Veranstaltungen des Vereins

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1. Dr. Peter Lucke, 9. November 2017

Der Waldbacher Schneiderstein und die Mordprotokolle

  • Im Sperbelhauwald zwischen Waldbach und Eschenau, nahe der Grenze zwischen den Landkreisen Hohenlohe und Heilbronn, befindet sich ein gut erhaltenes Kulturdenkmal aus dem Jahre 1709: ein Sühnekreuz aus Sandstein, „Schneiderstein“ genannt, der auch der Waldabteilung den Flurnamen gegeben hat.
    Beide Seiten enthalten teilweise beschädigte und nur rekonstruierbare Inschriften.
    Auf der vorderen Seite lässt sich entziffern:
              (A)LLD(A)
    (A)N DIESEM O(RT)
    IST JAMERLIC[H]
               ERMOR[DT]
    Auf der Rückseite ist im Kopfbalken ein Kreuz angebracht. Darunter steht: 
    (GEO)RG MICHAEL
          RITTER d 9 APR
              A709
    Die ungefügen Buchstaben und Ziffern, die am Rande abgebrochenen Wörter und das ungenaue Datum – der Mord geschah nachweislich am 1. April – lassen den Schluss zu, dass das Aufstellen dieses Gedenksteines kein amtlicher, zur Sühne gehörender Rechtsakt mehr war, sondern vermutlich eine Entscheidung der alteingesessenen Familie Würth oder Wirth, ihren Frieden im Dorf zu finden. Deshalb kann man nur unter Vorbehalt von einem Sühnekreuz sprechen.
    Als sich der Volkskundler Bernhard Losch 1981 in Waldbach für sein Buch „Sühnekreuze in Baden-Württemberg“ nach dem Schneiderstein erkundigte, brachte er nur in Erfahrung: „Dort sei einer ermordet worden, das stehe auf dem Stein.“ Vielleicht kannten einige Waldbacher auch den Kirchenbucheintrag, den Wilhelm Mattes 1929 in seinem Öhringer Heimatbuch veröffentlichte.
    Die Protokollakten des Kriminalprozesses von 1709, die im Stuttgarter Landesarchiv lagern, verdienen es, endlich ans Tageslicht gefördert zu werden, weil sich in diesem grausamen Geschehen, an das dieses in dieser Form einmalige Steinkreuz erinnert, auch ein Stück Heimatgeschichte erschließt.
    Den 28jährigen Schneidergesellen Jörg Michael Ritter aus dem hohenlohischen Dorf Lendsiedel bei Langenburg hatte es auf seiner Walz als Handwerksbursche in den zur Vogtei des Klosters Lichtenstern gehörigen Flecken Waldbach verschlagen. Er wohnte bei der Witwe des verstorbenen Schneidermeisters Jörg Christoph Christen und hatte bei ihr Arbeit und Auskommen gefunden. Aber auch Hans Peter Würth, der 24jährige Stiefsohn des Waldbacher Bürgers Hans Jörg Reiff, war eine Zeitlang bei dieser geschäftstüchtigen Witwe eingestellt. So freundeten sich die beiden Burschen an, und bei einer gemeinsamen Arbeit im Hause des Christoph Hagen in Waldbach ließ der sesshaft gewordene Schneidergeselle seinen neuen Freund im Vertrauen wissen, er besitze einige Gold- und Silbermünzen: besonders wertvolle Taler, Dukaten und sogar französische Louisdor. Da bekam der einfache junge Mann große Ohren, denn er war mit der im Nachbardorf Eschenau lebenden Ursula Rösch verlobt, die als Magd bei Hans Jacob Scholl arbeitete und wohnte. Ihr hätte er, der als Ungelernter im armen Waldbach recht wenig verdiente, gerne einmal ein schönes Geschenk gemacht. Die Gier war geweckt, ja der „Geldgeiz“, wie es im Protokoll wörtlich heißt, ließ den Waldbacher Burschen nicht mehr ruhen. Für seinen teuflischer Plan lieh er sich, wie schon früher, wenn er alleine übers Feld ging, von Hans Philipp Wild, dem Sohn des Waldbacher Stabsschultheißen, zu seiner Selbstverteidigung eine Pistole aus. Am 1. April des Jahres 1709, am heiligen Ostermontag, machten sich die beiden nach der Mittagspredigt auf den Weg nach Eschenau. Aus den verschiedenen Verhören wird allerdings nicht klar, ob Hans Peter Würth seinen neuen Freund überredete, ihn bei einem Spaziergang zu seiner dort wohnenden und an diesem freien Tag auf ihn wartenden „Liebstin“ zu begleiten. Oder ob er sich angeboten hatte, den Schneidergesellen zum jüdischen Krämer nach Eschenau mitzunehmen. Jedenfalls wurden sie gesehen, wie sie gemeinsam den Ort verließen. Als sie nun auf der damaligen sogenannten Ordinari-Straße entlang gingen und hinter den Feldern am Lichtensterner Wald ankamen, der heute Sperbelhau heißt, lenkte der junge Würth unvermittelt seine Schritte nach rechts, etwa eine Ackerlänge von der Straße entfernt in den Wald hinein. Dann setzte er urplötzlich und ganz unvermerkt die verborgen mitgeführte und von ihm selbst scharf geladene Pistole von hinten auf den Nacken seines Begleiters und drückte ab. Nach dem Schuss fiel der hinterrücks Getroffene zu Boden, tat etliche Schnapper und bewegte, wie es im Protokoll steht, noch seine „Lefzen“. Aus Angst, sein Begleiter könne noch leben und ihn verraten, sah sich der Mordgeselle genötigt, ihm noch mit dem Pistolenschaft zwei Stöße auf die Schläfe zu versetzen, bis der am Boden Liegende keinen Mucks mehr von sich gab. Dann fing Würth ganz aufgeregt an, in den Hosen des Entseelten nach Geld zu kramen, doch er fand zu seiner Enttäuschung nicht mehr als 30 Kreuzer und nahm ihm noch ein Paar Strümpfe, einen Schal, ein Schnupftuch und Schuhriemen ab. Aus Angst, entdeckt zu werden, visitierte er nur die Hosensäcke, denn für die Untersuchung des Hosenfutters fehlte ihm die Geduld.
    Der wenig erfolgreiche Raubmörder ließ, wie er später behauptete, den Leichnam am Ort des grausigen Geschehens liegen, ergriff dann hastig die zusammengerafften Habseligkeiten und wollte damit seine Verlobte in Eschenau freudig überraschen. Als er aber bei ihr eingetroffen war und ihr offenbart hatte, wie er zu all dem gekommen sei, bezeugte sie ihr „Missbelieben“, weinte zum Erbarmen und wollte mit diesen gestohlenen Sachen nichts zu tun haben. Nur widerwillig ließ sie sich überreden, dieselben und einen Teil des Geldes bei sich in Verwahrung zu nehmen.
    Als ihr Verlobter sie bald darauf verließ, trank er in einem Eschenauer Wirtshaus noch Bier und traf abends um acht Uhr wieder in Waldbach bei seinen Eltern ein. Dort empfing ihn auch die Meisterin mit vorwurfsvollen Fragen über ihres Gesellen Abwesenheit. Der solcherart Bedrängte ließ sich aber nicht das Geringste anmerken und wollte der Schneiderwitwe weismachen, sie seien nur bis zu den Krautgärten hinter dem Dorf miteinander gewandert. Noch weit vor dem Wald, an der Weinsberger Hälde, hätten sie sich getrennt, und sein Freund sei einfach westwärts nach Sülzbach abgebogen und wie tausend Teufel einfach davon gelaufen. Danach ging der Delinquent ins Wirtshaus und erlaubte sich von den restlichen gestohlenen Kreuzern noch einige Maß Wein.
    Inzwischen begann das Misstrauen gegen Hans Peter Würth im Dorf  zu wachsen. Dreizehn Tage nach dem mysteriösen Verschwinden des Schneiders, am Sonntag, dem 14. April, hatte sich der Verdacht gegen ihn so verdichtet, dass ihn Schultheiß  Johann Georg Wild abends um acht Uhr vom Dorfbüttel auf der Gasse aufgreifen, handfest machen und ins örtliche Gefängnis einsperren ließ, um ihn dort gründlich zu examinieren.
    Und tatsächlich: Nach allerlei Ausflüchten und Ungereimtheiten zwang ihn der Schultheiß, bei Gott und der vorgesetzten Obrigkeit zu schwören und die Wahrheit zu sagen. Da schlug dem eingeschüchterten Mörder das Gewissen, er gestand unter vielen Tränen seine abscheuliche Tat, zeigte herzliche Trauer und aufrichtige Reue, erzählte alles, wie und wo diese schreckliche Tat geschah. Noch am Abend fand man den Entseelten, und am nächsten Morgen wurde der zuständige Weinsberger Vogt unterrichtet, denn Weinsberg übte die Schirmvogtei über Lichtenstern aus. Der Vogt beauftragte nun zwei Mediziner, die Leiche zu untersuchen, und ließ den Mörder holen, der anderntags schon um zehn Uhr morgens in Weinsberg vor ihm stand.
    Zur gleichen Zeit, am Morgen des 15. April des Jahres 1709, begaben sich der Arzt Doktor Müller und der Chirurgus Ruf von Neuenstadt an den Tatort. Begleitet wurden sie von den zwei Waldbacher Urkundspersonen und Gerichtsverwandten Hans Conrad Müller und Hans Jerg Blank, übrigens einem direkten Vorfahren des berühmten Physikers Max Planck.
    Der Leichnam – die Herren Mediziner nannten ihn einen Kadaver – wurde „in großer Fäule stehend und entsetzlich stinkend angetroffen“. Er lag vorwärts auf dem Bauch und mit dem Gesicht auf der linken Backe. Der ganze Kopf war geschwollen und blutig, die Zunge sogar sehr angeschwollen, die rechte Seite schwarz-grün und ganz breiweich. Vom Schienbein bis auf die Zehen gab es überall blaue und rote Male und Abschürfungen, als ob der Entleibte durch Hecken und Gestrüpp geschleift worden wäre. Fand der Mord doch an der Straße statt, und die Leiche wurde etwa zweihundert Schritt weit ins unwegsame Unterholz geschleift? Wie sonst erklärten sich solche ungewöhnlichen Kratzspuren?
    Die Untersuchung der Schusswunde ergab, dass die Kugel den zweiten und dritten Halswirbel sowie das Rückenmark zerschmettert hatte. Die Schussrichtung ging aufwärts in den Kopf, welcher aber wegen des Gestanks nicht mehr genauer untersucht werden konnte. So lautete denn das medizinische Urteil am Schluss unfehlbar, dass die Hals- und Genickwunde letal, also unbedingt und sofort tödlich war.  Noch am Abend setzte der Amtsschreiber des Klosters Tobias Öttinger das Protokoll auf, ließ es von allen unterschreiben und schickte es anschließend an die Weinsberger Vogtei. Am nächsten Tag dann konnte man endlich den Toten auf dem Waldbacher Friedhof unter die Erde bringen, was sicherlich unter großer Anteilnahme geschah.
    Das Verhör des geständigen Mörders fand in Anwesenheit der Weinsberger Gerichtsverwandten Reuscher und Scheuermann sowie des Stadtschreibers Speidel statt. Der dortige Amtsvogt namens Johann Michael Ritter vernahm sofort den eingetroffenen Angeklagten. Er heiße Hans Peter Würth. Sein Vater Andreas Würth, ein Bürger Waldbachs, sei schon früh gestorben, und vor zwölf Jahren habe seine Mutter, die jetzt noch lebe, Hans Jörg Reiff geheiratet. Er habe noch zwei ledige Schwestern und einen Stiefbruder.
    Wer ihm Anlass für diese Tat gegeben oder ihn sogar angestiftet und ihm geholfen habe? Niemand. Ob er schon ein andermal so etwas gemacht oder geplant habe? Nein, sein Lebtag nicht, es sei ihm noch dieses zu viel. Was er mit dem geraubten halben Gulden getan? Noch am gleichen Abend die eine Hälfte in Eschenau, die andere in Waldbach vertrunken.
    Nachdem der Delinquent alles ausführlich und unter vielen Tränen erzählt hatte und das Protokoll verlesen und unterschrieben war, bekräftigte er noch einmal seine Aussage. Es sei die pure Wahrheit. Er habe diese Tat ganz allein ausgedacht und ausgeführt und schloss damit, dass ihm dies alles herzlich Leid tue und er alles Gott anheimstelle. Es möge gehen, wie es wolle. Er bitte um ein gnädiges Urteil.
