47. Dr. Claudia Papp, Archiv Sachsenheim, 8. Mai 2014

Frauenbildungsbewegung um die Jahrhundertwende in Württemberg

  • Wie stand es überhaupt zu Beginn des 19. Jahrhunderts um die Frauenbildung in Württemberg? Die Mädchenerziehung generell war um diese Zeit im Wesentlichen auf ein Leben in Haus und Familie ausgerichtet. Das Thema „Höhere Mädchenbildung“ war fest in das Leitbild der bürgerlichen Familie integriert, die Mann und Frau sauber getrennte Wirkungssphären zuwies: Der Frau oblag die Führung des Haushaltes und die Erziehung der Kinder, während der Mann für die materiellen Existenzgrundlagen zu sorgen hatte. Legitimiert wurde diese Auffassung nicht mehr durch ständisch-religiöse Traditions-muster, sondern nunmehr durch „universal-verbindliche“ Auffassungen über die wesensgemäße, naturgegebene Bestimmung der Frauen.

    Im Königreich Württemberg war dies genauso. Anfang des 19. Jahrhunderts, d.h. in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, entstehen auch hier so genannte Höhere Töchterschulen. Sie sollten die Absolventinnen nicht zu einem Beruf führen, sondern auf ihre Aufgabe als Dame des Hauses und Kindererzieherin vorbereiten. So schreibt die Stuttgarter Schulbehörde bei der Ankündigung einer solchen Schule in Stuttgart:
    „Dem weiblichen Geschlechte ist von Natur die erste, höchst einflussreiche Erziehung der Kinder und fortdauernde Einwirkung anvertraut. Daher ist nicht die Frage ob, sondern wie es gebildet werden soll, um seine persönlichen, häuslichen und gesellschaftlichen Zwecke erfüllen zu können.

    Konkreter Anstoß in Württemberg zur Gründung Höherer Töchterschulen waren dynastische Beziehungen. Katharina Pawlowna, die Tochter der russischen Kaiserin Maria Feodorowna, will als Ehefrau von Kronprinz Wilhelm höhere Mädchenschulen nach russischen Vorbild errichten: 1819 entsteht in Stuttgart daher das „königliche Katharinenstift“, ähnliche Schulen 1819 in Ulm, 1836 in Ludwigsburg, 1841 in Heilbronn.
    Bis 1873 hatte die Anzahl der Schülerinnen am Katharinenstift Ausmaße angenommen, die die Gründung einer weiteren Mädchenschule in Stuttgart notwendig machten. So wird 1873 unter dem Patronat von Königin Olga von Württemberg das Olgastift eröffnet. Lehrer waren hier wie auch im Katharinenstift meist männliche Akademiker (Theologen) oder Volksschullehrer und Lehrerinnen. Neben Lehrern sorgten 6 Gouvernanten für „Zucht und Ordnung, Sitte und Anstand sowie Körperhaltung“. Es gab viel Handarbeitsunterricht, daneben Tanzen, Rechnen, Französisch, Naturgeschichte, Geographie, Literatur, Englisch, Biblischer Unterricht, Lesen, Singen, Kirchengeschichte, Katechismus etc..

    Dies sind die ersten Vorläufer einer Entwicklung, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkeimt: Eine allgemeine Frauenbewegung formiert sich und fordert – neben Wahlrecht - nun auch massiv den Zugang für Frauen zu weiterführenden staatlichen Bildungseinrichtungen mit anschließender Berufsmöglichkeiten. Bislang war Frauen sowohl der Zugang zum Gymnasium als auch zur Universität verwehrt geblieben, im Reich ebenso wie im Königreich Württemberg.

    Das Bestreben nach höherer Bildung macht sich in allen Schichten bemerkbar: Die Töchter wohlhabender, adliger und urbaner Familien geraten zunehmend in eine Identitätskrise, denn in ihrer bisherigen Rolle sind sie als „nutzloses Schmuckwerk des Hauses“ isoliert und gänzlich von ihren Eltern oder Ehegatten abhängig. Doch auch auf dem Land herrscht bald Bedarf nach einer besseren Frauenbildung und Ausbildung: Die aufkommende Industrie wirbt in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele landwirtschaftliche Hilfskräfte ab. Ehefrauen und Töchter der mittleren und begüterten Land- und Hofgutbesitzer müssen somit zunehmend selber Hand anlegen – mit ein Grund für die Gründung Landwirtschaftlicher Frauenschulen wie in Großsachsenheim.
    In Württemberg verdanken die Frauenbildungsbestrebungen vor allem drei Frauen ihr Fortkommen und manifestieren sich in der Gründung des ersten Mädchengymnasiums Württemberg 1899 in Stuttgart: Zum einen Johanna Dorothea Bethe als Vorsteherin des neuen Gymnasiums, die schon Erzieherin von Prinzessin Pauline von Württemberg war und Vorsteherin des Olgastiftes.
    Daneben die Palastdame Gräfin Üxküll-Gyllenband. Sie schafft die Verbindung zum Hof und damit die Unterstützung des Königshauses, vor allem von Königin Charlotte. Seit 1898 lebt in Stuttgart außerdem Gertrud Schwend-Üxküll mit viel Kontakten zu Pädagoginnen der allgemeinen Frauenbildungs- und Frauengymnasialbewegung, Sie hat Ihre Ausbildung in Genf absolviert. Sie verfasst die Einleitung für das Programm des neuen, ersten Mädchengymnasiums, in dem es nun heißt:
    „Die Aufgabe der Gymnasialklassen ist die gleiche wie die des humanistischen Knabengymnasiums in Württemberg. Zweck derselben ist:
    a) Jungen Mädchen, die sich auf die Universität vorbereiten sollen, in einem 6jährigen Unterrichtsgang die zur Ablegung der Reifeprüfung eines Gymnasiums erforderlichen Kenntnisse zu übermitteln.
    b) Auch solchen jungen Mädchen, die sich nicht dem Universitätsstudium widmen wollen, eine gründliche, wissenschaftliche Bildung, wie das Gymnasium sie der männlichen Jugend bietet, zu ermöglichen.“
    Das bedeutete sogar Universitätszugang. Außerdem werden 2-3jährige Kurse für den Apothekerberuf bzw. diesbezügliche Prüfungen am Gymnasium angeboten. In der Tat ist der relativ liberale König Wilhelm der II. in Württemberg unter dem Druck von Palastdame Gräfin Üxküll-Gyllenband und Ehefrau Charlotte 1904 dann einer der ersten deutschen Regenten, der für Frauen mit Abitur eine Immatrikulation einführt – 1904 erstmals an der Universität Tübingen. So schreiben sich 1904 von 4 Studentinnen 3 vom Stuttgarter Mädchengymnasium ein.

    Auch auf dem Land entsteht eine Frauenbewegung, als separater Zweig eine Landfrauenbewegung. Die Ziele bleiben vom Grundansatz her dieselben: Die Frauen aus ihrer sozialen Isolierung befreien und den Weg in Beruf und Öffentlichkeit zu ermöglichen.
    Die bundesweite Vorreiterin für eine qualifizierte weibliche Berufsausbildung auf dem Lande ist Ida von Kortzfleisch, sie wirbt für Wirtschaftliche Frauenhochschulen.
    Idee von Kortzfleisch: Mangelnde Ausbildung schafft schlechte Arbeitsqualität, ineffiziente Landwirtschaft und hohe Kindersterblichkeit; Frauen sollten nicht die Bastion der Männer erobern, sondern typisch weibliche Eigenarten und Fähigkeiten mit einer qualifizierten Ausbildung fördern, Berufe ergreifen und so auch zur Wirtschaftlichkeit und Modernität der Landwirtschaft insgesamt beitragen. Kortzfleisch setzt sich durch: 1897 eröffnet die erste Wirtschaftliche Frauenschule in Hessen mit fundierter Ausbildung in Selbstversorgungslandwirtschaft, Gartenbau, Kleintierhaltung, Krankenpflege, Kinderaufzucht, Chemie, Physik, Botanik und Kunstgeschichte. Wenig später gründet Korzfleisch dann den „Reifensteiner Verein für wirtschaftliche Frauenschulen auf dem Lande“.
    Zum Schulverbund dieses Verbandes gehören zwischen 1897 und 1990 insgesamt 52 Schulen, wobei 15 direkt dem Verband gehören, 37 anderen Trägern. Die meisten Schulen werden zwischen 1914 und 1928 gegründet, die meisten nach dem 1. Weltkrieg. Diese Schulen haben im Bereich der Landfrauenbewegung und dem hauswirtschaftlichen Schul- und Lehrlingswesen in Deutschland lange Zeit einen maßgeblichen Einfluss und eine Vorreiterrolle inne. Erst 1990 schließen die beiden letzten Einrichtungen.

    Die Schule in Großsachsenheim gehört auch zu diesem Verband, mit eigenem Träger. Ihre Gründung im Jahre 1908 zeigt auch, dass Baden und Württemberg in Sachen Frauenbildung reichsweit wirklich mit an vorderster Stelle standen. Schon 1899 gründet sich nämlich in Stuttgart der Zweigverein des Reiffensteiner Vereines, der „Württembergische Verein für Frauenschulen auf dem Lande e.V.“.
    Bereits im ersten Jahr zählt der Verein 38 Mitglieder.
    Vorsitzende ist Gräfin Johanna von Leutrum.

    Zweck des Vereins:

     - Die Erschließung praktischer Arbeitsgebiete für die auf christlichem Grunde stehende gebildete deutsche Frauenwelt
    - Erziehliche Einwirkung auf die ländliche Bevölkerung durch arbeitsfähige, für diese Aufgaben vorgebildete Frauen
    - Belebung des allgemeinen Interesses für Wirtschaftsbetriebe und Wohlfahrtspflege auf dem Lande. Weitere wichtige Vereinsmitglieder sind Olga von Uexküll, Kaufmann Becker und Freiin Helene von Koenig, Besitzerin des Großsachsenheimer Wasserschlosses.  Dieser „Württembergische Verein für Frauenschulen auf dem Lande e.V.“ eröffnet dann 1908 in Großsachsenheim die erste Landfrauenschule im Königreich Württemberg.  

    Die Landfrauenschule Großsachsenheim

    Ende des 19. Jahrhunderts verändert sich die Situation in der Landwirtschaft. Es gibt immer weniger Hilfskräfte, da die besser bezahlte Industrie viele Arbeitskräfte abzieht. Die Töchter von Gutsbesitzern oder höhere Töchter müssen nun oftmals selbst in der Landwirtschaft mithelfen. Dazu sind sie nach ihrem traditionellen Besuch einer höheren Töchterschule oder der Ausbildung durch einen Privatlehrer jedoch nicht vorbereitet.

