8. Dr. Irmgard Sedler, Kornwestheim

Reise ohne Wiederkehr

  • Im 18. Jahrhundert, während der Regierungszeit Karls VI. und seiner Tochter Maria Theresia, hat das Haus Habsburg Protestanten aus den Erbländern der Krone nach Siebenbürgen, an den Ostrand der Donaumonarchie deportieren lassen. Dort wurden die wegen ihrer Konfessionszugehörigkeit Vertriebenen aus Kärnten, der Steiermark und dem Inneren Salzkammergut in die von Siebenbürger Sachsen bewohnten Dörfer zwangsangesiedelt.
    Im Laufe der Jahrhunderte fanden die Nachkommen dieser österreichischen Protestanten zu einer Minderheit in der Minderheit der Siebenbürger Sachsen zusammen. Sie nannten sich „Landler“, nach dem oberösterreichischen „Landl“, einer der Heimatregionen der Deportierten.
    Im Laufe ihrer über 250-jährigen Geschichte entwickelten die Landler eigene kulturelle Identitätsmechanismen, die Ihnen bei aller Integration in die siebenbürgischen Verhältnisse eine eigene kulturelle Rolle im Mit- und Nebeneinander der historischen Völkerschaften in der Region – Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Ungarn und Roma – zusicherte.
    Mit dem Exodus der Deutschen aus Rumänien ab 1990 endet auch die Geschichte der Landler in Siebenbürgen.
    Dr. Irmgard Sedler ist Leiterin der Museen der Stadt Kornwestheim und Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums auf Schloss Horneck in Gundelsheim. Bis 1990 war sie Abteilungsdirektorin im Brukenthal-Nationalmuseum in
    Hermannstadt. Promotion zum Thema „Landler“. Spezielle Forschungsgebiete im Bereich der Geschichte und Kulturgeschichte: Identitätsmechanismen im multikulturellen Raum. Kleidungs- und Modegeschichte als Identitätsmarken.
    Buch-Tip

    Irmgard & Werner Sedler
    Zied – Ein Dorf und seine Geschichte (im Archiv vorhanden)

Vorträge 1 - 6

1. Thea Stoltherfot
Thema: Wie die ersten Italiener über die Alpen kamen

2. Rolf Heller
Thema: Das beste Mittel

7. Walter Conrad, Ilsfeld

Die evangelische Kirche Ilsfeld Geschichte – Menschen – Begebenheiten

  • Im Dezember 1906 wurde der Wiederaufbau des durch den großen Brand im Jahr 1904 völlig zerstörten Dorfes Ilsfeld mit der Einweihung der neu errichteten Bartholomäuskirche abgeschlossen.
    Zum 100-jährigen Jubiläum hat die Kirchengemeinde ein Buch herausgegeben, in dem auf etwa 300 Seiten die Geschichte der Kirche, Persönlichkeiten und besondere Ereignisse vorgestellt werden.
    Walter Conrad hat als Mitglied der Arbeitsgruppe „Kirchengeschichte“ dieses Buch mitgestaltet.

    Am 4. August 1904 ist Ilsfeld zu zwei Drittel nahezu abgebrannt. 1000 Menschen wurden obdachlos, 130 Wohngebäude, 77 Scheunen und 71 Stallungen brannten ab. Alle öffentlichen Gebäude wurden zerstört: Kirche, Rathaus, Kindergarten, Schule, Pfarrhaus.
    Zwei Tage nach dem großen Brand kam König Wilhelm II von Württemberg mit seiner Gattin Charlotte und versprach finanzielle Hilfe, auch aus dem benachbarten Ausland kamen Spenden. Innerhalb von zwei Jahren wurde Ilsfeld wieder aufgebaut, am 6. Dezember 1906 wurde die neue Bartholomäuskirche eingeweiht.
    Die Ilsfelder Kirchengeschichte beginnt auf dem Wunnenstein, dem Hausberg von Ilsfeld. Dort stand bis zur Reformation die Michaelskirche. Die Bartholomäuskirche im Ort, erstmals im Jahr 1300 erwähnt, wurde evangelisch. Keiner sollte mehr in die katholische Kirche auf dem Wunnenstein gehen, so wurde sie im Jahr 1546 abgerissen.