    Der Schirmvogt befand sich nun in großer Not, denn bei dem großen Brand von 1707 war das Gefängnis abgebrannt und bisher noch nicht wieder aufgebaut. Wohin mit dem Delinquenten, ohne eine Flucht oder Befreiung befürchten zu müssen? Aber vor allem: In welchem dafür würdigen Raum sollte der Kriminalprozess stattfinden, nachdem auch das Amtshaus noch nicht wieder herstellt war? So sperrte man vorübergehend den Waldbacher angekettet in den alten Diebsturm, den heutigen Geisterturm,  und wartete auf weitere Order aus Stuttgart.
    Die Eschenauer Dienstmagd, die dem Mörder ehelich versprochen war, wurde von dem edelmännischen Eschenauer Vogt Beltz, der im Dienste des Rittergutsbesitzers Freiherr Carl Sigmund von Ziegesar stand, vernommen. Dieser setzte sofort die als Räuberbraut verdächtige Ursula Rösch in Haft und befragte sie aufs Genaueste.
    Es stellte sich bald heraus, dass sie von dem Verbrechen vorher nichts gewusst und ihren Bräutigam auch nicht dazu angestiftet hatte. Auch war sie von ihrem Verlobten nicht belastet worden. So ließ der Eschenauer Herrschaftsvogt die verängstigte junge Frau frei, zuvor aber einen Eid ablegen, den Wohnort nicht zu verlassen, bis von der hochfürstlichen Durchlaucht ein anderer Befehl eintreffe. Selbstverständlich wurden die 22 Kreuzer und die Geschenke, die sie bei sich deponiert hatte, sichergestellt. Man setzte freilich „das Mensch“ nicht nur deshalb auf freien Fuß, weil sie „von dem Malefikanten nicht graviert“, also belastet wurde, sondern auch zur „Ersparung der Unkosten“. 
    Aufgrund ihrer Aussagen, die der Eschenauer Amtsschreiber nach Weinsberg schicken ließ, holte man ihren Verlobten noch einmal ex carcere und setzte das Verhör fort.
    Ob er mit dem Entleibten gut Freund gewesen sei? Ja. Ob dieser ihm Anlass gegeben habe zu dieser Mordtat? Nein, dieser habe ihm sein Lebtag  nichts zuwider getan.
    Ob er den Toten habe liegen lassen oder fortgeschleppt? Und wenn nein, wie er schon früher vorgab, warum man dann dessen Beine zerfetzt und zerkratzt gefunden habe? Das wisse er nicht. Was er dem Toten abgenommen, habe er seiner Liebsten zugestellt und ihr davor, das könne er beschwören, nichts davon erzählt. Wie lange er mit den Mordgedanken schwanger gegangen sei? Seit dem Tag, an dem der Schneider ihm von dem vielen Geld erzählt habe. Da der Vernommene nichts weiter zu sagen wusste, legte man ihn wieder zurück in den Turm.
    In seinem Bericht an den Herzog Eberhard Ludwig und dessen Oberrat fügte der „gehorsamste Vogt zu Weinsberg“ „untertänigst“ seine Meinung hinzu: Hans Peter Würth habe als ein „üppiger Müßiggänger“ und weil er „vielleicht keine Gelegenheit gehabt“, des Geldes „mit besserer Manier habhaft zu werden“, „den Schneidergesellen persuadiert“, also überredet, mit nach Eschenau zu kommen. In dem Protokoll ist auch nicht mehr von den Lefzen des sterbenden Opfers die Rede, sondern von seinem Maul.
    Da der Prozess in Weinsberg wegen mangelnder Sicherung bzw. Fluchtgefahr nicht stattfinden konnte, schrieb am 20. April der Stuttgarter Oberrat an den Vogt zu Bottwar: „Ist hiermit unser Befehl, du sollst den Latronem (den Raubmörder)… wohlwahrlich annehmen, dass der Process so schleunig und in so genauen Lasten, als es möglich, geführet“ wird. Danach seien die Protokollakten an die Juristenfakultät nach Tübingen zu schicken, die ein Urteil anfertigen werde. Doch sei dieses vor der Veröffentlichung und Vollstreckung „dem Herkommen gemäß zu unserem fürstlichen Oberrat“ nach Stuttgart einzuschicken. Erst nach dessen sofort zu erwartender  Stellungnahme zum Urteil sei es rechtskräftig und so bald wie möglich zu vollstrecken. 
    Am gleichen Tag forderten die Stuttgarter Oberräte von der fürstlichen Kanzlei den Vogt von Weinsberg brieflich auf, den verhafteten Delinquenten in die nächstgelegene Amtsstadt nach Bottwar zu transferieren, in der der Prozess denn auch zu Ende geführt werden solle. Sogleich bekam der Weinsberger Hufschmied Hess den Auftrag, extra für den Schwerverbrecher aus Waldbach Ketten zu schmieden, die, wie die Vogteirechnung ausweist, 48 Kreuzer kosteten und denn auch ihren Dienst beim Gefangenentransport nach Großbottwar taten.
    Am 22. Mai schickte der Dekan der Tübinger Juristenfakultät das Urteil mit einem Gruß an den herzoglichen Stabhalter und die Beisitzer des Peinlichen Halsgerichts zu Großbottwar. Die Anrede lautet: „Edle, Ehrenwerte, Fürsichtige, Ehrsame und wohlweise Sonder Geehrte Herren!“ Die Überschrift heißt: „Urthel“, und das Urteil wird gleich am Anfang gesprochen: „dass Beklagter wegen seiner begangenen und bekannten Misshandlung dem Hochrichter an seine Hand und Band gelieffert wird, von demselben zur gewohnlichen Richtstätt geführt, und allda ihm zur wohlverdienten Straff und andern zum abschrecklichen Exempel mit dem Rad vom Leben zum Tod gerichtet werden solle.“
    Dieses Urteil wird daraufhin nach der materialen und formalen Seite hin ausführlich begründet, wobei man sich häufig wortwörtlich auf die Protokolle und Gutachten stützt, dabei aber manche Begriffe und ganze Sätze lateinisch formuliert.
    Die Begründung beginnt mit der materialen Wiedergabe des Gutachtens, das die Mediziner am Tatort über den Leichnam vorgenommen hatten. Hier gebe es keinerlei Zweifel an dem tödlichen Ausgang durch einen Pistolenschuss.
    Weiterhin stellt das Urteil fest, dass auch im Formalen kein „Dubium fürwaltet“, das heißt, dass das lückenlose Geständnis des Angeklagten die Schuld eindeutig und ohne Zweifel bestätige. Erschwerend komme allerdings hinzu – und deshalb wurde auch auf die schlimmste Hinrichtungsart erkannt – , dass Hans Peter Würth „nach seiner eigenen Geständnuß der beste Freund des Entleibten geweßen und doch sub specie amicitiae (aus dem Blickwinkel der Freundschaft) aus rechtem, leichtfertigem Vorsatz Ihn mit Ihme zu gehen beredet und hernach unter dem Schein eines vergnüglichen Spaziergangs solche höchst ärgerlich grausame That an diesem seinem Cameraden ausgeübt“ habe.
    Der Kriminalfall Würth ist aufgeklärt, nur über den Verbleib des gestohlenen Geldes von 30 bzw. 22 Kreuzer bleiben aufgrund widersprüchlicher Angaben Unklarheiten bestehen. Zweimal heißt es bei den Vernehmungen, Würth habe die eine Hälfte für Bier in Eschenau, die andere für Wein in Waldbach ausgegeben. Dann aber behauptet er, seiner Verlobten 22 Kreuzer in Verwahrung gegeben zu haben, von denen bei ihrer Festnahme 15 Kreuzer „restituiert“ wurden. Vermutlich hatte er bei seinem Osterspaziergang schon einige Kreuzer von zu Hause mitgenommen und keinen Überblick mehr über die Münzen in seiner Hosentasche. 
    So bleibt am Schluss des dreizehn Handschriftenseiten füllenden Urteils über diesen besonders hinterhältigen Raubmord nur noch die  Ausführungsbestimmung für die Hinrichtung durch das Rädern. Und so heißt es denn auch: „Die Räderung aber were von oben ab zu verrichten und der Körper auf das Rad zu flechten.“
    Am 28. Mai schickte der Großbottwarer Vogt das Urteil der Tübinger Juristenfakultät mit einem dem Urteil zustimmenden Begleitschreiben an den herzoglichen Oberrat nach Stuttgart. Die letztrichterliche Antwort des herzoglichen Oberrats steht auf dem nach Großbottwar zurückgeschickten Urteil in der linken Spalte am Schluss und lautet – unterschrieben von den Professoren Löwenstern, Abel, Hellwer und Knisel – kurz und bündig: „bey so bewandte umbstände ist die Urthel an dem Delinquent zue exerciren.“
    Trotz seines Geständnisses und seiner Reue musste Hans Peter Würth den grausamsten Tod leiden, den es in der Skala der damaligen Hinrichtungsarten gab. Man flocht ihn bei lebendigem Leib, nachdem ihm zuvor alle Knochen gebrochen worden waren, auf ein Wagenrad und ließ ihn elend verrecken – anders kann man diese scheußliche, menschenverachtende Exekution nicht nennen. Wie viele Stunden er ausgehalten hat, wissen wir nicht, noch weniger aber, ob er einen von den sicherlich zahlreichen Zuschauern von ähnlichen Verbrechen abgeschreckt hat.
    Was war nun aber dieser Waldbacher Mörder für ein Mensch? Was lässt sich darüber zwischen den Zeilen der Gerichtsprotokolle herauslesen? Sein Vater ist früh gestorben, Hans Peter bekam mit zwölf Jahren einen Stiefvater. Höchstwahrscheinlich hat er kein Handwerk gelernt, und reich war die Familie wohl kaum. So musste er neben der Mithilfe im kärglichen landwirtschaftlichen Familienbetrieb hier und da im Dorf aushelfen, ohne dabei viel Geld zu verdienen. Immerhin fand er im Nachbarort Eschenau ein Mädchen, das ihn heiraten wollte. Aber ob er und die einfache Magd bei ihren ärmlichen wirtschaftlichen Verhältnissen damals die Heiratserlaubnis erhalten hätten, ist zumindest zweifelhaft. Dem unreifen, vielleicht auch etwas einfältigen Hans Peter Würth, der kaum mal einige Gulden in die Hand bekam, muss der Schneider aus Lendsiedel mit seinen glanzverheißenden Dukaten, Talern und Louisdor wie ein Goldesel aus dem Märchenland vorgekommen sein.
    Zwei seltsame Freunde, die beide in jungen Jahren einen grausamen Tod fanden: Auf der einen Seite das etwas kindliche, ja primitive Gemüt des Raubmörders Hans Peter Würth, auf der anderen der im Kirchenbuch als „recht fromm“ beschriebene Schneidergeselle Georg Michael Ritter, der, nichts Böses ahnend, so unerwartet früh sein Leben lassen musste. Aber war der fremde Aufschneider, der mit seinen Geld-Geschichten die Geld-Gier des einheimischen Arbeitskameraden geweckt hatte, so ganz schuldlos an dieser denkwürdigen Mordgeschichte?
    Immerhin erinnert uns der Schneiderstein auch noch nach über 300 Jahren an dieses Verbrechen, das jetzt nach so langer Zeit der Vergessenheit wieder ans Tageslicht kam und auch für uns Heutige noch mehr als ein Kulturdenkmal sein sollte: ein Mahnmal an ein unmenschliches Verbrechen und eine unmenschliche Strafe.
    Der eibenumsäumte Schneiderstein an der idyllisch gelegenen Bismarcksruhe verdient aber noch eine Nachbemerkung. Wie kommt es, dass er, obwohl häufig zitiert, nie genau gelesen wurde? Wie muss man sich die eigenartig ungeübte Schreibweise und das falsche Datum erklären? Und wie den geradezu poetischen Reim? Ein Steinmetz hat die Inschrift sicherlich nicht in das Kreuz gemeißelt. Dazu sind die gleichen Buchstaben, zum Beispiel O und R,  zu unterschiedlich. Ein Fachmann hätte auch vorher überlegt, wie er am rechten Steinrand mit den Buchstaben auskommt. Da die Aufstellung des Kreuzes kein verpflichtender Rechtsakt mehr war und sie trotzdem noch vorgenommen wurde, und zwar von ungeübter Hand, könnte man vermuten, dass der weit jüngere Halbbruder einige Jahre später – entweder aus eigenem Antrieb oder aufgrund von Bitten oder Drohungen einiger Dorfbewohner – Sühne leisten wollte, wobei ihn möglicherweise der Pfarrer unterstützte und ihm den Reimspruch empfahl. Wir wissen es nicht, und warum sollte sich nicht nach der Aufklärung durch die Protokollakten schließlich doch noch ein Geheimnis mit diesem unserem Schneiderstein verbinden?