     

    Aufbau Reiffensteiner Schulen:

     - Zugangsalter für Schülerinnen: 17 bzw. 18 Jahre.
    - Voraussetzung: höhere Mädchen- oder Mittelschule oder gleichwertige Ausbildung.
    - Internat: d.h. dort wird gewohnt; dies sind dann „Maiden“ für 1 oder 2 Jahre.
    - Privatschule mit Pensionspreis für Unterricht und Verpflegung; nicht wenig, daher auch nur begüterten möglich (1200 bzw. 1400 Mark im Jahr).
     - den Schulen sind stets landwirtschaftliche und handwerkliche Spezialbetriebe angeschlossen wie Töpferei, Schlosserei, Gerberei, Färberei, Weberei, Schusterei etc.
    - Bis Ende der 1960er Jahre ist einheitliche Kleidung, die “Maidentracht“ üblich.
    Schon im Winter 1907/08 wurde im Verein darüber beraten, wie und wo eine Schule gegründet werden könnte. Vereinsmitglied Baronin von Koenig-Fachsenfeld – bekannt für ihre große Spontanität – stellt in ihrem Park Gelände für ein Schulgebäude und einen Schulgarten zur Verfügung und beauftragt mit dem Bau den Großsachsenheimer Maurermeister Christian Schlotterbeck. Schon in den ersten Monaten des Jahres war der Plan entstanden: Es sollte ein Schulgebäude sein, in dem sich Schlafräume für Lehrerinnen und Schülerinnen, Lehrräume, eine Lehr-, Wasch- und Bügelküche, ein Speisesaal sowie eine Milchküche für die Käsezubereitung samt Gärkeller befinden soll. Auch ein Schweine-, Hühner- und Entenstall sowie ein Bienenhaus gehören zur Einrichtung. Außerdem ein großer Raum für „Obstverwertung“, da auch ein viermonatiger Lehrkurs für Obstverwertung stattfinden sollte. Und auch handelsmäßige Herstellung von Obstkonserven, bzw. Ausbildung von Fachkräften hierzu, sollte damit gefördert werden.
    Bereits am 18. Juli 1908 findet dann die feierliche Einweihung der Schule mit ca. 100 Festgästen statt. Die Baronin hat 26 000 Mark gegeben, der Verein konnte nur 6000 Mark geben.
    Für die Königin nimmt die Palastdame Olga Gräfin von Üxküll-Gyllenband teil.
    11 Schülerinnen unter der ersten Vorsteherin Fräulein Grautoff ziehen nunmehr in das neue Lehrinstitut ein.
    Da im Schulgebäude selbst nur wenige Schülerinnen wohnen konnten, stellte Baronin von Koenig auch den zweiten Stock ihres Schlosses für die Unterbringung zur Verfügung.
    Die Anziehungskraft der Schule ist enorm. Schon 1910 gibt es auf der Maidenliste auch viele Namen aus Ostpreußen, Westfalen, dem Kurland, Pommern oder Schlesien, es sind bereits 30 Schülerinnen. Ein separates Gebäude im Ort als Schlafraum muss angemietet werden und schon 1911, drei Jahre nach der Gründung, entschließt man sich daher zu einem Schulneubau.
    Finanziert wurde der Schulneubau:
    - durch Spenden nicht ganz unbegüterte Damen, die auch über Beziehungen weitere Geldsummen besorgten.
    - Privatspenden, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Basaren und Lotterien, Tee- und Musiknachmittagen gesammelt.
    - Die Stadt stellt 1,5 h Land, den Wasseranschluss und 10 500 Reichsmark zur Verfügung unter der Bedingung, den Bau bis 1915 fertig zu stellen und den Vereinssitz nach Großsachsenheim zu legen.
    - Hof/Regierungsbaumeister und Architekt Hugo Schlösser plant den Neubau honorarfrei, der von 1912 bis 1913 durch eine Stuttgarter Firma stattfindet.
    Dazu entstehen noch: Molkerei, Gärtnerei, Hühnerhof und Schweinestall, 1928 noch Gewächshaus und Geflügelzuchtanlage, 1935 ein Sportplatz.
    Bei der offiziellen Einweihung am 24. Mai 1913 ist auch die württembergische Königin Charlotte anwesend. 49 Schülerinnen beziehen das neue Gebäude mit Wohn- und Schlafräumen.
    Bis 1928 sind es jeweils jährlich rund 30 bis 40 Schülerinnen bzw. Maiden im Schulgebäude, hinzu kommen rund 20 Lehrlinge und 15 Haushaltspflegerinnen. Während ihrer ein- oder zweijährigen Schulzeit wohnen die Frauen zusammen mit ihren Lehrerinnen im Schulgebäude. Getreu dem Motto der Reifensteiner Schulen sollen die Mädchen durch eine nur wenig reglementierte Gemeinschaftserziehung Individualität und Sozialfähigkeit gleichermaßen entwickeln. Für viele Mädchen ist es das erste Mal, dass sie von zu Hause fort sind, ganz allein, ohne Kontrolle. Es ist Inbegriff persönlicher Befreiung und behüteter Gemeinschaft zugleich durch gemeinsames Arbeiten und Wohnen mit Mädchen aus ganz Deutschland in relativ abgeschlossener ländlicher Umgebung. Dadurch entsteht ein speziell weibliches Zusammengehörigkeitsgefühl und ein sehr fröhlicher, freier und kreativer Geist, gefördert bei jährlichen Stiftungsfesten der Schulen mit Theateraufführungen, eigenen Liedern, Tänzen etc. Insgesamt werden in der Großsachsenheimer Einrichtung bis 1954 rund 2000 Frauen/Maiden ausgebildet.
    Der Tagesablauf der Maiden beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 21:30 Uhr.
    Die Maiden haben stets Einheitskleidung zu tragen, diese müssen die Eltern selber kaufen. Jede Schule hat außerdem ihre eigene „Maidennadel“
    Jedes Zimmer ist mit 2 Maiden belegt.
    Im Tagesablauf wechseln sich theoretischer und praktischer Unterricht ab, unterbrochen nur von den gemeinsamen Mahlzeiten mit dem Lehrkörper. Durchschnittlich 7 Wochen im Jahr haben Maiden Schulferien. Währen der Unterrichtsphasen kann gelegentlich, während der Schulferien immer nach Hause gefahren werden.
    Am Anfang unterrichten vor allem männliche Lehrer aus der Umgebung, d.h. Lehrer, Pfarrer, Apotheker, bald jedoch schon ausschließlich weibliche Lehrer, die im Schulgebäude wohnen. Dadurch entsteht eine ungewöhnlich enge, fast kameradschaftliche Beziehung zwischen Maiden und Lehrpersonal. Selbst beim gemeinsamen Essen im großen Speisesaal sitzt an jedem Maidentisch eine Lehrerin. Die Pädagoginnen sind selten auf einzelne Fächer wie Gartenbau, Gymnastik, Gewerbeführung, Naturkunde oder Chemie begrenzt sondern vermitteln ihren Schülerinnen mehrere Fächer zugleich.
    Von 1918 bis 1940 prägt die Direktorin Hedwig Rückert das Schulgeschehen, eine Großnichte des Dichters Rückert.
    Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die Eingliederung der Reifensteiner Schulen in den Reichsnährstand ändert auch die Großsachsenheimer Verhältnisse. 1940 wird H.Rückert abgesetzt und durch Emilie Bausch, ab 1941 durch die Nationalsozialistin Johanna Motsch ersetzt.
    Bis 1937 arbeitet die Tanz- und Gymnstiklehrerin Elsa Oehmichen an der Schule. Sie hat ihre Ausbildung in der ersten anthroposophischer Dorfsiedlung Deutschlands in Loheland bei Fulda gemacht und arbeitete am Stuttgarter Eurythmeum, das 1936 durch die Gestapo geschlossen wurde. In Sachsenheim unterrichtet sie Gymnastik und Haushaltungskunde, Mokereibetrieb und Kindererziehungsfragen. Sie leitet den Chor und festliche Veranstaltungen.
    1937 wird ihr Vertrag nicht verlängert; offizielle weil ihre Tätigkeit keine ganze Lehrkraft erfordere. Der wahre Grund: Das Nationalsozialistische Kultusministerium verhindert die Genehmigung wegen der eurythmischen Ausrichtung von E.Oehmichen.
    Sie wechselt nach Bietigheim, gründet ihre eigene Gymnastikschule und ist Lehrerin an der Bietigheimer Oberschule. 

    In Großsachsenheim werden vier Ausbildungslehrgänge angeboten:

    - Ein Seminar zur Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde
    - Ein einjähriges Maidenjahr als Grundlage für hauswirtschaftliche, pädagogische, soziale und pflegerische Berufe
    - Die Fortführung des Maidenjahres um ein weiteres Jahr in der Oberklasse als Ausbildung zur ländlichen Haushaltspflegerin
    - eine Lehrlingsausbildung in Hauswirtschaft, Gartenbau und Geflügelhaltung.
    Schon der Lehrplan von 1910 zeigt die Vielfältigkeit der Unterrichtsfächer:
    Im theoretischen Unterricht von Bienenzucht bis hin zu Gesetzes- und Verwaltungskunde, Krankenkost, Haushaltungskunde, Obstverwertung, Physik, Chemie, Verwaltungskunde, Buchführung, Nahrungsmittelchemie.
    Im praktischen Unterricht vom Weißnähen bis hin zur Obstverwertung, Gartenarbeiten, Kochen, Backen, Geflügelzucht, Bienenzucht etc.
    Die Geflügelzucht spielt als Unterrichtsfach sowohl in den Reifensteiner Schulen als auch bei der Landfrauenbewegung allgemein eine wichtige Rolle. In den vorhandenen Gutsbetrieben ist das Geflügel meist eine Liebhaberei der Hausfrau, volkswirtschafltich effizient wird die Zucht jedoch nicht betrieben. Daher muss Deutschland noch 1920 mehr als ein Drittel aller Eier importieren. Die Frauenaktivistinnen fördern daher den genossenschaftlichen Verkauf zum Zweck der Ertragssteigerung. Die Eier erhalten einen so genannten Bienenstempel als Qualitätsmerkmal.
    In der Wirtschaftlichen Frauenschule Großsachsenheim erhalten die Schülerinnen von Anfang an täglich praktischen und einmal wöchentlich theoretischen Unterricht in der Geflügelzucht. Bereits im ersten Schulgebäude existieren mehrere Hühner und Entenhäuser, ein Brutofen und eine künstliche Glucke. Im neuen Schulhaus wird 1928 eine eigene, als Lehrbetrieb für die Lehrlingsausbildung staatlich anerkannte Geflügelzucht errichtet.
    Generell gilt in allen Reifensteiner Schulen, so auch in Sachsenheim: Die nach neuesten technischen Stand erzeugten Produkte der angeschlossenen Spezialbetriebe vermarkten die Schulen direkt vor Ort – als Einnahmequellen und Fortschrittswerbung zugleich.

