junge Männer schenkten ihrer Auserwählten einen Martinsweck, die Mädchen revanchierten sich Neujahr mit einem Neujahrsweck. Zuweilen gab es auch fastnachtgemäßen Schabernack maskierter Gestalten.
    Unsere Vorfahren waren in starkem Maße von der Natur abhängig. Sie lebten naturnah und sammelten ihre Erfahrungen.
    Viele Wetterregeln beziehen sich auf Martini z.B.:

    „Hat Martini einen weißen Bart, wird der Winter lang und hart.“
    Man wusste, dass der Erfolg der Ernte vom richtigen Zeitpunkt der Aussaat und dem Stand der Sonne und des Mondes abhing. Jeder Tag hatte seine besondere Bedeutung im Arbeitsablauf, auch die Ruhetage. Die Kalenderfeste teilten das bäuerliche Arbeitsjahr ein: wann ist Arbeit, wann ist Muße? So entstanden die Merktage. Dazu gehörten besonders die Sonnwendtage am 21. Dezember und 21. Juni, der 20. März als Tag- und Nachtgleiche.

    Die beiden „Wendetagen“ am 11. November und am 2. Februar hatten besonderes Gewicht.
    Sie bedeuteten Abrechnung und Neuanfang. Den endgültigen Abschluss des Erntesommers bildete am 11.11. das herbstliche Schlachtfest zu dem außer Helfern und Verwandten auch Lehrer und Pfarrer eingeladen wurden. Die „Martinsgans“ und das übrige Vieh wurden geschlachtet, weil im Winter das Futter zu teuer war und kein Weidegang möglich war.
    Es wurde noch einmal aus dem Vollen geschöpft, danach begann eine 6-wöchige Fastenzeit.
    Viele Knechte und Mägde wurden entlassen und erst wieder am 2. Februar an Lichtmess neu eingestellt. Es gab keine Hochzeiten, sonstige Feste und öffentlichen Vergnügungen.
    An Martini waren die Abgaben an Herrscher , Kirchen und Klöster zu zahlen. Seit Karl dem Großen gilt dieser Tag als Zinstag. Noch heute wird in einigen ländlichen Gegenden am 11. November die Pacht fällig.

    Besonders in unserer schnelllebigen Zeit mahnen uns die alten Merk- und Wendetage, über das Leben nachzudenken, einen Neuanfang zu beginnen, anderen zu helfen oder einfach nur zur inneren Ruhe zu gelangen.
    B. Biel

1. Thea Stolterfoht, Umkirch

Wie die ersten Italiener über die Alpen an den Neckar kamen

  • Fast in Vergessenheit geraten sind italienische Krämer und Kaufleute, die nach dem Dreißigjährigen Krieg ab 1648 unseren Vorfahren das Leben versüßten:
    mit Limonen und Pomeranzen, mit Kaffee und Tabak, mit Pfeffer und anderen südlichen Spezialitäten. Erst über die Italiener wurden unsere Vorfahren mit Zimt, Nelken und Pistazien bekannt, aber auch mit Taschentüchern.
    Bisher hatte man angenommen, die italienischen Händler hätten nur im Rheintal gehandelt. Aber wie die Forscherin Thea Stolterfoht (Umkirch) in einem Vortrag vor den Genealogen in Heilbronn nachwies, gab es im Rhein-Neckar-Dreieck über 500 italienische Händlerfamilien, die ständig hin und her zogen. Sie kamen meist vom Comer See und bildeten gut organisierte Handelsgesellschaften.
    Fast in jeder größeren Stadt hatte etwa die Brentano-Sippe eine Niederlassung. Ein Brentano in Heilbronn überredete einmal die Torwärter, nachts zwei „Gesandte der Königin“ einzulassen; als sich dann herausstellte, dass sie Schmuggelware brachten, floh er ins „Ausland“: in die Deutschordensstadt Neckarsulm, wo er noch 1760 feststellbar ist.

    „Heilbronn und Neckarsulm erscheinen mir wichtige Städte der Einwanderer aus Nordostitalien gewesen zu sein“, führte die Referentin aus.
    In Heilbronn sind namhaft geworden: Bacilla, Bratosi, Ferrandini, Lanzano und Romeri. Seit 1678 machte Carlo Venino das Neckartal mit den Früchten des „Landes der Zitronen“ bekannt; er starb 1692 als reicher Mann.
    Die Venino hatten auch in Mannheim und Eppingen Niederlassungen. „Die Italiener durften nicht auf den Wochenmarkt, sondern nur auf die Jahrmärkte; sie gingen auf dem Land hausieren“, berichtete Thea Stolterfoht.

    Anton Bianco importierte in Heilbronn Wein „zu eigenem Gebrauch“, bis die Heilbronner Weinzähne auf den Geschmack kamen.
    Trotz des Protests der „Krämerstadt“ errichtete sein Sohn 1740 eine Tabakfabrik und konnte mit dem blauem Rauch sogar das Käthchenhaus erwerben.
    Die Bianci in Heilbronn schrieben sich erst (1720) Bianco und dann (1740) Bianchi; sie stammen aus Bellagio zwischen Lago di Como und Lago di Lecco. Sie waren mit den Bellino verschwägert, die erst in Bönnigheim und Bretten handelten, dann in Neckarsulm.
    Die Deutschordensstadt weist zahlenmäßig die meisten italienischen Krämer und Händler in Deutschland auf. Heute stehen im Telefonbuch ein Dutzend Pecorini-Familien; ihr Vorfahr hatte zum Bäckerhandwerk gewechselt.
    Die Napoleonischen Feldzüge machten den italienischen Handelszügen über die Alpen ein Ende.
    „Nach 1800 sind fast alle italienischen Namen erloschen“, stellte die Freiburger Verwaltungsrichterin fest, die aus Bretten stammt und selbst italienische Vorfahren hat.
    Zu den Händlern aus Nordostitalien gehören die Paravicini in Bretten, über die der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss aus Brackenheim sogar mit Napoleon verwandt ist; eine Ahnin des großen Korsen trägt diesen Namen.

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