    Copyright: Dr. Peter Lucke

2. Prof. Dr. Kay Weidenmann, Karlsruhe, 8. Februar 2017

Waldenser in Württemberg – Auf den Spuren einer europäischen Glaubensbewegung.

  • Im vergangenen Reformationsjahr wurde gerne vergessen, dass es vor Luther bereits Bestrebungen gab, die katholische Kirche zu reformieren. Die einzige vorreformatorische Bewegung, die die Verfolgungen durch die Inquisition überlebte und bis heute als größte protestantische Kirche in Italien weiter existiert, ist die calvinistisch geprägte Waldenserkirche, deren Spuren sich auch im Unterland finden.
    Vor mehr als 800 Jahren begann die waldensische Bewegung mit einem Lyoner Kaufmann namens Waldus. Vermutlich um 1176/77, als eine Hungersnot übers Land zog, erfuhr Waldus ein religiöses Läuterungserlebnis. Er organisierte daraufhin im Gebiet von Lyon öffentliche Armenspeisungen und hielt Lesungen aus der Bibel ab, die er vorab aus dem Lateinischen ins Französische abschnittsweise übersetzen ließ. Es entstand eine kleine Gemeinschaft, die sich „Die Armen Christi“ nannte. Sie halten am Apostolischen Glaubensbekenntnis und der Dreieinigkeit fest, kennen wie die katholische Kirche sieben Sakramente. Jedoch lehnen sie alle „Erfindungen der Menschen in Sachen Religion“ ab: Feiertage, Heilige, Weihwasser, Messen.
    Sie verbreiteten ihre Lehre durch Wanderprediger, die sogenannten „Barben“ (d.h. „Onkel“). Sie zogen als fahrende Händler getarnt durchs Land und predigten in geheimen Versammlungen. Zentren der Bewegung sind die Provence, Süditalien und einige Täler in den Cottischen Alpen (Piemont).
    Ihr Glaube verbreitet sich von Südfrankreich aus über ganz Mitteleuropa, zunächst mit Duldung durch die katholische Kirche.
    Nach der Verweigerung der Anerkennung durch Papst Innozenz III. werden die „Waldenser“ im Jahr 1184 als lrrgläubige exkommuniziert, da die Umwandlung in eine Ordensgemeinschaft von den Waldensern abgelehnt wird.
    Im Jahr 1215 folgt die Verdammung als Häretiker auf dem IV. Laterankonzil in Rom.
    Damit begann ein jahrhundertelanger Leidensweg.
    Auf der Synode von Chanforan im Piemont 1532 schließen sich die Waldenser der Bewegung der Reformation an, davon erhoffen sie sich Schutz vor den Verfolgungen. Die Laienbewegung wird zur Kirche: Das Priesteramts wird eingeführt und Kirchengemeinden gegründet, die durch Konsistorien geleitet werden. Zudem geben die Waldenser eine neue Bibelübersetzung aus den Ursprachen ins Französische in Auftrag.
    Der Beschluss von Chanforan wird von den katholischen Landesherren in Frankreich und Italien und der Papstkirche als Bedrohung angesehen, die Verfolgung wird verstärkt. 1545 wurden die Waldenser in der Provence und 1561 in Süditalien grausam verfolgt und weitgehend ausgerottet. Aus der Provence retten sich einige in die abgelegenen „Waldensertäler“, die als letzte Zuflucht gelten. Aber auch dort wird die Verfolgung immer stärker. 1655 wird ein furchtbares Massaker unter der waldensischen Bevölkerung angerichtet, das im protestantischen Europa Abscheu hervorruft, die „Piemontesischen Ostern“. Nun ist es sicher, dass auf längere Sicht auch in den letzten Zufluchtsorten der Waldenser kein Bleiben mehr sein kann. 1685 wird der waldensische Gottesdienst in den Tälern verboten, die Gotteshäuser werden geschleift, die führenden Männer inhaftiert, viele versuchen der Gewalt durch Flucht zu entkommen. Der Versuch des bewaffneten Widerstands scheitert angesichts der Übermacht der herzoglichen Truppen. Von 1685 bis 1687 flüchten über 2000 Bewohner des Pragelatales, fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung.1686 wird das Toleranzedikt von Nantes, das den Waldensern einen Rest von Schutz gewährt hat, durch Ludwig XIV. aufgehoben.
    Alle Waldensertempel in Frankreich werden zerstört, die Gemeinden in den Tälern des Piemont werden aufgehoben. Es kommt zu einer Massenflucht ins Ausland, vor allem in die Schweiz.
    Im Jahr 1689 werden am Genfer See 1000 Waldenser von Wilhelm von Oranien mit Waffen ausgestattet. Unter Führung von Pfarrer H. Arnaud erobern sie Ihre Täler im Piemont zurück. Als der Herzog von Savoyen im Pfälzischen Erbfolgekrieg ins protestantische Lager wechselt, erlaubt der den Waldensern die Wiederansiedlung unter der Bedigung, dass sie ihn im Krieg gegen Frankreich unterstützen. Bis Ende 1691 sind die Täler wiederbesiedelt, der Wiederaufbau der Kirchen beginnt ab 1694.
    Der Friede von Rijswijk beendet den Pfälzischen Erbfolgekrieg und legt fest, dass alle auf französischem Boden geborenen Waldenser ausgewiesen werden (Pragela- und unteres Chisonetal). Sie wurden zunächst von der Schweiz aufgenommen, ca. 3000 Flüchtlinge.
    Alle anderen Waldenser (Germanasca-, Pellice und Agrognatal) wurden endgültig savoyische Untertanen und durften in ihren Alpentälern bleiben

    Die Ansiedlung in Württemberg

    Württemberg war durch den 30jährigen Krieg weitgehend entvölkert, Herzog Eberhard Ludwig musste das Land wieder aufbauen. Sein Ziel waren zusätzliche Steuereinnahmen zum Bau der neuen Residenzstadt Ludwigsburg. Die Frage der Konfession führte zu schweren Bedenken seitens der Regierung: „Lieber Türken im Land als Reformierte (Calvinisten)“. So entstanden die Kolonien der Waldenser als selbständige Neugründungen.
    Die Württemberger Waldenserorte wurden alle in den Jahren 1699 bis 1701 gegründet und liegen überwiegend im Oberamt Maulbronn. Es entstehen hochmoderne Retortensiedlungen, die durch den Feldmesser Stahl aus Hohenhaslach als Straßendörfer geplant wurden.
    Die Waldenser organisieren sich als selbständige Kirche mit eigenem Waldenserdekanat.
    Synoden werden anfangs jährlich abgehalten, dazu wird die verfallene Peterskirche in Dürrmenz wieder in Stand gesetzt. Eine Waldenserdeputation am Württemberger Hof wird als Schiedsstelle eingerichtet
    Die in Nordhausen angesiedelten Waldenser waren zunächst in Hessen untergebracht und baten wegen der dort schlechten Versorgungslage um eine Umsiedlung nach Württemberg. Vom 21.-23.6.1700 kommen so 55 Familien (202 Personen) nach Dürrenzimmern und Hausen, wo sie während der Bauphase der Kolonie lebten. Der Altersdurchschnitt ist 55,2 Jahre. Die Kolonie umfasst rund 630 Morgen Land, das von den Nachbardörfern Nordheim und Hausen abgetreten wurde. Während einer 5jährigen (am Ende: 14jährigen) Steuerfreiheit der Kolonie Nordhausen, mussten diese Muttergemeinden auch die Steuerausfälle ausgleichen. Die Waldenser genießen Glaubensfreiheit und dürfen Französisch als Amtssprache in Kirche, Schule und Verwaltung bis 1823 beibehalten.