    Während des 3. Reiches ändern sich die Lehrinhalte:
    Pädagogische und psychologische Fächer entfallen. In Großsachsenheim kommen nun Rassenlehre und Staatskunde als neue Fächer hinzu, und landwirtschaftliche Betriebswirtschaftslehre wird stärker betont.
    Bereits während der Kriegsjahre engen Einquartierungen und Zweckentfremdungen den Schulbetrieb ein. Beim Einmarsch der Franzosen in Großsachsenheim werden zunächst rund 1000 Frauen und Mädchen aus dem Ort vorübergehend im Schulgebäude untergebracht.
    Die Militärregierung enteignet den Trägerverein zunächst. Im Juni 1945 übernimmt die Mission „Vaticane action francaise“ das Anwesen. So genannte „displaced persons“ belegen nun als Lazarettinsassen die Räume.
    Erst 1948 übergibt die Militärregierung die Schule ihren früheren Besitzern. Im Herbst beginnt der Schulbetrieb erneut mit je 25 Schülerinnen.
    Die Schule hält sich aber nicht mehr lange. Durch den Ausbau der staatlichen Schulen in Kupferzell und Blaubeuren sowie die Gründung der Landfrauenschule in Sigmaringen entsteht starke Konkurrenz für die Privatschule, die sich nicht mehr viele leisten können. Außerdem lehnt das württt. Landwirtschaftsministerium 1953 einen weiteren Zuschuss ab. Im September 1954 endet der Schulbetrieb. Die Evangelische Landeskirche Württemberg übernimmt das Anwesen samt Schulgebäude und Einrichtung.
    Im Oktober 1954 zieht das private Lichtenstern-Gymnasium als musisches Aufbaugymnasium für Internationsschülerinnen der Oberstufe in das Anwesen ein. 2002/2003 wird der Schulbetrieb durch ein Gymnasium ab Klasse 5 ergänzt. Im alten Gebäude befinden sich heute neben der Schulverwaltung weiterhin Schlaf- und Aufenthaltsräume für die Internatschülerinnen.