    Das Buch zum Jubiläum gliedert sich in sechs Kapitel:
    Kapitel 1 – Wir gedenken der vorigen Zeiten
    Vor, während und nach der Reformation – die Pfarrer von Ilsfeld – der Nazionalsozialismus
    Kapitel 2 – Die Bartholomäuskirche
    Kapitel 3 – Viele Gaben – eine Aufgabe
    Berichte aus allen Bereichen von den Anfängen bis zur Gegenwart: die Chöre, die Mesner, der Posaunenchor …
    Kapitel 4 – Kirchliches Leben einst und heute.
    Der Kindergarten, das Dora-Stift, die Arbeit der Jugend, die Partnergemeinde in Oldesleben , neue Entwicklung der Amtskreise
    Kapitel 5 – Christ sein in der Welt
    Kapitel 6 – Erinnerungen – lebendige Geschichtsbücher
    Es werden berühmte Ilsfelder vorgestellt.

    Info
    Die evangelische Kirche Ilsfeld – Vor und nach dem großen Brand Geschichte, Menschen, Begebenheiten
    Herausgeber. Evangelische Kirchengemeinde Ilsfeld
    Preis: 19,90 €

    Der Verein für Genealogie hat das Buch für sein Archiv gekauft.
    Von Bärbel Biel

6. Prof. Dr. Albrecht Schau, Ludwigsburg

Nomen est Omen! Die Bedeutung der Familiennamen

  • Familiennamen gab es im germanischen Bereich zunächst nicht. Bis in das 12. Jahrhundert gab es nur Rufnamen. Hin und wieder tauchte ein Beiname auf: Karl der Große, Ludwig der Fromme. Diese Beinamen waren das Privileg der herrschenden Klasse. Das änderte sich mit Zunahme der Bevölkerung, besonders in den Städten. Köln als größte Stadt im Mittelalter hatte 30000 Einwohner. Es gab dann ca. 120 Leute, die Johannes hießen. Damit tauchten Probleme auf. Hier musste eine Distinktion (Unterscheidung) und eindeutige Identifikation stattfinden. Das ging mit Hilfe von zweiten Namen, Zunamen, Nachnamen – der offizielle Begriff heißt heute Familiennamen. Auf Dokumenten wurde der neue Zuname anfänglich über den Rufnamen und klein geschrieben.

    Ab 1350 etwa ist die Zweinamigkeit in den Städten üblich, die Dörfer zogen langsam nach. Der Adel vor den Patriziern , die Patrizier vor den Handwerkern, die Handwerker vor den Bauern.

    Lange Zeit konnte der Familienname nach Wunsch gewechselt werden.
    Ein Fall aus Dresden im 16. Jahrhundert:
    1513 Georg Eyssenmenger (Eisenhändler)
    1514 Georg Seidenheffter
    1525 Georg Seydensticker
    1531 Georg Czolner (Zöllner)
    Dieser Mann wechselte innerhalb von 18 Jahren mit seinem Beruf auch den Zunamen.