    Der Kaufmann A. Seignoret besorgt für den Pfarrer Arnaud, der aus der Kolonie Schönenberg die Ansiedlung in Württemberg organisiert, 200 Saatkartoffeln, 1701 werden die ersten Kartoffeln in Schönenberg gepflanzt. Die Ernte von 2000 Früchten wird an die Kolonien verteilt. So kam die Kartoffel nach Württemberg. (Erst 1744/45 wird die Kartoffel in Preußen eingeführt).
    Weiterhin bringen die Waldenser die Luzerne (Futterklee) mit und pflanzen Maulbeerbäume zur Seidenraupenzucht, was jedoch am Klima scheitert.
    Die Verkehrssprache der Waldenser war das Patois, eine okzitanische Sprache, die aus frühem Italienisch und Französisch entstanden ist. Sie wird heute noch in den Waldensertälern als Mundart gesprochen und wieder in den Schulen gelehrt.
    Es wurde auch von den deutschen Waldensern gesprochen, verlor sich aber mit der Abschaffung des Französischen als Amtssprache in den Kolonien ab 1823. Die letzte Waldensernachfahrin in Deutschland, die noch Patois sprach war Jeanette Gilles aus Serres (1842-1932).
    1823 werden alle Württemberger Kolonien und so auch Nordhausen deutsch. Auf der Synode wird die Vereinigung der Reformierten und Lutheraner in Schule und Kirche beschlossen. Die deutsche Sprache wird eingeführt,doch die Flurnamen bleiben bis heute französisch. Die Waldenser verzichten auf das Pfarrerwahlrecht.
    Die Deutsche Waldenservereinigung mit Sitz in Schönenberg, dem Wohnort des bereits erwähnten Waldenserpfarrers Arnaud, kümmert sich heute um den Kontakt der Waldensergemeinden untereinander und zur Waldenserkirche in Italien. Zudem sind viele lokale Vereine in den Waldenserkolonien entstanden, wo teils auch kleine Museen gegründet wurden.

    Copyright: Dr Kay Weidenmann

3. Jan Wiechert, Schwäbisch Hall, 8. Juni 2017

Kirchenvisitationen im 16. Jahrhundert.

  • In den evangelischen Kirchen ist die Visitation als ein regelmäßiges Mittel der Kirchenleitung in Gebrauch. Erst durch die Trennung von Kirche und Staat 1919 wurde die Visitation in den evangelischen Landeskirchen in Deutschland eine innerkirchliche Angelegenheit – seit der Reformation hatten die Landesherren die Aufsicht über die Kirchen und damit auch die Visitation ausgeübt. Dabei haben konfessionell geprägte Modelle unterschiedlichen Einfluss gewonnen.

    In der Geschichte der Kirchen war die Visitation das wichtigste und effektivste Werkzeug zur Durchführung der Reformation im 16. Jahrhundert. Nur so konnte jeder einzelne Ortspfarrer überprüft werden, ob er der neuen „evangelischen“ Lehre entsprach und den gewandelten Anforderungen an das Pfarramt gewachsen war. Philipp Melanchthon verfasste 1527/28 – von Martin Luther gestützt – seinen Vorschlag für eine Visitationsordnung, also noch bevor eine offiziell anerkannte Bekenntnisschrift oder Kirchenordnung vorhanden war. Entsprechend ihrer damaligen Bedeutung war die Visitation regelmäßig, zum Beispiel in den Preußischen Artikeln von 1540 sogar im jährlichen Turnus vorgesehen.

    Während in lutherischen Kirchen mit der Visitation die Aufsicht des Bischofs ausgeübt wird, können reformierte Gemeinden gemäß dem synodalen Prinzip auch von „nachbarschaftlichem Besuch“ sprechen. Zahlreiche Zwischenformen existieren in den Kirchenordnungen der Landeskirchen und konfessionellen Bünde (VELKD, Arnoldshainer Konferenz). Gemeinsam ist allen, dass die Visitation entsprechend der verschiedenen kirchenleitenden Ebenen gestaffelt wird. Kirchengemeinden werden von den Verantwortlichen der nächsthöheren Ebene (Kirchenkreis, Kirchenbezirk, Dekanat u. Ä.) visitiert – sei es durch Superintendent(in), Dekan(in) bzw. Propst/Pröpstin oder durch Visitationskommissionen aus Haupt- und Ehrenamtlichen unter Vorsitz der vorgenannten Amtsinhaber. Mit einem Rhythmus von 6–8 Jahren ist die Visitation im Leben der Gemeinden fest verankert.

    In der Praxis ist die gottesdienstliche Versammlung der Gemeinde Höhepunkt einer Visitation, die in der Besuchsphase oft eine Woche dauert. Dazu finden üblicherweise Aussprachen, Besuche von Einrichtungen sowie eine Verwaltungsprüfung statt. Zum ursprünglichen Gedanken der Aufsicht ist inzwischen in den heutigen Visitationsordnungen auch der Kontakt zur Gemeinde und deren Beratung hinzugekommen. Über die ordnungsgemäße Verkündigung, Lebens- und Amtsführung von Pfarrern und anderen kirchlichen Mitarbeitern sowie ein intaktes Gemeindeleben hinaus wird nun auch nach Visionen und Zielen der Gemeindeglieder gefragt. Über Berichte, Protokolle und Statistiken hinaus werden Umfragen und gemeinwesenorientierte Methoden wie beispielsweise die Zukunftswerkstatt eingesetzt.

    Bei frühen Kirchenvisitationen wurde nicht nur dem Pfarrer und dem Schulmeister auf die Finger geschaut. Die frühesten Protokolle stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und bieten ungewöhnlich tiefe Einblicke in die Alltagskultur. Abgefragt wurden das Fortschreiten der Reformation, der allgemeine Aberglaube und die Überreste „papistischer“ Gebräuche. Dem heutigen Nutzer bieten die erhaltenen Dokumente einen unverstellten Blick auf die kirchlichen Verhältnisse der frühen Neuzeit und detailreiche Informationen zur Orts- und Heimatgeschichte.

    Copyright: Wikipedia und Jan Wiechert

4. Dr. Martin Häußermann, Ludwigsburg, 11. Mai 2017

Aus den Akten der Kriminalpolizei, historische Mordfälle aus der Region

  • 1. Der Fall Wilhelm Heinrich Armbruster:
    * 1827 in Löchgau – hingerichtet 8. Januar 1848 in Backnang

    Es ist ein heißer Tag im Juni 1847. Der Metzgergeselle Wilhelm Heinrich Armbruster schuftet auf einem Acker an der Neckarweihinger Straße. Armbruster rinnt der Schweiß herunter, er rammt seinen Spaten in die Erde und stützt die Arme auf das inzwischen glitschige Holz des Griffes. Viel lieber würde er jetzt ein Nickerchen im Schatten machen. Armbruster ist als Faulpelz bekannt. Andere bezeichnen ihn zudem als heimtückisch, unbarmherzig und sogar charakterlos.
    Er lässt seinen Blick über die Felder schweifen. In der Ferne taucht ein Schatten auf. Er entdeckt einen Viehtreiber. Mit ein paar Ochsen ist dieser auf dem Weg nach Ludwigsburg. Johann Gottlieb Winter marschiert mit seinem Vieh regelmäßig nach Ludwigsburg. Der Markt ist bekannt, für Ochsen werden gute Preise bezahlt.
    Das weiß auch der Metzgergeselle. Er zählt eins und eins zusammen: Wenn der Viehtreiber jetzt nach Ludwigsburg geht, seine Ochsen verkauft, dann tritt er mit einem gefüllten Geldsäckel seinen Nachhauseweg an. Armbrusters Plan ist schnell geschmiedet: Er wird Winter auflauern und ihm das Geldsäckel rauben.
    Der Viehtreiber lässt nicht allzu lange auf sich warten. Die stattlichen Ochsen waren gefragt. 327 Gulden hat er für sein Vieh bekommen. Der Weg nach Ludwigsburg hatte sich für ihn gelohnt.
    In Neckarweihingen trifft Winter auf einen Metzgergesellen. Winter erkennt ihn an seinem blauen Schurz. Armbruster verwickelt den Viehtreiber in ein Gespräch. Er wolle nach Maubach, ein Kuh kaufen, flunkert er den Viehtreiber an. In Maubach trennen sich dann ihre Wege. Armbruster erkundigt sich wirklich nach einer Kuh – an einen Kauf aber denkt der Metzgergeselle nicht wirklich. Sein Plan ist durchdacht. Schließlich will er nicht mit Winter gemeinsam in Maubach gesehen werden. Armbruster will keine Zeugen für seine Tat.
    Winter marschiert weiter. Von seinem Verfolger ahnt er nichts. Dieser hält sich in sicherem Abstand, versteckt sich immer wieder hinter Büschen und Bäumen. Es dämmert schon, als der Viehtreiber mit seinem unbekannten Verfolger den Ungeheuerhof zwischen Backnang und Unterweissach passiert.
    Das Gelände wird unwegsamer, immer weniger Menschen begegnen dem Viehtreiber. Armbruster sieht seine Zeit gekommen. Er überfällt den Viehtreiber, will das Geldsäckel an sich bringen. Doch Winter ergibt sich nicht kampflos. Er wehrt sich heftig.
    Damit hat Armbruster nicht gerechnet. Er hat die glänzenden Gulden im Kopf und will um jeden Preis an das Vermögen des Viehtreibers. Mit einem Messer sticht er auf Winter ein. Geschwächt übergibt dieser sein Geldsäckel. Doch Armbruster tritt nicht die Flucht an. Er fürchtet, der Mann könnte ihn nach seiner Genesung verraten. Deswegen beschließt er kurzerhand, den einzigen Zeugen seiner Tat umzubringen. Er schneidet Winter die Kehle durch. Doch Armbruster ist kein kaltblütiger Mörder. Ihn packt die Panik. Er flüchtet angsterfüllt und bemerkt nicht, dass ihm ein Stück seines Kittels fehlt. Dieses hatte Winter ihm im Kampf vom Metzgersschurz abgerissen.
    Ein Kind hat die Tat versteckt hinter einem Busch beobachtet und alarmiert die Ermittler. Diese finden die Leiche Winters wenige Minuten nach der Tat blutüberströmt am Wegesrand – und neben ihm die blaue Manschette. Sofort fällt der Verdacht auf einen Metzger. Denn der blaue Kittel gilt als Merkmal der Zunft. Feldarbeiter erinnern sich zudem an einen Metzger, der den Fürstenhof bei Großaspach passiert habe und in Richtung Ludwigsburg marschiert sei. Ein Knecht des Fürstenhofs gibt den Fahndern einen weiteren Hinweis: Blutverschmiert sei das Hemd des Metzgers gewesen, ist dieser überzeugt. Doch Armbruster gelingt die Flucht. Das Geldsäckel trägt er stets bei sich. 135 Gulden hatte er erbeutet. Eine stolze Summe. Was Armbruster nicht weiß: Winter hatte die restlichen 192 in anderen Taschen versteckt.
    Der Metzgergeselle fühlt sich sicher. Fünf Tage nach der Tat lässt er sich in der Wirtschaft zum grünen Baum in Bietigheim ein kühles Bier schmecken. Doch die Fahnder haben ihn im Visier: Sie verhaften Armbruster vom Biertisch weg. Die beim Ermordeten gefundene Manschette passt exakt an seinen Metzgerschurz. Er ist überführt.
    Das Oberamtsgericht Backnang verhört Armbruster. Dieser legt ein Geständnis ab und der Prozess vor dem Kriminalsenat nimmt seinen Lauf. Am 5. August 1847 wird Armbruster angeklagt. Das Urteil fällen die Richter am 14. Dezember. Armbruster wird zum Tode durch das Schwert verurteilt. Bis zu 8000 Menschen verfolgen die öffentliche Hinrichtung des Metzgergesellen am 8. Januar 1848 auf der Bleichwiese in Backnang – zugleich die letzte öffentliche Hinrichtung im Oberamt Backnang.