    Copyright Dr. Claudia Papp

46. Nicolai Knauer, Heilbronn, 13. März 2014

Die Burgen der Grafen von Lauffen im Neckartal

  • Das Kerngebiet der Lauffener Herrschaft erstreckte sich entlang des Neckars von Neckarwestheim bis zum Rhein. Wenn auch zeitweilig eine Ausdehnung auf das Hinterland, wie den Kraichgau, erfolgte, wo bei Odenheim sogar zeitweise das Hauskloster der Grafen lag, konzentrierten sie sich doch bis zum Ende ihrer Ära auf das direkte Umfeld des Flusses. Bereits die erste allgemein akzeptierte Erwähnung eines Vertreters der bedeutenden Hochadelsfamilie im Jahr 1011 im Zusammenhang mit der Schenkung der Grafschaft Wingarteiba (Gau zwischen Schefflenzgau und Taubergau) an den Bischof von Worms, nennt Lauffener Besitz in dem im fränkischen Neckargau gelegenen Ort Haßmersheim.
    Ob als Vertreter des Reiches, rechtsrheinische Vögte des Hochstiftes Worms oder in eigener Sache sicherten sie den wichtigen Handelsweg Neckar mit Burgen, die sie mit Ministerialen edelfreien oder niederadligen Standes besetzten. Doch welche der vielen Anlagen, die sich rechts und links des Flusses aufreihen sind auf die Grafen zurückzuführen?
    Der Stammsitz Lauffen und das Stadtgebiet Heilbronn
    Die Gegend um den Ort Lauffen, nach dem sich die Grafen spätestens ab dem frühen 12. Jahrhundert benannten, war bereits in vormittelalterlicher Zeit dicht besiedelt und auch verkehrstechnisch von großer Bedeutung. An der Stelle wo sich heute Regiswindiskirche und Inselburg gegenüber stehen waren sich vor vier- bis fünftausend Jahren die Prallhänge einer großen Neckarschleife so nahe gekommen, dass ein Durchbruch des Flusses erfolgte. Die dadurch entstandene Furt diente der Überquerung des ansonsten schnell fließenden Gewässers. Spätestens nach der fränkischen Landnahme bildete sich im 6. Jahrhundert am Westufer der Furt, um den steilen, zum Neckar abbrechenden Felssporn, eine Siedlungskonzentration, deren Begräbnisstätten kreisförmig um ihn angeordnet waren. Wann die auf diesem Sporn gelegene erste Burg Lauffens erbaut wurde, lässt sich nicht mehr ermitteln.
    Im Jahr 1003 veranlasste König Heinrich II. den gleichnamigen Würzburger Bischof, die Burg zu sakralen Zwecken zu nutzen. Durch die Spezifizierung der 1003 genannten Lauffener Burg unter Angabe der dort befindlichen Grabstätte der heiligen Reginswind geht hervor, dass es sich um den Platz handelte, auf dem heute die Regiswindiskirche steht. Ob diese frühe Anlage mit den Lauffener Grafen in Verbindung gebracht werden kann, ist mangels Quellen ungewiss.
    Der Wegfall der alten Burg bewirkt mit großer Wahrscheinlichkeit den Bau einer neuen im wichtigen Ort Lauffen um diese Zeit. Und tatsächlich besitzt die Burg auf der Neckarinsel, in welcher heute das Rathaus der Stadt Lauffen untergebracht ist, noch einen Wohnturm aus der frühen Periode der in Stein gebauten Adelsburgen. Während ansonsten nur noch rudimentäre Reste der mittelalterlichen Anlage erhalten blieben, fehlt vom steinernen Bereich ihres zentralen Wohnturmes nur etwa ein halber Meter der ursprünglichen Höhe. Der Turm hat eine Grundfläche von 12,80 x 10,30 m und 2,40 m starke Mauern. Eine heute nicht mehr erhaltene Zwischendecke unterteilte ihn in zwei sechs Meter hohe Stockwerke. Das einst zugangslose Untergeschoss besaß höchstens schmale Lichtschlitze. Das Obergeschoss war von Osten durch einen 1,24 m breiten Hocheingang erreichbar. Der 47 Quadratmeter große Innenraum wurde durch drei kleine Fenster beleuchtet, deren Unterkanten in über 2,50 m Höhe liegen. Alle originalen Öffnungen sind mit Rundbögen aus sehr kleinen Steinen überwölbt – typisch für Bauten auf Burgen vor 1100.
    Ein von Norden in den Wohnturm einbindender Anbau von etwa 5 x 4 m weist in seiner 2,5 m starken Nordmauer die Reste eines breiten Latrinenschachtes auf, welcher sowohl vom ehemaligen Treppenaufgang im Anbau, als auch vom verschwundenen hölzernen Obergeschoss des Wohnturmes her benutzt werden konnte. Anders als bei den einfacher strukturierten Aborttürmen weiterer früher Burgen wurde die Latrine in Lauffen von innen geleert, wozu zwei Durchgänge auf der Ebene des Burghofes existierten. Als der Anbau zu Beginn des 13. Jahrhunderts zum Bergfried ausgebaut wurde, mauerte man diese zu. Der damals aufgestockte Teil unterscheidet sich vom älteren Kleinquader-Mauerwerk nicht nur durch ein größeres Steinformat, sondern auch durch eine Eckquaderbetonung. Die Verwendung des am Neckar selten vorkommenden Tuffsteins datiert den Umbau in die Zeit kurz nach Aussterben der Lauffener Grafen, als Lauffen an den Markgrafen von Baden verpfändet war.
    Obwohl die erste gesicherte Nennung eines Grafen mit dem Zusatz „von Lauffen“ erst im Jahr 1127 erfolgte, spricht vieles dafür, dass die Familie von Anfang an die Lauffener Inselburg bewohnte. Wie Haßmersheim, wo Graf Boppo schon vor 1011 ein Lehen inne hatte, lag auch Lauffen im Neckargau. Die hier feststellbare Anhäufung von Besitz der Lauffener Grafenfamilie lässt auf eine bereits länger andauernde amtsgräfliche Funktion in diesem dem Reich direkt unterstehenden Gau schließen. Anders erscheint dies in den 1011 an Worms geschenkten Grafschaften des Lobden- und Weingartgaus, wo die Lauffener zwar ab 1012 nachweislich – zumindest im Lobdengau – für Worms das Grafenamt besetzten, sie jedoch nie in dem Maße Fuß fassen konnten wie im Neckargau. Der Grafentitel des 1011 genannten Boppo wird sich somit wahrscheinlich auf den Neckargau bezogen haben.
    Die Südgrenze des Gaus lag zwischen dem nur wenige Kilometer von Lauffen entfernten Ort Neckarwestheim und Ottmarsheim, welches zum Murrgau und damit zum Einflussbereich der Grafen von Calw gehörte. Hierzu zählten auch die allem Anschein nach gemeinsam verwalteten, westlich an den Neckargau grenzenden Gaue Zabergau und Gartachgau.
    Sowohl hier als auch im südlichen Neckargau lässt sich mancherorts Parallel-Besitz der Familien Calw und Lauffen feststellen. So schenkte Uta, Schwester des Pfalzgrafen Gottfried v. Calw, um 1075 dem Kloster Hirsau unter anderem die Hälfte von Markt und Münze zu Heilbronn, wo 1222 auch bedeutender Besitz durch die Lauffen-Erben v. Dürn an den Deutschen Orden kam. Waren Calwer und Lauffener ursprünglich stammesgleich oder entstand die Situation durch eine bislang noch unentdeckte Heiratsverbindung?
    Die Kaiserpfalz Wimpfen, der Hühnerberg und Burg Hornberg
    Schon Jahrhunderte zuvor besiedelt, entstand spätestens in der salischen Ära dort auf dem Berg eine herrschaftliche Bebauung. Da Wimpfen sich ebenfalls im Neckargau befindet, ist ein Zusammenhang mit den Grafen von Lauffen als Amtsgrafen des Reiches naheliegend. Entgegen älterer Ansichten hatte die Schenkung des Wimpfener Wildbanns im Jahr 988 an das Hochstift Worms sicherlich nicht das bereits besiedelte Gelände der späteren Pfalz betroffen. So dürfte den Lauffenern auch die Oberaufsicht anheim gefallen sein, als Kaiser Friedrich I. in unmittelbarer Nähe der Altbebauung kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts einen großen Saalbau mit Kapelle errichten ließ. Die prächtige rückseitige Arkatur mit zeittypischen Formen hat sich erhalten und lässt den einstigen Glanz der verschwundenen Schauseite erahnen.
    Aus der gleichen Bauphase stammt ein kleines romanisches Wohnhaus, dessen Fenstersäule ähnliche Verzierungen aufweist wie die der Kapelle, deren Einweihung mit dem Königsbesuch 1182 zusammenhängen könnte. Baustilistische Parallelen zur Pfalz Gelnhausen und Burg Münzenberg weisen in eine ähnliche zeitliche Richtung.
    Von den ursprünglich drei Bergfrieden der Pfalz Wimpfen stehen heute noch zwei. Vom dritten, im Südwesten, wurden in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts Fundamente entdeckt. Er war der bedeutendste und wird demnach unter Friedrich I. errichtet worden sein. Der untere Bereich des sogenannten „Roten Turmes“ an der Ostflanke der Pfalz stammt definitiv aus Barbarossas Zeit. Auch in Wimpfen hat man es mit einer zweiten Bauphase zu tun, die von König Friedrich II. initiiert sein muss, welcher nach Rückgewinnung der staufischen Herrschaft frühestens zwei Jahre vor Aussterben der Lauffener Grafen mit dem Weiterbau begonnen haben kann. Das Steinhaus im Westen des Saalbaus, der westliche Bergfried, der „Blaue Turm“ sowie der Torturm, das „Schwibbogentor“, im Süden der Kaiserpfalz stammen ebenfalls aus dieser Zeit.
    Der Neckar passiert, nach Norden fließend, die Burgen Ehrenberg, Horneck und Guttenberg, bei denen es keinen Hinweis auf eine Erbauung vor 1220 gibt und gelangt zum Ort der ersten gesicherten Erwähnung der Grafen von Lauffen – Haßmersheim. Auf den ersten Blick scheint auf der Gemarkung des Ortes keine Burg existiert zu haben. Im Südwesten des alten Dorfes findet man jedoch mit dem „Hünerberg“ (Hünenberg) eine Stelle, die geradezu prädestiniert für den Bau einer Wehranlage war. Der nach allen Seiten steil abfallende Umlaufberg liegt direkt am Neckar und bildet auf der Höhe ein Plateau aus.
    Im Jahr 1011 wurde dem Wormser Bischof Burkhard die Grafschaft in der Wingarteiba und ein Lehen in Haßmersheim übergeben, das zuvor Graf „Bobbo“ inne hatte. Es beinhaltete die Kirche und den Zehnten des im Neckargau gelegenen Dorfes. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Grafen von Lauffen die weltliche Herrschaft über den Ort behielten. Teile Haßmersheims gehörten noch im Spätmittelalter zur Herrschaft Hornberg, die nachweislich von den Grafen von Lauffen herrührt. Man vermutet, dass es sich um den kleinen rechtsneckarischen Teil der Gemarkung Haßmersheims handelte. In den meisten Belehnungsurkunden ist jedoch von den „Dörfern“ (Neckar-)zimmern, Steinbach und Haßmersheim die Rede, womit wohl kaum der Steilhang am rechten Ufer gemeint sein kann. Ob zum Hornberger Teil Haßmersheims auch der Hühnerberg gehörte, geht nicht hervor.
    Auch die Grafschaftsrechte der Wingarteiba gelangten damals höchstwahrscheinlich an die Grafen von Lauffen, da diese die Vogtei des Wormser Hochstiftes verwalteten. Dennoch konnten weder Worms noch die Grafen in dem großen Gau, der von Mosbach bis hinauf nach Buchen reichte, großflächig Fuß fassen. Nur im äußersten Südwesten, um das Gebiet der Abtei Mosbach, die bereits 976 an Worms geschenkt worden war, gibt es Hinweise auf deren einstige Herrschaft. Der größte Teil des Gaues war wohl bereits 1011 fest in der Hand anderer Mächte, insbesondere des Klosters Amorbach.
    Bei Burg Hornberg in Neckarzimmern bedarf es bei der Zuordnung zu den Grafen von Lauffen keiner Spekulation: 1184 wird von einem zuvor erfolgten Tausch zwischen den Brüdern Boppo und Konrad, Grafen von Lauffen, berichtet, bei dem Boppo den Teil seines Bruders an Burg Hornberg erhalten hatte. Dies deutet auf eine vorausgegangene Erbteilung des Lauffener Besitzes hin, bei der wohl Boppo die östlichen Gebiete und Konrad die westlichen (siehe Eberbach) erhalten hatte. Burg Hornberg muss folglich bereits zuvor bestanden haben und war vielleicht auf grund ihrer Lage im Zentrum des Lauffener Haupteinzugsbereichs zwischen Neckarwestheim und Dilsberg zunächst geteilt worden. Somit nahm sie in der Spätzeit der Grafendynastie eine wichtige, vielleicht sogar die wichtigste Rolle ein.
    Es verwundert darum nicht, dass Hornberg einen riesigen Wohnbau aus dem 12. Jahrhundert besitzt, der an Größe sogar noch das Steinhaus der Kaiserpfalz Wimpfen übertrifft. Das damals als „Mantelbau“ bezeichnete Gebäude am Spornende schien zum Schutz der Vorburg errichtet zu sein. 1956 entdeckte man jedoch die erste von mittlerweile drei romanischen Biforien (Fenster), die zu zwei übereinander gelegenen Obergeschossen gehörten. Von einem dritten, abgetragenen Obergeschoss stammt wohl der Rest einer kleiner dimensionierten Säule von exakt gleicher Machart wie die noch in situ erhaltenen. Erscheint heute die Südfront des Gebäudes als Außenseite, so war ursprünglich die 2,75 m starke heutige Hofseite Abschluss der ersten Burg Hornberg. Ihr kleiner Hof lag im Süden des Steinhauses, am äußersten Punkt des Bergsporns.
    An dem gewaltigen Bauwerk, das ursprünglich wenigstens 20 Meter Höhe besaß – das Dach nicht mitgerechnet – zeigt sich der gestiegene Anspruch der Grafen an ihren Wohnsitz. Der etwa 150 Jahre ältere Wohnturm in Lauffen wirkt im Vergleich winzig.
    Der Besitz Hornberg gelangte über die Erbtochter des letzten Grafen, Mechthild, an die Herren von Dürn, welche die Burg in der Mitte des 13. Jahrhunderts an den Bischof von Speyer verkauften.
    Obrigheim und der „Tahenstein“
    Am nördlichen Ende des Neckargaus begegnet man um Obrigheim einer Häufung von Burganlagen, die durch Konkurrieren des Reiches mit Worms und der Pfalzgrafschaft nach Aussterben der Grafen von Lauffen entstand. Die Burgen Hochhausen und Neckarelz, Landsehr und Neuburg bei Obrigheim, die heutigen Reste der Dauchstein bei Binau und die Minneburg in Guttenbach sind alle erst nach 1219 entstanden. Nur die „Alte Burg Obrigheim“ und eine zu vermutende, jedoch gänzlich abgegangene Vorphase der Burg Dauchstein kommen für die Lauffener Ära in Betracht.
    Die Alte Burg in Obrigheim wurde 1142 ersterwähnt, als sie vom Ortsadel an das Bistum Worms übertragen wurde. Jedenfalls befand sich die Burg zu Beginn des 14. Jahrhunderts wieder in Reichshand, als König Ludwig „der Bayer“ sie zusammen mit dem Dorf Obrigheim 1316 an Konrad von Weinsberg verpfändete.
    Ob wormsisch oder zum Reich gehörig, in beiden Fällen ist eine Lauffener Oberhoheit über die Burg sehr wahrscheinlich.
    Die Burg befand sich bei der evangelischen Kirche in Obrigheim, die bereits im Spätmittelalter von den Vorburgmauern umschlossen war. Ein Sichelgraben trennte das flache Spornende eines wahrscheinlich künstlich erhöhten Hügels ab, auf dem die alte Kernburg lag. Augrund der Bauform, die im nordwestlichen Baden-Württemberg nur bis in das frühe 11. Jahrhundert verwendet wurde, gehört die Alte Burg Obrigheim sicherlich zu den frühesten Kleinburgen am Neckar.
    Was heute noch von der winzigen Burg Dauchstein, zwischen Binau und Binau-Siedlung gelegen, übrig ist, entstand erst nach 1330.