    Familiennamen und ihr Zustandekommen.
    1) Ableitung vom Vornamen des Vaters oder der Mutter (Patronikum):
    Vater: Hans Hinrich Sohn: Hans Hinrichs sun (Sohn). Daraus wurde später Hans Hinrichsen.
    Adelheid – Familiennamen Alken, Vermaleken, Al(i)scher, Alschner
    2) Bei- oder Übernamen:
    Greulich – jemand sah greulich aus (ungepflegt, lange Haare)
    Greilö, Graul, Gruhl können Ableitungen sein.
    2a) Metonymie – Umbenennung die mit der Tätigkeit zu tun hat:
    Herzog – jemand in Diensten eines Herzogs.
    3) Herkunftsnamen: Herkunftsort, Wohnstätten, Häusernamen
    4) Berufsnamen:
    Müller, Meier, Schulze, Böttcher, Schneider …
    Häufigste Namen im deutschen Telefonbuch aus dem Jahr 2000:
    Müller 9,5 % Schmidt 6,9 % Schneider 4 % Fischer 3,5 %
    4a) Arbeitskleidung:
    Lohkittel – Gerberkleidung
    Mehlhose – Müllerkleidung
    4b) Werkzeuge:
    Fugger – Schere zum Scheren von Schafen
    Feineisen – Steinmetz
    4c) Arbeitsmaterial:
    Eisen, Kopper (Kupfer) – Schmied
    Läpple – Flickschuster
    5) Satznamen:
    Schwinghammer – der den Hammer schwingt (Schmied)
    Brenneisen – der mit dem Eisen brennt (Waffenschmied)
    6) Produktnamen
    Scheffel – Böttcherprodukt
    7) Händlernamen:
    Pfefferle – der mit Pfeffer handelt
    Schmelzle – der mit Schmalz handelt
    8) Körperliche Merkmale:
    Rücken – Ruck, Rugg, Rückle
    Hand – Handt, Händle, Rothändle
    9) Charaktereigenschaften.
    Tugendwert – jemand der tugendhaft war, Probleme gelöst hat
    Fahm – mittel- und althochdeutsch „der Tüchtige“
    10) Sprechende Namen – Namen, die Dichter ihren Figuren gegeben haben:
    Triefnase, Fleugenschaiss (Fliegenschiss).
    Einige Besonderheiten.
    Familiennamen die ausgehen auf er, ner, ler haben alle die Bedeutung „der Sohn des“
    Anderler – Sohn des Andreas
    Hanser – Sohn des Hans
    Eine weitere Besonderheit bei den Familiennamen sind die sog. Genitiv-Konstruktionen:
    Brabants – kommt aus Brabant
    Pferdmenges – Pferdehändler
    Kontraktionen: Wörter werden aus sprachlichen Gründen zusammen gezogen:
    Eberhard Sohn – Eberhardsen Diminutivum (Verkleinerungsform):
    Schmitken, Schmitchen, Schmiedle – der kleine Schmitt
    Häberle – der kleine Haferbauer bzw. -händler
    Durch Hörfehler wurden Laute verändert:
    Baudissin – stammt aus Bautzen
    Beheim – der Böhme
    Häufig wird aus „u“ ein „o“, aus „ü“ ein „ö“ …
    Sommerer wird Summerer – Knecht für den Sommer
    Mönch wird Münch
    Die Elision (Auslassung des „e“)
    Baur, Meir
    Die R-Metathese oder Inversion (das „r“ steht einmal vor dem Vokal und einmal dahinter)
    Roland – Orlando; Termolen – Tremolen; Albert – Albrecht

    Tip: An der Universität Leipzig leitet Professor Udolph die Gesellschaft für Namenkunde. Dort bekommt man gegen Gebühr Auskunft über die Herkunft seines Familiennamens.
    Adresse:
    Universität Leipzig
    Beethovenstr.15
    04107 Leipzig
    Stichwort Namensberatung/ Gesellschaft für Namenkunde
    E-mail: Namensberatung@uni-leipzig.de

    Von Bärbel Biel

5. Kurt Sartorius aus Bönnigheim

Über den alten Brauch der Nachgeburtsbestattung – rätselhafte Tontöpfe in Kellern alter Häuser.

  • Nachgeburtsbestattung – nur wenige Menschen haben eine Ahnung, dass der Brauch überall auf der Erde verbreitet war und heute noch praktiziert wird. Kurt Sartorius aus Bönnigheim berichtete beim Verein für Genealogie in Heilbronn über seine Funde.

    Etwa 5500 Jahre alt ist die bisher bekannte älteste Erwähnung von Nachgeburtsbestattungen in Ägypten. Im antiken China um 200 v. Chr. sollte das Vergraben der Nachgeburt dem Neugeborenen ein positives Schicksal, das heißt Weisheit, Klugheit, Schönheit, Gesundheit und ein langes Leben bescheren.
    Auch im Talmud, dem jüdischen Gesetzwerk, wird die Nachgeburtsbestattung um 800 n. Chr. erwähnt. Der Hobby-Archäologe Kurt Sartorius stieß 1984 bei der Untersuchung eines Abrisshauses in Bönnigheim auf 50 im Keller vergrabene Töpfe. Die meisten waren an den Wänden entlang eingegraben worden. Die Gefäße waren soweit in die Erde eingetieft, dass sie von einer fünf bis zehn Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt waren. In der Regel waren die Töpfe mit einem Deckel versehen. Vier Töpfe waren auf den Kopf gestellt, also mit dem Deckel nach unten eingegraben.