     

    2. Wenn die geliebte Gattin zur Giftmischerin wird. Der Fall Christiane Ruthardt
    * 1804 hingerichtet 27.Juni 1845 in Stuttgart

     

    Christiane Ruthardt ist eine junge Frau mit einer bewegten Vergangenheit. Als 20-jährige erfährt sie, dass sie ein Kind einer verbotenen Liaison ist. Die Hauptmannswitwe Henriette von Lehsten und der Hofmedicus von Klein hatten einst ein romantisches Tete-a-tete – doch von dem kleinen Spross aus der leidenschaftlichen Verbindung durfte die Öffentlichkeit nicht erfahren. Deswegen wächst Christiane Ruthardt unter gefälschtem Namen bei verschiedenen Pflegefamilien in Ludwigsburg auf. Unter dem Namen „Mayer, Tänzers Tochter aus Frankfurt“ kennt man sie. Als solche verdient sie jahrelang als Dienstmädchen ihren Unterhalt.
    400 Gulden – ein kleines Vermögen – vermacht ihr ihre letzte Dienstherrin. Das Glück scheint perfekt, als sie im Jahr 1839 den Stuttgarter Goldarbeiter Eduard Ruthardt heiratet und mit ihm in die Torstraße 3 der Landeshauptstadt Stuttgart zieht.
    Doch der Ehemann verprasst das Vermögen. Er hält sich für einen genialen Erfinder, steckt das Geld in Bücher und Maschinen. Sein ehrgeiziges Ziel: Ein „Perpetuum mobile“ erfinden.
    Christiane Ruthardt bringt eine kleine Tochter zur Welt. Doch ihr Ehemann hat nichts als seine Erfindungen im Kopf. Binnen kürzester Zeit steht die junge Familie vor einem Scherbenhaufen. Das geerbte Vermögen ist aufgebraucht, der Schuldenberg wächst und wächst.
    Christiane Ruthardt weiß keinen Ausweg mehr. Denn eine Scheidung kommt nicht in Betracht. Die altwürttembergische Eheordnung von 1689 macht eine legale Trennung so gut wie unmöglich. So schmiedet sie einen unheimlichen Plan.
    Bei sechs Ärzten versucht sie unter dem Vorwand, die Rattenplage bekämpfen zu wollen, an Arsenik zu kommen. Das Gift solle den Tieren den Garaus machen, erzählt sie den Ärzten. Drei von sechs verschreiben der jungen Frau das Mittel. Doch sie setzt es nicht gegen die tierischen Plagegeister ein, sie mischt es ihrem Gatten ins Essen und in seine Medizin.
    Dieser klagt im Frühjahr 1842 das erste Mal bei seinem Stuttgart Hausarzt Dr. Voettiner über „unzeitiges Unwohlsein, trübe Stimmung und kranken Unterleibe“.
    Am 24. April verschlechtert sich sein Zustand rasant: Der Arzt attestiert eine akute Magenentzündung, verordnet Brausepulver, legt Blutegel an und rät der Ehefrau, Senfteig auf den Magen ihres Mannes zu legen. Erst einige Tage später verschwinden die Symptome.
    Das Leid der jungen Familie spricht sich in der Nachbarschaft herum. Man bietet Christiane Ruthardt Hilfe an, ist betroffen vom schlechten Gesundheitszustand des jungen Mannes. Am 9. Mai gibt es gute Nachrichten. Eduard Ruthardt leide zwar unter einer „hartnäckigen Gastritis enteritis mucosa“, sei durch die häufigen Durchfälle und das heftige Erbrechen sehr geschwächt, so der Arzt. Ruthardt könne aber „über die Krankheit Herr werden.“
    Wohl zu gute Neuigkeiten für die verzweifelte Gattin. Denn am 10. Mai eilt sie – angeblich verzweifelt – zum Hausarzt und bittet um sofortigen Besuch ihres Mannes, denn „es seye sehr schlimm mit ihm geworden“. Dr. Voettiner findet Ruthardt mit eingefallenem Gesicht, kalten Gliedern und aufgeblähtem Bauch – und kann ihm nicht mehr helfen. Zur Mittagszeit stirbt Eduard Ruthardt am 11. Mai 1844. Christiane Ruthardt sitzt am Krankenbett und wird gestützt von ihrer Schwiegermutter.
    Doch die Witwe macht für die Außenstehenden einen gefassten Eindruck, macht sich gleich an die Vorbereitungen für die Beisetzung. Vier Stunden nach Ruthardts Tod wird seine Ehefrau festgenommen. Polizeidiener Gölz bringt sie direkt auf das Kriminalamt Stuttgart.
    Ein Zufall hat die wahre Ursache der Leiden des jungen Ruthardt ans Licht gebracht: Einen Tag vor Ruthardts Tod war Diakon Hofacker zu Besuch, hatte dem schwer kranken Mann Trost zugesprochen. Danach traf er sich mit seinem Schwager zu einem Spaziergang. Dort erzählt er ihm und seiner Gattin von seinem Krankenbesuch bei Ruthardt. Schlagartig erinnert sich des Schwagers Frau an eine Begebenheit im Haus ihres Hausarztes Dr. Johann Wilhelm Camerer. Dort habe sie Christiane Ruthardt getroffen, die sich ein Abführmittel sowie eine Portion weißen Arsenik zur Rattenvergiftung verschreiben ließ.
    Die junge Gattin leugnet auf dem Stuttgarter Kriminalamt zunächst die Tat. Doch das Geständnis lässt nicht lange auf sich warten. Am 4. Februar 1844 wird sie zum Tode verurteilt. Die Gnadengesuche ihres Verteidigers aus Marbach – er hatte ein psychologisches Gutachten beantragt – werden verworfen.
    Am 27. Juni pilgern tausende Stuttgarter zur Feuerbacher Heide. Dort wird die junge Frau mit dem Schwert hingerichtet.

     

    3. Ernst August Wagner, Oberlehrer, Massenmörder und Schriftsteller
    *22.09.1874 Eglosheim bei Ludwigsburg, ev., +27.04.1938 Heilanstalt Winnental

     