    Die Erwähnung eines Cuno von „Tahenstein“ um 1080/90 mit Besitz in direkter Nachbarschaft zur Burg Dauchstein lässt auf einen Zusammenhang schließen, da beide Namen von „Tuffstein“ abzuleiten sind. Und tatsächlich ist Burg Dauchstein auf dem einzigen Tuffsteinfelsen des Neckartales erbaut. Alles deutet darauf hin, dass dieser ursprünglich deutlich größer war als heute und das Material für die zweite Bauphase des Roten Turms in Wimpfen geliefert hat. Erwiese sich dies als zutreffend, wäre die erste Burg Dauchstein zu Beginn des 13. Jahrhunderts zu Gunsten des Tuffabbaus mit abgetragen worden.
    Die alte Neckargauburg wird wohl der Wohnsitz Cunos gewesen sein, der sich folglich nach ihr benannte und sie für das Reich oder dessen Vertreter, die Grafen von Lauffen, verwaltete.
    Die Burgen der „königlichen Waldmark“
    Der Neckar verlässt nun das fruchtbare Altsiedelland, welches von den Franken in Gaue unterteilt worden war, und durchfließt das Buntsandsteingebiet am Rande des Odenwaldes. Im 11. Jahrhundert war hier die Erschließung in vollem Gange. Das Land zwischen dem linken Neckarufer und dem Elsenzgau war 988 an das Hochstift Worms gelangt, dessen Territorium sich westlich von Hirschhorn auch über den Fluss hinaus bis nach Weinheim erstreckte und im Westen an den seit 1011 ebenfalls zu Worms gehörenden Lobdengau grenzte. Nördlich davon lagen die Lorscher Waldmarken, deren Südgrenze zwischen Eberbach und Hirschhorn bis zum Neckar reichte. Das östliche Waldgebiet gehörte dem Kloster Amorbach. Ein kleines Gebiet zwischen Zwingenberg, Eberbach, Strümpfelbronn und Muckental hebt sich in Anbetracht seiner Herrschaftsstruktur von den anderen Waldmarken ab und war offensichtlich vom Neckargau her besiedelt worden, welcher direkt dem König unterstand.
    Burg Zwingenberg weist an seinem ältesten Bauteil, dem Bergfried, Zangenlöcher auf und ist damit in die Zeit nach den Lauffener Grafen zu datieren. Die kleine Gegenburg Fürstenstein oberhalb Zwingenbergs entstand und verschwand erst im 14. Jahrhundert.
    Komplizierter ist die Datierung und Einordnung Stolzenecks unweit von Rockenau. Das aufgehende Mauerwerk mit der beeindruckenden Schildmauer wurde im Spätmittelalter unter Verwendung von Material einer älteren Anlage errichtet, deren Mauern zum Großteil anders verliefen. Von ihr stammen die Buckelquader, welche beim Bau der Schildmauer alle mit der Zange versetzt wurden und daher die markanten Löcher aufweisen. Dies könnte darauf hindeuten, dass man beim Bau des ursprünglichen Gebäudes auf Stolzeneck – wahrscheinlich ein Bergfried – wie zum Beispiel auf der Ravensburg bei Sulzfeld erst gegen Ende des Baus mit der Zange arbeitete. Beide Anlagen gehen offensichtlich auf das von König Friedrich II. initiierte Großprojekt eines Ausbaus des Raumes mit einem Netz aus Reichsburgen zurück.
    Im Norden der Altstadt Eberbach stößt man auf den Ohrsberg, welcher eine kleine Anlage mit doppeltem Ringgraben trägt, von der nur noch wenige Reste erhalten sind. Am Fuße des Ohrsberg-Westhangs fließt die Itter, die 1012 als Ostgrenze der Lorscher Waldmarken festgelegt wurde. Die Burg mit ihrer archaischen Form, ein Oval, umgeben von Gräben und Wällen, könnte durchaus hiermit zusammenhängen. Untersuchungen der letzten Jahre ergaben, dass sich die frühen Burgen im nordwestlichen Baden-Württemberg fast ausschließlich an den Grenzen der Gaue und Waldmarken befanden.
    Im Verhältnis zu ihrer nutzbaren Fläche von nur maximal 35 m Länge und 15 m Breite war Burg Ohrsberg extrem stark befestigt. Als Grafensitz kommt sie aufgrund ihrer geringen Größe nicht in Frage. Der Ohrsberg könnte eine Vorgängeranlage der Burg auf der Burghälde gewesen sein und hätte dann mit großer Wahrscheinlichkeit zum Herrschaftsbereich der Grafen von Lauffen gehört.
    Nur wenige hundert Meter im Osten des Ohrsbergs erstreckt sich auf der „Burghälde“ eine weitere Anlage mit einer Gesamtlänge von etwa 240 m, die durch fünf Abschnittsgräben unterteilt ist. Drei Abschnitte sind mit in sich geschlossenen Teilburgen bebaut, die von ihrem Ausgräber im frühen 20. Jahrhundert als Vorder-, Mittel- und Hinterburg bezeichnet wurden. In urkundlichen Erwähnungen ist allerdings immer nur von einer Burg die Rede. Große Teile der bereits 1403 geschleiften und aufgelassenen Burg wurden im 20. Jahrhundert aus Originalsteinen rekonstruiert. Anhand von Archivfotos und Aufzeichnungen ließ sich jedoch der bei den Ausgrabungen vorgefundene Zustand rekonstruieren.
    Der als Hinterburg bezeichnete Abschnitt kann aufgrund seiner Bauformen in die Zeit nach den Lauffener Grafen datiert werden. Die Vorderburg am Spornende ist der älteste Abschnitt. Sie war vermutlich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Rundling mit kleinem Bergfried und Wohnturm mit anschließendem Wirtschaftsgebäude errichtet worden. Diese vergleichsweise bescheidene Burg war einer massiven Brandeinwirkung ausgesetzt. Beim Wiederaufbau wurde der Wohnturm in der Südostecke deutlich größer dimensioniert. Sein sehr qualitätvolles Mauerwerk mit romanischen Rundbögen aus großen Segmenten unterscheidet sich von jenem der ersten Bauphase. Die Hofseiten wurden mit sorgfältig gearbeiteten Glattquadern, die Außenseiten mit Buckelquadern des älteren Typs verkleidet. Alle Mauern besitzen eine Stärke von 1,70 m. In dieser Bauweise wurde auch ein Stück der in die Nordostecke des Wohnturmes einbindenden Ringmauer ausgeführt. Im Südwesten war ebenfalls die Verzahnung einer 1,70 m starken Ringmauer vorgesehen. Sie wurde jedoch später nur in einer Stärke von 1,10 m an die Wohnturmecke gefügt. Das Füllmauerwerk des Wohnturmes wurde in der aufwändigen Fischgrättechnik hergestellt.
    Das gleiche Mauerwerk findet man in Bauphase 1 der Mittelburg. Hierzu gehörte ein gewaltiger, knapp 11 x 11 m im Grundriss messender Bergfried mit 3 m starken Mauern, dessen Buckelquader große Ähnlichkeit mit jenen der ersten Bauphase des Roten Turmes in Wimpfen besitzen. Die Glattquader seiner Türlaibung weisen auf die bei stauferzeitlichen Bergfrieden typische Unterbrechung des Buckelquadermauerwerks im Eingangsbereich hin – eine weitere Parallele zu Wimpfen. Noch klarer wird die baustilistische Nähe zur Kaiserpfalz bei Betrachtung des Saalbaues im Norden der Mittelburg Eberbach. Dessen Säulen der Arkadenfenster würden, im Wimpfener Palas eingesetzt, abgesehen von der Farbe des Sandsteins, nicht auffallen.
    Diese mit Abstand aufwändigste Bauphase der Burg Eberbach des letzten Drittels des 12. Jahrhunderts kann unzweifelhaft mit Graf Konrad von Lauffen, Bruder des letzten Grafen Boppo, in Verbindung gebracht werden. Konrad erscheint 1196 als „Graf von Eberbach“, was schlussfolgern lässt, dass er die Burg als seinen neuen Wohnsitz gewählt hatte. Offenbar sollte sie der Stammsitz des westlichen Lauffener Gebietes werden. Diese Großburg auf dem Areal von Vorder- und Mittelburg wurde jedoch nie vollendet. Konrad muss bald danach verstorben sein, da er nach 1196 nicht mehr in Urkunden erscheint. Die Planung sah eine gemeinsame Umfassungsmauer von 1,70 m Stärke vor, wie sie im Bereich des Wohnturmes der Vorderburg und des Saalbaues der Mittelburg bereits umgesetzt war. Der Saalbau wurde wie auf Hornberg an der Angriffseite der Burg gestellt. Den Bergfried platzierte man direkt dahinter, um ihn vom Obergeschoss des Palas erreichen zu können. Die beachtlichen Dimensionen des Turmes und sein Standort ermöglichten es, die gesamte Anlage zu sichern. Den Wohnturm beließ man auf der vom Berghang geschützen Südseite.
    Nach Aussterben der Grafen von Lauffen wurde die Bauruine unterteilt, indem man mit deutlich schwächeren und weniger qualitätvollen Mauern den alten Bering der „Vorderburg“ wieder schloss und auch das übrige Gelände mit einer eigenen Umfassungsmauer zur „Mittelburg“ zusammenfasste. Dies mag vielleicht in der auch an Wimpfen feststellbaren Konkurrenz zwischen Reich und Bistum Worms begründet sein, zumal das Bistum 1227 eigentümlicherweise als Lehensherr auftrat. Womöglich hatte man für beide Parteien bis zur Klärung in diesem Jahr einen eigenen Burgmannensitz auf Burg Eberbach eingerichtet.
    Die Burgen der Wormser Waldmark
    In Neckarhausen stehen sich hoch über dem Neckar zwei Burgstellen auf fast gleicher Höhe gegenüber. Über die Burg auf der rechten Flussseite, im Volksmund Hundheim genannt, brachten Grabungen ab dem Jahr 2004 Aufschluss. Obwohl sie außerhalb des Lorscher Territoriums lag, war sie höchstwahrscheinlich von der Reichsabtei im 11. Jahrhundert errichtet, aber bereits im Zusammenhang mit einer Fehde zwischen dem Speyerer Bischof Siegfried von Wolfsölden und dem Vogt des Klosters Lorsch, Graf Berthold von Lindenfels, im Jahr 1130 wohl wieder zerstört worden. Über die Burgstelle auf der gegenüberliegenden Seite ist praktisch nichts bekannt.
    Dilsberg ist die dritte Burg, die man auch aufgrund schriftlicher Quellen mit den Lauffenern in Verbindung bringen kann. 1208 lebte dort Boppo V., der letzte Graf von Lauffen. Sein Bruder Konrad war sicherlich bereits verstorben, so dass Boppo wieder den gesamten Besitz der Familie in Händen hielt.
    Die zum Bau verwendeten Steine stammen aus unterschiedlichen Zeiten und wurden zur Verkleidung der Außenschale bzw. der drei Schichten der Innenschale unterhalb des Wehrgangs wiederverwendet. Die Ähnlichkeit mit Eberbach und Wimpfen ist offensichtlich. Hierzu passt zeitlich ein romanisches Bogenstück, dessen Verzierung mit Diamantbändern stark an eines der Fenster des großen Steinhauses auf Burg Hornberg erinnert. Die wenigen Buckelquader mit sehr breitem Randschlag sind typisch für die zweite Hälfte des 13. und für das 14. Jahrhundert, passen also, ebenso wie die hochgotischen Tourellen, zur großen Umbauphase auf Burg Dilsberg unter den Pfalzgrafen bei Rhein ab den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts.
    Die östliche Begrenzung der Kernburg wurde beim großen Umbau nach Westen verschoben. Sie reichte ursprünglich sicher bis an den Rand des terrassenförmigen Torzwingers.
    Über die Bedeutung Dilsbergs in der Zeit der Grafen von Lauffen lässt sich mangels erhaltener Bausubstanz nur spekulieren. Wahrscheinlich hatte sie nicht den Stellenwert des alten Sitzes in Lauffen oder den der aufgrund ihrer Nähe zur Kaiserpfalz Wimpfen gelegenen Burg Hornberg. Dennoch wird Dilsberg keine kleine Ministerialenburg gewesen sein, diente sie immerhin dem Enkel des Grafen Boppo V. von Lauffen, Boppo „de Tiligisberc“, Sohn des Konrad von Dürn, seinem Beinamen zufolge als Hauptwohnsitz. Höchstwahrscheinlich wohnte schon dessen Urgroßvater, Boppo IV., auf der Burg.
    Burg Dilsberg könnte den Lauffenern als Zeichen ihrer Präsenz hinsichtlich der Festsetzung der Pfalzgrafen in Heidelberg gedient haben, aber auch in Richtung des nahegelegenen Elsenzgaus, der ebenfalls zu diesem Zeitpunkt einen Machtwechsel erlebte.
    Auch das rechte Neckarufer war in der Hand der Grafen von Lauffen. Spätestens im frühen 12. Jahrhundert hatten sie als Vögte des Hochstiftes Worms am Spornende des Bergrückens, welcher das Steinachtal vom Neckartal trennt, eine Burg errichtet und mit einer edelfreien Familie besetzt, die ab 1142 unter dem Namen „von Steinach“ genannt wird. Diese im 14. Jahrhundert als „Vorderburg“ bezeichnete Anlage war Keimzelle der späteren Stadt (Neckar-)Steinach.
    Von den Gebäuden der auf Stichen abgebildeten ausgedehnten Anlage hat sich nur ein Komplex bestehend aus Bergfried und Wohnbau erhalten, welcher den einstigen Burghof im Osten abschloss. Der Bergfried mit rundbogigem Hocheingang besteht aus hammerrechtem Bruchsteinmauerwerk mit einem Eckverband aus Quadern, deren Bossen bereits als grobe Kissen gestaltet sind. Dies lässt eine Datierung ab dem frühen 13. Jahrhundert zu.
    Die Gestalt der ursprünglichen Anlage lässt sich bislang nicht konkretisieren. Anzunehmen ist eine Burg wie sie einst bei Aglasterhausen stand, mit quadratischem Wohnturm und engem Bering, entweder bereits in Stein oder noch mit einfachem Wall wie in Langensteinbach.
    Auch die Mittelburg in Neckarsteinach entstand höchstwahrscheinlich noch in der Ära der Grafen von Lauffen. Hierfür sprechen die noch nicht in Kissenform gearbeiteten Bossen an allen vier Ecken der kompakten rechteckigen Kernburg und am Bergfried. Die noch relativ schmalen Randschläge sowie das Fehlen von Zangenlöchern sprechen für eine Entstehung um 1200. Die Westseite der Mittelburg ist mit Bergfried und einer über zwei Meter dicken Mauer am stärksten befestigt, während auf der zur Vorderburg gewandten Ostseite der Wohnbau untergebracht war. Ein hoher Staffelgiebel oberhalb der westlichen Mantelmauer stößt mit klar erkennbarer Fuge an den Bergfried, ist also somit als späterer Bauabschnitt anzusehen. Gleiches gilt für die obersten vier bis fünf Meter des Turmes mit samt dem neogotischen Aufbau. Das Plateau zwischen der Mittel- und Vorderburg, die sich ursprünglich in einer Hand befanden, diente sicherlich als Wirtschaftsfläche.
    Die Mittelburg Neckarsteinach und Burg Dilsberg bewachten, wie die Pfeiler eines Portals, beiderseits des Neckars die Durchfahrt auf dem Fluss.
    Fazit
    Die Grafen von Lauffen dominierten als Amtsträger des Reiches bzw. Hochstiftsvögte des Bistums Worms im 11., 12. und beginnenden 13. Jahrhundert den Burgenbau am Neckar zwischen Lauffen und Heidelberg. Trotz ihres frühen Aussterbens vor fast achthundert Jahren blieben beeindruckende Reste ihrer Befestigungsanlagen bis in die heutige Zeit erhalten. Die von den Grafen zu Eigen oder zu Lehen besessenen Burgen gehörten zu den innovativsten ihrer Zeit. In Lauffen selbst befindet sich einer der frühesten Steintürme auf Adelsburgen in Süddeutschland. Das Steinhaus der Burg Hornberg gehörte zu den größten seiner Art. Eberbach griff die modernen Formen der frisch erbauten Kaiserpfalz Wimpfen auf und besaß den größten Bergfried des 12. Jahrhunderts im Neckargebiet. Der ursprüngliche Turm der Burg Dilsberg darf sicherlich zu den frühesten Buckelquaderbauten im deutschen Raum gezählt werden. Aber nicht nur Superlativ und Quantität prägten diese Bauwerke. Die enorme Qualität des Mauerwerks sorgte dafür, dass sie zum Teil selbst heute noch bewohnbar oder als öffentliche Gebäude genutzt sind. Im etwa tausend Jahre alten Wohnturm der Stammburg Lauffen konnte vom Autor im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit der Stadt Lauffen eine Dauerausstellung zu den Grafen und ihrer Inselburg eingerichtet werden.
    Copyright Nicolai Knauer