    Die Zeitung berichtete über die Funde, prompt wurden weitere solche Töpfe gemeldet. Erst im Nachhinein wurde Sartorius klar, dass es sich um Nachgeburtstöpfe handelt. In Baden-Württemberg sind heute etwa 190 Fundstellen bekannt.

    Auf der ganzen Welt ist man der Plazenta mit großer Ehrfurcht begegnet, man hat sie wohl als geistiges Wesen und als Zwilling des Kindes betrachtet. Geschieht diesem Wesen etwas Schlechtes, etwa wenn die Nachgeburt weggeworfen wird und wilde Tiere diese fressen, so rächt sich der Geist am Kind. Dieses wird krank und stirbt. Deshalb war das sorgfältige Bestatten der Nachgeburt eine wesentliche Voraussetzung für das Gedeihen des Kindes. Sie wurde unter Bäumen, Rosenbüschen und im Keller vergraben oder in fließendes Wasser geworfen. Die Menschen glaubten, so die Gesundheit und ein glückliches Leben des Neugeborenen zu sichern.

    Die Kindersterblichkeit war früher sehr hoch. Es gab keine medizinische Versorgung im heutigen Sinne, es gab höchstens volksmedizinische Anwendungen. Deshalb waren auch Bräuche wichtig.

4. Ulrich Grammel, Heilbronn

Beate Barbara Juliane von Krüdener – und ihr Einfluss auf Zar Alexander I. von Russland.

  • Juliane von Krüdener war eine der schillerndsten Persönlichkeiten ihrer Zeit. Die protestantische Mystikerin traf im Juni 1815 den Zaren Alexander I. in Heilbronn und übte fortan Einfluss auf ihn aus. Ulrich Grammel hat sich auf Spurensuche nach ihrer Geschichte begeben. Mit überraschenden Erkenntnissen.

    Vieles, was in Chroniken und Biografien über die Krüdenerin geschrieben steht, müsse überarbeitet werden, erzählt Ulrich Grammel selbstbewusst. Drei Jahre lang hat der Heilbronner sich fast täglich mit der aus Livland stammenden Baronesse beschäftigt. Er hat Archive durchforstet, unveröffentlichte Briefe und Schriftstücke zusammengetragen, Werke des Wissenschaftlers, Pietisten und Arztes Johann-Heinrich Jung-Stilling gelesen, um die Gedankenwelt von Juliane von Krüdener zu verstehen. Vor allem die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Tochter Juliette waren eine wichtige Quelle bei seiner Recherche.
    Während seines Vertrags für den Verein für Genealogie Nordwürttemberg im Heilbronner Restaurant Schlachthof zeichnet Grammel den Lebensweg der deutsch-baltischen Adligen nach. Er berichtet von ihrem Lebenswandel, von einer Frau „die alles durchgemacht hat, was die Welt ihr bot“ zu einer Pietistin, die immer wieder von göttlichen Eingebungen getrieben wurde.
    Kriege, Hungersnöte und Wetterkatastrophen haben damals weite Teile der Bevölkerung an einen bevorstehenden Weltuntergang glauben lassen, erzählt der Hobby-Historiker.
    Da passt es in die Zeit, dass die Krüdenerin zunächst bei Jung-Stilling nach spirituellen Erfahrungen sucht, sich in Paris und später im Elsass einem mystischen protestantischen Zirkel anschließt. Dieser führt sie schließlich ins Katharinenplaisir in die Nähe von Cleebronn.

    In Briefen an die Hofdame des Zaren Alexander I., Roxandra Stourdza, gibt sie ihre Vorhersehungen weiter. Den Zar sucht sie auf, als dieser vom Wiener Kongress auf dem Weg nach Heidelberg im Haus Rauch am Marktplatz in Heilbronn Station macht. Sie gewinnt seine Gunst, betet mit ihm, übt Einfluss aus: „Mama hat ihm gesagt, er soll sie (die Vorschläge Napoleons) ablehnen“, hat Grammel aus den Tagebüchern von Juliette Krüdener aus dem Französischen übersetzt.