    Ernst August Wagner stammt aus ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen. Der Vater wird als ein eingebildeter, unzufriedener und dem Alkohol verfallener Mann beschrieben, der nach seinem frühen Tod seiner Familie hohe Trinkschulden hinterlässt, was deren sozialen Abstieg beschleunigt. Die Mutter, eine düstere, pessimistisch eingestellte Frau mit ständigen Verfolgungsgefühlen, Migräne und Kopfzittern – mehrere Mitglieder ihrer Familie sind geisteskrank – heiratet nur wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes erneut, hat daneben jedoch verschiedene Liebhaber, weshalb schließlich die Ehe bald wieder geschieden wird. Der intelligente, atheistisch gesinnte Ernst August schlägt mit besten Noten die Ausbildung zum Lehrer ein und sympathisiert mit den radikalen Sozialisten um Clara Zetkin. Eine Station seines beruflichen Wirkens wird für seinen weiteren Lebensweg von schicksalhafter Bedeutung: Mühlhausen an der Enz. Während seines dortigen Wirkens als Unterlehrer fühlt er sich zu mehreren jungen Frauen hingezogen. Eine von ihnen, die Tochter des Adlerwirts Konrad Schlecht, wird von ihm geschwängert; er heiratet sie jedoch erst nach der Geburt des Kindes mehr aus Pflichtgefühl als aus Liebe. Jedoch nicht diese Heirat, sondern mehrere nicht genau rekonstruierbare sodomistische Vergehen im Sommer und Herbst 1901 in der Scheune seines späteren Schwiegervaters ändern seinen weiteren Lebensweg schlagartig. Immer in der Meinung, seine Umwelt wisse von diesem Fehltritt, lästere, höhne, beobachte, ja hetze ihn ohne Unterlass, entwickelt er ab diesem Zeitpunkt einen Verfolgungswahn („Paranoia“), der ihn letztendlich zum Massenmörder werden lässt. Dies erscheint umso tragischer, als sich später herausstellen sollte, dass sich niemand an irgendwelche sodomitischen Taten Wagners tatsächlich erinnern konnte.
    Auf jeden Fall steigert sich Wagner in den Folgejahren hinein in den Hass auf die Einwohner Mühlhausens, von denen er ja annahm, sie alle wüssten von seinem sexuellen Fehltritt und würden ihn überallhin verbreiten. Das Mordmotiv gegenüber seiner Familie war hingegen geprägt von einem tiefen Mitleid: er wollte sie nicht allein, hilflos und der Verachtung ausgesetzt in dieser Welt zurücklassen. Er schafft es, sein bereits seit langem geplantes Vorhaben vor seiner Umwelt verborgen zu halten, denn anders lässt es sich nicht erklären, dass er noch am Abend vor der Ermordung seiner Frau und seiner vier Kinder seelenruhig mit seiner Familie und seiner Vermieterin im Garten zusammengesessen haben kann, um dann kurz darauf zu Bett zu gehen, dabei das spätere Mordwerkzeug unter seinem Kopfkissen verbergend.
    In den frühen Morgenstunden des 4. September 1913 steht Wagner auf, schlägt seine neben ihm schlafende Ehefrau zunächst mit einem Totschläger bewusstlos, um sie dann mit einem Dolch zu erstechen. Nur mit einem Nachthemd bekleidet geht er hernach ins Schlafzimmer seiner beiden Söhne, erdolcht dieselben ebenso wie anschließend seine beiden Töchter. Er bedeckt die Leichen mit ihren Bettdecken, zieht sich an und verlässt alsbald ohne jegliches Anzeichen von Erregung oder Panik das Haus. Mit drei Schusswaffen und über 500 Patronen Munition macht er sich mit seinem Fahrrad per Zug auf den Weg nach Mühlhausen, das er nach Pausen in Ludwigsburg und Bietigheim am Abend desselben Tages gegen 23 Uhr auch erreicht.
    Sein Plan ist, Rache zu nehmen an allen, die ihn – vermeintlich – gedemütigt und verspottet haben. Alle erwachsenen Männer in Mühlhausen will er töten, dazu die Familie seines Bruders in Eglosheim, um am Ende im von ihm in Brand gesteckten Ludwigsburger Schloss im Bett an der Seite der Herzogin Selbstmord zu begehen.
    Er beginnt sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, indem er zunächst in Mühlhausen eine Scheune in Brand steckt. Als der Nachtwächter den Brand entdeckt und Alarm schlägt, fallen Schüsse. Nahezu gleichzeitig bricht an mehreren Stellen im Ort Feuer aus, darunter auch in der Scheune des Gasthofs „Adler“ – dem Elternhaus seiner Ehefrau. Ein schwarz vermummter Mann wird gesehen, wie er durchs Dorf eilt und wahllos auf jeden schießt, der ihm entgegentritt oder sich auch nur am Fenster zeigt. Erst als Wagner seine beiden Pistolen leer geschossen hat, gelingt es einigen Männern, ihn zu überwältigen. Die Bilanz seiner Tat ist grauenvoll: 9 Tote und 11 zum Teil Schwerverletzte in Mühlhausen, seine Frau und seine vier Kinder in Degerloch, dazu fielen fünf Hauptgebäude und etliche Nebengebäude den von ihm gelegten Bränden zum Opfer.
    Wagner wird in Heilbronn vor Gericht gestellt. Allerdings erkennen die zuständigen Untersuchungsrichter ziemlich rasch, dass es sich beim Angeklagten wohl um einen Geisteskranken handeln muss und überstellen ihn Ende des Jahres 1913 zur näheren Untersuchung in die Tübinger Nervenklinik. Befragt nach dem Grund seiner Wahnsinnstat erwähnt er gegenüber seinem Gutachter Prof. Robert Gaupp immer wieder die Hetzjagd auf ihn nach seiner sodomitischen Verfehlung vor über 10 Jahren. Aufgrund seines, auch durch ein Zweitgutachten des Straßburger Psychiaters Prof. Robert Wollenberg diagnostizierten Verfolgungswahns, wird Ernst August Wagner vom Landgericht Heilbronn für nicht schuldfähig erklärt und am 4. Februar 1914 vom dortigen Untersuchungsgefängnis in die „feste Abteilung“ der Nervenheilanstalt Winnental überführt.
    Wagners Verfolgungswahn geht einher mit einer maßlosen Selbstüberschätzung. Schon vor seiner Tat beginnt er, Dramen zu schreiben und sieht sich alsbald als den größten deutschen Dichter, neben dem Schiller oder Goethe verblassen. In krassem Gegensatz vergleicht er sich einmal mit Cäsar, meint, er könne selbst ein großes Reich regieren, dann wieder schwelgt er geradezu in Selbstverachtung und Selbstmitleid. Bereits im Herbst 1909 fängt er an, eine heute verschollene Autobiographie zu verfassen, in der er ausdrücklich darauf verweist, seine Frau und seine Kinder töten und gegen Eglosheim, Ludwigsburg und Mühlhausen einen privaten Rachefeldzug führen zu wollen. Für den Tatzeitpunkt legt er zunächst das Frühjahr 1913 fest, verschiebt dann jedoch diesen Termin auf die letzten Tage der Sommerferien desselben Jahres.
    In Winnental nun führt er diese schriftstellerische Tätigkeit bei zunehmendem Größenwahn fort. Mit der Neubearbeitung seines bereits vor seiner Tat verfassten Dramas „Absalom“ bewirbt er sich im März 1918 nicht nur um den deutschen Schillerpreis, er bietet es auch dem Staatstheater in Stuttgart, der Universität Tübingen und dem Stuttgarter „Neuen Tagblatt“ an, geizt damit nicht mit Vergleichen mit Schiller oder Goethe und verweist stets auf die besondere Ehre, die die Aufführung eines seiner Stücke für das jeweilige Theater bedeuten würde.
    Auch auf politischer Ebene bietet Wagner ein unbeständiges Bild. Zunächst streng sozialistisch denkend wendet er sich 1918 an die Reichsregierung und bittet um eine Ausbildung zum Maschinengewehrschützen und um einen Einsatz an der Front. In einem Brief an seine Schwester 1919 verweist er in der ihm eigenen Überheblichkeit darauf, dass unter seiner Ägide Deutschland den Krieg gewonnen hätte. 1938 erklärt er den Mord an seinen eigenen Kindern damit, dass er doch nur praktische Rassenhygiene, ganz im nationalsozialistischen Sinne, betrieben hätte, sieht er sich doch als minderwertig wegen seiner einstigen sexuellen Verfehlung – ein Punkt, den er auf seine Kinder vererbt zu haben glaubt. Doch wenig später, noch kurz vor seinem Tode im selben Jahr wendet er sich gegen Hitler und stellt sich auf die Seite Frankreichs, meint, die Franzosen hätten bereits 1933 in Deutschland einmarschieren und Hitler sowie das Deutsche Reich vernichten müssen.
    In welcher Hinsicht auch immer: Wagner vermittelt stets ein paranoides Bild von sich selbst. Auf der einen Seite gefühls- und regungslos, als er seine eigene Familie, danach fremde Personen erschießt, auf der anderen Seite durch und durch von Selbstzweifeln aber auch von Selbstüberschätzung und Größenwahn besessen. Mit dieser Zwiespältigkeit seines Wesens stirbt er am 27.4.1938 in der Heilanstalt Winnental im Alter von 64 Jahren.

     

    4. Hans Hofmann von Labetshausen, Anführer einer Rüberbande

     

    Die Bürger der Residenzstadt Mergentheim und der umliegenden Orte sind vorsichtig geworden. Nach Sonnenuntergang verlassen sie nur ungern ihr Haus. Denn grausige Taten ereignen sich um das Jahr 1574 im Gebiet des Deutschen Ordens um dessen Residenzstadt Mergentheim. Nur selten wird darüber gesprochen. Aber man tuschelt in Mergentheim. Denn eines Morgens fehlt auf dem einen Hof ein Huhn. Tage später macht eine schreckliche Nachricht die Runde: Es gibt wieder einen Toten.
    Wer versetzt eine ganze Stadt in Angst? Ist es gar einer von uns? Fragen, die sich die Bürger der Residenzstadt immer wieder stellen.
    Aber es ist kein einzelner Täter, der Mergentheim und die nähere Umgebung in Angst und Schrecken versetzt. Es ist eine ganze Gaunerbande, die mordend und stehlend unterwegs ist.
    Nach und nach gehen die Gauner den Behörden des Deutschen Ordens ins Netz. Sie werden festgenommen und verhört. So fasst man auch den Anführer der Truppe, den ehemaligen Schafknecht Hans Hofmann von Labetshausen. In Gaunerkreisen ist er besser bekannt unter dem Namen „Eichelkönig“. Sein eigentlicher Name soll auf diese Weise geheim gehalten werden. Zudem bezeichnete man den ehemaligen Schafknecht auch als den „Meßelhauser“, da er in der heute zur Stadt Lauda-Königshofen gehörenden Ortschaft Messelhausen geboren wurde. Zwei Jahre dauert es, bis alle Mitglieder der Gaunerbande dingfest gemacht sind und verhört werden. Mit der Wahrheit rücken die Verbrecher nicht so gerne heraus. „Gütlich“ plaudern sie zwar so manchen Beutezug aus, wie etwa einen Hühnerdiebstahl. Aber nur „in tortura“ kommen die schrecklichsten Taten ans Licht.
    Die Verhörmethoden sind alles andere als sanft. Den Gaunern werden auf dem Rücken die Hände zusammen gebunden – immer ein kleines Stück weiter hoch werden die Arme geschoben, Knochen brechen. „Die Schulterkapsel wurde gesprengt“, weiß Landeshistoriker Dr. Martin Häußermann. Doch dann sprudeln die Worte.
    Diese sind genauso grausam wie die Verhörmethoden. Zwei Kinderherzen wollen die Gauner verspeist haben. Diese – so erzählen sie unter Folter – hätten sie zwei noch ungeborenen Kindern entnommen, die sie zuvor zwei Frauen aus dem lebendigen Leib geschnitten hätten.
    Die Gaunerbande wird zum Tode verurteilt. Allen voran ihr Anführer Hans Hofmann von Labetshausen. Doch nicht geköpft werden die Verbrecher, sondern regelrecht hingerichtet, nach „mittelalterlichem Rechtssystem“. Arme und Beine werden den Gaunern qualvoll gebrochen. Dann ließ man die Gauner in ein übergroßes Rad einflechten – und sterben.

    Copyright: Dr. Martin Häußermann

5. Karl-Heinz Wüstner, Ilshofen, 9. März 2017

Auswanderung im 19. Jahrhundert nach England

  • Die Auswanderungsbewegung aus Hohenlohe im 19. Jahrhundert war damals zu ihrer Zeit in aller Munde. Die Menschen verließen Hohenlohe, weil sie von Armut und wirtschaftlicher Not betroffen waren. Sie versuchten, der damals im 19. Jahrhundert herrschenden Aussichtslosigkeit zu entfliehen, um sich in einem fremden Land eine Existenz aufzubauen. Es waren also so genannte Wirtschaftsflüchtlinge.
    Wie fast jeder aus der Überlieferung weiß, sind die Menschen aus der Region hauptsächlich nach Amerika ausgewandert. Doch gab es im Hohenlohischen eine zusätzliche Migrationsbewegung, die einige Besonderheiten aufweist und die die Menschen neben Amerika vor allem nach Großbritannien führte. In auffälliger Weise stand bei den angesprochenen England-Migranten offensichtlich der Metzgerberuf hoch im Kurs.
    Das steigerte das Interesse von K-H Wüstner an dem Sachverhalt noch weiter und erreichte einen Höhepunkt, als 1997 ein aus Irland stammender Mensch bei ihm an der Haustüre klingelte und erklärte, seine Nachforschungen hätten ergeben, dass sie miteinander verwandt seien. Sein Name sei Bauer. Wüstner konnte sein Anliegen nachvollziehen, denn auch seine Großmutter war eine geborene Bauer gewesen, doch war ihm in seiner Familie nie von irgendwelchen verwandtschaftlichen Beziehungen nach Irland erzählt worden. Der Fremde sagte, seine Vorfahren kamen aus Hermuthausen. Auch der Vater von Wüstners Großmutter war aus Hermuthausen.
    Schnell stellten sie durch den Bauer-Stammbaum fest, dass er Recht hatte. Sein Urgroßvater und Wüstners Urgroßvater waren Brüder. Einer blieb in der Heimat und wurde Bauer in Nesselbach, der andere wurde Metzger. Er war zunächst nach England ausgewandert. Wenige Jahre später ging er von dort nach Irland weiter, um nicht weit von Dublin ein eigenes Metzgergeschäft zu eröffnen. Beweise fanden sich dann auch noch in einem Fotoalbum, denn die Vettern aus Irland hatten verschiedene Fotos geschickt. Darunter war auch eines, das die Männer vor ihrem Metzgerladen in Irland zeigt. Stolz steht oben drüber der Name Bauer.
    Nun war Wüstners Interesse an den Metzgern vollends geweckt. Als dann der neu gewonnene Vetter aus Irland das Buch „German Pork Butchers in Britain“ („Deutsche Schweinemetzger in Großbritannien“) schickte, war sein Forscherdrang nicht mehr aufzuhalten. Nachdem er es gelesen hatte, kam er zu dem Schluss, dass es einen neuen, viel treffenderen Titel verdient hätte: „Hohenlohische Schweinemetzger in Großbritannien“.
    Langsam kristallisierte sich nämlich immer deutlicher heraus, dass die zugewanderten Menschen im Metzgergewerbe, die die Engländer und Iren undifferenziert als Deutsche wahrnahmen, tatsächlich zum größten Teil Hohenloher waren.
    Auf englischer Seite fand sich dann noch weitere Literatur, die diesen Sachverhalt bestätigte. In Liverpool gab es seit den 1820er Jahren eine deutsche evangelische Kirche.
    In einer Kirchengeschichte schreibt der deutsche Pfarrer Albert Rosenkranz über die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts, dass von Jahr zu Jahr ganz neue Männer und Familien in die evangelische Gemeinde eintraten, nämlich „die württembergischen Metzger aus dem Hohenlohischen, aus der Gegend um Künzelsau und Gerabronn“.
    Diese beiden Städte konnten von dem Pfarrer genannt werden, weil sie auf den Papieren der Einwanderer vermerkt waren. Sie waren im Hohenlohischen die Oberamtsstädte und hier wurden für die Auswanderer die Dokumente ausgestellt, unterschrieben und abgestempelt.