45. Günter Spengler, Heilbronn, 14. November 2013

Heilbronner Stolpersteine, Hintergründe – Schicksale – der Künstler

  • Pfarrer Günter Spengler kam 1978 mit seiner Familie nach Heilbronn, er übernahm für 30 Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2008 die evangelische Pfarrei Nikolai-Ost.Besonders beeindruckten ihn bei Besuchen der Gemeindemitglieder die Erlebnisse der Menschen am 4. Dezember 1944 und die Schrecken, die ihre Familien damals durchlitten hatten. So entstand sein großes Interesse an der Geschichte Heilbronns während des dritten Reichs, im Besonderen die Verfolgung von Juden, Sinti, Behinderten und anders denkenden. Heute ist Spengler Koordinator des Heilbronner Runden Tisches „Stolpersteine“. Stolpersteine gibt es in fast allen Städten Deutschlands, sie sind mittlerweile auch in Frankreich, den Niederlanden, in Polen und Österreich zu finden. Sie erinnern an Menschen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft umgebracht wurden oder Suizid begingen.
    Seit 2009 wurden in Heilbronn 66 Stolpersteine verlegt, die an 24 verschiedenen Stellen an den letzten freiwillig gewählten Wohnsitz der umgebrachten Menschen erinnern. Deren Lebens-geschichten wurden – soweit möglich – recherchiert und als bleibende Erinnerung schriftlich veröffentlicht.
    Mit dem Setzen des Steins ist es aber nicht getan. Der Heilbronner runde Tisch „Stolpersteine“ arbeitet eng mit Schulen und dem Stadtarchiv zusammen. Junge Leute recherchieren vor dem Setzen jeden Steins über Leben, Schicksal und Tod der NS-Opfer. So soll die Erinnerung wach gehalten werden und ein Anstoß zur Beschäftigung mit der Geschichte gegeben werden.
    Die Stolpersteine sind das Lebenswerk des Künstlers Gunter Demnig. Er wurde 1947 in Berlin geboren und studierte dort und in Kassel Kunstpädagogik und Freie Kunst. Heute hat er ein eigenes Atelier in Köln.

    Zum fünfzigsten Jahrestag der Deportation von 1000 Roma und Sinti aus Köln setzte sich Demnig 1990 künstlerisch damit auseinander, da diese für die Nationalsozialisten eine „Generalprobe“ der nachfolgenden umfangreicheren Judendeportationen war. Dabei zog der Künstler mit einer rollbaren Druckmaschine Spuren durch die Stadt, die den damaligen Deportationswegen folgten. Im Weiteren ließ er einen ersten mit einer Messingplatte versehenen und beschrifteten Stein vor dem Historischen Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Dies geschah am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der ‚Zigeuner‘ (Auschwitz-Erlass). Auf dem Stein sind die ersten Zeilen dieses Erlasses zu lesen. Außerdem beteiligte sich Demnig mit diesem Stein an der Diskussion um das Bleiberecht von aus Jugoslawien geflohenen Roma.

    In Ausdehnung auf alle Verfolgtengruppen entwickelte Demnig in den Folgejahren das Projekt „Stolpersteine“. Die Herstellung der Stolpersteine mit einer Kantenlänge von 96 × 96 Millimeter und einer Höhe von 100 Millimetern erfolgt ausschließlich in Handarbeit weil dies nach Demnig als Gegensatz zur maschinellen Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern steht. Diese Steine stellte er anfangs selbst her, mit der Ausdehnung des Projektes lässt er sich mittlerweile von dem Künstler Michael Friedrichs-Friedländer unterstützen. Seit 2006 werden die Stolpersteine in dessen Werkstatt im Künstlerhof Berlin-Buch angefertigt. Sobald neue Daten vorliegen, bestimmt Demnig den Text, in der Regel beginnt dieser mit „Hier wohnte …“ gefolgt vom Namen des Opfers und dem Geburtsjahrgang, häufig mit Deportationsjahr und der Todesort. In einigen Fällen beginnt der Text wie in Greifswald mit „Hier lebte …“, in Frankfurt (Oder) „Hier wirkte…“, in Hamburg „Hier lehrte …“ oder vor der Humboldt-Universität zu Berlin „Hier lernte …“. Je nach Anlass beginnen die Texte zum Beispiel in Mannheim „Hier erschossen …“, in Heide „Hier arbeitete …“ oder „Hier stand …“ wie in Pforzheim. Seine Texte schlägt er in speziell zugeschnittene Messingplatten, die vom Text her betrachtet nach oben und unten leicht und rechts und links deutlich überstehen und anschließend nach hinten gebogen werden. Letztlich wird der fertige Stolperstein durch Beton unterlegt gegossen. Die Messingplatte ist durch die rechts und links umgebogenen Flächen untrennbar mit dem Gesamtstein verbunden.

    Der Verein für Genealogie hat Herrn Spengler die Spende der Gäste an diesem Abend in Höhe von 110,00 € für einen neuen Stolperstein übergeben.

44. Pfarrer Gerd Gramlich, Bad Mergentheim, 10. Oktober 2013

Leichenpredigten im deutschen Raum

  • Zur Würde des Menschen gehört auch eine Würdigung nach seinem Ende. Die kann in liturgischer Form geschehen, aber auch dadurch, dass auf sein Leben und sein Schicksal in Worten eingegangen wird. Aus der Beerdigungsansprache entwickelte sich besonders in der Barockzeit die ausführliche gedruckte „Leichenpredigt“. Über 250 000 solcher Leichenpredigten sind im deutschen Sprachraum, vor allem aus der Zeit zwischen 1550 und 1750, erhalten. Sie folgten bestimmten Formelementen und wurden zunächst hauptsächlich für den Adel, dann für Gelehrte, aber schließlich auch für „Normalbürger“ verfasst. Öfter sind mehrere Verfasser, etwa Dichter beteiligt. Die Pfarrer ließen sie auf eigene Kosten im Druck erscheinen, um Ihre Eloquenz zu empfehlen. Für den Familienforscher am interessantesten sind natürlich die Lebensläufe aus denen man meist ausführlich über Leben, Familie, Bildungs- und Berufsentwicklung, Krankheiten u. a. informiert wird. Bekannt ist die Sammlung der Gräfin Sophie Eleonore zu Stolberg-Stolberg (1669-1745). Seit 1976 werden Leichenpredigten wissenschaftlich registriert und untersucht, heute zentral in Marburg und Dresden.