    Einige Details der Ausführungen Grammeis widersprechen gängigen Lehrmeinungen. So habe ihr Quartier vor dem Treffen mit dem Zaren nicht im Weinsberger Rappenhof, sondern in der Mühle Gessmann in Schluchtern gelegen. Außerdem habe etwa das erste Treffen in Heilbronn nicht drei Stunden, wie bislang angenommen, sondern nur eine dreiviertel Stunde gedauert. Wo die Quellen lückenhaft sind, versucht Grammel Zusammenhänge zu erschließen.

    In Sachen der Krüdenerin ist Grammel ein wandelndes Lexikon. Fragen zu seinem Vortrag beantwortet er bis in kleinste Details. Die Genealogen-Gemeinde ist beeindruckt. Als nächstes will er seine Erkenntnisse niederschreiben. Danach möchte er sich aber einem neuen Thema widmen.

    Von Jens Dierolf HSt

3. Dr. Gutermann, Heilbronn

Sophie La Roche – eine interessante Frau mit einem langen, erfüllten Leben.

  • Dr. Gutermann, Heilbronn, erzählte beim Verein für Genealogie ihre abwechslungsreiche Lebensgeschichte.
    Sophies Vater, Dr. Georg Friedrich Gutermann, war Arzt in Kaufbeuren. Sophie Gutermann wurde am 6.12.1730 als erstes von 13 Kindern geboren. Sie hatte ein sehr gutes Gedächtnis und konnte schon mit 3 Jahren lesen. Ihr Vater lehnte es jedoch ab, sie wie einen Sohn unterrichten zu lassen. Das widersprach den damaligen Gepflogenheiten.
    Im Jahr 1748 verlobte sie sich 17-jährig mit ihrer ersten großen Liebe Giovanni Bianconi, italienischer Leibarzt des Bischofs von Augsburg. Im gleichen Jahr starb ihre Mutter im Kindbett. Bereits ein Jahr später zwang ihr Vater sie, wegen Streitigkeiten über den Ehevertrag die Verlobung zu lösen.
    Ein Jahr später 1750 lernte sie den später berühmt gewordenen Dichter Chr. Martin Wieland kennen. Er war 3 Jahre jünger als Sophie und verehrte die 20-jährige mit schwärmerischer Liebe. Nach einer schnellen Verlobung ging Wieland 1751 zum Studium erst nach Tübingen und dann nach Zürich.
    In dieser Zeit sahen sie sich nie und 1753 löste Sophie die Verlobung nach einer Intrige von Wielands Mutter.
    Sie blieben jedoch lebenslange Freunde und führten einen berühmten Briefwechsel in der damals üblichen französischen Sprache.
    Sophie heiratete noch im selben Jahr Georg La Roche.
    Er war Privatsekretär beim Grafen Stadion in Warthausen bei Biberach a.d. Riß, dessen unehelicher Sohn er wahrscheinlich war. Sie hatten acht Kinder von denen drei im frühen Kindesalter starben.
    Das Ehepaar ging mit dem Grafen an den Kurmainzer Hof. Sophie war dort als „Hofdame“ für Graf Stadion tätig, führte seine Korrespondenz und lernte die englische Sprache.
    Nach der Pensionierung des Grafen lebten sie in Warthausen und im Sommer auch in seinem Schloß in Bönnigheim.
    Nach dem Tod von Graf Stadion wurde La Roche in Bönnigheim Amtmann. 1771 wurde er als Minister des Kurfürsten von Trier berufen, später wurde er Kanzler und geadelt.