    Warum wanderten so viele Hohenloher in andere Länder aus, und warum über einen solch langen Zeitraum? Warum gaben sie ihre Heimat auf?
    1. Ein Vulkanausbruch auf Indonesien 1815 verursachte Missernten und Teuerung
    2. Ausbreitung der Kartoffelfäule 1845, Mangel an Lebensmitteln, Teuerung
    3. Wachstum der Bevölkerungszahlen und Versorgungsschwierigkeiten in den 1870ern
    4. Nur ein Kind konnte Nachfolger auf dem elterlichen Anwesen werden.
    5. Drohende Einziehung zum Militär ab 1871 nach dem Frankreichfeldzug

    Bei all den aufgezählten Einschränkungen erhoffte man sich einen Ausweg in der Auswanderung. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatte sich schließlich im Hohenlohischen weiträumig herumgesprochen, dass bei der zunehmenden Industrialisierung in England gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt vorhanden waren. Die sich dort bietenden Möglichkeiten wurden von den Auswanderern willig angenommen und so kamen ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts die Hohenloher nach Liverpool.
    Die positiven Berichte der frühen Englandwanderer waren im Bekannten- und Verwandtenkreis durchaus geeignet, auch Überlegungen in Richtung einer Auswanderung anzustellen. So entstand eine immer stärker werdende Kettenmigration nach Großbritannien. Kettenmigration heißt, einer zieht den anderen nach.

     

    Warum gingen die männlichen Englandauswanderer in ihrem Zielland zuallermeist dem Beruf des Metzgers nach?

    Es kann nicht allein die Aussichtslosigkeit zu Hause gewesen sein, die plötzlich aus Bauern- und Handwerkersöhnen Metzger machte und sie nach Großbritannien gehen ließ. Es müssen auch im Zielland selbst Voraussetzungen vorhanden gewesen sein, die den Migranten erfolgversprechende Möglichkeiten boten, mit ihren Fähigkeiten Fuß zu fassen und eine aussichtsreiche Lebensgestaltung in Angriff zu nehmen.

    Günstige Aussichten in Großbritannien:

    Das politische System in England war sehr freiheitlich und bot Einwanderern gute Chancen auf einen Arbeitsplatz bei der sich rasch ausbreitenden Industrialisierung. Ein deutscher Pfarrer in England bestätigt dies, wenn er schreibt dass die „Löhnungen und Verdienste, besonders auch im Fleischergewerbe zusammen mit den Möglichkeiten, sich selbständig zu machen, in England viel größer waren“ als in Württemberg.

    Damit hatten die jungen Hohenloher Männer die einmalige Chance, aus armen Verhältnissen kommend, gleich mehrere Stufen auf der sozialen Leiter empor zu klettern und im Metzgerberuf nicht nur als Handwerker arbeiten zu müssen, sondern sogar zum Geschäftsmann aufzusteigen.

     

    Warum war dort der Metzgerberuf so stark gefragt?

    In England bestand zu der Zeit eine Phase höchst entwickelter Industrialisierung. Die Industrie zog die jungen Männer vom Land an, die sich Hoffnung machten, einen Arbeitsplatz und besseren Verdienst in den aufstrebenden und pulsierenden Industriesiedlungen zu bekommen.
    Auf dem Land hatte die Schlachtung von Schweinen schon immer zur Nahrungsversorgung beigetragen. In den beengten Verhältnissen der rasch wachsenden englischen Industriestädte konnten die vom Land gekommenen Menschen jedoch selbst keine Schweine mehr halten. Außerdem trugen die Frauen zum Familieneinkommen bei indem sie selbst in den Textilfabriken arbeiteten.
    Ein Beobachter jener Zeit schreibt dazu: „Viele Frauen, die den ganzen Tag mit Weben, Spinnen oder im Färbereigewebe beschäftigt waren, hatten wenig Zeit zu kochen. Sie hatten unter Umständen nicht einmal die Möglichkeit gehabt, das Kochen zu lernen, da ihre Mütter auf ähnliche Weise in den Fabriken beschäftigt waren“. Dieses Dilemma war seiner Meinung nach dafür verantwortlich, dass es in den Textilstädten in Lancashire kaum nahrhafte Speisen gab. Als dann die jungen, strebsamen hohenlohischen Schweinemetzger in die Städte gelangten, erkannten sie sofort, „dass die Art und die Vielfalt ihrer Metzgereiprodukte alles übertraf, was in den dortigen Haushalten gekocht wurde oder was in den althergebrachten englischen Läden erhältlich war. Ihr Erfolg führte dazu, dass es bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges wohl keine einzige nordenglische Stadt, und war sie auch noch so klein, gegeben hat, in der nicht ein oder mehrere deutsche Metzger ihr Geschäft betrieben. Jeder von ihnen war versiert in der Herstellung kulinarischer kontinentaler Köstlichkeiten und verwöhnte die englische Arbeiterklasse mit einer ganzen Reihe neuer Geschmacksempfindungen in Bezug auf gekochtes Fleisch“.
    In den Industriestädten fanden die Hohenloher Schweinemetzger ein bereitetes Feld vor, um die Fabrik- und Heimarbeiter mit grundlegenden, billigen, variationsreichen und schmackhaften Produkten zu versorgen, die mit einem Tragegeschirr nach Hause mitgenommen werden konnten. Mit fertig zubereiteten Mahlzeiten wurden die deutschen Metzgerläden zum „Restaurant des armen Mannes“ und waren die ersten „Take-away-Läden Großbritanniens“. Aus der Metzgerei Ziegler in Wakefield wird berichtet, dass die Schweinemetzger neben Schweinshaxen auch Schweinebraten mit Sauce und mit Beilagen wie Röstkartoffeln und Erbsen anboten. Einmal zum Verzehr in der Metzgerei und zum anderen tatsächlich auch fertig gekocht zum Mitnehmen. Diese Art der Versorgung war neu in England, die Hohenloher Metzger waren aber gewohnt, vollkommene Speisen anzubieten, weil zu Hause oft zur Metzgerei noch eine Gastwirtschaft gehörte.
    Die Schweinemetzger hinterließen in ihren Läden vielfältigste Eindrücke auf Augen, Nase, Mund und Gaumen ihrer Kundschaft. Ein englischer Autor schwärmt von dem Appetit anregenden Stillleben in den Schaufenstern, das schon von außen die schönsten Delikatessen zeigte und kunstvoll, zumeist symmetrisch aufgebaut war. Oft hingen 15 bis 20 Schweinehälften entlang der Schaufensterfront und im Eingangsbereich1.
    Noch spektakulärer schien die Gestaltung eines Metzgerei-Schaufensters in London zu sein. Es zeigte „acht kleine Schweine, die um einen eigens angefertigten kleinen Tisch herumsaßen und in ein Kartenspiel vertieft waren. Sie hatten Tabakspfeifen in ihrem Maul und für jedes stand ein Glas Wein für einen Schluck griffbereit, wenn das Spiel zu trocken zu werden drohte. Dieses, im Grunde mit einfachen Mitteln erzielte Ensemble erschien den Passanten so ausgefallen und aufsehenerregend, dass sich immer wieder große Menschenmengen um das Schaufenster gruppierten. Es musste ganz speziell ein Polizist dafür abkommandiert werden, die Massen von Schaulustigen in Bewegung zu halten und vorbeizuschleusen“.
    Der Kreativität waren offensichtlich keine Grenzen gesetzt, es ist geradezu erstaunlich, welchen Einfallsreichtum die hohenlohischen Metzger an den Tag legten, um die Kundschaft anzulocken. Im Ladeninneren war der Kunde mit dampfenden Schwaden überwältigender Gerüche konfrontiert, die schon ausreichten, um „die Magensäfte unverzüglich in Wallung zu versetzen“.
    Um Kunden anzulocken, so wird von der Metzgerei Ziegler berichtet, leitete man ganz absichtlich über einen Abzug die Gerüche hinaus auf die Geschäftsstraße, wenn drinnen im Ofen Schweinshaxen oder Schweinebacken komplett mit Kiefer und Zähnen geröstet wurden.

     

    Was wurde also in den Läden verkauft?

    Louis Schonhut, ein weiterer hohenlohischer Auswanderersohn aus Oberhof bei Gaisbach erklärt dazu Folgendes: “Die Schweinemetzger belieferten die Arbeiterbevölkerung mit billigen und überaus frischen Nahrungsmitteln in Form von Würsten, wie der Schinkenwurst, der Blutwurst und der Leberwurst, mit Fleischpasteten, Sülze, gekochten Innereien, gekochtem und gerauchtem Schinken sowie mit allen Arten von gekochtem Fleisch, deren Zubereitung unserer heutigen Generation mitunter gar nicht mehr bekannt ist“…„All diese Produkte wurden jede Woche zu Hunderten frisch zubereitet und direkt und schnell verkauft“.
    Auch Harry Bauer, ein über 80-jähriger Metzger aus Mullingar geht bei der Frage nach der besonderen Wirkung ihrer Produkte auf die Leberwurst und Blutwurst ein. Ganz stolz hat er Wüstner erzählt, dass die heimischen Metzger ihre Blutwurst für 2 Shilling anboten, die deutsche Familie Bauer ihre aber für 20 Shilling verkaufte und dennoch die Leute Schlange vor ihrem Laden standen.
    Um die Beliebtheit ihrer Produkte zu unterstreichen erzählte Harry Bauer auch süffisant von den Pub-Besuchern, die nach der Schließzeit der Gaststätten noch in den Metzgerladen kamen, um angeblich für die Frau zu Hause eine knusprige und heiße Schweinshaxe mitzunehmen. Als Lehrling musste er dann aber am nächsten Morgen in der Umgebung der Metzgerei jedes Mal die abgenagten Knochen aus dem Rinnstein aufsammeln.