43. Peter Rothacker, Ludwigsburg, 11. Juli 2013

Mätressen in Württemberg

  • Zu jeder Zeit haben sich die Herrschenden und Mächtigen Mätressen zugelegt, denn die meist aus politischen Gründen ausgewählten Ehepartner wurden ganz selten geliebt, sondern oft sehr kühl und vernachlässigt behandelt. Schön, erotisch, jung raffiniert, machtlüstern, verrucht, raffgierig, das sind die Attribute, mit denen man die Mätressen belegt hat. Offen vorgezeigt, versteckt, verheimlicht, geliebt, gehasst – auf jeden Fall immer benutzt. Eine Mätresse musste neben einer großen Ausstrahlung vor allem über eine Menge Klugheit verfügen. Denn nur so konnte sie sich auf eine gewisse Dauer gegenüber der neidischen Konkurrenz behaupten. Bei der hohen Wahrscheinlichkeit eines Sturzes – früher oder später – versuchten die Mätressen sich so gut es ging abzusichern. Vor allem wollten diese Frauen die Zukunft etwaiger Kinder abgesichert wissen. Für den Fall der Ungnade seitens des Fürsten oder dessen Tod galt es, rechtzeitig materielle Unabhängigkeit und auch persönliche Sicherheit durch ausländische Schutzbriefe zu erlangen. Ein Herrscher ließ seine Mätresse offiziell für tot erklären und konnte sie so ungestört treffen. Die Totgesagte wurde dabei immerhin zehnmal von ihm schwanger.
    Umgekehrt wurde ein anderer von seiner begüterten Mätresse jahrelang ausgehalten.
    Die Auflistung dieser Damen beginnt im 16. Jahrhundert mit Herzog Friedrich I., der trotz seiner 15 ehelicher Kinder nicht nur in Urach, Tübingen, Freudenstadt und Mömpelgard sechs namentlich bekannte Mätressen hatte sondern nebenher noch zahlreiche bürgerliche Damen beglückte.
    Sein Sohn und Nachfolger ließ diese Damen verhaften, wobei er nach zwölf Mätressen aufhörte, „um der väterlichen Ehre zu schonen“.In seinem Vortrag berichtete Peter Rothacker über mehr als dreißig namentlich bekannte Mätressen württembergischer Herzöge und Könige, darunter die folgenden vier bekanntesten.

    Leopold Eberhard von Württemberg – Mömpelgard (1670 – 1723)

     Er entstammte der Nebenlinie des Hauses Württemberg, die zu Mömpelgard residierte. Er  regierte von 1699 bis 1735 als gefürsteter Graf von Mömpelgard und folgte 1680 auf seine Mutter als 8. Graf von Coligny. Die erste Hälfte seines Lebens war er aus der Heimat vertrieben, stand in militärischen Diensten des Hauses Österreich, lebte längere Zeit in Schlesien und konnte erst 1697 noch Mömpelgard heimkehren, wo er 1699 – als Letzter seines Hauses – die Herrschaft übernahm. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte er vor allem durch seine willkürliche und absolutistische Herrschaft sowie durch sein extravagantes Familienleben, weshalb er als „Schwarzes Schaf“ des Hauses Württemberg gilt.
    Herzog Leopold Eberhard heiratete am 1. Juni 1695 heimlich in Rejowitz bei Posen in morganatischer Ehe Anna Sabine Hedwiger (1676 – 1735), eine Tochter des Johann Georg Hedwiger aus dessen erster Ehe mit Katharina Clos.

    Nach seiner Eheschließung bemühte er sich um eine Standeserhöhung für seine Ehefrau um die nicht standesgemäße Ehe nachträglich zu sanieren. Diese Bemühungen waren jedoch sechs Jahre lang vergeblich. Er ließ zu diesem Zweck eine „geschönte“ Dokumentation erstellen, aus der ersichtlich sein sollte, dass die Familie Hedwiger adeliger Herkunft wäre und dem Haus Österreich in der Vergangenheit wiederholt große Dienste erwiesen hätte und ließ sie Kaiser Leopold I. (1658 – 1705) übermitteln. Dieser ließ sich schließlich erweichen und erhob am 2. August 1701 Anne Sabine Hedwiger gemeinsam mit ihren Brüdern – Georg Wilhelm Hedwiger und Johann Rudolf Hedwiger – unter Verleihung der Anrede „Hoch- und Wohlgeboren“ mit dem Prädikat „von Sponeck“ in den Reichsgrafenstand.

    Die Ehe scheiterte jedoch wegen der außerehelichen Beziehungen von Herzog Leopold Eberhard mit den beiden Schwestern Curie, wobei er aus praktischen Erwägungen seine Frau veranlasst hatte, diese als Gesellschafterinnen in ihren Haushalt aufzunehmen. Den nach seiner Heimkehr nach Mömpelgard eingerichteten Haushalt zu viert – seine Ehefrau, die beiden Schwestern Curie und er selbst – setzte er als regierender Herzog fort, ohne sich um das Gespött seiner Untertanen zu kümmern.

    Aus den Ehen bzw. Beziehungen zu diesen drei Frauen hatte Herzog Leopold Eberhard insgesamt 18 Kinder. Nicht genug damit, verheiratete er später einige seine Kinder − die Halbgeschwister waren − miteinander, was von seinen Zeitgenossen naturgemäß als höchst skandalös empfunden wurde.

    Er erreichte eine Standeserhöhung der beiden Schwestern Curie und deren Nachkommenschaft von Kaiser Leopold I. am 11. September 1700 in den Reichsfreiherrenstand.

    Da die ersten drei Kinder von Henriette Hedwige Curie in doppeltem Ehebruch geboren waren – denn beide Partner waren formell verheiratet – und eine Legitimation durch nachfolgende Eheschließung wegen des Fortbestandes seiner eigenen Ehe und wegen des bereits 1707 erfolgten Ablebens seine Geliebten nicht in Frage kam, adoptierte er im Jahre 1714 die aus dieser Beziehung entstandenen Kinder und erhob sie 1716 aus eigener Machtvollkommenheit in den landesfürstlichen Grafenstand.

    Im Jahre 1700 fand seine Frau Anna Sabine diese Situation für nicht mehr erträglich, trennte sich daher von ihrem Ehemann und zog sich – ohne sich scheiden zu lassen – in das zur Grafschaft gehörige Schloss Héricourt in der Region Franche-Comté zurück. Die Ehe wurde schließlich 1714 mit der Begründung „incompatibilité d´humeur“ (etwa: Unvereinbarkeit der Temperamente) geschieden. Anna Sabine starb am 9. November 1735.

    Darauf heiratete Leopold Eberhard im Jahr 1718 Elizabeth Charlotte Curie und legitimierte somit die mit ihr gezeugten Kinder.

    Leopold Eberhard verstarb am 25. März 1723 im Alter von 53 Jahren und wurde am 27. März 1723 bei Nacht ohne großes Zeremoniell in der Krypta der Kirche Saint-Maimbœuf de Montbéliard begraben.

    Herzog Eberhard Ludwig und Christina Wilhelmina von Grävenitz

    Der erste Barockherzog Württembergs ist in lebendiger, wenn auch durchaus zwiespältiger Erinnerung geblieben. Eberhard Ludwig (1676 – 1733), der Erbauer von Schloss Ludwigsburg und Gründer der gleichnamigen Stadt, liebte verschwenderischen Prunk und häufte einen riesigen Schuldenberg auf. Seinen Hof machte er zu einem kulturellen Mittelpunkt von europäischem Rang, während der Großteil seiner Untertanen in bedrückender Armut lebte. Ins Zwielicht geriet er, der Regent eines streng evangelisch-lutherischen Landes, durch die langjährige Bindung an seine ungewöhnlich intelligente, ehrgeizige, aber auch machtbesessene Mätresse Wilhelmine von Grävenitz, die weiten Bevölkerungskreisen als »Landesverderberin« galt.

    Christina Wilhelmina von Grävenitz aus Mecklenburg kam 1707 an den württembergischen Hof und wurde dort Herzog Eberhard Ludwig als Mätresse zugeführt. Noch im selben Jahr heiratete der bereits verheiratete Herzog die Grävenitz „zur linken Hand“ und stieß damit in Württemberg auf geschlossenen Widerstand. Im folgenden Jahr wurde die Ehe wieder annulliert.
    1711 heiratete die Grävenitz zum Schein den böhmischen Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben, der sich in einem Ehevertrag verpflichtete, die Ehe nicht zu vollziehen und Württemberg niemals zu betreten. Im Gegenzug erhielt er das hochdotierte Amt des württembergischen Landhofmeisters. Die nunmehrige Gräfin Würben konnte daraufhin als Ehefrau des höchsten württembergischen Beamten an den Hof zurückkehren.
    Sie konnte ihre Position als herzogliche Mätresse bis 1731 halten und übte in dieser Zeit einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf den Herzog und damit auch auf die württembergische Politik aus. Die Schlüsselpositionen von Regierung und Verwaltung wurden mit Mitgliedern der Familie Grävenitz oder ihrer Klientel besetzt. Die wichtigsten Männer in Württemberg waren dadurch Friedrich Wilhelm von Grävenitz, der Bruder der Mätresse, als Oberhofmarschall und Premierminister und Johann Heinrich von Schütz als Gesandter und Kabinettsminister.
    Auch gelang es der Grävenitz und ihrer Familie, in Württemberg ein großes Vermögen anzuhäufen. Neben Deputatsverschreibungen und Geschenken war das Interesse der Grävenitz vor allem auf eigene Güter und Lehen gerichtet.
    In der Standeshierarchie stieg die Baronesse auf zunächst zur Gräfin von Grävenitz, dann zu Gräfin von Urach und schließlich durch ihre Hochzeit zur Gräfin Würben. Über ihre Herrschaft Welzheim erreichte sie gemeinsam mit ihrem Bruder Sitz- und Stimmrecht im Fränkischen Kreis.
    Die Stadt Ludwigsburg hat Christina Wilhelmine von Grävenitz viel zu verdanken, nämlich das größte Barockschloss Deutschlands. Ursprünglich hätte dieses Anwesen nur ein Jagdschlösschen werden sollen. Als leidenschaftlicher Jäger brauchte der Herzog vor den Toren Stuttgarts eine standesgemäße Unterkunft für seine Jagdgesellschaften. Seine Mätresse hatte  aber auf einen viel luxuriöseren Ausbau dieses Jagdschlosses gedrungen. Hier residierte der Herzog bald dauerhaft mit ihr, während seine Ehefrau in Stuttgart blieb.