2. Heidemarie Messner, Studienleiterin an der Heimvolkshochschule Hohebuch

Martini, ein „merk-würdiger“ Tag

  • 11. November – jetzt fängt wieder der Fasching an. So denken viele Menschen in unserer Region bei diesem Datum. Erst an zweiter Stelle kommt der eigentliche Namensgeber dieses Tages: St. Martin. Den meisten von uns ist nur die barmherzige Teilung seines Mantels mit einem Bettler bekannt.
    Heidemarie Messner, Studienleiterin an der Heimvolkshochschule Hohebuch erläuterte beim Verein für Genealogie und Heimatkunde Nordwürttemberg e.V. , welche Bedeutung dieser Tag früher für die vorwiegend ländliche Bevölkerung hatte und welche Bräuche sich bis heute erhalten haben.

    Martin wurde im Jahr 316 n. Chr. in Ungarn als Sohn eines römischen Feldherrn geboren und diente wie sein Vater ab dem 15. Lebensjahr in der römischen Garde. Mit 18 Jahren hatte er nördlich von Paris die schicksalhafte Begegnung mit dem Bettler. Da er kein Geld bei sich hatte, teilte er mit dem Schwert seinen Offiziersmantel. Die Legende erzählt, er habe in der folgenden Nacht Jesus erblickt, bekleidet mit der Mantelhälfte. Martin ließ sich taufen, verließ die Armee und zog sich in eine Einsiedelei zurück. Später gründete er in Poitiers das erste Kloster in Gallien. Im Jahr 371 n. Chr. wurde er Bischof von Tours und verstarb hoch betagt im Alter von 80 Jahren am 8. November 397 n. Chr. Der Tag seiner Bestattung war der 11. November, so entstand unser heutiger „St. Martinstag“. Im Jahr 650 n. Chr. wurde er vom Papst als kirchlicher Festtag eingesetzt, er ist der erste große Heiligentag im Herbst.

    Der 11. November ist bis heute für viele Menschen ein besonderes Datum im Jahr. Außer mit der jahrhundertealten Tradition der Martinsumzüge verbinden sich noch weitere Bräuche mit diesem Tag.
    Am Vorabend des 11.11. trifft man sich mit Freunden und Verwandten zu Martinsgans und Martinsgebäck, die Kindergärten veranstalten einen Martinsumzug.
    In Hohenlohe kam früher der Pelz-Märte oder Nuß-Märte, der Martinswein wurde kostenlos ausgeschenkt. Junge Männer schenkten ihrer Auserwählten einen Martinsweck, die Mädchen revanchierten sich Neujahr mit einem Neujahrsweck. Zuweilen gab es auch fastnachtgemäßen Schabernack maskierter Gestalten.
    Unsere Vorfahren waren in starkem Maße von der Natur abhängig. Sie lebten naturnah und sammelten ihre Erfahrungen.
    Viele Wetterregeln beziehen sich auf Martini z.B.:

    „Hat Martini einen weißen Bart, wird der Winter lang und hart.“
    Man wusste, dass der Erfolg der Ernte vom richtigen Zeitpunkt der Aussaat und dem Stand der Sonne und des Mondes abhing. Jeder Tag hatte seine besondere Bedeutung im Arbeitsablauf, auch die Ruhetage. Die Kalenderfeste teilten das bäuerliche Arbeitsjahr ein: wann ist Arbeit, wann ist Muße? So entstanden die Merktage. Dazu gehörten besonders die Sonnwendtage am 21. Dezember und 21. Juni, der 20. März als Tag- und Nachtgleiche.

    Die beiden „Wendetagen“ am 11. November und am 2. Februar hatten besonderes Gewicht.
    Sie bedeuteten Abrechnung und Neuanfang. Den endgültigen Abschluss des Erntesommers bildete am 11.11. das herbstliche Schlachtfest zu dem außer Helfern und Verwandten auch Lehrer und Pfarrer eingeladen wurden. Die „Martinsgans“ und das übrige Vieh wurden geschlachtet, weil im Winter das Futter zu teuer war und kein Weidegang möglich war.
    Es wurde noch einmal aus dem Vollen geschöpft, danach begann eine 6-wöchige Fastenzeit.
    Viele Knechte und Mägde wurden entlassen und erst wieder am 2. Februar an Lichtmess neu eingestellt. Es gab keine Hochzeiten, sonstige Feste und öffentlichen Vergnügungen.
    An Martini waren die Abgaben an Herrscher , Kirchen und Klöster zu zahlen. Seit Karl dem Großen gilt dieser Tag als Zinstag. Noch heute wird in einigen ländlichen Gegenden am 11. November die Pacht fällig.