     

    Ein familiär geprägtes und beruflich orientiertes Netzwerk

    Man kann davon ausgehen, dass die ganz frühen Metzger-Auswanderer aus Hohenlohe, die vorwiegend aus Künzelsau stammten, den Grundstein für den guten Ruf der Deutschen im Gewerbe der Schweinemetzgerei legten. Diese Metzger waren schon um 1800 herum nach England gegangen. Sie boten gute und schmackhafte Ware an, und so waren sie bald sehr geachtet.
    Nachdem sich mit der steigenden Anerkennung der hohenlohischen Schweinemetzger mehr und mehr Chancen in diesem Nischengeschäft boten, entwickelte sich die Kettenmigration immer rasanter. Bald reichten nämlich die ausgebildeten Metzger zur Befriedigung des Bedarfs gar nicht mehr aus. Persönliche Kontakte und Verbindungen in die Heimat überzeugten daraufhin manchen Daheimgebliebenen, ebenfalls auszureisen.
    Auf diese Weise ließen sich ab etwa 1850 vermehrt die Söhne von Bauern rekrutieren. Jene konnten über die Wintermonate in nahe gelegenen, kleinstädtischen Metzgereigeschäften das Schlachten von Tieren und das Zubereiten von Fleisch- und Wurstspezialitäten erlernen. Die erworbenen Kenntnisse nutzten sie bei Hausschlachtungen.
    Sie befähigten sie aber auch dazu, nach der Einreise in Großbritannien zunächst bei einem deutschen Metzger angestellt zu werden, dort ihr Wissen zu komplettieren und sich später in vielen Fällen selbstständig zu machen.
    Die Hausmetzger in den heimischen Dörfern und auch die Frauen auf den Bauernhöfen waren wohl vertraut mit der Zubereitung der Produkte, sie besaßen spezielle Rezepturen und kannten sich in der Verwendung von Gewürzen und in der Haltbarmachung der fleischlichen Nahrungsmittel aus.
    Die Bauerntöchter besaßen ebenfalls einen hohen Anteil am Emigrationsstrom aus Hohenlohe. Sie wurden in Großbritannien gebraucht, um in den Metzgerhaushalten zu helfen, den Ladenverkauf zu unterstützen, als Küchenhilfe und Kindermädchen da zu sein, und vielfach wurden sie zudem als künftige Ehefrau erwählt. Auch sie brachten gut gehütete Rezepturen mit und halfen bei der Zubereitung.
    Nach den eigentlichen, früh eingewanderten Metzgern und den auf sie folgenden Bauernsöhnen ist dann ab etwa 1870 eine dritte Phase im Migrationsstrom nach Großbritannien zu beobachten. Zusätzlich zu den erwachsenen Personen, die weiterhin in England als Metzger ihre persönliche Chance suchten, gingen vermehrt auch Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 nach England auf die Reise.
    Sie wurden von ihren Eltern in die Obhut von Bekannten oder bereits in England befindlichen Familienmitgliedern gegeben, damit sie dort nach ihrer zu Hause absolvierten Schulzeit bei einem deutschen Meister eine Metzgerlehre antreten und den Beruf so tüchtig erlernen konnten, dass ihnen ebenfalls das Tor in die Selbständigkeit geöffnet wurde. Es waren also gut funktionierende familiäre Netzwerke entstanden.
    Eine wichtige Rolle in dieser hohenlohischen Sozialgemeinschaft spielten dabei die deutschen Kirchen, in denen man sich regelmäßig traf und wo junge Leute ihresgleichen kennenlernen konnten. Was bei jeder Wanderungsbewegung im fremden Land beobachtet werden kann, traf auch für die Hohenloher in Großbritannien zu: Man blieb unter sich! Der gemeinsame Dialekt und die so gezeigte Zugehörigkeit zur landsmannschaftlichen Gruppe der Hohenloher sorgten für Verbundenheit. Das Netzwerk bezog Familienangehörige, Verwandte, Nachbarn und Bekannte ein. Innerhalb dieses funktionstüchtigen Netzwerkes mit innerem Zusammenhalt fühlten sich Neuankömmlinge geborgen und behütet.
    Auf diese gefühlte Sicherheit hat sich der Auswanderer Friedrich Schäfer wohl auch verlassen, als er 1897 das Land in Richtung England verlassen wollte. Dazu erhielt er die Entlassungsurkunde aus der Württembergischen Staatsbürgerschaft. Er war jetzt staatenlos, das heißt, wenn ihn England loshaben wollte, sagten die Württemberger, den nehmen wir nicht.
    Grundlagen des Erfolges dieser Schweinemetzger waren, das ist schon mehrfach angeklungen, der hohe Bedarf an fertig zubereiteten Mahlzeiten, die schmackhaften Produkte und, so stand es in einer Zeitung in Congleton, die kontinentalen Spezialitäten und Delikatessen, die dort der Metzger Grün aus Hohenberg bei Wolpertshausen in der Stadt eingeführt hatte und die kein englischer Metzger in vergleichbarer Weise anbieten konnte. Es blieb in der Folge nicht aus, dass ihre Stellung im fremden Land gestärkt wurde.
    Viele der Metzger hatten großen Erfolg, ihre Strebsamkeit und ihr Fleiß wurden bewundert. Wer den sozialen Aufstieg geschafft hatte, der kehrte zurück und baute sich zu Hause einen Ruhesitz.
    Nach 25 Jahren kehrte Georg Michael Pfeiffer aus Morsbach nach Deutschland zurück und ließ in Schwäbisch Hall ein Haus in der Gelbinger Gasse im englischen Stil erstellen. Bei seinem Tod im Jahr 1891 verfügte er in seinem Testament, dass dieses Haus an seine Frau falle und seine vier Mietshäuser in Keighley seine dort verheiratete Schwester erben solle.
    Heinrich Samet stammte aus Hößlinsülz. Zu der Zeit, als Heinrich Samet im Jahr 1909 die britische Staatsbürgerschaft erlangen konnte, besaß er ein sehr gut gehendes Metzgergeschäft und hatte erst kürzlich in Manchester 23 Wohnhäuser gekauft.
    Georg Andreas Dimler aus Raboldshausen hatte 9 Kinder, von denen zwei starben und sieben ins Erwachsenenalter kamen. Diesen sieben Kindern vererbte er 12 Häuser – jedem von ihnen. Er selbst wohnte in einer Villa in einem Park hoch über der Stadt Liverpool, mit Blick hinaus aufs Meer.
    Die Metzger waren geachtet, erfuhren Anerkennung und ließen sich mit Stolz ihre deutschen Namen in großen Buchstaben über die Ladenfronten pinseln, die sie dann bewusst als Markenzeichen einsetzten. Ein deutscher Name über dem Metzgerladen signalisierte der Kundschaft hervorragende Qualität und höchsten Genuss. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Hohenloher Metzgerfamilien also auf dem besten Weg zur vollkommenen Eingliederung in die britische Gesellschaft.
    Doch es kam anders, die hohe Politik machte allem einen Strich durch die Rechnung.
    Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges änderte sich die Situation der hohenlohischen Metzger schlagartig. Sie wurden über Nacht zu Feinden. Die Versenkung der Lusitania am 7. Mai 1915 brachte den aufgestauten Hass zum Überkochen.
    Die Engländer gingen zu Tausenden auf die Straße und verwüsteten die Geschäfte der deutschen Metzger, die als hauptsächliche Symbolfiguren für deutschen Einfluss in Großbritannien betrachtet wurden. Im Liverpool Echo konnte man die folgende Schilderung der Geschehnisse lesen: “Ein großes Metzgergeschäft, mitten in der Stadt, wurde vollkommen zerstört. Alle Fenster sind eingeschlagen und die Vorräte in Beschlag genommen oder auf die Straße geworfen worden. Frauen schleuderten sich ganze Stränge von aneinander gereihten Würsten entgegen und in einer benachbarten Straße ging eine Frau auf ihre Knie und schrubbte den Gehweg mit einer Keule Schweineschinken. Andere Frauen hatten ihre Schürzen mit Schweinefleisch und Schinken gefüllt und gingen damit nach Hause. Nachdem der Laden geplündert war, drangen die Angreifer eine Treppe höher ins Wohnzimmer ein und hinterließen Verwüstung überall.
    Das Klavier wurde zu Kleinholz zertrümmert und hinaus auf die Straße geworfen. Ein Mann kam zu dem klaffenden Loch, wo das Fenster zur Straßenseite gewesen war, schwang einen prächtigen Spiegel über seinem Kopf und zertrümmerte ihn unter dem lauten Beifall der darunter befindlichen Menschenmenge auf dem steinernen Fenstersims in Scherben“.
    Es wird berichtet, dass sich die Familie im Kleiderschrank versteckte, um sich vor den Invasoren zu schützen. Bei der Metzgerei handelte es sich um das Geschäft von Heinrich Rutsch, er stammte aus Oberregenbach.
    Die Ausschreitungen in Liverpool zogen sich über das ganze Wochenende bis zum Dienstag der folgenden Woche hin und der Mob richtete unermesslichen Sachschaden an. Unter den angegriffenen Läden in Liverpool war auch die Metzgerei der Familie Jaag aus Kocherstetten.
    Die Regierung reagierte auf die ablehnende Stimmung, indem sie die deutschen Geschäftsleute zu Tausenden in Internierungslager steckte und sie dort bis 1919 als Kriegsgefangene festhielt. Die Ehefrauen und die Kinder der Gefangenen waren oft gleich nach Kriegsausbruch zum Zwecke der erneuten Eindeutschung nach Deutschland zurück geschickt worden. Unbeschreibliches Leid kam über viele dieser Familien, die schutzlos den politischen Ereignissen ausgesetzt waren und innerhalb kurzer Zeit ihrer Existenzgrundlage und ihrer Zukunft beraubt wurden.
    Noch während des Krieges wurde auch die Frau des Metzgers Ickinger mit ihren drei Kindern aus London ausgewiesen und in ihren Heimatort Ohrnberg zurückgeschickt. Die Jugendlichen des Dorfes warteten dann auf der Kocherbrücke und wenn die Ickinger-Kinder sich anschickten, die Brücke zu überqueren, riefen die Jugendlichen: „Die Engländer kommen, die Engländer kommen“. Die Kinder mussten leidvoll erfahren, dass sie in England die Feinde waren und als Hunnen bezeichnet wurden, um dann in Deutschland als ebenso ungebetene Feinde geächtet zu werden.
    Viele der Männer verließen nach der Gefangenschaft freiwillig das Land, um zu den Ihren nach Deutschland zurückzukehren. Zu ihnen gehörte auch ein Metzger aus Kirchberg/Jagst. Es war Adolf Sprinzing, der Sohn des Gaststättenbesitzers vom Württemberger Hof.
    Alle diese sind weggegangen, weil sie ein besseres Leben suchten. Viele fanden bessere Möglichkeiten vor als zu Hause und nutzten sie. Das ging über Jahrzehnte lang gut, bis der Erste Weltkrieg mit Hass und Gegnerschaft Ihre Existenz vernichtete.

     

    Copyright: Karl-Heinz Wüstner

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