    1731 starb der einzige Sohn, den der Herzog mit seiner rechtmäßigen Gemahlin gezeugt hatte. Ohne erbberechtigten Nachkommen wäre dem evangelischen Herzog sein katholischer  Cousin Karl Alexander im Amt nachgefolgt. Der Herzog wurde deshalb von vielen Seiten gedrängt, die Grävenitz zu verstoßen und mit seiner Ehefrau Johanna Elisabeth zu einem weiteren legitimen Nachfolger zu kommen.
    Herzog Eberhard Ludwig verbannte seine Mätresse auf ihre Güter und wollte sich mit seiner verstoßenen Ehefrau versöhnen und so die Erbfolge sichern. Weil die Grävenitz aber mehrfach versuchte, an den Hof zurückzukehren und sich als ernsthafter Störfaktor in der württembergischen Politik erwies, ließ Eberhard Ludwig sie im Herbst 1731 verhaften und zunächst in Cannstatt, dann in Urach festsetzen.

    Im Dezember 1732 schlossen der Herzog und die Grävenitz einen Vergleich, in dem sie gegen eine Entschädigung von 125.000 Gulden auf ihre Güter Gochsheim, Stetten und Brenz verzichtete. Daraufhin wurde sie aus der Haft entlassen und ging bis zu ihrem Tode 1744  nach Berlin.
    Bei seinem eigenen Tod am 31. Oktober 1733 durch einen Schlaganfall hinterließ Eberhard Ludwig dennoch keinen Nachfolger. Die Herrschaft über den württembergischen Thron ging auf seinen katholischen Cousin Karl Alexander aus der Nebenlinie Württemberg-Winnental über.

    Herzog Carl Eugen und Franziska von Hohenheim

    Herzog Carl Eugen (1728 – 1793), 12. Herzog von Württemberg, malträtierte, betrog und bedrückte sein Volk so, dass es vollends verelendete und in Scharen nach Amerika auswanderte, und schließlich nahm er ihm auch noch die alte, freiheitliche Verfassung. Da aber kam Rettung von außen: Friedrich der Große tat sich mit den beiden anderen protestantischen deutschen Höfen zusammen, Hannover und Holstein, und erzwang die Wiederherstellung der alten Volksrechte in vollem Umfang.
    Verheiratet war der württembergische Herzog seit 1748 mit Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth. Doch die Ehe war nicht glücklich, der Herzog untreu. Nach acht Jahren kehrte seine Frau an den elterlichen Hof zurück.
    Der junge Herzog vergnügte sich mit verschiedenen Mätressen. Um seine Liebschaften besser überblicken zu können, soll Herzog Carl Eugen verfügt haben, dass die Damen, die ihm bereits gefällig gewesen waren, zukünftig bei Hofe blaue Schuhe tragen sollten. Er hatte so viele illegitime Sprösslinge gezeugt, dass er ein Regiment bilden wollte, dessen gesamtes Offizierskorps aus seinen Söhnen bestehen sollte. Er hat insgesamt 77 uneheliche Söhne anerkannt.
    Eine junge Dame jedoch hatte es ihm besonders angetan und sollte später sogar – entgegen aller Widerstände – seine Ehefrau werden. Carl Eugen hatte sich 1771 in die 23-jährige Freifrau Franziska Leutrum von Ertingen verliebt. Innerhalb weniger Monate lebte sie als Hauptmätresse an seiner Seite. 1785, nach dem Tod seiner Ehefrau, heiratete er sie offiziell. Unter ihrem Einfluss schien sein Leben in ruhigeren Bahnen zu verlaufen.

    Franziska von Hohenheim (1748 – 1811) wurde geboren als Franziska Freiin von Bernerdin und heiratete Friedrich Wilhelm Leutrum von Ertingen, den Kammerherrn des württembergischen Herzogs. Nach ihrer Scheidung wurde sie zunächst die Mätresse des Herzogs und erhielt den Titel ,,Franziska von Hohenheim“.
    Sie spielte eine sehr wichtige Rolle im Leben des Herzogs und beeinflusste den Herzog sehr positiv. Sie machte den Herzog „gnädiger“ und hielt ihn teilweise ab von seiner schrecklichen Tyrannei.
    Zu seinem fünfzigsten Geburtstag ließ er von allen Kanzeln sogar ein Sünden- und Reuebekenntnis verlesen, in welchem er sich vor seinem Volk nicht schonte und Besserung versprach. Ganz konnte er das Versprechen nicht halten: Es wurden weiterhin Landeskinder als Soldaten verkauft, denn es mussten ja weiterhin kostbare Schlösser gebaut werden; schließlich führte er den prunkvollsten Hof Deutschlands, und dergleichen verpflichtet.
    Aber kein Casanova brauchte ihm mehr Mätressen zuzuführen, er hatte das Schwabenalter erreicht und blieb seiner Franzl treu. Sein Volk war ihm schon für den guten Willen dankbar, und er wurde nun wirklich beliebt, zumal er die Verfassung nicht mehr antastete. Franziska zuliebe befasste er sich sogar ernstlich mit Volks- und Landwirtschaft, und hatte man ihn früher nur sein Volk melken sehen, so sah man ihn nun auch beim Melken der Kühe.
    Am 24. Oktober 1793 starb Herzog Karl Eugen in seinem noch unvollendeten Schloss Hohenheimbei Stuttgart und wurde in der Gruft des Schlosses Ludwigsburg beigesetzt.
    Nach seinem Tod musste Franziska Schloss Hohenheim verlassen. Im Januar 1795 bezog sie Schloss Kirchheim. Die Sommermonate verbrachte sie auf ihren Gütern in Sindlingen und Bächingen an der Brenz, wobei sie letzteres 1805 noch lange nicht abbezahlt hatte und aufgrund ihrer nach dem Tod Carl Eugens angespannten finanziellen Lage wieder zu verkaufen versuchte. Das Verhältnis zur württembergischen Herrscherfamilie, vor allem zu ihrem Neffen König Friedrichwar nach dem Tod Carl Eugens angespannt, so dass Franziska in ihren letzten Lebensjahren nur noch selten an den Stuttgarter Hof kam.
    Am Neujahrstag 1811 verstarb sie im Schloss Kirchheim nach längerer Krankheit an Unterleibskrebs. Fünf Tage später wurde sie in einer Gruft im Chor der Kirchheimer Martinskirchebeigesetzt, entgegen ihrem Wunsch nach Beisetzung an Carl Eugens Seite in Ludwigsburg. Die Gruft geriet in Vergessenheit und wurde 1885 wiederentdeckt. 1906 wurde vom württembergischen Geschichts- und Altertumsverein ein Marmorepitaph an der Chorsüdwand der Martinskirche angebracht. 1962 wurden die sterblichen Überreste der Franziska von Hohenheim in einen neuen Eichensarg umgebettet.

    Wilhelm I. und Katharina Pawlowna

    Eine Liebesheirat Wilhelms vereitelte der Vater, letztlich bestimmten Napoleons dynastische Schachzüge die Ehe mit seiner Cousine Charlotte Auguste von Bayern, der Tochter von König Max I. Josef. Wilhelm beugte sich der Staatsräson und verzichtete trotzig auf das Angebot der Braut, sie vor der Hochzeit in Augenschein zu nehmen – die Bayernprinzessin galt als hässlich und war sich dessen durchaus bewusst. Bei der Trauung im Juni 1808 wollte er sich sogar vertreten lassen, was der künftige Schwiegervater allerdings strikt ablehnte. Der Thronfolger hatte sich zum Wohl des Landes auf eine Ehe eingelassen, die er gar nicht zu praktizieren gedachte. An den Höfen seiner diversen Verwandten umschwärmte er fortan die Damen – und sie umschwärmten ihn. Seine in Stuttgart zurückgelassene Frau hingegen strafte er mit Missachtung.
    1814 verliebte sich Wilhelm in seine Cousine Katharina Pawlowna bei einer Begegnung in London. Die 1788 geborene Tochter des ermordeten russischen Zaren Paul und der Zarin Maria Fjodorowna war hübsch, klug und willensstark. Weniger wohlwollende Zeitgenossen attestierten ihr übertriebenen Geltungsdrang und ein herrisches Wesen.

    Die leidenschaftliche Affäre der beiden hatte jedoch einen Schönheitsfehler: Offiziell war Wilhelm, lutherischen Glaubens, immer noch mit der katholischen Charlotte verheiratet. Es dauerte lange, bis die Ehe nicht nur durch ein eigens eingesetztes Ehegericht, sondern auch vom Papst annulliert wurde. Darauf bestand die russisch-orthodoxe Zarenfamilie. Dass Napoleons Stern in Europa sank, hatte für Wilhelm auch im Privaten positive Konsequenzen. Endlich konnte er die kinderlos gebliebene Ehe beenden.
    Die russische Großfürstin Katharina Pawlowna war seit 1812 Witwe. Ihre erste Ehe mit dem Prinzen Georg von Oldenburg hatte ihr Bruder, Zar Alexander, aus nüchternem Kalkül arrangiert. Dabei wollte Katharina mindestens Königin, besser noch: Kaiserin werden. Nun bekam sie eine zweite Chance. 
    Am 24. Januar 1816 fand die Vermählung statt, sie bekamen zwei Töchter. Aus erster Ehe brachte Katharina zwei Söhne in die Ehe ein um die sich Wilhelm fürsorglich kümmerte. Nach dem Tod Katharinas gingen beide zurück nach Oldenburg. Wilhelm blieb aber mit beiden in Kontakt.
    Die jung verstorbene Katharina war eine von insgesamt drei Gemahlinnen des Regenten, die Ehe währte nur drei Jahre. Und doch hat gerade diese Königin Württemberg weitreichend geprägt, sie wird bis heute als verdiente Landesmutter verehrt. Wilhelm selbst ist als großer Reformer in die Annalen eingegangen, der aus einem rückständigen, bettelarmen Land einen aufstrebenden Staat gemacht hat.
    In dritter Ehe heiratete Wilhelm seine Cousine Prinzessin Pauline von Württemberg und hatte mit ihr drei Kinder.

    Copyright Peter Rothacker

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