    Besonders in unserer schnelllebigen Zeit mahnen uns die alten Merk- und Wendetage, über das Leben nachzudenken, einen Neuanfang zu beginnen, anderen zu helfen oder einfach nur zur inneren Ruhe zu gelangen.
    B. Biel

1. Thea Stolterfoht, Umkirch

Wie die ersten Italiener über die Alpen an den Neckar kamen

  • Fast in Vergessenheit geraten sind italienische Krämer und Kaufleute, die nach dem Dreißigjährigen Krieg ab 1648 unseren Vorfahren das Leben versüßten:
    mit Limonen und Pomeranzen, mit Kaffee und Tabak, mit Pfeffer und anderen südlichen Spezialitäten. Erst über die Italiener wurden unsere Vorfahren mit Zimt, Nelken und Pistazien bekannt, aber auch mit Taschentüchern.
    Bisher hatte man angenommen, die italienischen Händler hätten nur im Rheintal gehandelt. Aber wie die Forscherin Thea Stolterfoht (Umkirch) in einem Vortrag vor den Genealogen in Heilbronn nachwies, gab es im Rhein-Neckar-Dreieck über 500 italienische Händlerfamilien, die ständig hin und her zogen. Sie kamen meist vom Comer See und bildeten gut organisierte Handelsgesellschaften.
    Fast in jeder größeren Stadt hatte etwa die Brentano-Sippe eine Niederlassung. Ein Brentano in Heilbronn überredete einmal die Torwärter, nachts zwei „Gesandte der Königin“ einzulassen; als sich dann herausstellte, dass sie Schmuggelware brachten, floh er ins „Ausland“: in die Deutschordensstadt Neckarsulm, wo er noch 1760 feststellbar ist.

    „Heilbronn und Neckarsulm erscheinen mir wichtige Städte der Einwanderer aus Nordostitalien gewesen zu sein“, führte die Referentin aus.
    In Heilbronn sind namhaft geworden: Bacilla, Bratosi, Ferrandini, Lanzano und Romeri. Seit 1678 machte Carlo Venino das Neckartal mit den Früchten des „Landes der Zitronen“ bekannt; er starb 1692 als reicher Mann.
    Die Venino hatten auch in Mannheim und Eppingen Niederlassungen. „Die Italiener durften nicht auf den Wochenmarkt, sondern nur auf die Jahrmärkte; sie gingen auf dem Land hausieren“, berichtete Thea Stolterfoht.

    Anton Bianco importierte in Heilbronn Wein „zu eigenem Gebrauch“, bis die Heilbronner Weinzähne auf den Geschmack kamen.
    Trotz des Protests der „Krämerstadt“ errichtete sein Sohn 1740 eine Tabakfabrik und konnte mit dem blauem Rauch sogar das Käthchenhaus erwerben.
    Die Bianci in Heilbronn schrieben sich erst (1720) Bianco und dann (1740) Bianchi; sie stammen aus Bellagio zwischen Lago di Como und Lago di Lecco. Sie waren mit den Bellino verschwägert, die erst in Bönnigheim und Bretten handelten, dann in Neckarsulm.
    Die Deutschordensstadt weist zahlenmäßig die meisten italienischen Krämer und Händler in Deutschland auf. Heute stehen im Telefonbuch ein Dutzend Pecorini-Familien; ihr Vorfahr hatte zum Bäckerhandwerk gewechselt.
    Die Napoleonischen Feldzüge machten den italienischen Handelszügen über die Alpen ein Ende.
    „Nach 1800 sind fast alle italienischen Namen erloschen“, stellte die Freiburger Verwaltungsrichterin fest, die aus Bretten stammt und selbst italienische Vorfahren hat.
    Zu den Händlern aus Nordostitalien gehören die Paravicini in Bretten, über die der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss aus Brackenheim sogar mit Napoleon verwandt ist; eine Ahnin des großen Korsen trägt diesen Namen.

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